Vielmehr war es ein täglicher Kampf gegen widrige Umstände, und das bedeutete Stress von Anfang an. Ich erinnere mich, dass bereits die Erfahrungen im Kindergarten für mich mit psychischen Belastungen verbunden waren. Das totale Gemeinschafts-Glück habe ich nicht erlebt.
Für mich war der Besuch des Kindergartens genauso eine unangenehme Pflicht wie der nachfolgende Schulbesuch (wobei mir natürlich mit zunehmendem Alter die Notwendigkeit desselben schon klar wurde).
Wonach ich mich stets sehnte, war ein geschütztes Umfeld, ein harmonisches Familienleben mit Geborgenheit, Sicherheit, Förderung und Unterstützung. - Das war leider nur zum Teil vorhanden.
Ich glaube, dass schon die HSP als Kleinkind wesentlich mehr Zuwendung braucht als ein durchschnittliches Kind.
Oft fühlte ich mich auch überfordert: von den auf mich einströmenden Reizen, von den Anforderungen, die Elternhaus und Schule an mich stellten.
Ich denke, dass es sehr wichtig ist, dass man sich frühzeitig Rückzugsräume schafft und Auszeiten nimmt, wo man sich regenerieren kann. Als Kleinkind begreift man das noch nicht, man merkt lediglich, dass man sich nicht wohl fühlt. Daher war ich ein typisches "Schrei-Baby".
Auch die Konflikte in der Familie habe ich immer hautnah miterlebt. Es fühlte sich für mich so an, als ob ich geschlagen würde. Und meine Eltern haben häufig gestritten; mehrmals am Tag, oft wegen Kleinigkeiten. Sie waren mit der Gesamtsituation überfordert.
Ein stabiles und liebevolles Elternhaus ist auch sehr wichtig für das heranwachsende Kind. Viele seelischen Konflikte und Stress-Situationen, die man als Kind mit sich herum trägt, kann man nur im Gespräch mit den Eltern, besonders der Mutter, lösen. Die Mutter muss aber auch erkennen (wollen), dass das Kind eine Belastung mit sich herum schleppt und das Thema gezielt ansprechen.
Bei mir war es so, dass ich oft keinen Ansprechpartner hatte und vieles mit mir selbst klären musste. Ich habe auch viel in mich hinein gefressen, war häufig krank. Es war wohl ein Schrei nach Zuwendung und Hilfe.
Erst in der Pubertät fing ich an, mich zu wehren, nicht mehr ständig klein beizugeben. Ich begann, Sachverhalte zu hinterfragen und eine andere Meinung zu vertreten.
Lange Zeit hatte ich gedacht, es sei die Pflicht des Kindes, alles Unangenehme schweigend zu ertragen: Strafe, Zurechtweisung, Spott, Sticheleien usw.
Erst als ich etwa 18 Jahre alt war, stellte ich mir erstmals die Frage: was will ich eigentlich in meinem Leben, was möchte ich umsetzen, welche Interessen und Ziele habe ich?
Die Schulzeit hatte ich oft auch als "Gehirnwäsche" empfunden, als vorgeformte "Kost", die man kritiklos zu schlucken hatte, ob sie einem schmeckte oder nicht. Besonders störte mich, dass mit dem Lernstoff auch gleich ein ganzes Weltbild mit vermittelt wurde, das man zu übernehmen und bei Prüfungen wiederzugeben hatte.
Ich wollte selbst denken, selbst Lösungen und Ansichten entwickeln und nicht alles wiederkäuen.
Nach dem Einstieg ins Berufsleben, der sich schwierig gestaltete, hatte ich dann auch Partnerschaften. Da war wieder die Frage: wie weit ordne ich mich unter? Wo bleibe ich mit meinen eigenen Wünschen, mit meiner Persönlichkeit?
Meine Partner waren keine HSP, dadurch fühlte ich mich in den Beziehungen oft unverstanden und allein.
5 Jahre nach der letzten Trennung lernte ich dann meinen Mann kennen. Der erste HSP!
Sofort fiel mir auf: der versteht mich!
Der weiß, was ich meine und fühle!
Heute bin ich ein neuer Mensch - auch durch seinen hilfreichen Einfluss. Ich gestalte mir mein Leben, indem ich ausdrücklich meine Bedürfnisse berücksichtige. Ich schäme mich nicht mehr dafür, wenn ich auch mal eigene Wünsche habe (früher wurde das als Egoismus gegeißelt).
Ich lege Ruhepausen ein, ziehe mich auch mal zurück. Mein Mann braucht auch Zeiten des Rückzugs, die ich respektiere und dafür ist er sehr dankbar (bin wohl die erste Frau, die das versteht!).
Der Blick in die Vergangenheit wird von Jahr zu Jahr leichter, weil:
- man vergisst glücklicherweise manches, was unangenehm war
- man kann Zusammenhänge besser verstehen und einordnen, als man dies als Kind konnte
- man reift und wächst auch durch negative Erfahrungen
- man sieht manches in einem milderen Licht
- Menschen, die unangenehm in Erinnerung blieben, haben sich verändert, sind teilweise schon verstorben. Das erleichtert auch das Abschließen von alten Geschichten.
- Man ist in der Persönlichkeit gefestigter, sodass man nicht mehr durch jede Kleinigkeit aus der Bahn geworfen wird.
- Man ist sich seines Alters bewusst; man hat es nicht mehr nötig, sich allem und jedem unterzuordnen und sich alles gefallen zu lassen. Das ist eine Frage der Selbstachtung.
- Man hat Verhaltensweisen gelernt und geübt, wie man sich durchsetzen kann oder wie man bestimmte Situationen klug vermeidet.
- Man lässt sich nicht mehr von jeder Meinung anderer beeinflussen und glaubt auch nicht mehr alles, was einem gesagt wird.
Alles in allem denke ich, dass sich das "Problem" der Hochsensibilität mit zunehmenden Jahren bessert, weil man a) sich selbst immer besser kennen lernt, b) besser und gelassener damit umgehen kann und c) auch die Vorzüge von HS besser erfasst und dieses Potential kreativ nutzen kann.
Diese Entwicklung braucht natürlich seine Zeit. Von der Pubertät bis zu den mittleren Jahren ist es ein weiter Weg.
Die wesentliche "Problemzone" ist meines Erachtens die Pubertät. Das ist eine mehrjährige Wanderung durch die Wüste mit vielen Rätseln, Widersprüchen und Ängsten. Ich glaube, dass die Selbstfindung gerade für HSP noch zeitaufwändiger und mühsamer ist als für den "Normalo". Abstürze in Süchte, Suizid-Gedanken, psychische Erkrankungen etc. sind da eine nicht unwesentliche Gefahr.

) ist eine Fähigkeit, die man erst im Laufe der Jahre ausbildet.