Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

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Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Träumerle » Di 20. Mär 2018, 00:51

Hallo zu später Stunde...

Ich habe durch die Suchfunktion nichts zu dem Thema entdeckt, sonst bitte verschieben.

Ich bin zarte 15 Jahre alt und müsste mit meinem Alter doch, wie andere immer sagen, "so richtig durchstarten" oder "es krachen lassen". Aber ich möchte nicht. Unsere heutige Zeit ist mir fremdartig, sie erscheint mir nicht passend. Ich lehne das Prinzip unserer heutigen Gesellschaft - "höher, schneller, weiter" strikt ab. Es fehlt an Kontinuität und an Kontrolle. Andere würden sagen, ich spinne wohl - mit 15 so etwas zu behaupten. Aber es stimmt.

Seit ca. sieben Jahren ist es da, dieses Gefühl, dass ich hier vollkommen falsch bin. Dass ich kein guter Vertreter unserer heutigen Zeit bin. Aber erst kürzlich ist mir dies bewusst geworden. Die ganze Welt ist anders als früher - oberflächlich, voller Aufregung und viel zu modern. Zu viele Reize, die es früher gar nicht gab. Man wird täglich mit irgendwelchen Selbstmordattentätern, der neuesten Software von Windows und Facebook-Videos konfrontiert. Ich mag keine Veränderungen oder Neuheiten. Dazu stehe ich auch. Irgendwie fühlt sich mein Gehirn so an, als wäre es schon vierzig Jahre alt durch all die Erfahrungen, Informationen und Menschen, die ich im Laufe meines Lebens (kennen)gelernt habe. Gedanklich fühle ich mich immer noch stark mit der Vergangenheit verbunden. Ich kann und will unsere heutige Zeit nicht so akzeptieren. Es fehlt an Emotionen, Langsamkeit, Ruhe und irgendwie an einer "Echtheit". Ich hoffe, ihr versteht ungefähr, was ich meine.

Ich kann der Zeit, wie sie jetzt ist, nichts abgewinnen. Ich habe zwar auch glückliche Tage, schöne Erlebnisse, auch in dieser Zeit. Doch sie fühlt sich einfach nicht so echt und warm an, wie die Vergangenheit. Unsere jetzige Zeit empfinde ich gewissermaßen als kalt und oberflächlich. Alles ist zu rasant, zu hektisch und die Informationsflut, der wir tagtäglich ausgesetzt sind... Ich wurde 2002 geboren. Trotzdem sind mir die 90-er sympathischer als das Jetzt. Sogar noch frühere Jahrzehnte erscheinen mir attraktiver, als diese Zeit. Ich wäre liebend gerne 20 oder 30 Jahre früher geboren. Keine Smartphones, keine sozialen Medien, keine Terroranschläge, keine Alexa. Es klingt so verlockend. Und deshalb fühle ich mich fremd in der heutigen Zeit. Ich fühle mich jetzt nicht todunglücklich oder depressiv. Aber es ist und bleibt ein Gefühl, der Fremdartigkeit. Das hier ist nicht die schönste Zeit. Und je mehr die Technik und die Erderwärmung voranschreiten, je mehr die Zeit an sich voranschreitet, desto stärker wird das Gefühl.

Schon öfter spielte ich mit dem Gedanken, alles aufzugeben und ein Leben ohne Kontakt mit den Medien anzufangen. Ein Leben wie damals - vor 10 oder 20 Jahren. *seufz*

Mir fehlt einfach dieser Zauber, dieser Reiz, dieses gewisse Etwas, welches ich von früher noch kenne, aber heute verblasst ist.

Kennt noch wer dieses Gefühl, dass einem die heutige Zeit so fremd vorkommt? Ich freue mich auf Meinungen, Anregungen und sonstigen Austausch.

Liebe Grüße,
Träumerle
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon schwarz » Di 20. Mär 2018, 12:14

Hey Träumerle,

dieses Gefühl kenne ich nur zu gut...und ich durfte noch mehr dieser tollen Jahrzehnte erleben...aber eben auch nicht genug...drum fühle ich mich auch zu spät geboren...
Doch was nützt es? Da gibt es diese wahren Worte von Sartre: „Sicher gibt es bessere Zeiten, aber diese ist die unsere“...und genau so ist es. Es bringt nichts an der Vergangenheit zu kleben, so sehr ich auch die Sehnsucht nach dieser Zeit habe...sie wird nie wieder kommen.

Und ja, man kann sich sein Leben so einrichten, dass es noch etwas langsamer vonstatten geht...sich dabei von allem abzuschotten, wäre dabei allerdings nichts für mich...aber diese Entscheidung muss jeder für sich selber treffen. Es ist auch wichtig, den Fokus immer wieder auf das zu lenken, was die heutige Zeit auch an Schönem ermöglicht. Somit kannst Du z.B. hier im Forum schreiben, ich war am Samstag auf nem super geilen Konzi, von dem ich ohne Internet gar nix mitbekommen hätte usw. ...

Und das einzige, das wir wirklich haben, ist nun mal nur das Hier und Jetzt.
Und Emotionen, Echtheit und Ruhe werden nie ganz verloren gehen und Du kannst sie für Dich hochhalten und wirst ganz sicher immer wieder auf Menschen treffen, die es Dir gleich tun.

Stay tuned.
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Neongrau » Di 20. Mär 2018, 18:28

Hallo Träumerle,

mir geht es im Ansatz genau so wie dir, mit der Einschränkung dass sich meine Unzufriedenheit deutlich mehr auf die Zukunft, die uns als Gesellschaft ausgemalt wird, bezieht. Geboren wäre ich auch sehr gerne deutlich früher, wobei ich noch das Glück hatte in einem eher Technik-unaffinen Elternhaus aufzuwachsen, weswegen meine Kindheit noch von den ganzen technischen Fortschritten verschont geblieben ist, und ich bin sehr froh darum. Schockierend war für mich die Erfahrung meines Bundesfreiwilligendienstes in einem Kindertagesheim, weil ich dort erst richtig mitbekommen habe, wie viel sich vom Leben von 8 bis 12-jährigen heute schon auf Instagram, Snapchat, WhatsApp und Facebook abspielt. Diesen Dingen gegenüber bin ich auch eher abgeneigt, wobei man ja oft gesellschaftlich zumindest zu einem kleinen Maß davon genötigt wird.

Wenn ich aber an die Zukunft denke, in der die Totalüberwachung durch Technik irgendwann Realität sein wird, oder selbstfahrende Autos mit einprogrammiertem Ethikverständnis durch die Straßen rollen, wird mir sehr mulmig zumute. Und leider weiß ich wovon ich rede - paradoxerweise mache ich gerade ein duales Studium der Informatik in einem großen IT-Unternehmen, und entwickle praktisch genau diese Zukunft mit, was mir total übel aufstößt. Auf Dauer will ich unbedingt was anderes machen. Schockierend ist es trotzdem, wie wenig diese Menschen dort Themen wie Datenschutz oder Privatsphäre interessieren.

Tatsache ist letztendlich, dass man die Uhren nicht zurückdrehen kann, und damit muss man irgendwie leben. Aus diesem Grund habe ich wie du sehr viele Fantasien und Pläne, später mal ein Leben abseits dieser fremdartig erscheinenden Welt zu führen - irgendwo auf dem Land oder in einer Abgeschiedenheit. Wahrscheinlich gehören wir eher zu den Menschen, die Veränderungen generell kritisch oder skeptisch gegenüberstehen, und da ist es egal ob man 15, 35 oder 75 Jahre alt ist. Älter als ich bin fühle ich mich daher aber allemal auch.

Viele Grüße,
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Träumerle » Di 20. Mär 2018, 23:17

Hallo schwarz und Neongrau,

Danke für eure ausführlichen Antworten.

Könnt ihr einen chronologischen "Cut" erkennen? Also wo, bzw. wann hat für euch diese Zeit angefangen? Bis zu welchem Jahr war die Welt noch so, wie ihr es euch gewünscht habt? Bei mir liegt der Cut ca. im Jahr 2011. Das mag auch persönliche Gründe haben, liegt aber sicher auch daran, dass es die Zeit war, wo der Wirbel um Smartphones, soziale Netzwerke und Co. anfing. Und klar - auch vor 10, 20 und auch vor 100 Jahren gab es Mord, Hungersnot, Armut, Krieg und Konflikte. Fakt ist auch, dass ich auch früher natürlich Tage hatte, wo ich krank, traurig, wütend oder sonst irgendwie schlecht drauf war. Nein, daran liegt es nicht. Es hat für mich andere Ursachen, u. a. eigene Lebenserfahrungen, aber auch die Digitalisierung. Gegen Fernsehen habe ich nichts, gibt's seit meiner Kindheit und auch schon in der Kindheit meiner Eltern. Und ja - ich besitze ein Smartphone, ein Tablet und nutze eben auch das Internet. Trotzdem kann ich nicht verstehen, wie andere ihre Geräte vergöttern. Im Urlaub verzichte ich so gut wie ganz auf jeglichen Bildschirm - generell benutze ich sie nur zu Hause.

Ich hatte Tränen in den Augen, als meine Oma letztes Jahr zu ihrem Geburtstag eine "Amazon Alexa" bekam. Meine Kindheit beinhaltet viele Erinnerungen mit eben meinen Großeltern und ihrem Haus und es war damals doch so schön. Ich weiß, es klingt total dämlich, aber diese Alexa, die da jetzt in ihrem Wohnzimmer steht, hat meine Träume und meine Hoffnung, wenigstens bei meiner Oma Ruhe vor der Moderne zu haben, zerstört. Jetzt würden andere kommen und sagen: "Das ist doch total praktisch!". Ich würde darauf antworten: "Als es sowas noch nicht gab, haben wir uns auch gut zurecht gefunden und es auch nicht vermisst." Die Technik gewinnt die Oberhand und das darf sie in meinen Augen nicht. Früher war sie Nebensache; sie war zwar da, aber nicht in dem Ausmaß und sie hat uns auch nur am Rande mal gedient. Es hat alles keinen Charme mehr, so wie es jetzt ist. Selbst, wenn ich gerade keinen Bildschirm von der Nase habe, merke ich, wie die ganze Welt eine Art "Auraveränderung" durchlebt. Sie war früher so einfach, so klar und heute ist sie eine vielschichtige, verwirrende und komplexe Welt ohne jeglichen Charme. Es ist so schwer, das in Worte zu fassen.

Doch klar habt ihr Recht, diese Zeit wird nie wieder kommen, vermissen werde ich sie aber ein Leben lang. Mein Herz, meine Seele ist immer noch dort zu Hause und durch meine HS spüre ich eben, wie sich die ganze Gesellschaft, das Leben an sich, zum Negativen verändert hat. Zwar versuche ich, das Beste aus der heutigen Zeit zu machen, aber es klappt nicht sehr gut.

@Neongrau: Da du ja die selbstfahrenden Autos erwähnt hast, ist hier ein Artikel über den ersten Tod, verursacht durch selbstfahrende Autos. Wo soll das noch hinführen? Kann die Menschheit sich nicht mal mit dem zufrieden geben, was sie hat, und nicht ständig "Verbesserungen" in Form von noch mehr Technologie raushauen?

Der Bericht: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/d ... 02443.html

Wie dem auch sei, ich danke euch für euer Verständnis und dass ihr sogar dieses Gefühl mit mir teilt.

Liebe Grüße,
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Neongrau » Mi 21. Mär 2018, 19:44

Hallo Träumerle,

Träumerle hat geschrieben:Könnt ihr einen chronologischen "Cut" erkennen? Also wo, bzw. wann hat für euch diese Zeit angefangen? Bis zu welchem Jahr war die Welt noch so, wie ihr es euch gewünscht habt?


Einen richtigen Einschnitt kann ich bei mir nicht erkennen, viel mehr war es eine Entwicklung, oder noch eher gab es diese Einstellung vermutlich schon immer in mir. Bei mir hat es aber auch spätestens in den Zeiten angefangen, in denen die Technik immer mehr präsent wurde - so 2009 oder 2010, als die ersten Schulkumpels ihre tollen Klapphandys von Nokia hatten. Ich bin der Technik zuerst auch verfallen und finde es schade, das meine Eltern mich da nicht mehr gebremst haben, aber spätestens so 2012 / 2013 wurde mir selbst bewusst, wie negativ ich mich dadurch veränderte, und spätestens dann lebte ich diese innere Einstellung auch, die ich vorher zwar oft in mir spürte, aber bis dahin nie durchsetzte (Gruppenzwang und so).

Träumerle hat geschrieben:Ich würde darauf antworten: "Als es sowas noch nicht gab, haben wir uns auch gut zurecht gefunden und es auch nicht vermisst." Die Technik gewinnt die Oberhand und das darf sie in meinen Augen nicht. Früher war sie Nebensache; sie war zwar da, aber nicht in dem Ausmaß und sie hat uns auch nur am Rande mal gedient. Es hat alles keinen Charme mehr, so wie es jetzt ist. Selbst, wenn ich gerade keinen Bildschirm von der Nase habe, merke ich, wie die ganze Welt eine Art "Auraveränderung" durchlebt. Sie war früher so einfach, so klar und heute ist sie eine vielschichtige, verwirrende und komplexe Welt ohne jeglichen Charme. Es ist so schwer, das in Worte zu fassen.


Ich weiß nicht ob man so pauschal sagen kann, die Welt wäre früher weniger komplex oder vielschichtig gewesen - dafür gibt es zunächst einmal gar kein subjektives Maß. Was du damit meinst weiß ich natürlich, und vermutlich wird uns die schon länger da gewesene Komplexität der Welt durch die drastisch erhöhte Verfügbarkeit von Informationen erst bewusst. Das alles ist aber immer auch eine subjektive Wahrnehmung die in Relation zu etwas steht - vor vielen Jahren nahmen die Menschen z.B. die Erfindung der Eisenbahn oder des Autos genau so drastisch wahr wie wir die heutige Veränderung.

Träumerle hat geschrieben:Doch klar habt ihr Recht, diese Zeit wird nie wieder kommen, vermissen werde ich sie aber ein Leben lang.


Die Zeit selbst wird nie wieder kommen, da hast du Recht. Bist du denn ähnlich nostalgisch veranlagt wie ich, vor allem auf deine Kindheit bezogen? Das wäre ja eine interessante Gemeinsamkeit und sicher auch ein Faktor für Gefühle dieser Art. Ich glaube, beziehungsweise hoffe inständig, dass man trotzdem später im Leben die Möglichkeit haben wird, sich so eine Zeit annährend wieder zu rekonstruieren - eben indem man etwa aufs Land oder in weniger von Technologie durchzogenen Gebiete zieht und sich zu Hause einfach einen Ort einrichtet, der ohne sowas auskommt. Ich war ja eine lange Zeit in Neuseeland, und wie die Menschen da teilweise auf Farmen leben fand ich schon faszinierend und auch nachahmenswert. Nichtsdestotrotz hat die Technik trotzdem auch ihre Vorteile - wir würden uns ohne sie gar nicht unterhalten. Und so ist es vielleicht später auch möglich, auf dem Land zu leben und trotzdem einen Job zu finden, den man vielleicht dank der Technik erledigen kann.

Träumerle hat geschrieben:Da du ja die selbstfahrenden Autos erwähnt hast, ist hier ein Artikel über den ersten Tod, verursacht durch selbstfahrende Autos. Wo soll das noch hinführen? Kann die Menschheit sich nicht mal mit dem zufrieden geben, was sie hat, und nicht ständig "Verbesserungen" in Form von noch mehr Technologie raushauen?


Hier muss man natürlich auch erstmal die andere Seite berücksichtigen - wie viele Menschen sterben jährlich unverschuldet in Autos durch betrunkene, rasende oder gaffende andere Autofahrer? Sowas finde ich mindestens genau so schlimm. An Beispielen wie dem Unfall mit dem selbstfahrenden Auto sieht man, dass Technik genau so fehlbar ist - und wenn sie eines Tages weniger Fehler macht als wir Menschen (das könnte sogar heute schon so sein), dann machen wir uns damit trotzdem total abhängig davon, auch mal abgesehen von diesem Beispiel. Die Technik unterstützt die Faulheit vieler Menschen, aber ich persönlich werde mir meine Unabhängigkeit in einigen Bereichen auch nicht nehmen lassen wollen. Wer darüber nicht nachdenkt oder damit keine Probleme hat, verfällt dem Fortschritt eben.

Viele Grüße,
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Orphée » Do 22. Mär 2018, 00:48

Hallo Träumerle,

bin ganz bei Dir. Kann zwar gut verstehen, warum man all die Vernetzungsmöglichkeiten nützlich und auch spannend finden kann, aber mir ist es längst zu viel des Guten und fremd geworden. Bin kein Verhaltensforscher, trotzdem aber eher skeptisch, ob die Vorteile die Nachteile überwiegen werden und glaube z.B., dass uns die viele Zeit, die wir mittlerweile im Internet verbringen nur noch weiter voneinander entfremdet. Aber wie "schwarz" schon schrieb, gibt es auch wirklich und so einiges Positives in Sachen Internet. Dieses Forum ist eines der besten Beispiele dafür und passenderweise habe ich eben gerade Karten für ein Konzert gekauft _grin_ Zurück... Gefühlt wäre mit Alexa in einem Raum für mich jede Privatsphäre futsch. Weiß nicht was ich gut daran finden soll und letztlich ist sie auch nichts anders, als ein Teil der Konsummaschinerie, die genau diesen vorantreiben soll. Als ob es um nichts anderes mehr geht!? Für mich wird die Welt damit nur noch künstlicher. Unterm Strich ist es alles optional, wie wir im Einzelnen unsere Leben mit wie viel Technik führen. In anderen Ländern hat man diese Entscheidungsmöglichkeiten nicht und vieles anders noch weniger und da dürfen wir glücklich darüber sein auf "diesen" Fleckchen Erde leben zu können. Aber immer wieder schön zu sehen, dass es Gleichgesinnte gibt. Übrigens... ich fahre unglaublich gerne Auto... selbst.

Viele Grüße Dir/Euch!
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Träumerle » Fr 23. Mär 2018, 13:32

Hallo und vielen Dank für die ausführlichen Antworten.

Ich finde es äußerst interessant, Neongrau, dass dieser "Cut" bei uns fast perfekt übereinstimmt. Mir persönlich kommt die Welt seitdem so künstlich vor. Ja - künstlich - der Begriff beschreibt es gut. Gerade gestern Abend wieder mal eine Erfahrung dieser Art gemacht und das wird immer häufiger. Die Menschen - auch ältere - verfallen der Technik immer mehr. Ich bin für so etwas einfach viel zu konservativ. Mittlerweile habe ich auch meinen Fernsehkonsum ziemlich stark reduziert, denn ich habe ja noch das Internet, insbesondere das Forum hier. Dazu noch ständig vor dem Fernseher zu sitzen wäre einfach zu viel für mich.

Auch an dich ein großes Dankeschön, Orphée. Das Internet hat natürlich den Vorteil, dass wir miteinander schreiben können und auch zum Beschaffen von Informationen ist es hervorragend. Dennoch weiß ich einfach, dass es mir ohne das alles am besten geht. Was nicht heißt, dass ich nun aufhören werde, das Internet zu nutzen. Mein "wahres" Leben ist aber fernab jeglicher moderner Technik. Soll heißen, sie nimmt lediglich einen kleinen Teil meines Lebens ein und das soll auch definitiv so bleiben. Wenn ich daran denke, was und wie viel Altersgenossen damit anfangen, wird mir ganz anders.

Aber...

...ich glaube nicht, dass allein die Technik für das alles verantwortlich ist. Selbst, wenn der technische Fortschritt vor zehn Jahren stehen geblieben wäre - ich glaube nicht, dass es damit schon getan ist. Ich spüre, dass da mehr dahintersteckt. Auch ohne die neueste Technik hätte ich wahrscheinlich dieses Gefühl der Fremdheit, da ich ja ein richtiges Gefühl erwähnte, dass manchmal in mir hochkommt. Sicher spielen auch Ereignisse und Erfahrungen imeinem Leben eine Rolle. Und dann ist da noch diese Auraveränderung, der Welt, wie ich sie oben beschrieben habe. Für mich hat vor sieben Jahren eine neue Ära angefangen. Ich gehe mit anderen Augen, anderen Gedanken und Gefühlen durch die Welt. Das Gefühl von echter, unverfälschter Geborgenheit, das ich die ersten neun Jahre meines Lebens genießen durfte, fehlt einfach. Es kommt mir wirklich so vor, als hätte jemand die Welt verzaubert, sodass ich/wir sie anders wahrnehmen (jetzt kommen wir schon ins Spirituelle).

Woher kommt das? Wieso ist es so gekommen? Kann man das rückgängig machen?

Fragen über Fragen...

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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Neongrau » Fr 23. Mär 2018, 20:37

Hallo Träumerle,

diese Übereinstimmung bei uns ist allemal interessant, wobei ich vermute, dass das eher Zufall als ein bestimmtes Ereignis in der Welt war, dass diesen Cut verursacht hat. Bei mir war das zur gleichen Zeit wie der Beginn meiner übelsten Pubertätsphase und Existenzkrise, und was du später zu dem Wegfall dieser absoluten Geborgenheit schreibst kenne ich von damals auch noch sehr gut. Ich habe zu dieser Zeit langsam bemerkt, dass meine behütete und geborgene Kindheit langsam ein Ende nimmt, und mit dieser Erkenntnis verändert sich natürlich auf Dauer die gesamte eigene Wahrnehmung der Welt - als wäre sie plötzlich verzaubert. So in etwa habe ich das auch wahrgenommen, als hätte mir jemand diese Fähigkeit zu ausnahmslosem Glücklichsein genommen. Das Gefühl in der heutigen Zeit fremd zu sein hängt sicher nicht nur mit einer konserativen Grundeinstellung, sondern auch mit einer solchen Erfahrung zusammen. Und wie du denke ich auch, dass dieser Cut, wäre ich 10 Jahre früher geboren, auch zur selben Zeit gekommen wäre - Veränderung ist ja immer in Relation zum vorherigen Zustand zu sehen.

Die Technik ist wie gesagt auch ein Segen, aber ich empfinde die mit ihr verbrachte Zeit auch als deutlich weniger "lebendig" (oder wie man das nennen mag) als die Zeit, in der man wirklich in echt mit Menschen zusammenkommt, oder vielleicht auch alleine irgendetwas macht, was einem das Gefühl der Lebendigkeit gibt. Eines meiner Lieblingszitate passt zwar nicht genau dazu, aber erinnert hat mich das Thema nun trotzdem daran: "Simply because you can breathe doesn't mean you're alive, or that you really live." Und dieses wirklich Leben und nicht nur Existieren ist seither auch ein großes Thema in meiner Gedankenwelt, das mir nun auch Schwierigkeiten bei der Wahl meiner Berufsausbildung einbrockt.

Ob man das rückgängig machen kann? Sollte es wirklich mit dieser kindlichen Geborgenheit zusammenhängen, dann vermutlich nicht - vielleicht bleibt uns die Welt immer ein Bisschen fremd. Aber man muss ja auch nicht alles verstehen. Und solange man sich selbst sein Leben als eine Insel im Ozean dieser unverständlichen Welt schaffen kann, hat man schon viel erreicht - in der Zeit zurückreisen werden wir wohl nie können (Und wenn ja, wöllte man das?). Am Ende steht mit Sicherheit ein Stück weit Akzeptanz oder Resignation dieser unabwendbaren Veränderung gegenüber.

Viele Grüße,
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon DesdiNova87 » Sa 24. Mär 2018, 04:18

Hallo,

Ich schalte mich auch mal dazwischen, mit einem etwas anderem Input.

Mich hat es als junger Erwachsener auch immer ungemein interessiert, wie es früher wohl so war. Ich habe dann Geschichte an der Uni studiert, um die wichtigsten Fragen für mich zu beantworten.

Meine Sichtweise ist inzwischen, dass das menschliche Gehirn sich an die jeweils aktuellen Geschehnisse anpasst. Was wir heute als modern empfinden wird sehr bald wieder total altmodisch sein.

Ich spreche in Zeiträumen von Generationen, also mehr als ein einzelner Mensch sich vorstellen kann.

Beispiele gibt es z.B. in der militärischen Seefahrt. Nehmen wir das Flaggschiff HMS Victory von Admiral Nelson in der Schlacht von Trafalgar. Ein Segelschiff aus Holz. Besatzung stolze 850 Mann. Wie wird dieses Schiff auf Zeitgenossen gewirkt haben, wenn es am Hafen angelegt hat und all die Matrosen da runterkommen? Das Flaggschiff einer globalen Militärmacht.

Wie wirkt es heute auf uns?

Im 19ten Jahrhundert kamen die Panzerschiffe, und im ersten Weltkrieg dann die Dreadnoughts. Heute sind es die Flugzeugträger. Kleine Städte die auf dem Meer schwimmen. Wie wirken diese auf uns? Wie werden sie auf Vertreter der Generationen nach uns wirken, wenn dann wiederum überlegene Waffengattungen diese Behemoths unnütz erscheinen lassen?

Mein Rat ist ganz klar, den Zeitgeist und die zeitlichen Erscheinungen so zu nehmen wie sie halt kommen. Hier wird z.B. von Terroranschlägen gesprochen. Fürher gab es halt in der Walachei Vlad den Pfähler, der ganze Wälder von gepfählten Menschen hat aufstellen lassen. Weitere Beispiele erspare ich mir jetzt.

Die Geschichte der Menschheit ist geprägt von Grausamkeiten, und auch die Zukunft wird es sein. Das ist keine schöne Wahrheit. Die Frage ist, ob man damit umgehen kann und sich damit beschäftigt, oder ob man davor den Rücken kehrt und es ausblendet. Da muss jeder sich selbst einschätzen können.

Ich selbst habe mich immer für den Krieg interessiert. Ich habe mir auch schon oft gewünscht, dass es nicht so wäre. Für viele ist ein solches Interesse bestimmt nicht nachzuvollziehen.

Beim Betrachten von Machtstrukturen und kriegerischen Handlungen wird einem aber umso klarer, dass sich die Zeiten nicht großartig geändert haben.

Ja, unser Alltag in den Städten ist um eine digitale Scheinwelt erweitert worden. Aber wir heizen immer noch mit Kohle und kochen immer noch mit Wasser. Der Großteil unserer Autos fährt immer noch mit fossilen Kraftstoffen.

Ich denke es sind eher die Kleinigkeiten, die sich momentan ändern, und dass man auch nicht jede schwachsinnige Entwicklung mitmachen muss.

Ich glaube es wichtiger, dass man imstande ist, die Zeichen seiner Zeit zu lesen und zu seinem Vorteil zu nutzen.

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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Träumerle » Di 27. Mär 2018, 00:15

Hallo DesdiNova,

auch mal eine kritischere Antwort, warum nicht...

Du hast in allen Punkten Recht und argumentierst sachlich. Doch ich möchte nicht die Digitalisierung als alleinigen "Übeltäter" verantwortlich machen. Sie ist zwar auch ein wichtiger Punkt in der Sache, keine Frage. Allerdings sind es auch die daraus resultierende Informationsflut und die steigende Lebenserfahrung, die die Zeit eben zu der Zeit machen, die eben nun mal gegenwärtig ist. Mir raucht ständig der Kopf, von all den Dingen, die ich wie ein Schwamm aufsauge. Früher lernte ich langsamer, das heißt, das Sammeln von Informationen, von Eindrücken und Erfahrungen spielte eine Nebenrolle. Heute betrachte ich es als Masseneindrücke, da mich Tag für Tag neue Informationen erreichen - das ist erst seit ein paar Jahren so. Das ständige Verarbeiten und Reflektieren ist zwar wichtig, doch auch da gibt es Grenzen. Ich persönlich halte es für unmöglich, das Leben genießen zu können, wenn man ständig mit Neuigkeiten bombardiert wird - ausgelöst durch die Moderne. Unserer Zeit fehlt es an Bodenständigkeit, Gemütlichkeit und Kontinuität. Alles rauscht an mir vorbei und ich frage mich, wie lange ich das noch durchhalten kann. Und da ist wieder diese Tatsache: Ich bin nicht für diese Zeit gemacht.

Außerdem darf man nicht dieses gewisse, nicht greifbare Etwas nicht außer Acht lassen, das das "Heute" gefühlsmäßig stark verzerrt. Ich weiß nicht, was es ist. Was ich weiß ist, dass ich zu sensibel für unsere heutige Zeit bin und daher möglichst oft aus dem Alltag flüchte - da verbanne ich sämtliche moderne Geräte und Methoden und nach Möglichkeit auch allen Stress und Gedankenstrudel. Denke ich intensiv an diese Zeit zurück, oder siehe, höre oder rieche ich etwas von damals, kann ich mich nahezu perfekt in diese sorgenlose Atmosphäre der "guten alten Zeit" hineinversetzen. Klar, die Welt war immer voller Sorgen. Wie lange gibt es schon Krieg? Wie viele Verbrechen geschehen täglich? (...) Doch die Vergangenheit hatte eine Art magische Aura, eine geheimnisvolle (im positiven Sinne) Ausstrahlung und war so freundlich und einladend. Da haben pure Logik und Fakten als Argumente keinen Platz für mich.

Zusammenfassend: Es ist nicht nur die Technik. Es ist auch etwas, was ich mir nicht erklären kann. Etwas nicht greifbares, sondern etwas eventuell sogar Übermenschliches. Vielleicht kommen wir mal ein bisschen weg von der Technik-Theorie, welche ich zwar bestätigen kann, doch mich beschäftigt vor allem die Ausstrahlung der Zeit und wie sich diese verändert hat. Hierbei muss die Zeit sozusagen personalisiert werden und man sich dann vorstellen, wie die Person ihre Ausstrahlung, ihr Auftreten (z. B. gegenüber anderen) verändert.

Aber ich danke dir nichtsdestotrotz auch für deine Antwort, sie hat das Ganze prima erläutert.

Liebe Grüße,
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