Meine Vermutung: ja, weil Hochsensible jeden Ärger und jede Disharmonie viel schmerzlicher erfahren als "Normalos" (oder gar Menschen mit einem dicken Fell).
Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen, dass ich extrem harmoniebedürftig bin und Ärger und Streitereien für mich ein wahrer Horror sind. Als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener litt ich stark unter einer sozialen Phobie und hatte zudem nicht einen Funken Selbstvertrauen. Deswegen bin ich dann seinerzeit immer schnell weggelaufen oder habe mich abgeduckt, wenn es irgendwo Ärger gab. Später, als ich dann erste Erfolgserlebnisse in meinem Leben hatte und langsam Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein aufbauen konnte, wurde meine Reaktion in Konfliktsituationen gegenteilig: jedesmal wenn ich mich angegriffen fühlte, kam mir der Gedanke: "du musst dich wehren, du darfst dir nie wieder etwas gefallen lassen". Das führte dann dazu, dass ich bei jeder kleinen Stichelei (oder teilweise auch nur bei Mißverständnissen), gleich auf 180 war und mich selber total unter Druck gesetzt habe, mich (mit Worten) wehren zu müssen. Nachdem ich dann verschiedene Psychologie-Bücher und Ratgeber zum Thema Schlagefertigkeit gelesen hatte, wurde es etwas besser. Aber am liebsten würde ich immer noch jedem Konflikt, Streit und Ärger aus dem Weg gehen, weil meine Hypersensibilität eine ungeheure Belastung (auch körperlich) für mich darstellt. Wenn mich jemand kränkt oder beleidigt (oder wenn ich dies auch nur vermute) reagiere ich zuerst geschockt, dann wütend und anschließend grüble ich stunden- oder nächtelang darüber nach.
Wenn diese Kränkung von nahestehenden und befreundeten Personen (z.B. meiner Lebensgefährtin ausgeht), dann schlägt meine Wut ziemlich schnell in Enttäuschung, Verzweiflung und stundenlange Weinkrämpfe um. Ich ziehe mich dann zurück, kapsele mich ab und steigere mich so in meine Verzweiflung hinein, dass ich dann irgendwann manchmal sogar an Suizid denke. Aber zum Glück kommt ein Streit mit meiner Frau oder anderen Familienangehörigen nur sehr selten vor.
Ganz anders ist es, wenn ich mich von Fremden gekränkt oder beleidigt fühle.
Beispiel: vor einigen Monaten quatschte mich ein Typ auf der Strasse an und fragt ganz dreist: "kannst du mir mal einen Euro für ein Busticket schenken?". Nachdem ich höflich verneint hatte, beschimpfte er mich: "dann glotz nicht so blöd du A...loch!". Danach war ich zuerst schockiert und fassungslos. Dann merkte ich aber wie die Wut und der Hass in mir aufstieg. Ich versuchte mich mit Joggen abzureagieren, habe den Vorfall auch mit meiner Freundin besprochen, aber es half alles nichts. Als ich nachts schlafen wollte, merkte ich wie der Moment der Beleidigung immer wieder an meinem geistigen Auge vorbeizog und meine Wut ständig größer wurde. Vor lauter Hass atmete ich immer schneller und wurde schließlich so atemlos, dass ich kaum noch Luft bekam. Das Ganze wiederholte sich dann stundenlang, bis ich endlich kurz vor dem Morgengrauen total erschöpft einschlafen könnte
Solche Vorfälle wiederholen sich bei mir alle paar Wochen bis Monate. Zuletzt, als ich in einem Computerforum im Internet einen rein sachlichen Fachbeitrag geschrieben hatte und daraufhin dann von irgendeinem anonymen Typ grundlos angepöbelt und beschimpft wurde. Meine Reaktion war (wie immer) die Gleiche: zuerst Fassungslosigkeit, dann Wut (ich pöbelte zurück), dann Nachts ständig die Wiederholung der Beleidigungen vor meinem geistigen Auge, der Hass bis hin zur Atemlosigkeit usw.
Leider weiß ich immer noch nicht so recht, wie ich an meiner Überempfindlichkeit (viel) ändern könnte. Es ist mir auch nicht 100%ig klar, ob es an meiner Hypersensibilität liegt oder doch mehr an meiner Vergangenheit. Ich vermute mal, dass Andere, die nicht als Einzelkinder und (fast) ohne Freunde aufgewachsen sind (wie meine Wenigkeit), viel mehr Routine und Gelassenheit haben bei Streitereien!?
Sorry, wenn der Beitrag jetzt recht lang geworden ist.
Zurück zur Ausgangsfrage: Leiden Hochsensible besonders stark unter Streit+Konflikten?
Welche Erfahrungen haben andere hier?
Und was hat euch geholfen, gelassener und ruhiger mit (Alltags)Konflikten umzugehen?
Viele Grüße,
bluesheep


auch Gegenstrategien bilden nur eine Illusion naja sonst wären wir auch keine HSPs 

Gelingen tut es mir nicht, weil ich oft erst später merke, dass es mich ärgert oder ich mich nicht traue, etwas zu sagen. HIer gilt es zum einen, mutiger zu werden und zum andern sich besser kennen zu lernen und den direkten Kontakt zu den Gefühlen zu stärken.