Leben in fremden Rollen

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Leben in fremden Rollen

Beitragvon ellen71 » Mo 30. Jan 2012, 15:58

Ich weiß nicht, ob es typisch für HSP ist, dass man häufig - freiwillig oder gezwungenermaßen - in fremden Rollen lebt. Teilweise liegen dabei Aspekte der Persönlichkeit völlig brach, während andere Bereiche betont werden. Im ungünstigsten Falle muss man die eigene Persönlichkeit total verleugnen oder verbergen.
Irgendwie ist das ein ständiger Zwiespalt - der zwar nicht immer einen Leidensdruck erzeugt, aber einem durchaus das Gefühl geben kann, dass das "noch nicht alles war", was das Leben zu bieten hätte.

Wenn ich bei der Kindheit beginne: da ist man den Reglementierungen der Eltern unterworfen. Jene, die eine schwere Kindheit hatten, wissen, was ich meine. Das kann eine sehr einschränkende Erfahrung sein und geht bis zur innerlichen Erstarrung und Resignation, weil man nicht so sein darf, wie man tatsächlich ist bzw. sein möchte oder sein könnte.

In meiner Familie war es so, dass viele Details genau vorgeschrieben waren, sogar die Kleidung, die ich anziehen musste/durfte. Auch die Schul- und Berufsausbildung durfte ich nicht frei wählen, geschweige denn überhaupt eine eigene Meinung haben (die ich natürlich hatte, aber nie offen äußern durfte).

Später dann, im Berufsleben, muss man sich ja bis zu einem gewissen Grad anpassen und unterordnen. Und auch in der Partnerschaft neigt man gerade als HSP dazu, sich zu stark anzugleichen.

Dadurch entsteht die Situation, dass man in neue Rollen schlüpft, fast wie ein Schauspieler. Das kann einerseits recht spannend sein, weil man dadurch seinen Horizont erweitert. Andererseits kann es einen auch ein Stück weit vom eigenen Ich entfremden.

Nach einer Trennung habe ich immer eine Zeit des innerlichen "Vakuums" durchlebt, und dann wieder ein paar Schritte auf mich selbst zu gemacht. Man muss nicht mehr für zwei denken, kann wieder auf den Straßen des Ego-Trips wandeln.
In der nächsten Beziehung geht das Spiel von Neuem los.

In meinen Beziehungen habe ich die unterschiedlichsten Lebensformen durchlebt. Vom einfachen Natur-Leben bis zum gehobenen Upper-Class-Life. Dadurch hatte ich "mehrere Leben in einem Leben".
In jedem dieser Lebensabschnitte habe ich mich eingeordnet, angepasst. Das ging vom äußeren Erscheinungsbild über die Hobbys bis zu Geschmacksfragen hinsichtlich Einrichtung oder Musik.

Schon in der Pubertät hatte das Eintauchen in fremde Welten einen gewissen Reiz für mich. Das Ausprobieren alternativer Lebensformen fand ich interessant - vielleicht gerade deswegen, weil ich die Kindheit als sehr einengend empfunden hatte.

Wenn ich mir alte Fotos ansehe, sind das Bilder, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein Fremder wäre erstaunt und würde sagen: "Bist du das auf den Fotos? Da hätte ich dich gar nicht erkannt!" - Und das liegt nicht nur am 80er-Jahre-Haarschnitt.

Ganz offensichtlich wurde dies auch im Rahmen der Klassentreffen, die ich erlebt habe. Da hatte ich den Eindruck, dass ich die einzige war, die sich wirklich verändert hat.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen?
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ellen71
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Re: Leben in fremden Rollen

Beitragvon RD1977 » Mo 30. Jan 2012, 18:53

Liebe Ellen,

was Du über Deine Kindheit schreibst, kommt mir sehr bekannt vor. Als Kind hatte ich keine Chance, als Jugendliche fing ich an, mich mit Büchern zu beschäftigen. Zumindest in ihnen konnte ich mich frei bewegen. Meine schulischen Leistungen waren gut und in der Rolle der braven Schülerin war ich fast perfekt. Aber es war eben nur eine Rolle. Die eigene Meinungen behielt ich für mich. Nach Schule/Studium bin ich sofort in eine eigene Wohnung gezogen und weiß heute noch, wie die Tür hinter mir ins Schloß fiel und ich weinend auf dem Teppich in meiner Diele saß. Freudentränen. Endlich frei!

Im Job spiele ich die perfekte Rolle. Das fällt mir i. d. R. nicht besonders schwer. Private Kontakte habe ich in diesem Bereich nie zugelassen. Eine klare Trennung Berufsleben/Privatleben finde ich sehr gut. In einem gewissen Grad im Job anpassen/unterordnen finde ich auch in Ordnung. Ist ja nur ein Schauspiel....

Interessant finde ich, was Du über Deine Partnerschaften schreibst. Männer, die mir irgendwie zu manipulativ erschienen (und davon gibt es nach meiner Erfahrung sehr viele!), habe ich nie aktzeptiert. Noch mehr Schauspiel (s. o.) hätte ich in meinem Leben nicht ertragen.
Vielleicht habe ich dann relativ früh im Leben den passenden Partner gefunden. Wir haben uns bis heute nur in wenigen Bereichen einander angepasst und akzeptieren uns voll und ganz. Er ist ein leichtes und sehr schönes Leben mit ihm.

Hat es Dich nicht unendlich viel Kraft gekostet, Dich in den Lebensabschnitten immer wieder einzuordnen und anzupassen? Das mit dem Erscheinungsbild mag ja noch diversen Moden unterworfen sein, aber bei den Hobbys oder der Musik ginge mir die Anpassung viel zu weit. Wenn ich mich so verbiegen würde, würde ich Schaden nehmen.

Auch ich habe mich sehr verändert in den Jahren. Wichtig ist nur, ob diese Verändungen für Dich positiv ausfallen.
Auf Klassentreffen fällt mir immer auf, dass viele ehemalige Mitschüler in ihre alten Rollen zurückfallen. Ob sie in der heutigen Realität wirklich so sind?
Viele Grüße
Renate
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Re: Leben in fremden Rollen

Beitragvon bumblebee » Mo 30. Jan 2012, 21:30

Im Gesellschaftsleben verbirgt man Teile seiner Persönlichkeit aufgrund eines funktionellen Miteinanders. Die Menschheit ist noch nicht tolerant/belesen genug, um herausragende Persönlichkeiten nüchtern zu betrachten. Diejenigen, die falsch herausragen - nur und ganz viele positivgeltende Sachen preisgeben, die fallen positiv auf und wenn man sich voll und ganz so geben möchte, wie man ist, dann holt man sich auch viele Feinde an den Tisch. Von daher nehme ich ein gewisses Anpassen niemanden übel und sehe es der Zeit noch als Sozialkompetenz an. Ich denke auch, gerade weil man gewisse Schritte auf jemanden zugeht(sich anpasst), im freiwilligem Miteinander, wie Partnerschaft, Beruf, dass man dann "sich selbst" ist. Man verliert durch dieses Entgegenkommen ja nicht seine Kernpersönlichkeit. Die, wie du beschriebst, konntest du nach deiner Trennung ja wieder fühlen. Sie war nicht weg. Du bist nur vollendst zu dir zurückgekehrt, weil der andere Teil deines Lebens nicht mehr deines Entgegenkommens bedurfte, sondern eher dein Ich. Weil du wieder Zeit brauchtest, zu erkennen, was als nächstes, neben dir, wichtig für dich ist.

Wem du als nächstes entgegenkommen möchtest. Ich bin auch eher der bescheidene, natürliche Typ und hatte zwei Freunde, die den Luxus lebten. Ich hab ihnen den Vogel gezeigt, wenn sie überteuerte Dinge kaufen wollten, aber ansonsten bin ich mitgekommen. Einfahc, weil es ihm Freude bereitet. Man ist ja, wenn man in einer Partnerschaft lebt, automatisch ein Teil einer EInheit. Somit kann man nicht mehr nur ganz sich selbst sein. Das ruft Veränderungen hervor. Und wenn man in anderer Art wieder zu sich zurückfindet, dann ist man das dann ab dann. Ich denke, gerade weil du dich damals nicht entfalten konntest und es später dann konntest, wurdest du zu einem sich stark verändernden ich, weil du sovieles nacheinander durchlebtest. Doch das interessierte dich alles. Deshalb warst das du und bist somit heute dieses neue du. Ich persönlich habe mich nicht wesentlich verändert. Das liegt daran, dass ich als Kind ein Rebell war und alle Verbote, die ich als ungerecht empfunden habe, gnadenlos durchbrochen habe, ohne Scheu auf Konsequenzen. Deshalb hatte ich bereits schon früh eine grobe Richtung. Bei dir hat sich das halt alles eher hinterher entwickelt.
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Re: Leben in fremden Rollen

Beitragvon Ratte » Di 31. Jan 2012, 12:27

Dieser Thread spricht mir gerade ziemlich aus der Seele. Gerade gestern habe ich wieder überlegt, wer ich eigentlich bin. Einerseits bringen mich die vielen Masken, die ich in der Öffentlichkeit trage, oft richtig durcheinander, aber andererseits haben sie etwas mit Schutzmechanismen zu tun und ich würde nur ungern darauf verzichten.
Ich habe einmal gehört, dass viele Menschen (nicht nur HSP) Masken tragen und Rollen spielen, weil sie fürchten, persönlich angegriffen zu werden. Wenn solche Angriffe kommen, wird eben auch nur die Rolle angegriffen, die derjenige gerade spielt, und nicht die Person, die er wirklich ist (ich hoffe, ich hab das jetzt einigermaßen verständlich ausgedrückt... ein sehr kompliziertes Thema, meiner Meinung nach...)
Peinlich wird's dann, wenn man einer Person gegenüber nicht mehr weiß, welche Maske man bei den ersten Begegnungen getragen hat und dann sozusagen die "falsche Rolle" spielt. Dann kann es schon einmal vorkommen, dass die Person ziemlich verwirrt ist - und natürlich gilt man dann nicht mehr als authentisch und viele Menschen glauben dann auch, man wäre ein Heuchler. Dabei geht's mir da oft so, dass ich bestimmte Rollen oft automatisch spiele - den Umständen entsprechend natürlich. Das kommt dann darauf an, wie wohl ich mich in Gesellschaft verschiedener Menschen fühle.
Und natürlich kenne ich auch das mit dem "Anpassen" an bestimmte Umstände, Regeln, etc, auch wenn ich diese persönlich nicht unbedingt vertrete - aber ich schiebe es darauf, dass ich ein erhöhtes Bedürfnis nach Harmonie habe und auch Konflikten so weit wie möglich aus dem Weg gehen will. Bestimmt haben nicht alle HSPs damit zu kämpfen, aber ich bin absolut nicht konfliktfähig. Wenn ich im Unrecht bin, fühle ich mich oft verletzt - und wenn ich im Recht bin, habe ich Angst, jemand anders zu verletzen oder verletzt zu haben. Also gehe ich den meisten Konflikten lieber aus dem Weg - oder, um auf das Thema zurück zu kommen, ich spiele dabei eine Rolle. Ich glaube nämlich auch, dass Konflikte der hauptsächliche Grund für mich waren, meine verschiedene Rollen "einzustudieren".
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Re: Leben in fremden Rollen

Beitragvon Libelle » Mi 1. Feb 2012, 13:28

Das mit den Konflikten aus dem Wege gehen wollen, kenn ich nur zu gut. Das hat auch dazu geführt, dass ich schon früher in der Schule eine ganz andere Rolle gespielt habe, als im Privatleben. In der Schule war ich meist sehr ruhig, zurückgezogen. Die meisten Lehrer interpretierten das als Desinteresse, was mir nicht gerade viele Pluspunkte gab.
Ich habe es ein paar Mal erlebt, dass wenn ich jemanden dann außerhalb des Schulgebäudes näher kennenlernte, diese Person total überrascht war, weil ich wie ausgewechselt war. Auf einmal war ich total lebensfreudig, nicht auf den Mund gefallen, neugierig und gesprächig. Ich habe mir bis jetzt nie so die Gedanken darüber gemacht, aber ich denke auch, dass ich mich schon früh der Situation angepasst habe und mich dann dementsprechend verhalten habe. Aus mir herausgehen konnte ich eigentlich immer nur unter meinen Geschwistern oder guten Freunden. Ansonsten bin ich doch sehr oft angeeckt, wenn ich meine Meinung gesagt habe und nicht stillschweigend alles hingenommen habe. Aber auch heute mache ich das noch oft, dass ich mich berieseln lasse, weil ich Angst habe meinen Standpunkt zu vertreten. (Konfliktvermeidung). Das kann aber auch sehr anstrengend und unbefriedigend sein.
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Re: Leben in fremden Rollen

Beitragvon ellen71 » Mi 1. Feb 2012, 19:34

Es kommt auch darauf an, wem man sich öffen will und wem nicht.
Wenn ich mit jemandem nichts zu tun haben will, verhalte ich mich höflich-distanziert.
Will ich hingegen jemandes Aufmerksamkeit oder sogar Zuneigung gewinnen, lege ich mich mächtig ins Zeug. dänce

Ich habe auch den Wechsel von einer Gesellschaftsschicht in die andere erlebt. Das ist auch eine spannende Sache, kann mitunter aber ziemlich anstrengend sein.
Jede Gruppe hat ihre eigenen Regeln, ihre eigene Sprache, eigene Interessens-Schwerpunkte, eigenen Dresscode usw.

Bevor man da mitmacht, stellt man sich natürlich die Frage: ist es für mich erstrebenswert, mich dieser Gruppe anzuschließen?
Besonders dann, wenn der geliebte Lebenspartner Teil dieser Gruppe ist, bleibt einem kaum noch eine Wahl. Man will ja schließlich das Leben mit ihm teilen und da hängt dann auch noch seine gesamte Lebenswelt mit dran.

_wav_
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Re: Leben in fremden Rollen

Beitragvon NaffNaff » So 5. Feb 2012, 14:31

Huhu Ellen

interessant...mir ging es glaube ich ähnlich, doch ich hatte eine Kindheit die eher ins andere Extrem ging. Nahezu alles was ich tat (bevor ich in die Pupertät kam) wurde manchmal sogar fast frenetisch positiv bewertet. Meine Individualität respektiert.
Jedes Bild das ich malte war suuuper und generell war ich zwar "die Sensible", aber meine Mutter belegte das positiv.

Ich hatte bis weit über die Pupertät hinnaus und davor Identitätsprobleme. Das lag am Üblichen. neigte dazu mich aus Angst auszugrenzen wegen zuvieler Eindrücke, zuviel wahrnehmen negativer Gefühle bei anderen, zu grobe Speile andere Kinder. Dadurch war ich nahezu stets in der Aussenseiterrolle und logischerweise Opfer. Weil ich dachte mit mir stimmt etwas nicht und ich müsse mich ändern/anpassen suchte ich nach Lösung durch die Übernahme von Persönlichkeitsmerkmalen...auch in Form von Äußerlichkeiten, von Gleichaltrigen, Das war oft unbewußt und unangenehm. Es viel manchmal auf und veranlasste zu Spott. Und so mancher dachte ich wäre deshalb ein unterwürfiger Lakai und charakterschwach.

In Beziehungen war das anders. Da littich nur unter einer falschen Männerwahl. Das konnte ich reparieren. Selbstaufgabe gibts bei mir nicht in Beziehungen. Unterwürfigkeit nur leicht im sexuellen Bereich und das gewollt.

Der Konflikt, wie ich bin und wie andere mich wohl haben wollen (damits nicht immer scheppert), besteht immer noch. Meine Sichtweise ist nur anders geworden und ich bin ein klein bisschen Angehärtet.


Liebe Grüße...NaffNaff
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