Als Akademikerin im Callcenter

Hier möchten wir in Diskussionen und Erfahrungsberichten zusammenfassen, wie bereichernd oder erschwerend HS im Alltag von Schule, Studium und Beruf ist.

Moderatoren: Hortensie, Eule

Als Akademikerin im Callcenter

Beitragvon sweetsucette » Mi 11. Okt 2017, 19:41

Hallo ihr lieben, ich hab mich lang davor gedrückt, nochmal einen Beitrag zu schreiben, da ich selbst eher selten anderen in diesem Forum helfe. Es wäre trotzdem toll, wenn mir jemand hochsensibles helfen kann.

Zu meinem Leben: Was Liebe angeht: Ich kann nicht klagen, habe einen tollen Freund, den ich über alles liebe. Was Aussehen angeht: Bin zufrieden, könnte besser, passt aber. Was Freunde angeht: Habe liebe Menschen, die mich so nehmen wie ich bin.
Doch leider passt meine berufliche Situation so gar nicht ins Bild und ich weiß nicht, warum. Jahrelang hab ich mich angestrengt: Abi, Studium, viele Praktika, kostenlos gejobbt, bis ich dann feststellte, dass in der Branche, in die ich wollte/war, kein Geld zu machen ist, das heißt tatsächlich nicht mal genug um zu leben. Jederzeit Existenzängste. Nach zwei Jahren habe ich mich aus der Branche zurückgezogen.

Jetzt das Problem: Ich habe leider die falsche Entscheidung bei der Wahl meines Studiums getroffen (es war zwar die beste Zeit meines Lebens, passte perfekt zu mir und hat mich erfüllt) aber leider komm ich in dem Bereich in keinen lukrativen Job, womit ich irgendwann eine Familie ernähren kann (also ab 1700€ brutto).

Habe jetzt aus finanziellen Gründen erstmal im gehobenen Callcenter angefangen. Mit drei Worten: Es ist schrecklich! Nur Stress, Hektik, viel Unzufriedenheit, extreme Einschränkung und Überwachung. Meine Fähigkeiten vergammeln, genau wie meine Wünsche und Hoffnungen. Ich merke, wie ich in ein großes schwarzes Loch falle, wo mich nicht mal mein Freund vor bewahren kann, weil er leider in etwa derselben Lage steckt. Ich habe langsam den Glauben an die Arbeitswelt in Deutschland aufgegeben. Werde in meinem jetzigen Job ausgenutzt und fühle mich schon nach wenigen Monaten ausgebrannt.
Aber kündigen ist auch nicht das richtige, die Arbeitslosigkeit hat mich schonmal zur Depression gebracht (wegen Geldmangel und damit verbundenen Existenzängsten).

Psychologen haben scheinbar selbst so viel zu tun, dass ich da selten einen Termin/Antwort bekomme. Keiner konnte mir bisher irgendwie helfen. Ich suche emsig nach anderen Jobs, aber es gibt nicht viel und die potenziellen Arbeitgeber melden sich einfach nicht. Ich werde auch keine Ausbildung mehr machen, ich muss was finden, wofür ich qualifiziert bin und wo ich hinpasse. Ich merke schon, wie ich mich körperlich verletze, weil ich in diesem Leben nicht mehr anders kann. Es macht mich kaputt!

Hat vielleicht irgendwer Ideen, was ich tun kann, bzw kann mir jemand zureden. Meine Freunde verstehen mich nicht und ich brauche dringend Rat.
DANKE!
LG,
Mina
#*#
sweetsucette
Neuling
 
Beiträge: 12
Registriert: Fr 4. Mär 2016, 17:10

Re: Als Akademikerin im Callcenter

Beitragvon der bunte Tupfen » Mi 11. Okt 2017, 23:41

Hallo sweetsucette,

zunächst einmal danke für Deine Offenheit, was Deine Situation in Deinem Leben angeht. Wir haben erfahren, dass Du einen tollen Freund hast, Dich selbst magst, wie Du bist (zumindest, was das Aussehen angeht) und dass Du von lieben Menschen umgeben bist. Leider bist Du jedoch mit Deiner Arbeitssituation absolut nicht zufrieden.

Leider kommst Du aber nicht zu dem Punkt, bei dem man Dir mit einem Rat zur Seite stehen könnte. Was hast Du denn studiert? Mir kommt gar kein Studiengang in den Sinn, nach dessen Abschluss man weniger als 1.700 Euro pro Monat verdient (?). Du schreibst leider auch nicht, in welcher Branche Du Dich eigentlich zu Hause fühlst, aus der Du Dich bereits zurück gezogen hast. (Träume sollte man nicht zu früh aufgeben.)

Dein Freund ist in der gleichen Situation, wie Du. Leider kann man (ich persönlich) mit dieser Aussage auch nicht wirklich viel anfangen. Was bedeutet das also? Was macht er, was ist seine Aubildung? Was möchte er und was hat das mit Dir zu tun? Also, was macht seine Situation mit Dir?

Auch ohne Dir zu Nahe treten zu wollen, aber ein Psychologe ist nicht dafür da, Deine Probleme zu lösen, er/ sie ist dafür da, Dir einen Weg zu weisen. Gehen, musst Du ihn selbst.

Mit all dem möchte ich nur ausdrücken, dass man Dir schlecht mit einem Rat zur Seite stehen kann, wenn Du nicht sagst, worum es eigentlich geht. Ich nehme mir diese Haltung aus folgenden Gründen raus:

Was die Medizin angeht (Psychologie) habe ich bereits eine (Gruppen-)Therapie hinter mir. Eine sekundäre Sache, die ich dabei gelernt habe ist, der Psychologe macht mich nicht 'gesund'. Es geht nicht einmal darum, 'gesund' zu werden, weil es 'gesund' im psychologischen Sinne eigentlich gar nicht gibt. (Meine Wahrnehmung und Interpretation.)

Sehr wohl kann man sich aber nach einer Therapie besser in seinem Leben zurechtfinden. Dabei steht der Therapeut aber eher hilfreich zur Seite. Er schubst Dich allenfalls mal in eine bestimmte Richtung. Am Ende therapiert man sich aber selbst, indem man sich öffnet. Vor allem sich selbst gegenüber. Es mag sein, dass andere das anders sehen. Ich spreche hier ausschließlich von meinen persönlichen Erfahrungen. Dazu muss ich sagen, dass ich mich für die Tiefenpsychologie entschieden habe. Der andere Zweig ist die Verhaltenspsychologie.

Weiterhin war ich selbst lange mit Existenzängsten konfrontiert. Mein Lebenslauf ist eher steinig. So war ich auch mehrere Jahre Hartz IV Empfänger. Keine schöne Zeit. Aber ich habe viel aus ihr gelernt. Vor allen Dingen, es geht immer irgendwie weiter. Immer!

Es wird sich übrigens auch kein Arbeitgeber bei Dir melden. Ich nehme allerdings an, dass Du das nicht wörtlich meinst. Du findest einfach nix passendes. Also? Was wäre passend? Wohin möchtest Du beruflich gerne?

Vielleicht erwartest Du auf dies Frage gar keine Antwort, weil Du sie ja auch eigentlich gar nicht gestellt hast. Dazu kann ich dann aber nicht viel mehr sagen als ... Ich habe mal Klempner gelernt und bin seit fast 11 Jahren Data Analyst als Quereinsteiger. (2007 war das noch eine Nische, weshalb ich da überhaupt rein gekommen bin.) Dazu muss man wissen, dass die IT mich bereits seit meiner Kindheit begleitet und ich mich deshalb sehr wohl in meinem jetzigen Job fühle. Soll heißen ... Es geht so einiges im Leben, auch wenn die Wege verschlungen sind. Callcenter wäre für mich alledings auch der Tod.

Liebe Grüße,

Der bunte Tupfen
der bunte Tupfen
Full Member
 
Beiträge: 199
Registriert: Fr 13. Feb 2015, 18:40
Wohnort: Berlin

Re: Als Akademikerin im Callcenter

Beitragvon Rauhnacht » Do 12. Okt 2017, 10:21

Hi Mina,

ich glaube, das Studium war für dich eine gute Entscheidung, wenn du sagst, dass es die beste Zeit deines Lebens war. Solche Zeiten sind kostbar im Leben und wenn du alt bist wirst du daran zurückdenken können mit einem Lächeln auf den Lippen. Da wäre ein anderes Studium, das nicht so gut zu dir gepasst hätte, nichts gebracht auf lange Sicht. Was hast du denn studiert, dass es in deinem Beruf keine Zukunft hat?

Das mit dem Callcenter würde ich in deinem Fall so schnell wie möglich versuchen zu wechseln, auch wenn es, wie du geschrieben hast, schwierig ist was Neues zu finden. Wenn du selbst dabei auf der Strecke bleibst bringt alles Geld der Welt nichts. Hast du schon mal überlegt z.B. in einer Gärtnerei, am Fließband einer größeren Firma (anstrengend aber weniger stressig, weniger Kontakt mit Menschen, oft gute Bezahlung), in der Kontrolle bei einer größeren Firma, Pflege, Gastronomie, oder im Lager... zu arbeiten?

Ich wünsche dir, dass du etwas findest das genau das Richtige ist für dich!
Rauhnacht
Full Member
 
Beiträge: 205
Registriert: So 27. Sep 2015, 22:25

Re: Als Akademikerin im Callcenter

Beitragvon sweetsucette » Do 12. Okt 2017, 16:11

Ich habe die Infos absichtlich verschwiegen, da ich Angst habe, dass jemand das liest und mich erkennt.
Aber ich wage es nun mal:
Studium: Medien- Bachelor of Arts, Abschluss nach 5 Semestern mit 1,9.
Arbeit: Gejobbt als Redakteurin und Moderatorin beim Radio. Und nein, ich möchte das nie wieder machen und zwar nicht nur aus finanziellen Gründen. Ich habe meinen Traum nicht weggeworfen, ich habe mich verändert und bin froh, dass ich mich nun nicht mehr von den Medien ausnutzen lasse.

Ich erwarte mir von einem Psychologen nur, dass er mir irgendwie hilft, meinen Weg zu erkennen. Ich bin mit Radio voll auf der Nase gelandet/gefallen und es ist nichts für mich. Nicht mehr! Ich bin so verwirrt, hab mein Leben nach genau diesem Traum ausgerichtet und jetzt steh ich da und brauche Hilfe. Mir konnte bisher niemand helfen und ich denke: „Wenn wirklich jeder zu deiner Situation sagt „weiß nicht“ oder „musst du wissen „ oder bescheuerte witz-Vorschläge kommen, dann muss ich jemanden zurate ziehen, der sich besser auskennt.“ Ich kann mir selbst nicht helfen, aktuell jedenfalls nicht, ich stehe auf der Stelle.

Mein Freund ist in der Medienbranche. Ich würde diese Branche niemandem mehr empfehlen, so aber nur meine Erfahrung und was ich gehört habe (auch von fen großen Sendern).
Ich sehe mich nicht am Fließband und ich liebe Kontakt mit Menschen, aber nicht im verlogenen Callcenter. Sorry, dass ich Aggro bin, es macht mich alles so wütend...

Danke für alle Antworten! [*]
sweetsucette
Neuling
 
Beiträge: 12
Registriert: Fr 4. Mär 2016, 17:10

Re: Als Akademikerin im Callcenter

Beitragvon DesdiNova87 » Do 12. Okt 2017, 21:19

Ein ganz pragmatischer Ratschlag von mir ist, sich bei der zuständigen Industrie- und Handelskammer zu melden. Dort kannst du telefonisch einfach mal ganz locker das Gespräch suchen, und vlt geht es dir so wie mir, dass sie eine Umschulung im Angebot haben, die für dich in Frage kommt. Habe Geschichtswissenschaft und Anglistik studiert und schule jetzt zum Industriekaufmann (mit Zusatzqualifikationen) um. Stressig ist das allerdings auch allemal, das kannst du mir glauben!

Und was die Psychologen angeht: Denke es ist nicht ungewöhnlich, dass man einige Frösche küssen muss, bevor man den/die passende findet. Nicht aufgeben mit der Suche!
Benutzeravatar
DesdiNova87
Full Member
 
Beiträge: 113
Registriert: Di 6. Jun 2017, 21:45

Re: Als Akademikerin im Callcenter

Beitragvon Libbie » Fr 13. Okt 2017, 13:44

Hallo!

Ich glaube, es wäre wichtig erst mal zu wissen, wo du hin willst, nur dann kannst du deinen Fluchtinstinkt in die Tat umsetzen.

Was wäre in deiner Lebenssituation eine Sache, die dich erfüllt und die machbar ist?

So klein dürften die Optionen doch gar nicht sein: Master machen in einem etwas anderen Feld, was besser passt, Bewerbungen für Online-Redaktionen oder solche Sachen, ich denke, da könnte einiges gehen, wenn du erst mal klar kriegst, was es denn sein soll...

Mir hat mal in einer ähnlichen Situation das Buch "Finde den Job, der dich glücklich macht" von Angelika Gulder sehr geholfen.

Alles Gute,
Libbie
sblätter
Libbie
Neuling
 
Beiträge: 8
Registriert: Mi 2. Aug 2017, 09:26


Zurück zu HS in Arbeit und Ausbildung

Wer ist online?

0 Mitglieder

cron