Sucht, Kopfkino und anderer Ärger

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Sucht, Kopfkino und anderer Ärger

Beitragvon Larc_Vincent » Sa 26. Feb 2011, 14:52

Es gab Zeiten, damals, nachdem ich aus Dortmund geflüchtet bin, dem Wahnsinn nahe und der Trunksucht verfallen, da stand noch die Scheidung von A. ins Haus, und ich war hineingeworfen in diese Riesenmetropole Hamburg, allein‘ auf weiter Flur. Das war das erste Mal, dass ich total alleine war und niemand mir meine Entscheidungen abnahm. Ja, es war die Hölle.

Ich kam damals in Bergedorf an. Bin mit dem Taxi hingefahren und habe mich lange nicht vom Fleck getraut, und so konnte dann R., bei der ich untergekommen war, mit mir anstellen, was sie wollte.

Etwas später hatte ich mich mit R. verkracht und kam mit B. zusammen, die ich in meiner Dorfwirtschaft in Sasel, wo dann wohnte kennengelernt hatte. Noch ein wenig später hatte ich meinen „Tiefsten Punkt“ bei der Sauferei, und endlich begann der lange Marsch zum Trockenwerden.

Nur, und jetzt kommt es: 7 Jahre Trockenheit sind nicht gleichbedeutend damit, dass jetzt auch der Kopf gesund ist. Viele Verhaltensweisen, die ich zuvor hatte waren jetzt nur klarer akzentuiert, z.B. das „sich einen Kopf machen“. Immer, wenn irgendein Schiet auftauchte, bedeutete das: 3 Tage Kopfkino, heutzutage mit Tinnitus. Früher platzten dann ja meine Hände auf und noch früher hatte ich Magenschmerzen, deshalb hatte ich mich ja auch auf Magenbitter eingesoffen.

Kopfkino, jooo, hatte ich laaaange mit zu kämpfen, ja eigentlich heute auch noch, nur dass ich heutzutage einige Denktechniken entwickelt habe, das es nicht gar zu schlimm wird. Standarts entwickeln, sage ich dazu. Wen ich z.B. etwas vorhabe, so eilen meine Gedanken auch schon in die Zukunft, und ich muss mich zügeln, und mir immerfort sagen: Das alles ganz anders komme wird, wenn ich erstmal dort angekommen bin, in dieser potentiellen Zukunft. Und das Kopfkino, wenn ich es abwenden will, wird es noch stärker; also sage ich mir: „Ich muss es auch aushalten können !“ Und dann ist es schon gar nicht mehr so unerträglich. Wie auch der Tinnitus umso unerträglicher ist, wenn ich dagegen ankämpfe. Dann habe ich mich auch noch mit Wu-Wei beschäftigt, aber darüber demnächst mehr.
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Re: Sucht, Kopfkino und anderer Ärger

Beitragvon Tammika » So 27. Feb 2011, 19:55

Lieber Larc_Vincent,

darf ich dich fragen wie du es geschafft hast "trocken" zu werden. Was meinst du genau mit Kopfkino, ein Gedankenkarussel, Gedanken in die man sich hineinsteigert?

Liebe Grüße

Tammi
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Re: Sucht, Kopfkino und anderer Ärger

Beitragvon Mohnblume » So 27. Feb 2011, 20:18

Lieber Larc_Vincent,

ich gratuliere dir zu deinen 7 Jahren Trockenheit ! Es ist eine Riesenleistung, mit dem Trinken aufzuhören.
Und ja, die Arbeit fängt dann eigentlich erst an.

Viele Grüße,
Mohnblume
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Re: Sucht, Kopfkino und anderer Ärger

Beitragvon Larc_Vincent » So 27. Feb 2011, 21:38

Tammika hat geschrieben:Lieber Larc_Vincent,

darf ich dich fragen wie du es geschafft hast "trocken" zu werden. Was meinst du genau mit Kopfkino, ein Gedankenkarussel, Gedanken in die man sich hineinsteigert?

Liebe Grüße

Tammi


Ja, nun, liebe Tammi, trocken geworden bin ich eigentlich, weil ich meinen tiefsten Punkt erreicht hatte, das ist der Punkt, wo man morgens aufwacht, und man weiß nicht, wo man eigentlich her kam, wo man war, was man so getrieben hat. Wenn man merkt, dass alles Trinkbare fort ist, das Geld alle, und man hat nur Leere im Schädel, und Panikattacken, und man denkt so: Wenn ich damit weitermache, dann werde ich wahnsinnig. Vielleicht ist auch bald die Wohnung weg ...Ich habe gezittert und bin ins Bad gekrochen, auf allen Vieren, um mir Wasser aus dem Hahn zu schöpfen ... Panik, Panik ..... ja, habe das ein wenig beschrieben bei http://www.rainer-fauth.de/seiten/alkohol/meinegeschichte.htm
Bis einmal ich so kaputt und fertig war, dass ich schwor, das nie wieder zu tun, und eine Woche später war ich wieder unterwegs, vorher hatte ich ja nur 6 Magenlikör getrunken, dann ein Six-Pack Bier und dann war ich nochmal losgegangen, und bin in der einen Kneipe vom Barhocker gefallen in der nächsten die Kellertreppe runter. Ich wachte auf und hatte Panik. Mein Handy hatte ich leer gesimst mit Beleidigungen an meine Freundin, und als ich zitternd in meinem Zimmer aufwachte war nur noch blankes Entsetzen, weil sich alles irgendwie verselbstständigt hatte, ich wusste gar nicht, wie ich den ganzen Mist hatte tun können, es schien, als habe ich gar keine Kontrolle mehr über mich selbst. Ich war dem Wahnsinn nahe. Und ich hatte gottseidank endlich meinen tiefsten Punkt erreicht.


Meine damaliger Lebensgefährtin und heutige Ehefrau hat dann gesagt, dass ich süchtig sei. So hatte ich das noch nie betrachtet, ich hatte immer gedacht, ich können nur nicht maßhalten. Ich bin dann zur Suchtklinik nach Hamburg-Ochsenzoll gefahren und habe mich für eine Therapie angemeldet.

Und Kopfkino, ja und Gedankenkarussel, da habe ich immer wieder dieselben blöden Gedanken, dass das, was ich tun muss oder vorhabe sowieso in die Hose geht. Immer wieder, immer wieder, den ganzen Tag, vor dem Schlafen ....Da ist das ganz besonders schlimm.
Und ich dachte dann, wenn man gar nichts denken könnte ....<Gedankenstille...> Aber heute weiß ich, dass es besser ist auch mal aushalten zu können.
Ich beschreibe das auf meinem Blog http://chantao.wordpress.com/lebenshilfe/
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Re: Sucht, Kopfkino und anderer Ärger

Beitragvon Rose » So 27. Feb 2011, 22:03

Lieber Lars_Vincent,
wenn ich einen Hut hätte ,würde ich ihn vor dir ziehen.

Ich bin in einer alkoholkranken Familie groß geworden,ich kenne solche Geschichten.
Nur sind sie anders ausgegangen.

Liebe Grüße
die Rose
Wenn ich mein Leben nochmals leben könnte.
Ich würde mehr Gänseblümchen pflücken.
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Re: Sucht, Kopfkino und anderer Ärger

Beitragvon Larc_Vincent » So 27. Feb 2011, 22:25

Ich habe so eine "den-Po-nicht-hochbekomm-Mentalität", ich habe immer für alles uuuunwahrscheinlich laaaaange Zeit, und "auf-den-letzten-Drücker" funktioniere ich immer am Besten und kreativsten. Wenn ich zu dieser letzten Eigenart mehr Vertrauen hätte, bräuchte ich kein Kopfkino zu haben. Darüber hinaus jedoch hat diese Einstellung auch den Vorteil, dass die Überlebensautomatik unwahrscheinlich toll ausgelegt ist bei mir, wenn ich nur muss.... _reib_
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Re: Sucht, Kopfkino und anderer Ärger

Beitragvon Tammika » Mo 28. Feb 2011, 09:14

Lieber Larc_Vincent,

danke für deine Offenheit, mich interessiert die Geschichte persönlich sehr. Jetzt muss ich allerdings zur Arbeit und ich werde mir heute Abend die Zeit nehmen mich genauer einzulesen.

Sei stolz auf dich, dass du es geschafft hast.

Liebe Grüße

Tammi
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Re: Sucht, Kopfkino und anderer Ärger

Beitragvon engel0421 » Sa 8. Okt 2011, 17:37

Hallo larc-Vincent,
ich bin neu hier und erst jetzt auf Deine Geschichte gestoßen.Und irgendwie war ich erleichtert,nicht allein zu sein.Und das dieses sehr heikle Thema auch angesprochen wurde.
ich selber befand mich auch jahrelang in diesem Karussel und habe es allein rausgeschafft.Denn der Teufelskreis war unaufhörlich...abwärts.ich habe dadurch auch viel verloren.Aber aus Erfahrung weiß ich,daß manche Dinge nur zu ertragen waren,damals, mit Alkohol.In erster Linie die Schmerzen und die Einsamkeit.
Irgendwann habe ich gemerkt,daß das Zeug mir das Leben noch schwerer machte,sogar die Emotionen verstärkte.
Ich kann Dich gut verstehen und ziehe den Hut.
LG engel0421
Die Vergangenheit kann ich nicht ändern.Aber ich bereue zutiefst.Die Zukunft kenne ich nicht,aber sie kann nur besser werden.Die Gegenwart,das HIER und JETZT,ist das Einzige,was zählt.Jeder Moment.Und der ist schön.
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Re: Sucht, Kopfkino und anderer Ärger

Beitragvon Larc_Vincent » So 9. Okt 2011, 15:07

8 Jahre Trockenheit, liebe Freundinnen und Freunde, das ist nur ein Genesungsprozeß, der jetzt so langsam Früchte trägt. Erst vor einem Vierteljahr kam ich darauf wegen meiner Bein- und Fußbeschwerden, die ich schon mein ganzes Leben habe, und wo ich in der letzten Zeit nur noch mit Schmerzmitteln leben konnte, zum Orthopäden zu gehen; jetzt habe ich orthopädisches Schuhwerk und laufe auf Wolken. Erst vor 3 Wochen kam ich darauf mich auf meine Feindseligkeit behandeln zu lassen, vorher wollten alleMenschen mir nur Böses und ich hatte keinerlei Akzeptanz. Ich war der Mittelpunkt des Universum und stets im Recht. 8Jahre sind wirklich keine lange Zeit. Es ist eine Abfolge von HEUTES in denen ich immer wieder trainiere zu leben.
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Re: Sucht, Kopfkino und anderer Ärger

Beitragvon Hasi » Fr 18. Mai 2012, 14:18

mit gedankenkarussell oder kopfkino hab ich auch so meine probleme ...

ich bin noch am üben, wie ich das abstellen und vermeiden kann... :(
Hasi
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