Hallo ihr Lieben
Ich bin inzwischen 19 Jahre alt, lebe in der Schweiz und bin auf der Suche nach mir selbst.
Seit ich denken kann, war ich immer das "Sensibelchen". Ich war als Kind sehr ruhig und zurückgezogen, hatte oberflächlich schon ein paar wenige Freunde, aber niemanden, dem ich mich wirklich verbunden fühlte.
Ich hatte bereits als kleines Mädchen das Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmt und dass ich in dieser Welt keinen Platz habe. Aber ich habe immer versucht, mich anzupassen und mit den anderen "mitzuhalten". Ich denke auf eine Weise ist mir das relativ "gut" gelungen. Die Folge ist jedoch, dass ich das Gefühl habe zwei Menschen in mir zu haben. Jetzt, wo ich ein bisschen älter bin, versuche ich mir selbst treu zu sein - aber ich habe den Bezug zu mir selbst irgendwie verloren. Oft bin ich einfach nur durcheinander, aber manchmal habe ich das Gefühl auch wieder ganz nahe bei meinem Selbst zu sein. Es ist sehr verwirrend und mir fehlen die Worte zu beschreiben, was ich empfinde.
Irgendwann bin ich auf den Begriff "Hochsensibilität" gestossen. Ich habe das Buch "Zart besaitet" gelesen und mich in sehr, sehr vielen Dingen wiedergefunden
Mich quält nun jedoch eine Frage.
Den Test zur Hochsensibilität habe ich breits drei Mal im Abstand von mehreren Monaten gemacht und jeweils eine Punktzahl von 280 erreicht. Den Test habe ich gemacht, weil meine Ärztin und eine Psychologin mich auf das Thema Hochsensibilität gebracht haben. Wir waren damals auf der Suche nach dem Grund für meine Magersucht. Wenn man also das Testergebnis anschaut, dann wäre es glaube ich vollkommen klar, dass ich hochsensibel bin.
Ich getraue mich jedoch noch nicht, das auch wirklich für mich anzunehmen, weil ich Angst habe, dass ich mir das nur einrede. Es ist nämlich so, dass es auch Tage gibt, an denen mir Lärm oder grelles Licht nichts ausmachen. Ich habe bereits sehr lange das Gefühl, dass ich um mich herum eine Art Mauer gebaut habe, die mich vor gewissen Dingen schützen soll. Es ist nun aber so, dass die nicht ganz wirkt. Viele Dinge, vor allem negative Gefühle im Umfeld usw., dringen trotzdem zu mir herein. Und dennoch habe ich manchmal das Gefühl ein kalter Klotz zu sein, weil ich meine Gefühle nach aussen kaum zeigen kann.
Je nachdem wie es mir gerade geht, fällt es mir leichter oder schwieriger Gefühle zu zeigen oder mich der Welt zu öffnen.
Ist das normal? Kann es sein, dass ich im Laufe der Jahre einfach gelernt habe mein wahres ICH zu unterdrücken? Und gibt es Hochsensible, die manchmal auf Umweltreize nicht sehr stark reagieren, weil sie gelernt haben sich gegen die Welt abzuschotten?
Vielleicht beschreibe ich mich kurz?
1. Perfektionistisch, im Sinne davon, dass ich mir selbst enorme Ansprüche stelle. Ich muss alles IMMER richtig machen, Fehler sind nicht erlaubt.
2. Nie zufrieden mit mir selbst, kann Lob nicht wirklich annehmen.
3. Ich komme mit Lärm und Trouble z.b in Städten nicht klar. Ich bekomme sehr schnell Kopfschmerzen, ich fühle mich sehr unwohl, die Menschenmassen machen mir Angst, die Gerüche verursachen eine innerliche Abstossung in mir, ich will so schnell wie möglich nach Hause. Aber trotzdem gehe ich hin und wieder in einer grösseren Stadt einkaufen, war auch schon in Paris (Sprachaufenthalt) und Vancouver (die letzten Tage meiner Kanada-Reise). Also da ging es mir nicht besonders, aber ich habe versucht das Beste daraus zu machen (oft hilft mir dabei die Naturstimmungen wie Sonnenlicht oder schöne Bilder und Sequenzen in der jeweiligen Stadt zu betrachten oder meine positiven Gefühle aufrecht zu erhalten (z.B wenn ich mich darauf gefreut habe mit meiner Mutter einzukaufen oder neue Bücher suche)
4. Ich fühle mich unglaublich unwohl an Partys, in Clubs, an Familienfeiern usw.
5. Ich bin eher eine Einzelgängerin. Obwohl ich es merkwürdigerweise mit allen Menschen gut habe und die mir auch praktisch alles über sich erzählen, bin ich lieber alleine, weil mir Kontakt mit anderen Menschen schnell zu viel wird.
Ich spüre immer diese feinen Nuancen und fühle mich allgemein sehr unwohl, wenn ich mit jemandem Small-Talk halten muss, weil ich immer das Gefühl habe Fehl am Platz zu sein.
6. Wenn ich einen Raum betrete oder einen Menschen anschaue, dann merke ich sehr schnell was vorgeht oder wie es ihm geht. Leider ist es so, dass ich meist vor allem die negativen Dinge spüre, egal wie winzig sie sind. Manchmal ist es auch so, dass ich klitzekleine Emotionen spüre, denen sich mein Gegenüber erst bewusst wird, wenn ich frage was los ist und dann noch nachhake. Ich habe glaube ich eine Art Radar für negative Gefühle.
7. Ich bin extrem schnell verletzt. Die kleinsten Fehler meinerseits bringen mich breits aus der Fassung und ich fühle in mir eine ohnmächtige Trauer. Wenn mich jemand ausnahmsweise einmal tadelt, dann reisst mir das beinahe ein Loch in die Brust. Die winzigsten Kleinigkeiten gehen mir noch tagelang nach und Fehler kann ich mir kaum verzeihen.
8. Ich habe extreme Emotionen, die ich leider kaum nach aussen zeigen kann, weil ich im Laufe der Jahre eine Art 2. Hülle um mich gebaut habe. Aber Gefühle verspüre ich innerlich sehr stark. Trauer zum Beispiel, erstickt mich beinahe, ich bekomme dann wirklich das Gefühl jemand zerquetsche meine Lungen und mein Herz. Wenn ich verletzt wurde oder einen Fehler gemacht habe, zieht sich in mir alles auf einen winzigen Punkt zusammen, so als wolle mein Körper und meine Seele von dieser Erde verschwinden. Wenn ich mich freue, dann fühle ich mich plötzlich ganz frei und leicht und unglaublich dankbar und glücklich, ich habe das Gefühl zu schweben.
9. Ich habe extreme Verlustängste.
10. Veränderungen in meinem Leben werfen mich komplett aus der Bahn. Das kann soweit gehen, dass bereits eine Planänderung an einem Tag, mich total umwirft und ich mich kaum davon erholen kann. Mir geht es am besten, wenn ich genau weiss, was auf mich zukommt und ich mich dementsprechend darauf vorbereiten kann. Wenn z.B ein Ausflug oder ein Fest ansteht, dann muss ich das vorher wissen, damit ich mich seelisch darauf vorbereiten und abgrenzen kann.
11. Mir fallen viele Dinge auf, die andere Menschen nicht sehen oder bemerken.
12. Kleinigkeiten, die mir schön erscheinen, können mich sehr tief bewegen. Z.b wenn ich morgens an der grossen Wiese vorbei gehe und die Tautröpfchen auf den Halmen in der Sonne glitzern.
13. Ich bin sehr wetterfühlig.
14. Ich habe (oder hatte) einen besonderen Draht zu Tieren und kann z.b etwas denken und das passiert dann auch. Leider hatte ich mit meinem Pferd einen Unfall, bei dem ich mir den Lendenwirbel gebrochen habe. Seitdem habe ich das Gefühl, dass ich an meine eigenen Gefühle v.a gegenüber den Pferden nicht mehr so gut rankomme. Das belastet mich sehr, weil ich immer ein Mädchen war, das jedes Pferd händeln konnte. Ich denke das hängt auch mit meinem Perfektionismus und meinem Kontrollzwang zusammen, ich habe einfach Angst einen Fehler zu machen und traue mir nun nichts mehr zu.
15. Ich bin leicht verletzlich und schnell krank. Ich bekomme von den kleinsten Schlägen gleich blaue Fletschen, habe sehr schnell Kopfschmerzen, ansonsten beinahe überall Schmerzen. Auch den Lendenwirbel habe ich mir sehr schnell gebrochen, obwohl der Sturz eigentlich gar nicht schlimm war.
16. Ich MUSS helfen. Selbst wenn es mir beschissen geht, kann ich nicht einfach liegen oder sitzen bleiben und nicht helfen. Wenn jemand ein Problem hat, dann wird das auch zu meinem Problem und raubt mir manchmal den Schlaf, weil ich nach einer Lösung suche.
17. Ich habe Schlafstörungen seit ich ein Baby bin und auch heute noch schlafe ich sehr schlecht.
18. Ich bin in meinem Leben eigentlich sehr erfolgreich. Ich habe tolle Noten, ohne allzu grossen Aufwand (mit denen ich nicht zufrieden bin, weil ich ja nie mit mir zufrieden bin), ich habe schon einige Preise für Texte oder Arbeiten gewonnen, mir stehen beruflich alle Türen offen, ich habe einen hohen IQ, ich komme mit allen Menschen (oberflächlich) aus, ich habe eine liebevolle Familie, usw. Aber dennoch zweifle ich IMMER an mir selbst. Ich halte mich für die grösste Versagerin, die dümmste Tollpatschin, usw.
19. Ich vergleiche mich immer mit anderen Menschen und fühle mich schlecht, weil ich nicht so sein kann wie sie. Ich kann nicht einfach leben und das Leben geniessen, weil da viel zu viele Dinge sind, die mich "belasten" und ablenken.
20. Ich bin übervorsichtig und sehr ängstlich, ich erschrecke leicht und habe manchmal das Gefühl, dass irgendetwas mich beobachtet oder mich erdrückt.
Ohje, und ich schreibe zu viel. ;-)
Tut mir leid. Ich will eigentlich nur wissen, ob ich in dieser Welt auch irgendwo dazu gehöre und ob es Menschen gibt, die ähnlich sind wie ich.
Ich bin nur auf der Suche nach einem Platz in dieser Welt und danach, dass ich mein Leben endlich in den Griff kriege.
Ich hoffe ich bin euch nicht auf die Nerven gefallen mit meinem langen Text. Aber das Schreiben ist eigentlich die einzige Möglichkeit, wie ich meine Gefühle ausdrücken kann. Und das musste jetzt einfach einmal alles raus.
Ich würde auch gerne mit meiner Mutter über das Thema Hochsensibilität reden, haben wir eigentlich bereits einmal und bei ihr ist beim Test auch eine sehr hohe Punktzahl herausgekommen. Ich bin ihr gefühlsmässig sowieso unglaublich ähnlich, wir sind manchmal wie Zwillinge, obwohl sie meine Mutter ist.
Aber sie hat auch gesagt, dass ich mich nicht in etwas hineinsteigern soll. Darum bin ich auch so unsicher, ob ich mir nicht etwas vormache mit der Hochsensiblität.
Ich hoffe ihr könnt mir helfen, da wäre ich unglaublich froh.
Alles Liebe
Eliniell

