Schwere Kindheit und HS

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Schwere Kindheit und HS

Beitragvon ellen71 » Do 22. Dez 2011, 17:44

Ich kenne einige HSP, die über eine lieblose bis grausame Kindheit berichten. Gerade für sensible Menschen ist so ein Start ins Leben nicht gerade förderlich.
Vor diesem Hintergrund ist es auch nachvollziehbar, dass Kinder Spätentwickler werden, ängstlich und zurückgezogen sind, und meist erst im Erwachsenenalter über das Erlebte reflektieren können und sich so "am eigenen Schopfe" aus dem Schlamassel herausziehen können.
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Re: Schwere Kindheit und HS

Beitragvon ellen71 » Fr 23. Dez 2011, 20:08

Habe mir übrigens das Buch von Susan Forward "Vergiftete Kindheit" gekauft.
Sollte jemand von euch Interesse daran haben, verschicke ich es gerne. Die Lektüre des Buches war für mich auch ein ähnliches Aha-Erlebnis wie die Erfahrung, dass ich eine HSP bin ... cyclop
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Re: Schwere Kindheit und HS

Beitragvon RainyDay » Fr 23. Dez 2011, 23:58

Hallo Ellen,
Für mich stellt sich bei dem Thema schwere Kindheit in erster Linie die Frage, ab wann ist eine Kindheit als schwer zu bezeichnen? Ich glaube dass da die Meinungen sehr weit auseinander gehen.

Ich zum Beispiel habe meine Kindheit als schwer empfunden, andere würden es nicht als so schwer sehen. Die Kurzvariante zu meiner Kindheit: mein Stiefvater hat mich psychisch misshandelt, für meine Mutter habe ich Putze und Kindermädchen spielen dürfen. Meine Mutter und mein Stiefvater und auch Außenstehende sehen das nicht so extrem.

Wie du siehst eine Situation verschiedene Wahrnehmungen des "Schweregrads"

Mich würden andere Meinung zu meiner Frage, ab wann Kindheit schwer ist oder war, interessieren.

Danke und liebe Grüße
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Re: Schwere Kindheit und HS

Beitragvon Jennifer » Sa 24. Dez 2011, 01:07

Dies ist wohl, wie du sagst, eine stark subjektive Angelegenheit.
Doch meine ich, dass hier die Meinung des Betroffenen doch mehr Gewicht hat, als die eines Aussenstehenden - egal welchen.
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Re: Schwere Kindheit und HS

Beitragvon ellen71 » Sa 24. Dez 2011, 15:43

Ob eine Kindheit schlimm war oder nicht, hat nicht immer etwas mit dem Maß des Leidensdrucks zu tun, sondern mit den Methoden, die die Eltern bei der Erziehung anwenden.
Das Buch war für mich sehr aufschlussreich. Ich habe mich in vielen Bereichen wiedererkannt.
Für mich ist eine Kindheit dann schwer, wenn das erzieherische Umfeld (auch Schule) über das Maß, was man als "normal" definiert, hinausgehend negativ aktiv wird, d. h. psychische und körperliche Gewalt, die ungerechtfertigt oder unangemessen ist.
Andere erschwerende Einflüsse, wie z. B. materielle Armut meine ich damit nicht. Man kann auch in bescheidenen Verhältnissen eine glückliche Kindheit haben.
Durch die Lektüre des Buches wurde mir klar, wo die feinen Grenzlinien zwischen einem Verhalten, welches noch in Ordnung ist, und einem Verhalten, welches lieblos bis grausam ist, verlaufen.
Manchmal ist man selbst so mit Schuldgefühlen beladen, dass einem da der klare Blick fehlt.
Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, war der Großteil meiner Schuldgefühle wie weggeblasen und ich konnte erkennen, was für ein himmelschreiendes Unrecht mir als Kind angetan worden ist.
Unrecht bleibt Unrecht - egal, ob es von Angehörigen oder von Außenstehenden verübt wird.
Sicher haben sich die Erziehungsmethoden im Laufe der Jahrhunderte verändert.
Gleich bleibt immer der Punkt, ob mit oder ohne Liebe erzogen wurde.
Beispiel:
Meine Großmutter hat mich sehr geliebt, war aber auch ziemlich streng. Der Klaps auf den Po tat zwar weh, hat mir aber nicht geschadet und heute kann ich darüber schmunzeln. Ich wusste, dass ich manchmal ungehorsam und nervig war und meine Oma auch mal die Geduld verlor.
Mein Vater war ein gefühlskalter Sadist, er schlug mich oft grundlos, einfach nur um mich zu quälen. - Das tut mir heute noch bis ins Mark weh, weil ich seine hasserfüllten Augen gesehen habe.
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Re: Schwere Kindheit und HS

Beitragvon ellen71 » Sa 24. Dez 2011, 15:49

RainyDay hat geschrieben:Hallo Ellen,
Für mich stellt sich bei dem Thema schwere Kindheit in erster Linie die Frage, ab wann ist eine Kindheit als schwer zu bezeichnen? Ich glaube dass da die Meinungen sehr weit auseinander gehen.

Ich zum Beispiel habe meine Kindheit als schwer empfunden, andere würden es nicht als so schwer sehen. Die Kurzvariante zu meiner Kindheit: mein Stiefvater hat mich psychisch misshandelt, für meine Mutter habe ich Putze und Kindermädchen spielen dürfen. Meine Mutter und mein Stiefvater und auch Außenstehende sehen das nicht so extrem.

Wie du siehst eine Situation verschiedene Wahrnehmungen des "Schweregrads"

Mich würden andere Meinung zu meiner Frage, ab wann Kindheit schwer ist oder war, interessieren.

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Das ist übrigens typisch, dass die betroffenen Täter selbst das alles nicht sehen wollen, sich total unschuldig fühlen, oder sich ausführlich rechtfertigen. Oder es damit begründen, dass sie selbst ja auch so erzogen worden waren.
Es geht immer um die Intention, warum jemand so handelt. War es eine gutgemeinte Zurechtweisung oder war es eine böswillige Quälerei.
Wenn ich meinen Vater auf meine grausamen Erlebnisse in der Kindheit anspreche, sagt er stets: "Ich kann mich an nichts mehr erinnern." - Ganz typisches Verhalten in solchen Fällen.
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Re: Schwere Kindheit und HS

Beitragvon RainyDay » So 25. Dez 2011, 09:17

Guten Morgen,

ich weiß nicht ob meine Mutter und mein Stiefvater sich unschuldig oder schuldig fühlen, dass Thema meine Kindheit wird daheim tabuisiert. Das Verhältnis zu meinem Stiefvater hat sich nach meinem Auszug stabilisiert, als Beispiel, wenn ich heut aus Scherz zu ihm hey Alter sage, dann lacht er drüber, früher wäre ich mit dem Kopf durch die Wand gegangen. Das Verhältnis zu meiner Mutter habe ich geblockt, für mich existiert es nicht mehr. Aufgrund der 600 km Entfernung muss und will ich mich auch nicht wirklich damit beschäftigen.

@ellen, du schreibst, dass du dich (hoffe dass ich das nicht falsch interpetiere) schuldig fühlst, warum? Und wie meinst du das sich schuldig fühlen oder ganz blöd gefragt, mit welchen Gedanken ist das verbunden? Ich kann mir das nicht ganz vorstellen und wenn ich mir die Frage nach Schuldgefühlen stelle, bekomme ich Leere als Antwort.

LG und einen schönen 1. Weihnachtsfeiertag
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Re: Schwere Kindheit und HS

Beitragvon ellen71 » So 25. Dez 2011, 16:19

Mit Schuldgefühlen meine ich jene Gefühle, die mir anerzogen wurden, z. B. dass ich nur ein Kostenfaktor für meine Eltern war und mein Vater mir monatlich vorgerechnet hat, wieviel Geld ihn meine Existenz kostet.
Mir wurde stets gezeigt, dass ich ein unerwünschtes Kind bin.
Meine Eltern wollten, dass ich mich schuldig fühle, dass ich überhaupt existiere.
Bei Streitigkeiten in der Familie war ich grundsätzlich immer der Sündenbock. Ich war an allem Schuld, egal, um was es ging.
Wenn du das jahrelang eingeimpft bekommst, wirkt das wie eine Gehirnwäsche.
Daraus ergab sich, dass ich meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse immer unterdrückt habe. Ich fühlte mich wertlos, unattraktiv etc.
Mein Vater redete mir ein, dass ich wegen meines Aussehens ohnehin nie einen Mann bekommen werde.
Eines Tages bewarb ich mich bei einem Casting als Fotomodell. Ich wurde angenommen. Der Initiator des Castings ist übrigens heute mein Mann. ...
Mein Vater lästert immer noch über mein Aussehen. Er erwartet von mir, dass ich mich seinen Vorstellungen anpasse. - Deswegen hatte er schon Ärger mit meinem Mann.
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Re: Schwere Kindheit und HS

Beitragvon RainyDay » Mo 26. Dez 2011, 10:00

Guten Morgen,

also so direkt hat mir mein Stiefvater das nicht mitgeteilt, dass ich nicht wirklich erwünscht bin. Ich stell mir vor es ist verdammt schwer, aus so einer Gehirnwäsche herauszukommen und normal zu leben. Für mich war damals nach etlichen Jahren psychischen Drucks und psychologischer Behandlung der Auszug von zu Hause auschlaggebend für eine große innerliche Veränderung. Ich habe meinen damaligen Mann geheiratet, einen neuen Namen angenommen und mein Leben neu sortiert. Blöderweise holt einen die Vergangenheit hin und wieder ein. Ich hoffe für dich, dass du mit Hilfe dieses Buches und sicher auch anderer Hilfe wieder am Leben teilhaben kannst und ja auch viel Unterstützung durch deinen Mann erfährst.

Käme für dich ein kompletter Abbruch des Kontaktes zu deinem Vater in Frage?

LG RainyDay
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Re: Schwere Kindheit und HS

Beitragvon ellen71 » Mo 26. Dez 2011, 14:48

Mir hat auch der Auszug von Zuhause und ein Abstand von 800 km sehr geholfen.
Danach war zunächst fast ein Jahr lang Funkstille. Das war vor 20 bzw. 15 Jahren. (bin 2 mal umgezogen).

Mittlerweile gibt es wieder eine langsame Annäherung.
In dem Buch werden auch verschiedene Lösungen angesprochen.
Eine Variante ist der totale Kontakt-Abbruch, die zweite Variante, für die ich mich entschieden habe, ist die "höfliche Distanz". D. h., man bleibt in Kontakt, aber auf einer eher sachlichen Ebene und versucht, möglichst wenig ins Emotionale abzugleiten. Man verhält sich nett, freundlich, spart aber die ganz heiklen Themen im Gespräch aus. Man schützt sich und grenzt sich ab, lässt sich nicht mehr verletzen bzw. Beleidigungen nicht mehr so nahe gehen, dass man dadurch verwundet wird.

Den "totalen Bruch" sehe ich eher skeptisch, auch aus rechtlichen Gründen. Spätestens, wenn die Eltern alt und pflegebedürftig werden, holt einen die Sache wieder ein. Wenn es um Dinge wie Betreuung oder Heimunterbringung der Eltern geht, spielen auch finanzielle Dinge eine Rolle. Und da kann man sich nicht immer so einfach entziehen.

Mein Mann hat da auch eine wichtige Funktion, weil er es nicht zulassen würde, dass ich beleidigt oder angegriffen werde.
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