Ich weiß nicht, ob es typisch für HSP ist, dass man häufig - freiwillig oder gezwungenermaßen - in fremden Rollen lebt. Teilweise liegen dabei Aspekte der Persönlichkeit völlig brach, während andere Bereiche betont werden. Im ungünstigsten Falle muss man die eigene Persönlichkeit total verleugnen oder verbergen.
Irgendwie ist das ein ständiger Zwiespalt - der zwar nicht immer einen Leidensdruck erzeugt, aber einem durchaus das Gefühl geben kann, dass das "noch nicht alles war", was das Leben zu bieten hätte.
Wenn ich bei der Kindheit beginne: da ist man den Reglementierungen der Eltern unterworfen. Jene, die eine schwere Kindheit hatten, wissen, was ich meine. Das kann eine sehr einschränkende Erfahrung sein und geht bis zur innerlichen Erstarrung und Resignation, weil man nicht so sein darf, wie man tatsächlich ist bzw. sein möchte oder sein könnte.
In meiner Familie war es so, dass viele Details genau vorgeschrieben waren, sogar die Kleidung, die ich anziehen musste/durfte. Auch die Schul- und Berufsausbildung durfte ich nicht frei wählen, geschweige denn überhaupt eine eigene Meinung haben (die ich natürlich hatte, aber nie offen äußern durfte).
Später dann, im Berufsleben, muss man sich ja bis zu einem gewissen Grad anpassen und unterordnen. Und auch in der Partnerschaft neigt man gerade als HSP dazu, sich zu stark anzugleichen.
Dadurch entsteht die Situation, dass man in neue Rollen schlüpft, fast wie ein Schauspieler. Das kann einerseits recht spannend sein, weil man dadurch seinen Horizont erweitert. Andererseits kann es einen auch ein Stück weit vom eigenen Ich entfremden.
Nach einer Trennung habe ich immer eine Zeit des innerlichen "Vakuums" durchlebt, und dann wieder ein paar Schritte auf mich selbst zu gemacht. Man muss nicht mehr für zwei denken, kann wieder auf den Straßen des Ego-Trips wandeln.
In der nächsten Beziehung geht das Spiel von Neuem los.
In meinen Beziehungen habe ich die unterschiedlichsten Lebensformen durchlebt. Vom einfachen Natur-Leben bis zum gehobenen Upper-Class-Life. Dadurch hatte ich "mehrere Leben in einem Leben".
In jedem dieser Lebensabschnitte habe ich mich eingeordnet, angepasst. Das ging vom äußeren Erscheinungsbild über die Hobbys bis zu Geschmacksfragen hinsichtlich Einrichtung oder Musik.
Schon in der Pubertät hatte das Eintauchen in fremde Welten einen gewissen Reiz für mich. Das Ausprobieren alternativer Lebensformen fand ich interessant - vielleicht gerade deswegen, weil ich die Kindheit als sehr einengend empfunden hatte.
Wenn ich mir alte Fotos ansehe, sind das Bilder, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein Fremder wäre erstaunt und würde sagen: "Bist du das auf den Fotos? Da hätte ich dich gar nicht erkannt!" - Und das liegt nicht nur am 80er-Jahre-Haarschnitt.
Ganz offensichtlich wurde dies auch im Rahmen der Klassentreffen, die ich erlebt habe. Da hatte ich den Eindruck, dass ich die einzige war, die sich wirklich verändert hat.
Habt ihr ähnliche Erfahrungen?

