schlechtes Gewissen und Schuldgefühle

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

Moderatoren: ja, Eule, winterrose, Anke

schlechtes Gewissen und Schuldgefühle

Beitragvon sanfte_Wellness » Mo 5. Dez 2011, 08:37

Hi zusammen!

Muss ich eigentlich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich die teils fordernde Haltung, bzw. traurig bittenden oder abwartenden (leicht vorwurfsvollen) Augen vom wikipedia - Gründer oder aktuell seinem Programmierer (?) ignoriere???? _hüüh_ icon_redface Ich finde es immer "irgendwie", wenn ich die Fotos sehe...ich kann verstehen, dass sie zu einem allgemeinen Spendenaufruf aufrufen. Ich finde aber, dass ihre Fotos immer auf eine bestimmte Art "gemacht" sind.


Ansonsten finde ich das Thema allgemein wichtig, da ich sehr schnell mit Schuldgefühlen oder schlechtem Gewissen belastet sein kann.. so nach dem Motto ... warum rette ich nicht erst die Welt, und kümmere mich dann erst - wenn überhaupt - um mich.

Liebe Grüße sanfte_wellness 1alie wub big_haekeln
Benutzeravatar
sanfte_Wellness
Hero Member
 
Beiträge: 580
Registriert: Sa 1. Okt 2011, 06:54

Re: schlechtes Gewissen und Schuldgefühle

Beitragvon bluesheep » Mi 7. Dez 2011, 20:13

Zuerst die Welt zu retten und dann an sich selber zu denken, ist doch eine sehr noble und ehrenhafte Einstellung. Wobei, aus meiner Sicht, der Wikipedia-Gründer, lässt mich schon kalt. Das schlechte Gewissen und etwas Schuldgefühl habe ich, wenn ich an die vielen Hungernden auf der Welt denken. Soll ich noch etwas spenden oder doch erst mal warten? Finde ich eine Ausrede, um nicht zu spenden? Habe ich überhaupt irgend etwas Positives bewegt in den letzten Tagen? Dieses schlechte Gewissen überkommt mich manchmal schon. Natürlich auch gerade jetzt in der besinnlichen Adventszeit.
Viele Grüße, bluesheep
Benutzeravatar
bluesheep
Neuling
 
Beiträge: 37
Registriert: Sa 26. Nov 2011, 12:08
Wohnort: Dortmund

Re: schlechtes Gewissen und Schuldgefühle

Beitragvon Ratte » Do 8. Dez 2011, 23:51

Am Anfang will wohl jede HSP die Welt "retten" oder sie zumindest an der Stelle, an der sie steht, zumindest ein kleines bisschen besser machen. Aber dann gibt es das, was ich immer die "Große Weggabelung" nenne. Viele von uns entscheiden sich dort dafür, den Mitmenschen hauptsächlich Gutes zu tun und sich selbst in den Hintergrund zu stellen. Das ist sehr nobel und meiner Meinung nach auch der bessere Weg.
Aber der andere Weg ist eben jener, dass man sich in sich selbst verletzt zurückzieht, sich von der Welt entfernt und die Menschen einfach ihrem Schicksal überlässt. Ich glaube, viele sind von ihren Mitmenschen enttäuscht oder hassen sie sogar - meistens aus dem Grund, tief verletzt worden zu sein. Oder der Grund, diesen Weg einzuschlagen, ist einfach Überforderung, weil man von den anderen Menschen erwartet, sie würden einem zumindest ein bisschen etwas von dem zurück geben, was man ihnen gibt - was aber leider nicht der Fall ist - und wenn man dann weiter gibt, brennt man meiner Erfahrung nach rasch aus.
Leider ist letzterer der Weg, den auch ich gewählt habe, obwohl ich mir manchmal wünsche, ich hätte mich anders entschieden. Aber meine Enttäuschung über die Gesellschaft und auch über einzelne Menschen sitzt einfach viel zu tief, und ich glaube, dass das auch bei vielen anderen der Fall ist...
Trotzdem habe ich immer wieder ein schlechtes Gewissen, wenn ich anderen Menschen nicht helfe (weil ich es oft einfach nicht kann...) oder sie sozusagen fallen lasse wie eine heiße Kartoffel, weil sie mich einfach überfordern mit ihren Ansprüchen, die für sie wahrscheinlich völlig normal, für mich aber völlig übertrieben sind.
So sick of envying the lifes of so many I see
somehow believing that they have what I need...
Benutzeravatar
Ratte
Full Member
 
Beiträge: 147
Registriert: Mo 28. Feb 2011, 13:09

Re: schlechtes Gewissen und Schuldgefühle

Beitragvon sanfte_Wellness » Fr 9. Dez 2011, 19:26

Hallo Ratte,

ab dem Satz: "aber der andere Weg ist eben jener..." kann ich dir nur noch zustimmen! Das erste habe ich auch hinter mir: Umweltschutz-Bedürfnis schon als Kind, ehrenamtliches Engagement, Zivilcourage....aufgrund entsprechender Erfahrungen und Reaktionen usw. entschied ich mich dann für den anderen Weg.....

Ich habe erst heute für mich wieder die Feststellung gemacht, dass ich mit Menschen nicht mehr kann und nicht mehr will...und beruflich kann es für mich nur dann funktionieren, wenn ich völlig allein sein kann.

Ein Mensch sendet Millionen möglicher Aussagen über sich aus, genauso Millionen Informationen und Aussagen prasseln auf mich ein, ohne, dass nur ein Wort gesprochen wird...und ich kann und mag und will mich im real life dem nicht mehr stellen. big_cry2
Benutzeravatar
sanfte_Wellness
Hero Member
 
Beiträge: 580
Registriert: Sa 1. Okt 2011, 06:54

Re: schlechtes Gewissen und Schuldgefühle

Beitragvon Ratte » So 11. Dez 2011, 19:30

Hallo, sanfte_Wellness!
Du schreibst auch, dass du dich den Informationen und Aussagen der Menschen, die auf dich einprasseln, nicht erwehren kannst und willst. Meinst du da diese versteckten, nonverbalen Dinge, die dich beeinflussen? Vielleicht hilft es dir, wenn du dir bewusst machst, dass viel von dem (auch bei einer HSP) wahrscheinlich nur Interpretation ist... Ich weiß, das ist schwierig, aber man kann Gelassenheit diesbezüglich auch lernen. Bin da gerade dabei, aber ganz will es mir auch noch nicht gelingen...

Ob es eine Entscheidung ist oder nicht, dass man den Weg des Rückzugs einschlägt... darüber kann man diskutieren, finde ich. Natürlich liegt die letztendliche Entscheidung bei einem selbst, aber meiner Meinung nach hat man oft keinen anderen Ausweg, wenn man durch äußere Umstände in diese Richtung gedrängt wird. Für mich sind diese Umstände zum Großteil Enttäuschung durch Mitmenschen.
Eines meiner Probleme ist, dass ich früher von anderen Menschen erwartet habe, dass sie mir mit dem Respekt und der Rücksicht entgegen kommen würden, mit der ich ihnen entgegen gekommen bin. Aber diese Erwartungen wurden zum Großteil enttäuscht und z.T. auch ausgenutzt (so in der Art: "Das Weichei wehrt sich sowieso nicht, mit dem kann man eh machen, was man will.) und hin und wieder bin ich noch immer so blöd oder naiv an das sogenannte "Gute im Menschen" zu glauben. Sorry wenn das jetzt ziemlich hart klingt, aber die letzte Enttäuschung liegt erst ein paar Stunden zurück. Natürlich liegt's auch daran, dass ich leichter gekränkt bin als so manch anderer, aber zumindest gute Freunde müssten das mitlerweile schon wissen.
So sick of envying the lifes of so many I see
somehow believing that they have what I need...
Benutzeravatar
Ratte
Full Member
 
Beiträge: 147
Registriert: Mo 28. Feb 2011, 13:09

Re: schlechtes Gewissen und Schuldgefühle

Beitragvon Benostel » So 11. Dez 2011, 21:05

Ich habe für mich einen Weg gefunden das schlechte Gewissen einfach kalt stehen zu lassen!

Ich spende ganzjährig für Projekte, die mich überzeugen, die ich wichtig finde, an denen mein Herz hängt.
So unterstützen wir,
die Nabu "Willkommen Wolf"
Arbeiter-Samariter-Bund
SOS Kinderhilfe Berlin
lokaler Elternverein der Schule meines Sohnes

weitere Projekte die ich gern unterstützen würde, es aber finanziell nicht kann sind:
Kinderhospitzhäuser
Greenpeace
Deutsche Rote Kreuz
Ärzte ohne Grenzen

Ich habe gelernt, das ich nicht die Welt retten aber sie für ein paar Menschen erträglicher machen kann, dazu muss ich nicht nach Afrika schauen, das Elend beginnt vor meiner Haustür...also gebe ich einen Teil zurück indem ich mich nach lokalen Projekten ohne Lobby umsehe...

Mein schlechtes Gewissen beruhige ich in Weltschmerzphasen, indem ich Bücher kaufe und lese, die mich betroffenen Menschen näher bringen. 2.Weltkrieg, Stasi, aktuelle Krisengebiete, Bücher von Überlebenden, von Soldaten oder Kriegsreportern...ich denke, ich bin es den Menschen schuldig, das ich als (wohlhabender Mensch) mich für die Schattenseiten interessiere, ich kann vielleicht aktiv nichts tun aber ich höre mir ihre Geschichten an. Und ich denke, wenn nur ein Mensch, dieses Buch kauft, dann war es aus der Sicht des Schreibers richtig, sie geschrieben zu haben, das gibt ihm vielleicht Hoffnung...!

Unter diesen Gesichtspunkten, kann ich dem Spendenmarathon ohne schlechtes Gewissen gegenübertreten.
Alles Liebe
Doro
------------------------------------------------------------------------------------------
"Wenn man nie etwas Neues ausprobiert, verpasst man all die großartigen Enttäuschungen, die das Leben für einen bereithält..."
Benutzeravatar
Benostel
Neuling
 
Beiträge: 45
Registriert: Fr 9. Dez 2011, 14:15

Re: schlechtes Gewissen und Schuldgefühle

Beitragvon Jennifer » So 18. Dez 2011, 19:44

Wir haben selbst nicht viel, weniger als ein Hartz4-Empfaenger.
Allerdings habe ich auch kein aufstockendes H4 mehr beantragt, denn es reicht uns.

Ich haette einfach ein schlechtes Gewissen, Hilfen zur Erhaltung der Existenz zu beantragen, wenn es ohne noch geht.

Wenn ich dagegen unsere Familie in Kolumbien betrachte, die wirklich nicht viel hat, kann ich doch dankbar sein, fuer das, was wir uns in D noch ermoeglichen koennen und teile auch gerne.

Gleichzeitig ist mir jedoch das Verhalten meiner Schwiegermutter zuwider, wenn sie sich negativ darueber aeussert, dass ich bezahle, wenn ich mit meinen Freunden zB was trinken gehe (ich solle mich als Frau einladen lassen). Wir wissen ja, dass der Euro mehr an Wert hat und mir tut es nicht weh, 40.000 COP (das, was es mich gekostet hat) sind ca. 16 Euro. Und da soll ich allen Ernstes das bisschen, was meine Freunde haben, denen noch aus der Tasche ziehen?

Andere Situation zum Thema:
Eine Leihfirma (wir kennen die Chefin) moechte meinen Mann unter Vertrag nehmen und auch mehr zahlen - klingt ja alles ganz gut. Nun soll ich mir aber eine Luege einfallen lassen, damit der alte Vertrag bis Ende des Jahres aufgehoben werden kann.. Dem fuehle ich mich absolut nicht gewachsen und wuerde lieber die 3 Monate abwarten.. Aber mein Mann will wechseln und die Firma will ihm einen unbefristeten Vertrag geben.. Regeln soll ich das, da er noch nicht so gut auf deutsch kommunizieren kann.. Also was tun...
Bild
Benutzeravatar
Jennifer
Full Member
 
Beiträge: 146
Registriert: So 18. Dez 2011, 16:51

Re: schlechtes Gewissen und Schuldgefühle

Beitragvon bumblebee » Di 20. Dez 2011, 18:51

ich bin das schlechte Gewissen in Person, bzw war es. Habe es mir teilweise abtrainiert. Ich habe gelernt, dass ich die Ungerechtigkeiten der Welt nicht alle mit einem Schlag beseitigen, aber dazu beisteuern kann, soviel wie gerade eben möglich ist. Und das tue ich. Wenn ich Tier- oder Hungerleid sehe, bricht für mich eine Welt zusammen, doch dann sage ich mir wieder, dass ich essen muss, um überhaupt etwas zu verändern. Wenn man daran denken sollte, sich umzubringen, dann bringt das am wenigsten. Die Menschen erkennen dein Zeichen nicht und selbst wenn, haben sie es schnell wieder vergessen. Man muss etwas in Bewegung setzen und wenn es nur ein kleiner Stein wird, der andere animiert, mitzurollen. Ansonsten bin ich bei meinen Mitmenschen auch etwas "unlieber" geworden. Ich lerne hier und da noch nein zu sagen und übernehme mich nicht mehr mit zuvielen Aufgaben. Wenn man an den aufgaben stirbt, suchen die anderen sich einen neuen Menschen zum auflasten und man selbst hat kein Leben mehr. Lieber ihnen beibringen, was sie selbst als aufgaben tragen, ihnen dabei helfen, diese zu stemmen und sich wieder auf sein leben zu konzentrieren. wenn sie nur zu faul sein sollten und dir dann den rücken kehren sollten, hast du dein leben nicht mit den falschen leuten ver"schwendet".
Benutzeravatar
bumblebee
Gold Member
 
Beiträge: 296
Registriert: So 4. Dez 2011, 00:33
Wohnort: BaWü



Ähnliche Beiträge


Zurück zu Hochsensibilität Allgemein

Wer ist online?

0 Mitglieder

cron