Sich zwingend abgrenzen?- Die Vor-und Nachteile betrachtet-

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Sich zwingend abgrenzen?- Die Vor-und Nachteile betrachtet-

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Mo 20. Nov 2017, 08:59

Hallo !
Hier nun ein neuer Faden, entstanden aus der Forumsdiskussion aktuelle Situation hier , mfG jules1976


Jamania hat geschrieben:Dass, was du über mangelnde Abgrenzung, etc, geschrieben hast, würde ich übrigens genauso unterschreiben.
Ich glaube, dass es sehr viele Menschen gibt, die das nicht oder nur unzureichend gelernt haben, denen es auch verboten (von anderen oder sich selbst) wurde und die es erst später im Leben lernen.
Und dies dann unter großen Mühen und immer mit Gedanken der Selbstkritik und des schlechten Gewissens.
Ich glaube, dass das unter HSP sogar sehr weit verbreitet ist und oft eben auch als erhöhte Sensibilität wahr genommen wird.

_Mij_ Jamania

Zitat von Jamania aus dem Thread" Forumsdiskussion aktuelle Situation hier! Gekürzt wiedergegeben


Hallo Jamania :-) ,

ich kann dir in allem, was du hier geschrieben hast, zustimmen.
Aber zu folgendem Absatz sind meine Beobachtungen oder Annahmen andere:
Jamania hat geschrieben:Dass, was du über mangelnde Abgrenzung, etc, geschrieben hast, würde ich übrigens genauso unterschreiben.
Ich glaube, dass es sehr viele Menschen gibt, die das nicht oder nur unzureichend gelernt haben, denen es auch verboten (von anderen oder sich selbst) wurde und die es erst später im Leben lernen.
Und dies dann unter großen Mühen und immer mit Gedanken der Selbstkritik und des schlechten Gewissens.
Ich glaube, dass das unter HSP sogar sehr weit verbreitet ist und oft eben auch als erhöhte Sensibilität wahr genommen wird.

Mglw. ist das bei schweren Traumatisierungen der Fall, aber dass es da „sehr viele Menschen gibt“? – Keine Ahnung. Ich sage jetzt mal (gerne icon_winkle ) ketzerisch, dass ich eher vermute, dass „sehr viele Menschen“ meinen, dass es bei ihnen so ist. – Weil: Zeitgeist, Trend, Schlagwort („abgrenzen“) von Coaches, in Seminaren, in Selbsthilfebüchern. Und ja: auch besonders attraktiv für HSPs. Ich könnte wetten, wenn ich hier eine Umfrage starten würde: „Müsstest du lernen, dich mehr abzugrenzen - Ja/Nein“, dass sich mindestens 90% für Ja entscheiden würden.

Das gibt mir insofern zu denken, als ich mir zu dieser Haltung die Auswirkungen überlege: ständig in Habacht-Stellung, ob jemand droht, meine Grenzen zu überschreiten, mich ausnutzen will, mich durch seine anderen Meinungen und Äußerungen verletzt, mir meine Energie raubt usw. Ständig im Kampfmodus zu sein: ich muss mich abgrenzen, mich selbst schützen, mich selbst behaupten, mich wehren, mir Verbündete suchen usw.

Der Ab-Grenz-Hype geht mir im psychologischen und übrigens auch sehr erkennbar im gesellschaftlichen und politischen Bereich einfach zu weit und ist mir viel zu einseitig, weil in meinen Augen kontraproduktiv: Förderung von Abschottung, Isolation, Entfremdung, Egozentrismus (auch in Gruppen).

Ich für mich habe mich entschieden, meine Lernaufgabe nicht darin zu sehen, dass ich wegen meiner Vergangenheit Abgrenzung lernen muss. Sondern darin, zu versuchen, ein ausbalanciertes Gleichgewicht zu finden nämlich zwischen Offenheit (!) und Selbst-Wahrung (dies ein Versuch einer anderen Begrifflichkeit).

Vielleicht OT, aber vielleicht auch nicht.

Ich grüße dich herzlich! :-)
Anima
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Anima (Lufthauch)
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Re: Forumsdiskussion aktuelle Situation hier!

Beitragvon Jamania » Mo 20. Nov 2017, 10:47

Aber hierzu nochmal hier geantwortet, weil ich finde, dass es genau zur Forumssituation passt:

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Das gibt mir insofern zu denken, als ich mir zu dieser Haltung die Auswirkungen überlege: ständig in Habacht-Stellung, ob jemand droht, meine Grenzen zu überschreiten, mich ausnutzen will, mich durch seine anderen Meinungen und Äußerungen verletzt, mir meine Energie raubt usw. Ständig im Kampfmodus zu sein: ich muss mich abgrenzen, mich selbst schützen, mich selbst behaupten, mich wehren, mir Verbündete suchen usw.


Finde ich eine sehr präzise Beschreibung und erkenne ich hier im Forum darin, dass die Stränge, in denen kontroverser diskutiert wird, nicht laufen gelassen werden (ich meine jetzt hier die User, nicht Mods und Admin), sondern sich darüber (außerhalb) bitterlich beklagt wird und (innerhalb) versucht wird, die dort Diskutierenden vom Thema abzudrängen.

Immer wieder mit der Begründung, dass es "schlecht" wäre und andere belästigt, eigentlich sogar geschädigt werden und man sich vor allem für diese einsetzt.

Es wird von einigen eine glatte saubere Harmonie angestrebt und wenn diese nicht eingehalten wird, reagieren sie gestresst.

Diesen Stress würde ich als empfundene Mikro-Aggression einordnen, ein Phänomen, das sich momentan wie ein Flächenbrand ausdehnt (vielleicht auch schon länger und ich habe es einfach nur nicht mitbekommen)

Hier mal ein solches Szenario:

http://www.zeit.de/2016/03/diskriminier ... st/seite-2

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Der Ab-Grenz-Hype geht mir im psychologischen und übrigens auch sehr erkennbar im gesellschaftlichen und politischen Bereich einfach zu weit und ist mir viel zu einseitig, weil in meinen Augen kontraproduktiv: Förderung von Abschottung, Isolation, Entfremdung, Egozentrismus (auch in Gruppen).


Ja!
Hier im kleinen und in ganz vielen solcher Zellen, ob jetzt HS-Forum oder Frauen-Stammtisch wird dann das praktiziert, an dem die ganze Gesellschaft sich orientieren sollte, weil es so viel besser für sie wäre? 647&/
Au weia!

Wie gesagt, was mal als guter Gedanke gestartet ist, schießt m.M. nach mit solchen alles vereinnahmenden Forderungen genauso übers Ziel hinaus, wie das, was ursprünglich mal damit (und auch durchaus zu Recht) bekämpft wurde.

Und fördert m. M. nach übrigens auch die Widerspruchskultur, die in vielen Bereichen so gar nicht das ist, was ich gut finde.
Aber jeder Extremismus zieht wohl auch den anderen an, das ist dann der Preis dafür.

Deshalb finde ich es wohltuend, hier ein Spektrum an unterschiedlichen Meinungen zu haben und die "vernünftig" diskutieren zu können (alles nur pauschal und total subjektiv bewertbar, aber schaut mal außerhalb dieses Forums, wie sich dort zerfleischt wird).
Da kann man wunderbar sehen, wie Menschen von ihren entgegengesetzten Polen aufeinander eindreschen und nichts aber auch gar nichts mehr an Gemeinsamkeiten erkennen (wollen) oder mal valide Punkte des Gegenübers in Betracht ziehen (können).
Und die Verteidiger, Gleichmacher, Konfliktvermeider können genauso aggressiv sein, (aber gerne dann auch unterschwellig oder passiv) wie die lauten Angreifer.
Einfach nur schaurig!
Jamania
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Re: Forumsdiskussion aktuelle Situation hier!

Beitragvon abstract » Mo 20. Nov 2017, 17:12

Hallo ihr!

Jamania hat geschrieben:Falls du Lust hast, deinen Beitrag zum neuen Thema zu machen, wäre ich dabei [*]

Ich auch, sofern ich es zeitlich gerade hinbekomme. :-)

sblätter
Wer gackert, muss auch Eier legen können. (Gemeiner Volksmund) _snoöwman_
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Re: Sich zwingend abgrenzen?- Die Vor-und Nachteile betracht

Beitragvon jules1976 » Mi 22. Nov 2017, 22:45

:-)

Neues Thema fertig gebastelt- wenn ihr das anders haben möchtet, oder etwas hinzugefügt werden soll, bitte melden!

Liebe Grüße jules1976
Life is what happens while you´re busy making other plans
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Re: Sich zwingend abgrenzen?- Die Vor-und Nachteile betracht

Beitragvon Jamania » Do 23. Nov 2017, 08:19

Super! :-)

Vielen Dank, jules _rosegirl_
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Re: Sich zwingend abgrenzen?- Die Vor-und Nachteile betracht

Beitragvon Jamania » Do 23. Nov 2017, 09:10

Hallo Anima,
dann können wir ja mal loslegen....:-)

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:ich kann dir in allem, was du hier geschrieben hast, zustimmen.
Aber zu folgendem Absatz sind meine Beobachtungen oder Annahmen andere:
Jamania hat geschrieben:Dass, was du über mangelnde Abgrenzung, etc, geschrieben hast, würde ich übrigens genauso unterschreiben.
Ich glaube, dass es sehr viele Menschen gibt, die das nicht oder nur unzureichend gelernt haben, denen es auch verboten (von anderen oder sich selbst) wurde und die es erst später im Leben lernen.
Und dies dann unter großen Mühen und immer mit Gedanken der Selbstkritik und des schlechten Gewissens.
Ich glaube, dass das unter HSP sogar sehr weit verbreitet ist und oft eben auch als erhöhte Sensibilität wahr genommen wird.


Mglw. ist das bei schweren Traumatisierungen der Fall, aber dass es da „sehr viele Menschen gibt“? – Keine Ahnung. Ich sage jetzt mal (gerne icon_winkle ) ketzerisch, dass ich eher vermute, dass „sehr viele Menschen“ meinen, dass es bei ihnen so ist. – Weil: Zeitgeist, Trend, Schlagwort („abgrenzen“) von Coaches, in Seminaren, in Selbsthilfebüchern.


Schaut man auf diesen Sektor, der sich seit den 70ern erst entwickelt hat, dann hast du natürlich Recht.
In dem Zusammenhang würde ich auch das Phänomen der Abgrenzung als Lifestyle-Faktor sehen, das in so Konzepten wie HS gipfelt.
Dazu nachher noch was.

Aber was mir als erstes in den Sinn gekommen war, ist eine Gruppe Menschen, mit denen ich immer wieder zu tun hatte: Frauen aus den Generationen vor meiner ohne die Selbstbestimmung, die für uns durch Emanzipation heute normal ist.
Oft weil dominante Partner, tradierte Modelle oder ein konservatives Umfeld das (manchmal sogar gewalttätig) boykottiert haben.
Ich kenne es aus Familie und Umfeld als zähe Grabenkämpfe, in denen Frauen vor allem mit dem inneren Konflikt zu kämpfen hatten ihre Interessen nicht als puren Egoismus zu sehen, wie es ja vom Umfeld suggeriert wurde.
Und das über Jahre, Jahrzehnte.
Die Alternative sich zu trennen, war oft keine, besonders wenn Kinder im Spiel waren.

Diese Gruppe gibt es immer noch, auch wenn das Umfeld flexibler geworden ist, aber wer sich für ein eher konservatives Lebensmodell entscheidet oder konservativ denkt, kann auch heute in so eine Situation kommen.
Heute kann man Frauen dann vielleicht eher Naivität und Bequemlichkeit vorwerfen (aber auch wirtschaftliche Abhängigkeiten sind heute oft noch genauso existent), aber damals waren die sozialen Strukturen tatsächlich nur für sehr toughe Rebellinnen zu durchbrechen, die auch erhebliche Nachteile dadurch hatten.
Der Typus, der sich auch gerne auf eine kümmernde Rolle einließ, in ihr sogar aufging (durchaus was schönes!) hatte es mit der Abgrenzung am schwersten.
Ich habe ziemliches Mitgefühl und konnte die Reaktion nach Jahren in diesen Kämpfen gut verstehen.
Bis hierhin.

Aber dann darf (nach der Trennung, wenn die Kinder weg sind oder wenn der Partner gestorben ist) nichts mehr einen manipulieren, klein machen, fesseln...
Alles wird nur noch darauf hin abgeklopft, ob man sich abgrenzen soll und - oh Wunder - es wird festgestellt, dass das bitter nötig ist, denn sonst kommen sofort wieder Menschen, die einen klein machen wollen.

Und da greifen Konzepte wie HS meiner Meinung nach wieder passgenau, die genau das auffangen und bestätigen.
HS sammelt aus diesem Teich (vielleicht nicht so viel, weil als Konzept erst jetzt aktuell) wie aus vielen anderen.
Die Reize werden verantwortlich gemacht, dass man ja auch nicht klar kommen konnte, und es wird behauptet, man wäre ein gerechter, tiefsinniger und wahrhaftiger Mensch.
Ein weiteres Aha-Erlebnis, warum man so leiden musste.
Wer hört das nicht gerne und fühlt sich endlich mal gewertschätzt? (vielleicht sogar das erste Mal, dass einen jemand "richtig erkannt" hat)

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Und ja: auch besonders attraktiv für HSPs. Ich könnte wetten, wenn ich hier eine Umfrage starten würde: „Müsstest du lernen, dich mehr abzugrenzen - Ja/Nein“, dass sich mindestens 90% für Ja entscheiden würden.


Absolute Zustimmung!
Mein Beispiel war ja nur eines unter vielen.
Bei Menschen, die in der Schule gemobbt wurden, wird es sich ähnlich verhalten und die empfundene HS ist - wie ich glaube in vielen Fällen - nichts anderes als ein Vergößerungsglas auf einem Aspekt seines Lebens, der schwierig bis leidvoll war.
Finde ich ziemlich normal, dass man dort viel empfindet, viel verarbeitet und analysiert hat und Informationen, die diesen Bereich tangieren sofort in ein komplexes Geflecht einfließen und nach einem Muster, das man gebildet hat, ausgewertet werden.

Problematisch wird es, wo als Muster ein überlegener Status aus der Opferhaltung generiert wird.
Die dazu gehörige Abgrenzung dient dann dazu, diesen Status bei zu behalten und Menschen, die daran kratzen, in die Schnittmenge derer zu stecken, die einen wieder klein machen möchten.
Es fühlt sich auch absolut richtig an, denn im Gegensatz zu früher ist man in der aktiven Rolle und das "Gefühl" sagt einem, dass wenn man sich richtig fühlt, es auch richtig sein muss.

Ich springe mal eben in den nächsten Beitrag icon_winkle
Zuletzt geändert von Jamania am Do 23. Nov 2017, 09:49, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Sich zwingend abgrenzen?- Die Vor-und Nachteile betracht

Beitragvon Jamania » Do 23. Nov 2017, 09:45

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Der Ab-Grenz-Hype geht mir im psychologischen und übrigens auch sehr erkennbar im gesellschaftlichen und politischen Bereich einfach zu weit und ist mir viel zu einseitig, weil in meinen Augen kontraproduktiv: Förderung von Abschottung, Isolation, Entfremdung, Egozentrismus (auch in Gruppen).


Die persönlichen Abgrenzungen haben ihren Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Ja.
Wieder mal ein Beweis dafür, dass das, was als gute Richtung schien, genauso vergiftet werden kann, wenn Menschen über ein gesundes Mittelmaß hinaus schießen *seufz*

Unter der Devise: Es wird nur das zu Bekämpfende gesehen und alles, was dagegen hilft - und noch viel mehr davon - kann dann ja eigentlich nur gut sein...

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Ich für mich habe mich entschieden, meine Lernaufgabe nicht darin zu sehen, dass ich wegen meiner Vergangenheit Abgrenzung lernen muss. Sondern darin, zu versuchen, ein ausbalanciertes Gleichgewicht zu finden nämlich zwischen Offenheit (!) und Selbst-Wahrung (dies ein Versuch einer anderen Begrifflichkeit).
Anima


Ja, schön geschrieben!
Und es ist harte, harte Arbeit, finde ich.

Vielen Dank für das schöne Thema und liebe Grüße, _Mij_

Jamania
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Re: Sich zwingend abgrenzen?- Die Vor-und Nachteile betracht

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Do 23. Nov 2017, 14:44

Hallo jules,

auch von hier aus noch mal herzlichen Dank! :-)
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Re: Sich zwingend abgrenzen?- Die Vor-und Nachteile betracht

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Do 23. Nov 2017, 14:49

Hallo zusammen,

warum dieser Thread?

Wir sind ja in diesem Forum, weil wir uns als hochsensible Menschen sehen. Und das Konzept der Hochsensibilität geht bekanntermaßen von der Annahme einer reduzierten Schwelle bezüglich Reiz-Input aus. Im vermarkteten HS-Konzept gibt es dazu viele Anleitungen, wie man dieser Reiz-Überflutung Herr werden soll/kann. – Für hier jetzt interessieren mich insbesondere soziale Reize, also Reize, die von andern Menschen ausgehen und auf uns einwirken.

Ich habe mittlerweile hier im Forum viele Beiträge zu Themen gelesen, in denen es um Zwischenmenschliches geht und nach meiner persönlichen Einschätzung drehen sich die häufigsten Begriffe in dem Zusammenhang um „sich abgrenzen“, „sich selbst schützen“, „Energieräubern und Blutsaugern aus dem Weg gehen“, „sich zurückziehen“, „Menschen, die einem nicht gut tun, soll man aussortieren“, „nein sagen lernen“ u. ä. (Korrigiert mich bitte, wenn ich da falsch liege.) Und dass jules mir gesagt hat, dass viele Themen hier davon handeln, „wie sich besser abgrenzen“, hat mir diesen Eindruck bestätigt.

Ja, die Funktion, die eine Abgrenz-Haltung hat, ist klar und auch verständlich: eine Ego-Schutzfunktion, die einen vor ungünstigen Einwirkungen – hier: sozial-emotionaler Überstimulation/Überforderung – bewahren soll.

Aber: eine Haltung, die einen derart grundsätzlichen Charakter beansprucht, wie ich sie aus den Tipps und Ratschlägen herauslese, die man zunächst sich selbst durch Vorgaben und Empfehlungen angeeignet hat und diese nun hier auch anderen weitervermittelt, weckt bei mir doch große Skepsis.

Deshalb meine Überlegung, auch die Nachteile nicht außer Acht zu lassen, die man sich da einhandeln könnte: so wird „Offenheit“ womöglich zunehmend durch die Abwehrhaltung gegenüber anderen (außerhalb, aber auch bzgl. Disharmonikern innerhalb einer Gruppe) verringert. Vielleicht kann man so in seiner Festung gesichert leben, aber man blickt vielleicht auch nur noch durch Schießscharten aufs freie Feld und sorgt sich um potenzielle Angreifer, die jederzeit anrücken können?
Festung EGO, Festung Gruppe, Festung Europa ...(?)

Viele Grüße
Anima
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Re: Sich zwingend abgrenzen?- Die Vor-und Nachteile betracht

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Do 23. Nov 2017, 14:57

Hallo Jamania, :-)

Jamania hat geschrieben:Ich habe ziemliches Mitgefühl und konnte die Reaktion nach Jahren in diesen Kämpfen gut verstehen.


Du hast natürlich recht, diese Frauenproblematiken, die du ansprichst, habe ich nicht gemeint.
Und auch Menschen mit schweren Traumatisierungen benötigen erst einmal Stabilisierung und Sicherung.
Aber darüberhinaus geht es mir um allgemeine, gegenwärtige Entwicklungen.

Ich lese es hier im Forum fast jeden Tag, aber auch draußen höre ich es ständig und das von ganz und gar „normalen, nicht-hochsensiblen“ Menschen in meiner Umgebung, die sich damit herumschlagen, sich „abgrenzen“ zu müssen: gegen Kollegen, gegen Freunde, die dann doch keine sind, gegen Familienangehörige, gegen Nachbarn, gegen Bedürftige, die zu viel von einem wollen, gegen, gegen, gegen …

Da frage ich mich schon: Wo soll dieser permanente Kampf gegen so viele andere denn hinführen, was soll diese permanente Aufwertung des Ego-Schutzes statt Teamgeist und einem allgemeineren Gemeinschaftssinn (und damit ist, wie du mich sicher richtig einschätzst, nicht ein Gruppen-Wohlfühl-Gemeinschaftssinn gemeint, der ebenfalls nur dem Ego entspringt)?

Und zudem:
Problematisch wird es, wo als Muster ein überlegener Status aus der Opferhaltung generiert wird.
Die dazu gehörige Abgrenzung dient dann dazu, diesen Status bei zu behalten und Menschen, die daran kratzen, in die Schnittmenge derer zu stecken, die einen wieder klein machen möchten.
Es fühlt sich auch absolut richtig an, denn im Gegensatz zu früher ist man in der aktiven Rolle und das "Gefühl" sagt einem, dass wenn man sich richtig fühlt, es auch richtig sein muss.


Genau, und dann werden im HS-Konzept auch noch einander widersprechende scheinbare „Qualitäten“ in eine nahtlose Übereinstimmung gebracht, die dem Ganzen dann noch mehr Zugkraft verleiht: „Ich bin ja so empathisch, dass ich alles von anderen noch vielmehr spüre, also muss ich mich doch abgrenzen, sonst gehe ich ja völlig unter.“

Und ja, wo kommt man hin, wenn der Gefühls-Selbst-Schutz zum Dogma wird?

Zitat aus deinem Link:

„Studenten fordern auch im Unterricht mehr Schutz für ihre Gefühle. Das von ihnen bemühte Schlagwort heißt trigger warning. So verlangten Studenten an der Columbia University in New York von einem Altphilologen, er müsse sie vor dem traumatisierenden Inhalt von Ovids Metamorphosen warnen. Die darin beschriebenen Vergewaltigungen könnten bei Opfern sexueller Gewalt psychologische Traumata wachrufen.“

Nee, da fällt einem nichts mehr ein.

Viele liebe Grüße zurück! _Mij_
Anima
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