Wahrgenommen werden

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Wahrgenommen werden

Beitragvon Kornblume » Do 12. Okt 2017, 18:25

Hallo allerseits,

nachdem ich erfolgreich registriert bin, starte ich mal mein erstes Thema. Es ist gerade irgendwie mein Hauptthema mit meiner Hochsensibilität. Abgesehen davon, dass ich sehr ruhe- und harmoniebedürftig bin.

Erst mal noch kurz zu mir: meine Lieblingsbeschäftigung war schon immer, für mich alleine daheim in meinem Zimmer zu sitzen und Dinge für mich alleine zu tun. Zu viele Menschen machen mich unsicher. Ich habe z.B. auch ganz extrem gespürt, wenn ich im Gras saß oder lag und ein Grashalm hat mich berührt. Genauso mit Fliegen, die auf mir rumkrabbeln, oder so zarte Dinge wie Haare auf meiner Haut liegen.
Lange nach der Schulzeit, wo ich kaum Kontakt zu den anderen hatte, habe ich mich etwas intensiver mit der Sache beschäftigt. Diese Spielchen "wer mit wem" oder so waren mir immer ein Graus, und sind es heute noch.
Nachdem ich ein paar Mal für längere Zeit arbeitslos war und dabei jedes Mal eine Depression entwickelt habe, war ich sogar so flexibel, wegen einer Arbeitsstelle weiter weg zu ziehen. Erst nach Bonn (aus dem Saarland), nach meiner Ausbildung in die Schweiz für 2 Jahre. Und mittlerweile bin ich seit mehr als 6 Jahren in Österreich. Mangelnde Kontakte machen mir wenig aus, da ich es nicht anders gewohnt bin.

Nun zu meinem Thema: Kennt ihr das auch? Ihr sitzt mit einigen Personen zusammen, findet aber keine Gelegenheit dazu, euch am Gespräch zu beteiligen? Wenn ihr was sagt, wird euch nicht zugehört, da andere schon etwas schneller reagiert haben als ihr. Manchmal, nein ziemlich oft, passiert es mir auch, dass genau das, was ich vor Kurzem geäußert habe, von jemand anderem von sich gegeben wird, als wäre es vorher nie gesagt worden und als wäre es was Neues. Oft werde ich auch etwas gefragt, doch man wartet gar nicht die Antwort ab, wie bei einer rhetorischen Frage.

Wenn ich in Urlaub war, wird einfach zur Kenntnis genommen, dass ich wieder da bin. Nach Fragen danach wird gar nicht auf die Antwort gewartet. Man integriert mich zwar in die Gruppe, aber ich komme kaum zu Wort. Oder das, was ich sage, wird als nicht so wichtig abgetan. Von anderen werde ich sogar ganz ignoriert, vielleicht nur ein freundliches oder neutrales Hallo, mehr aber nicht. Am Anfang wurde ich noch zu Dingen befragt, von denen man wusste, dass ich davon Ahnung habe. Mittlerweile werden andere zu ihrem Pseudowissen gefragt.
Ich könnte glaube ich nie in beratender Funktion tätig sein. Da mich diese ganzen Erfahrungen all die Jahre so verunsichert haben, dass ich im entscheidenden Moment die Fakten nicht mehr abrufen kann.

Hat das vielleicht auch was mit der Schnelllebigkeit zu tun, mit der wir Hochsensiblen so schwer klarkommen?

Und habt ihr auch ähnliche Probleme euch durchzusetzen? Was macht ihr dann? Welche Methoden habt ihr, damit klarzukommen?

Ich könnte noch über einiges mehr schreiben. Doch das werde ich mal an anderer Stelle schreiben.

Würde mich freuen, viele Antworten von euch zu erhalten.

Danke, Kornblume
Kornblume
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Re: Wahrgenommen werden

Beitragvon abstract » Do 12. Okt 2017, 19:14

Hallo Kornblume

Kornblume hat geschrieben:Nun zu meinem Thema: Kennt ihr das auch? Ihr sitzt mit einigen Personen zusammen, findet aber keine Gelegenheit dazu, euch am Gespräch zu beteiligen? Wenn ihr was sagt, wird euch nicht zugehört, da andere schon etwas schneller reagiert haben als ihr. Manchmal, nein ziemlich oft, passiert es mir auch, dass genau das, was ich vor Kurzem geäußert habe, von jemand anderem von sich gegeben wird, als wäre es vorher nie gesagt worden und als wäre es was Neues. Oft werde ich auch etwas gefragt, doch man wartet gar nicht die Antwort ab, wie bei einer rhetorischen Frage.


Diese Situationen kenne ich nur zu gut. Im privaten Bereich ist es mir eher egal, denn dann gehe ich woanders hin, zu einem anderen Grüppchen. Zur Zeit lerne ich gerade viele neue Menschen kennen, allerdings auf privater Basis und momentan ist auch jedes Wochenende eine Feier oder Veranstaltung, bei der ich bin. Bei Stehparties kann man ja relativ gut ausweichen, indem man sich einfach zu einem anderen Grüppchen gesellt. Ich warte dann erst mal ab und gehe in die Beobachterposition. Manchmal ergibt sich daraus ein interessantes Gespräch und die Leute fragen später sogar nach dem Facebookaccount oder Email und schreiben einen an. Darauf lege ich zwar keinen besonderen Wert, doch so ein Bisschen netzwerkeln und Small Talk mit sympathischen Menschen kann ich dann, wenn ich mich an sie gewöhnt habe. Zuletzt hatte ich einen sehr bemühten empathischen Gastgeber, der absichtlich immer mal wieder die Gäste auf eine unaufdringliche Art und Weise miteinander bekannt gemacht hat. Bei der Feier waren sehr unterschiedlich gestrickte Menschen, viele Nervensägen, aber auch ein paar sehr interessante freundliche. Grundsätzlich kann ich keinen Small Talk, wobei er bei mir auch tagesformabhängig ist. Mein Problem ist, dass mich Themen oft erst dann interessieren, wenn das Gegenüber bereits ausgestiegen ist. Sie sind dann bereits bei einem anderen Thema, ich hinke hinterher und werde dann auch oft komisch angesehen. Genau so komisch, wie wenn ich mit "schwerverdaulichen" Themen einsteige. Das verkneife ich mit jedoch mittlerweile, denn es kommt nicht gut an und ich kann auch nicht erwarten, dass bei einer lockeren Party z.B. schwerwiegende politische Diskussionen erwünscht sind. Offenbar sind andere mit dieser Ernsthaftigkeit überfordert, was ich aber auch irgendwie verstehen kann.
Zuletzt bei dieser Feier habe ich mich zu einem Pärchen gesellt, das auch etwas verloren herumstand und offenbar keinen kannte. Zudem waren die Beiden aus einer "Subkultur" und passten nicht so ganz ins allgemeine Bild. Habe sie einfach mit Small Talk (über das leckere Essen) angesprochen und es hat funktioniert. Anhand der Körpersprache und Mimik kann man ja erkennen, ob das Gegenüber interessiert und aufgeschlossen sind. Und so war es bei den beiden. In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass gezieltes Ausprobieren, mal "nach vorne" zu gehen, sich sehr positiv auswirken kann. Ich denke auch, dass es für HSP ein großer Vorteil sein kann, zunächst aus der Beobachterposition Infos zu sammeln, um dann gezielt, vielleicht auch unbewusst, mal auf Menschen zuzugehen. Ein ehemaliger Dozent sagte mir mal, um ins Gespräch zu kommen und um dort "sichtbar" zu bleiben, kann man Fragen stellen. (Das funktioniert übrigens auch bei Vorträgen usw. wenn man mal den Faden verliert: Einfach den Anwesenden Fragen stellen.)

Schönen Abend!
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Re: Wahrgenommen werden

Beitragvon Krümelkeks » Do 12. Okt 2017, 20:02

Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Mir geht es auch sehr oft so, dass ich nicht wahrgenommen werde. Gerade in einer Gruppe, in der ich die Leute gar nicht oder nicht so gut kenne, gehe ich, glaube ich, schnell unter und deswegen komme ich in großen Gruppe sehr schlecht mit Leuten ins Gespräch, weil ich selten was zu den Gesprächen beitrage. Dazu kommt, dass ich oft Hemmungen habe, überhaupt was zu sagen, weil ich Angst habe, dass es was Dummes ist und man mich dann für bescheuert hält. Ist sicher meistens gar nicht berechtigt, aber kann nicht viel dagegen machen, dass ich das so empfinde.
Tatsächlich tritt das Phänomen manchmal auch dann auf, wenn ich mit meinen Freunden in einer Gruppe bin, dass ich etwas sagen will und plötzlich jemand dazwischen redet. Ganz krass war das einmal, als es wirklich ansonsten komplett ruhig war, ich schon fast einen Satz beendet hatte und eine Freundin plötzlich über irgendwas anderes redete, als hätte ich nie etwas gesagt. Das haben dann aber sogar einige meiner anderen Freunde bemerkt. Mittlerweile bin ich aber so weit, dass ich bei meinen Freunden meinen Unmut dann auch ausdrücke, wenn mir reingeredet wird. Dann entschuldigen sie sich auch ganz lieb und irgendwie ist bei mir meistens alles wieder gut, wenn ich nur ein ernst gemeintes "Tut mir leid." höre. :)

Bei fremden Leuten fällt mir es, wie gesagt, immer noch oft schwer, nicht übersehen zu werden. Dabei sehe ich gar nicht so farblos aus.^^ Vielleicht sind wir einfach nicht schnell genug und nicht offensiv genug. Finde aber den Rat von abstract, dass man Fragen stellen soll, echt gut. Ich glaube, das macht auch bei den anderen Leuten einen guten Eindruck und gute Eindrücke bleiben länger in Erinnerung als die schlechten. :)
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Re: Wahrgenommen werden

Beitragvon real_skydiver » Do 12. Okt 2017, 21:50

Meine Gedanken beim Lesen Deiner Schilderungen waren die Folgenden, ohne dabei auf irgendeine Weise den Anspruch erhebend, dass meine Meinung für Andere irgendeinen (Mehr-)Wert hätte oder haben sollte ... oder in irgendeiner Weise maßgeblich wäre ...

Mein erster Gedanke: HSP schein nicht gleich HSP zu sein ...
Warum dieser Gedanke? Ich bin normalerweise (z.B. auf Geburtstagsparties) auch eher schüchtern und/oder zurückhaltend. Und dennoch muss ich feststellen, dass sich Leute dann doch immer wieder gern mit mir unterhalten - und ich am nächsten Tag (bzw. in den Tagen danach) über den Gastgeber zu erfahren bekomme, dass meine Gesprächspartner "sehr angetan" waren. Auch meine Frau sagt dann meistens einen Satz wie "hast Du Dich aber schön unterhalten mit .....". Woran das liegt - ich weiß es nicht genau. Mutmaßungen: unter dem Kapitel "Allgemeine Merkmale" auf Wikipedia zu HSP (die allesamt so sehr zutreffen, dass es beängstigend wirkt - weil mich Jemand damit absolut treffend beschreibt, ohne mich wirklich zu kennen) findet sich folgende Passage: "Unsicherheiten hinsichtlich der eigenen Wahrnehmungen". Hier fängt meine Erklärung an ... Auch ich leide (sehr) unter dieser "eigenen Wahrnehmung". Schon immer. Um sie - in erster Linie - für mich selbst zu verbessern habe ich vor vielen Jahren eine Reihe von Aktivitäten begonnen, die mich - sicherlich im Bereich des Unterbewusstseins - an anderen Menschen fasziniert haben. Diese Aktivitäten sind allesamt eher Menschen zuzuschreiben, die landläufig als "Adrenalinjunkies" bezeichnet werden. Diese augenscheinliche Kontroverse zu HSP ist aus meiner Sicht keine Wirkliche, lässt sie sich doch genau aus dem o.G. ("Unsicherheiten hinsichtlich der eigenen Wahrnehmungen") erklären. Und genau so ist es bei mir. Ich sage nicht, dass es mir keinen Spaß macht - aber ich muss auch jedes mal große Ängste überwinden um diese Dinge zu tun. Tue es aber, weil es mir selbst sehr gut tut genau Das zu tun: Ängste zu überwinden, sich ihnen zu stellen. Und am Ende sind es genau diese Dinge, die dann auch gern Gesprächsstoff auf "Geburtstagsparties" sind ...

Deine weiteren Ausführungen bzw. Erfahrungen .... ja, die sind der Zeit (in der wir leben) "geschuldet" - Plus, ein klein wenig mangelndem Glück. Es gibt viele solcher Leute, die nicht bemerken, dass man aus dem Urlaub wieder zurück ist. Die nicht fragen wo man war, wie es war. Aber es gibt neben uns auch noch andere, tatsächlich nette Menschen da draußen, auch wenn sie immer seltener werden ...

Schnelllebigkeit, Veränderungen, dass sind Dinge mit denen auch ich hadere. Ich mag/liebe Konstanz. Aber was haben wir für eine Wahl? Dieser Satz beschäftigt mich wieder und wieder. Aber ich will nicht "untergehen", deswegen kämpfe ich jeden Tag mit mir. Ich "hadere" nicht mit mir, nicht mit den (meinen) Eigenschaften die mir das Leben evtl. etwas schwerer machen. Ich versuche die negativen Aspekte zu absorbieren ... und die Positiven zu nutzen ... und zu genießen.

Mich durchzusetzen, ja, das ist für mich tatsächlich auch ein großes Problem. Nicht weil ich das nicht könnte - nein - weil ich es nicht will. Gegen den Willen eines Anderen - der mir (i.d.R.) Nichts getan hat - etwas "durchzusetzen" ... das widerstrebt mir sehr. Deswegen werde ich wohl tatsächlich (auch) nie eine leitende Tätigkeit ausüben. Vielleicht auch deswegen bin ich Selbstständig, suche mir meine Projekte u.A. danach aus, wie sympathisch ich die Firma oder Leute finde.

Warum schreibe ich das Alles? Ich wollte Dir damit sagen: HSP heißt nicht automatisch "schutzlos" unserer Umwelt ausgeliefert zu sein. HSP bietet Dir auch Mittel mit Denen Du in der - immer "unschöner" werdenden - Welt bestehen kannst. Setze Dich mit den positiven Aspekten auseinander, stelle Dir eine gute Flasche (gekühlten) Chardonney hin, trinke sie Alleine aus und denke dabei darüber nach, wie Du trotz Deiner Gedanken, Gefühle, Ängste die Welt erobern kannst. Male es Dir aus, jeden Abend. Glaube daran ... und ein Stück weit davon wir Wirklichkeit. Versinke nicht in Selbstmitleid (was auch mir hin und wieder aus persönlichem Anlass passiert ist!!!!) sondern im Gegenteil, baue Selbstvertrauen auf. Du wohnst in einer herrlichen Gegend, besteige Berge, wirklich hohe Berge, fühle, dass Du lebst. Gehe Bungee-Jumping (Metaffer, Beispiel!!!) damit Du Achtung vor Dir selbst bekommst.
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Re: Wahrgenommen werden

Beitragvon deepblue » Mo 16. Okt 2017, 10:00

hallo Kornblume,
ersteinmal mutig von dir, dich immer wieder auf völlig neue Bedingungen ( umzüge ) einlassen zu können ( zeugt von Selbstvertrauen )
nicht wahrgenommen werden tut in manchen Situationen richtig weh, und dann gibt es wieder Situationen wo ich mir wünsche unsichtbar
zu sein.
Fühle ich mich in meiner eigenen haut wohl, werde ich auch besser wahrgenommen, fühle ich mich nicht wohl ( übernehme nicht
die Verantwortung ) werde ich nicht wahrgenommen. Man scheint etwas auszustrahlen, was andere unbewusst empfangen, und
unterschiedlich darauf reagieren ( Menschen mit einem guten eigenen Gefühlsleben, kommen damit gut klar )

gruß
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Re: Wahrgenommen werden

Beitragvon rene261 » Mo 16. Okt 2017, 21:09

Hallo Kornblume,

Kornblume hat geschrieben:Nun zu meinem Thema: Kennt ihr das auch? Ihr sitzt mit einigen Personen zusammen, findet aber keine Gelegenheit dazu, euch am Gespräch zu beteiligen? Wenn ihr was sagt, wird euch nicht zugehört, da andere schon etwas schneller reagiert haben als ihr.

Hat das vielleicht auch was mit der Schnelllebigkeit zu tun, mit der wir Hochsensiblen so schwer klarkommen?

Und habt ihr auch ähnliche Probleme euch durchzusetzen? Was macht ihr dann? Welche Methoden habt ihr, damit klarzukommen?


ich kenne das Gefühl auch.
"Früher" als ich noch nichts von HSP wusste hat es mich auch gestört, bzw ich hab mich genötigt gefühlt, Beiträge zu leisten, die ich nicht leisten konnte oder wollte.

Heute bin ich in großen Runden der stille Zuhörer.

Meistens suche ich mir einen oder zwei gleichstarke(!) Gesprächspartner, mit denen ich mich in Ruhe unterhalten kann, die mir zuhören und mich ausreden lassen und ich sie.
Diese Gespräche genieße ich absolut, denn sie sind selten.

Alles andere meide ich.

Ich glaube, dieses Abwarten ist schon HSP-typisch, da "wir" (sorry für die Verallgemeinerung...) ja eher alles durchdenken um dann fundierte Antworten zu geben, während viele andere Menschen erst mal eine Teillösung abliefern und diese dann weiterentwickeln. Das muss nicht schlechter sein, heiß aber für denjenigen, der über das, was er da sagen will, erst mal nachdenken muss, das er nicht mehr zu Wort kommt.

Mit Schnelllebigkeit hat das denke ich nichts zu tun, es ist halt eine andere Art der Gesprächsführung.

LG René
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