Hab ich ein hochsensibles Baby?

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Hab ich ein hochsensibles Baby?

Beitragvon Judith » Mo 16. Jan 2012, 00:52

Hallo,

ich hoffe ihr könnt mir helfen. Habe mich extra hier angemeldet um von Experten Meinungen zu hören. Und zwar geht es nicht direkt um mich, sondern um meinen Sohn.

Mein Sohn ist jetzt 10 Monate alt und bereits seit dem Tag seiner Geburt hab ich den Eindruck, dass er anders als andere Babies ist. In meinem Bekannten und Verwandtenkreis habe ich das noch nie angesprochen, aus Angst dass ich dann als überheblich oder so dargestellt werde. Aber ich mache mir wirklich Gedanken und möchte, falls es denn so ist, so früh wie möglich versuchen auf die Bedürfnisse meines Sohnes einzugehen.

Was mir bei meinem Sohn auffällt:
Er ist wahnsinnig aufmerksam. Ich erinnere mich noch wie er ein paar Stunden nach der Geburt(!!) auf alles reagiert hat. Licht, Stimmen, Tür öffnen etc. Die anderen Babies lagen einfach in ihren Wagen und schliefen, da war bei uns gar nicht dran zu denken. Erst zu Hause bei völliger Ruhe kam er auch zu Ruhe.

Es ist bis heute so geblieben, er hört und sieht Dinge, die ich selber nicht wahrnehme und denke dann häufig was hat er denn jetzt? Das erste was Menschen mir sagen, die ihn kennenlernen ist, dass er sehr aufmerksam ist.

Er mag überhaupt keinen Lärm oder zuviel Wiggel. Wenn es zunächst noch geht, ändert sich das sofort, wenn er müde ist, dann schreit er wie verrückt und ich weiß, dass ich ihn aus der Situation bringen muss (mittlerweile versuche ich schon solche Situationen zu vermeiden). Er ist dann einfach überfordert, wir haben das ganz gut im Griff, weil ich ihm immer Auszeiten gebe von irgendwelchen Sinnesreizungen. Er ist auch mal gerne ne Stunde in seinem Bettchen über Tag ohne zu schlafen und spielt dort alleine mit seinem Teddy, nur um runter zu kommen hab ich den Eindruck.

Weiterhin denke ich manchmal er ist in einer anderen Welt - erst lachen wir noch plötzlich ist er total Gedankenverloren als ob er mit offenen Augen träumt.

Krabbelgruppe zum Beispiel war eine Katastrophe, nach kurzer Zeit hatte er immer genug und ich hatte das Gefühl, dass er das nicht alles aufnehmen kann, die Kinder dort waren auch noch älter als er und wir haben das schnell wieder gelassen.

Er hört Musik wie ich das noch nie von einem Baby gesehen habe.


Ich weiß nicht, ob man das bei einem Baby überhaupt schon feststellen kann. Aber ich mache mir wirklich Gedanken und wäre froh, wenn ich ein paar Tipps von euch bekommen könnte. Von der Motorik her ist er schon ganz gut dabei, aber nicht auffällig früh entwickelt. Es ist eher sein Wesen, bei dem man denkt er sei schon viel älter.

Vielen Dank schon jetzt.

Lg Judith
Judith
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Re: Hab ich ein hochsensibles Baby?

Beitragvon felidae » Mo 16. Jan 2012, 02:35

Puh... ehrlich gesagt denke ich, dass man das so vom "hörensagen" nicht werten kann. Ich weiss auch nicht ob man das wirklich so früh ausmachen kann. Und dann gibt es noch ganz viele unterschiedliche Ausprägungen von Hochsensibilität... und Babys, Kinder, Menschen sind unterschiedlich....

_nüxweiss_
Nicht sehr hilfreich, sorry, aber ich denke solche Ferndiagnosen könnten auch nach hinten losgehen...
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Beitragvon ellen71 » Mo 16. Jan 2012, 08:29

Welche Musik hört er denn gern? Vielleicht ist er musikalisch begabt?

Da ich selbst so ein Baby war, kann ich dir sagen, was ich damals gar nicht mochte:

- zu viele Personen um mich herum (2 oder 3 Bezugspersonen sind ausreichend)
- zu viel Ansprache (nervt irgendwann. Als Baby hat man leider keine Fernbedienung zur Hand _grin_ )
- Kälte oder Wärme (das war für mich immer furchtbar!). Unbedingt darauf achten, dass man keine kratzigen Wolldecken verwendet, dass das Kind weder überhitzt (schwitzen) noch unterkühlt ist. Keine zu enge Kleidung (für mich waren Mützchen, Strümpfe usw. immer unangenehm, wenn sie zu eng waren oder das Material schlecht war. Das gilt auch für Schuhe, die nicht richtig passen.
Baden: Kein zu heißes oder zu kaltes Wasser (das verursacht die Angst vorm Wasser!)
- keine kratzigen Handtücher oder Bademäntel. "Abrubbeln" war für mich die größte Tortur. Hochsensible Kinder können auch eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit haben, daher Berührungen immer "mit Gefühl" durchführen.
- weniger Licht, Geräusche
- Nahrung: nicht zu stark erhitzen
- Nachts das Baby am besten im gleichen Raum schlafen lassen, eventuell ein Nachtlicht einschalten.
Ich hatte als Baby große Angst vor der Dunkelheit mit Alpträumen usw.
- Vertraute Umgebung schaffen. Nicht ständig Details ändern, z. B. durch Umräumen, Umdekorieren etc. Das Kind orientiert sich auch am vertrauten Umfeld
- Wichtig: Spielsachen, mit denen das Kind sehr oft spielt, sind für ihn wichtige emotionale Bezugspunkte. Diese Dinge daher immer in Reichweite halten und dem Kind nicht wegnehmen. Ich erinnere mich, als mein Vater mir meinen Lieblings-Plüschhasen, den ich ständig bei mir hatte, einmal weg nahm. Ich bin fast gestorben vor Verzweiflung!
Wegnehmen von geliebten Spielsachen erzeugt einen tiefgreifenden Vertrauensverlust gegenüber den Eltern. Das prägt sich ein (daher weiß ich das auch heute noch).
- Öfter mal das Kind auf den Arm nehmen. Körperkontakt ist sehr wichtig! Geborgenheit, Zärtlichkeit.
Nicht zu lange allein lassen. Die Angst vor dem Verlassen-Werden ist stärker ausgeprägt als bei anderen Kindern
- Das Kind nicht in Situationen hinein zwingen, wo es Angst bekommt oder total überfordert ist (du hattest das ja schon erlebt mit der Krabbelgruppe). Lieber das Kind langsam an andere Kinder gewöhnen. Ich fand es immer schön, wenn ein anderes Kind zu mir nach Hause kam und wir gemeinsam gespielt haben. Gerade im Kleinkindalter ist das völlig ausreichend
- Mögliche weitere Ängste, die vorhanden sein können: Höhenangst (da is nix mit Klettern am Spielplatz!), Angst vor größeren Haustieren, speziell Hunde, Angst vor fremden Menschen.
- Streitigkeiten in der Beziehung nicht vor dem Kind austragen. Das Kind fühlt sich selbst betroffen, fühlt sich schuldig, bekommt Angst, es enststeht auch Angst vor dem Verlust der Eltern usw.

Als Kleinkind empfindet man genauso wie ein Erwachsener, man hat bloß das Pech, dass man es noch nicht artikulieren kann. Man kann nur weinen und schreien.
Gerade hochsensible Kinder haben bereits ein sehr feines Gespür, wenn in ihrer Umgebung etwas nicht stimmt. Sämtliche negative Stimmungen übertragen sich auch auf das Kind.
Als Baby weiß man aber noch nicht, wie man damit umgehen soll. Man fühlt sich hilflos, kann das alles noch nicht einordnen. Es entsteht in der Seele ein Tsunami an Gefühlen, der irgendwann überschwappt und dann fängt das Kind an zu weinen - manchmal aus unerklärlichen Gründen. Das Weinen kann aber oft auch nur ein Mittel zum Stress-Abbau sein. Gerade sensible Babys können mit Stress nicht gut umgehen.
Wenn das Baby also aus vollem Halse schreit, dies nicht gleich als Quengelei einstufen sondern erstmal hinterfragen.
Sensible Babys können auch schwankende Stimmungslagen haben oder Wetterfühlig sein. Bei wetterbedingtem Unwohlsein einfach das Kind zur Ruhe bringen und schlafen legen.
Wünsche allen eine frohe Osterzeit!
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Re: Hab ich ein hochsensibles Baby?

Beitragvon Anke » Mo 16. Jan 2012, 10:28

Hallo Judith,

ich würde an Deiner Stelle einfach weiter darauf achten was Deinem Kind und Dir gut tut. Du hast das sicher im Gespür!


@ellen

Also meine früheste Erinnerung an meine eigene Kindheit existiert aus meinem 3. Lebensjahr und da bin ich mir nicht sicher ob die existent ist, weil mir immer wieder davon erzählt worden ist oder ich mich wirklich erinnere. Wissenschaftlich betrachtet, ist es erst ab etwa 3 Jahren möglich sich bewusst an Erlebnisse zu erinnern, da hierfür ein Verständnis für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft notwendig ist um überhaupt Erinnerungen abspeichern oder wieder hervorrufen zu können.

Schöne Grüße _flöwer_

Anke
Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.
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Re: Hab ich ein hochsensibles Baby?

Beitragvon ellen71 » Mo 16. Jan 2012, 13:01

Also ich kann mich auch an Dinge erinnern, die vor meinem 3. Lebensjahr lagen.
Ich erinnere mich an meine Urgroßmutter, die gerne in mein Körbchen schaute. Diese Frau konnte ich nicht leiden.
Ich erinnere mich auch an die Zeit, als ich noch nicht 2 Jahre alt war. Da haben mich meine Eltern wegen Urlaubs 4 Wochen allein gelassen. Ich kam in die Obhut meiner Großmutter, die ich nicht kannte. Das war für mich ein fremder Mensch. Ich fühlte mich in ihrer Nähe überhaupt nicht wohl.
Ich habe tagelang geweint und geschrien. Dann holte mich meine andere Oma ab. Kaum war sie da und ich sah ihr vertrautes Gesicht, hörte ich auf zu schreien.
Das war das schlimmste Kindheits-Trauma.
Wünsche allen eine frohe Osterzeit!
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Re: Hab ich ein hochsensibles Baby?

Beitragvon Judith » So 8. Apr 2012, 22:17

Erst einmal Entschuldigung, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Habe eure Antworten gelesen und in der letzten Zeit viel über HSP gelernt. Ich bin mir mittlerweile fast sicher, dass mein Sohn diese besondere Eigenschaft hat.
Dazu noch - mein Mann auch. Bei ihm ist die Situation noch komplizierter, er leidet unter Rückenschmerzen seit vielen Jahren, jedoch konnte keine Ursache gefunden werden. Bei sovielen Ärzten ist er gewesen und auch seit längerem in Therapeutischer Behanldung. Erst jetzt setzt sich ein Puzzle zusammen und ich habe die Vermutung, dass die Rückenschmerzen auftreten, wenn er sich überfordert fühlt - das ist leider sehr oft der Fall.

Aber zurück zu meinem Sohn:

Er ist jetzt ein Jahr alt und entwickelt sich prächtig. Er ist ein aufgeschlossener freundlicher Junge, der auch gern Kontakt aufnimmt mit anderen Menschen - solange ich dabei bin. Er lernt wahnsinnig schnell und versetzt uns immer wieder in Staunen. Sein feines Gespür ist beeindruckend. Ein Beispiel - ich hatte eine Lampe in seinem Zimmer im Regal ein Fach tiefer gestellt. Er hat dieses sofort gesehen, er sah mich an und runzelte die Stirn, ging zur Lampe und berührte sie. Dann grinste er mich an und gut war. Ich bin mir sicher, dass es die meisten anderen Kinder in dem Alter nicht gemerkt hätten! Oft höre ich den Satz: Der merkt ja wirklich alles!

Wir haben aber auch einige Probleme. Er ist so geräuschempfindlich, dass es mitunter sehr anstrengend ist. Familienfeste sind der reinte Horror, insbesondere wenn andere Kinder da sind. Heute sind wir auch nach kurzer Zeit wieder gefahren, weil er sich überhaupt nicht wohlgefühlt hat, total geweint hat und richtig abgekämpft aussah. Ich kann kaum Staubsaugen wenn er da ist, wenn die Küchenmaschine läuft oder der Fön, dann schreit er.

Letztens hat er den Fernseher ganz laut gemacht weil er auf der Fernbedienung herumgedrückt hat. Das Bild was sich mir bot war grausam: er hat sich auf dem Boden gewälzt und an den Haaren gezogen und panisch geschrien weil es so laut war und er es nicht leiser machen konnte! Waren nur ein paar Sekunden, weil ich ja da war aber das hat mir und ihm gereicht.

Von Anfang an war es so, dass er in seinem eigenen Zimmer besser geschlafen hat als bei uns. Mit drei Wochen hat er diese Ruhe schon gebraucht.

Gibt es hier auch Eltern, die die gleichen Probleme durchmachen? Was kann ich tun? Gibt es Tricks, wie ihm Familienfeste angenehmer werden können oder muss ich mich damit abfinden, dass Weihnachten, Geburtstage oder so wie heute Ostern für ihn die reinste Belastung darstellen?

Wenn ich mit ihm schimpfe, weil er Blödsinn macht (und das macht er dauernd. :-)) dann hab ich manchmal das Gefühl, als wenn er total beleidigt ist. Kann es nicht beschreiben, er schaut mich total beschämt an und ich bekomme ein schlechtes Gewissen.

Es ist manchmal gar nicht so einfach.

Danke für eure offenen Ohren, auch wenn ich mich so lange nicht geäußert habe.

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Re: Hab ich ein hochsensibles Baby?

Beitragvon Judith » So 8. Apr 2012, 22:23

Einen besonderen Dank auch an dich Ellen, dein ausführlicher Beitrag hat mir sehr geholfen.
Judith
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Re: Hab ich ein hochsensibles Baby?

Beitragvon Jo » Mo 9. Apr 2012, 04:33

Hallo Judith,

ich kann Dich sehr gut verstehen. Meine beiden Kinder sind beide HSP. Jeder auf seine Weise. Mein Jüngster passt sehr gut auf Deine Beschreibung, noch besser aber meine Nichte. Jedoch einen konkreten Rat kann ich Dir leider nicht geben. Dazu ist jeder zu individuell.
Gib ihm das, was er einfordert. Auch wenn es bedeutet, dass Du eher vo einer Familienfeier gehen musst.
Es klingt zwar eigenartig, aber Dein Kind weiß für sich sehr gut, wieviel er verträgt. Als Mutter weißt Du ohnehin, was am Besten für ihn ist. Du entscheidest viel instinktiv. Meine Nichte ist inzwischen 8 und ist seit ein paar Jahren auf jeder Feier mit dabei.
Ich finde es schön, wie Du auf Dein Kind eingehst.

LG Jo
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