HSP, der Gehirnhälftenmythos und die „Coaches“

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HSP, der Gehirnhälftenmythos und die „Coaches“

Beitragvon abstract » Di 10. Okt 2017, 18:45

Hallo ihr!
In Diskussionen rund um HS taucht immer wieder die populärwissenschaftliche Annahme auf, dass eine der beiden Gehirnhälften eher für Emotionen und die andere eher für die Ratio verantwortlich seien. Damit erklärt man sich dann unterschiedliche Verhaltensweisen bei Menschen und dass bei HSP die rechte Hälfte ausgeprägter sei als bei Nicht-HSP, die vermeintlich eher rational durch das Leben gehen. In HSP-Gruppen bei Facebook geisterten diese falschen Annahmen immer wieder herum und wurden dort von anwesenden "Coaches" so auch vertreten.

Die in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen häufig vertretene Meinung, dass vorwiegend die rechte Gehirnhälfte an der Entstehung von Gefühlen beteiligt ist, wurde von Guy Vingerhoets und Mitarbeitern vom Ghenter Zentrum für Neuropsychologie bereits um 2003 widerlegt. Die Forscher spielten den Versuchspersonen gesprochene Sätze mit verschiedenen emotionalen Gehalten vor, wie freudige Aussagen: "Er mochte den Witz", traurige: "Das Mädchen verlor seine Eltern" sachliche: "Nach Gebrauch die CD wieder in ihre Hülle stecken". Sollten sich die Probanden innerlich auf die sachliche Seite der Aussagen konzentrieren, stieg der Blutfluss wie erwartet zur linken Hirnhälfte. Konzentrierten sich die Versuchspersonen auf den emotionalen Gehalt der Aussagen, stieg der Blutfluss zur rechten Gehirnhälfte deutlich an, jedoch stieg auch gleichzeitig der Blutfluss zur linken Gehirnhälfte. An Emotionen sind daher beide Hirnhälften beteiligt, denn vermutlich "erkennt" die linke Hirnhälfte den Anlass für die Emotionen, die erst dann von der rechten Hirnhälfte für die Person fühlbar gemacht werden.
(Neuropsychology17, 1, 2003.)

Immer wieder diskutieren Menschen auf Grundlage von falschen Annahmen tagelang und spekulieren ins Blaue hinein. Ich frage mich, ob die "Coaches", die zum Teil selbst diese Gruppen leiten, absichtlich populärwissenschaftliche Dinge propagieren, damit sie dort potenzielle Kunden erreichen oder ob sie wirklich nicht wissen, was sie dort sagen, da sie einfach inhaltlich nicht auf dem neuesten Stand der Forschung sind und vielleicht sogar nur veraltete neuaufgelegte Sekundärliteratur lesen, was bei Heilpraktikern im psychologischen Bereich ja häufig der Fall ist.

Wer etwas dagegen sagte, flog aus der Gruppe oder wurde zurechtgewiesen unter fadenscheinigen Argumenten. (Diese Überreaktionen könnten Hinweise darauf sein, dass man absichtlich Menschen falsche Informationen gibt oder dass sie sich ertappt gefühlt haben, dass sie falsch liegen und so ihre"Autorität" als Coach untergraben wurde.)
abstract
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Re: HSP, der Gehirnhälftenmythos und die „Coaches“

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Di 10. Okt 2017, 19:36

Hi abstract,

danke für eine weitere Entmythologisierung!
abstract hat geschrieben:In Diskussionen rund um HS taucht immer wieder die populärwissenschaftliche Annahme auf, dass eine der beiden Gehirnhälften eher für Emotionen und die andere eher für die Ratio verantwortlich seien.


Das stimmt: dieses simple Hemisphären-Modell ist wirklich ein gaaaanz alter Hut. (gähn)

Immer wieder diskutieren Menschen auf Grundlage von falschen Annahmen tagelang und spekulieren ins Blaue hinein. Ich frage mich, ob die "Coaches", die zum Teil selbst diese Gruppen leiten, absichtlich populärwissenschaftliche Dinge propagieren, damit sie dort potenzielle Kunden erreichen oder ob sie wirklich nicht wissen, was sie dort sagen, da sie einfach inhaltlich nicht auf dem neuesten Stand der Forschung sind.


Ich finde auch: möglichst immer nach neuen Studien und Belegen fragen, wenn einem jemand was verkaufen will, und ja nicht immer alles unbesehen glauben!!

Gruß
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Anima (Lufthauch)
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