"Durchsichtig" sein

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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"Durchsichtig" sein

Beitragvon Grisu » Mi 10. Aug 2016, 18:17

Hallo ins Forum,

mich beschäftigt es zur Zeit sehr, dass man mir so viel "ansieht", so dass ich mir regelrecht "durchsichtig" vorkomme :-(. Nicht nur im Bekanntenkreis oder auf der Arbeit, auch unter Fremden. Das ist für mich sehr schlimm, denn ich möchte meine Gedanken und Gefühle nicht mit anderen teilen, es sei denn, ich entscheide mich bewusst dafür, etwas zu erzählen.
Deshalb meine Fragen: kennt Ihr dieses "Durchsichtigskeits-Gefühl"? geht es Euch auch so?
Und vor allem: kennt Ihr Tipps, wie man das "abstellen" kann?
Als Hsp müsste man doch eigentlich kreativ genug dazu sein.

Und noch eine Frage, aber nicht ganz so dringend: steht dieser Wunsch nach Undurchsichtigkeit in einem Gegensatz zu der Authentizität, die uns angeblich so wichtig ist?

Ich danke Euch von Herzen für Eure Antworten,
Grisu
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Re: "Durchsichtig" sein

Beitragvon Sammy » Mi 10. Aug 2016, 19:40

Hallo Grisu,

ich kenne dein Problem der durchsichtigkeit nicht so, aber ich wollte dir trotzdem gern antworten. bei mir ist es so, dass ich eher das gefühl habe, dass andere nicht mein "wahres ich" erkennen. aber ich weiß, dass ich eine sehr eindeutige mimik hab. zumindest wird mir das oft von anderen gesagt. man sieht mir direkt an, wenn mir etwas nicht passt. allerdings zeige ich es dann auch offen. würde ich mir die mühe machen, es verstecken zu wollen, würde man es wohl nich erkennen. aber die leute sollen gefälligst wissen, wenn mir etwas nicht gefällt lol
die frage ist ja, warum willst du denn etwas verstecken? ich meine, niemand wird dir direkt deine intimsten geheimnisse an der nasenspitze ansehen. nichtmal ein hochsensibler, das wäre dann wohl eher was für einen hellseher. vielleicht hast du auch einfach das gefühl, man würde die alles mögliche ansehen? dadurch kann es auch passieren, dass man erst genau das zeigt, was man eigentlich verbergen wollte.

ich denke nicht, dass sich der wunsch nach undurchsichtigkeit mit der authentizität widerspricht. ich denke, jeder mensch hat das bedürfnis nach intimität und privatsphäre und sicher hat auch jeder irgendwelche "geheimnisse" die er nicht gern preisgibt und lieber vor der "öffentlichkeit" verbirgt. das finde ich ganz natürlich und überhaupt nicht falsch. deshalb kann man trotzdem sehr authentisch sein. ich finde es auch gar nicht wichtig, dass man immer alles offen von sich preisgibt, sondern dass man bei den dingen, die man preisgeben möchte auch ehrlich ist, nichts erfindet, nichts angeberhaft aufbauscht oder ähnliches. selbst wenn jemand nur eine einzige sache von sich preisgibt kann es denjenigen sehr authentisch machen, wenn er dabei ehrlich ist und nicht rumheuchelt. ich glaube da kommt es nicht auf quantität sondern qualität an. manchmal ist weniger mehr ;)
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Re: "Durchsichtig" sein

Beitragvon Grisu » Do 11. Aug 2016, 09:34

Hallo Sammy,

Danke für Deine schnelle Antwort noch am selben Tag :-)!
Was Du zur Authentizität schreibst, klingt sehr logisch und entspannt. Siehst Du das auch auf der Arbeit so, wo man ja auch authentisch sein soll, ich aber merke, dass ich dringend eine Maske/Rolle brauche (habe leider viel zu viel direkten Kundenkontakt)?

Die Idee, dass man genau das zeigt, was man verbergen will, weil man Angst hat, dass es bemerkt wird, finde ich interessant. Nur was kann man tun, wenn dem so wäre? Warum ich das nicht mag kann ich nicht genau sagen, es kommt mir vor wie eine Opfer-Rolle, wenn ich gezwungen bin, Gedanken/Gefühle preiszugeben, wenn ich das nicht aktiv will. Vor allem, wenn es in der Überstimulation unkontrolliert passiert :-(.

Danke
Grisu
Grisu
 

Re: "Durchsichtig" sein

Beitragvon Sammy » Do 11. Aug 2016, 18:25

Also die Arbeit und das privatleben sind zwei völlig verschieden dinge. für mich jedenfalls. als ich meine erste ausbildung machte und somit das erste mal im berufsleben stand, war ich erst 16 jahre alt und dachte auch, man müsste total authentisch und ehrlich sein. aber fakt ist, in der arbeitswelt zählen diese werte nicht. das habe ich über die jahre lernen müssen, weil man sonst nur ausgenutzt und verar**** wird. ob von kollegen oder chefs... sicher gibt es auch tolle kollegen und chefs, das will ich damit nicht ausschließen. trotzdem muss man auf der arbeit immer eine rolle spielen. du kannst ja zB deinem kunden nich deine ganzen sorgen aufbürden, das wäre völlig fehl am platz. also egal wie es dir gerade geht, du musst ja vor der kundschaft dein gesicht wahren und freundlich und hilfsbereit sein.
Früher hatte ich dadurch das gefühl, ich würde mich selbst verraten/verstellen. aber so ist es eigentlich nicht. ich bleibe ja immer noch ich selbst, ich habe nur gelernt mit diesen situationen so umzugehen, dass sie mir selbst nicht schaden. und manchmal, wenn mich meine kollegen bis zum äußersten nerven, dann schnauz ich sie auch an. ich kann aber auch genauso gut mit ihnen rumkaspern und dumme sprüche ablassen. ich denke, in stressigen situationen ist jeder mal etwas überfordert und auf der arbeit verbringt man nunmal sehr viel zeit, man hockt ständig aufeinander. ich finde es nur normal, wenn man da auch mal dampf ablassen muss. solange es nicht die kunden abbekommen oder es auf kosten der firma bzw. der eigenen arbeitsstelle geschieht.

vielleicht befindest du dich in der opfer-rolle, weil du dich wie ein opfer fühlst. man selbst führt oft unbewusst dinge herbei, in denen man einfach davon ausgeht, dass es so ist. ich denke einfach mal, dass dich niemand beim ersten sehen für ein opfer hält. wenn du dich aber sowieso so fühlst, dann wirst du das auch ausstrahlen und das werden andere wahrnehmen und vielleicht auch ausnutzen. vielleicht solltest du einfach dein selbstbewusstsein stärken. denn ob nun jemand deine schwächen sieht oder nicht, das ist alles kein problem, wenn du selbst deine schwächen akzeptieren und mit ihnen umgehen kannst.
versuch mal deine eigenen schwächen mit etwas distanz zu sehen. ich hab mich früher, als kind, immer dafür geschämt, wenn ich geheult hab. natürlich heule ich auch heut nicht mit vorliebe vor anderen lol aber manchmal hab ich so verflixte stressige tage, wo ich wegen jedem mist heulen könnte. Dann muss mir nur etwas aus der hand fallen oder das pausenbrot nicht schmecken und ich fang an zu heulen als würde die welt untergehen. anfangs dachte ich immer, das is doch nich normal, du bist voll gestört... aber heute denke ich, das is einfach stressabbau. danach is es dann ja auch wieder gut. und wenn mich jemand beim heulen sieht, dann kann ich heute sagen, "ich weiß, es is beknackt, aber die schwerkraft is zum heulen".

jeder hat seine macken und schwächen, aber deshalb bist du ja nicht schwach, nur weil man sie vielleich erkennt. auch bei anderen kann man schwächen sehen, du solltest vielleicht mal genau hingucken und dann wirst du bestimmt merken, dass die nich besser darin sind, das zu verstecken, als du.

LG
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Re: "Durchsichtig" sein

Beitragvon Grisu » Fr 12. Aug 2016, 09:56

Hey Sammy,

Danke für Deine Überlegungen und Gedankensnstösse :-)!
Auf der Arbeit habe ich wohl noch einen langen Weg vor mir, denn es vergeht kein Tag ohne stressigen Ausnahmezustand.
Das mit dem Fühlen-und-Ausstrahlen stimmt bestimmt, leider. Mir geht es aber auch um die Frage, wie man es schaffen kann, das gestresst und genervt oder ggf auch froh zu sein, nicht für alle erkennbar auszustrahlen. Ich brauche keine Kommentare zu meinem aktuellen" Zustand", ich weiß ja selbst, wie es mir geht und "Anteilmahme" und Kommentare brauche ich nicht. In einem sehr einfachen Bild: nach einem Friseurbesuch die ständige Frage: du warst beim Friseur??-- Ach ja, danke, hab mich schon gewundert wie die Haare so kurz wurden?! Ach man.
Grüße von Grisu
Grisu
 

Re: "Durchsichtig" sein

Beitragvon MilesToGo » Fr 12. Aug 2016, 16:13

Hallo Grisu.

Wahrscheinlich könntest du dir schon so eine Art "Maske" schaffen, hinter der du deine Gefühle versteckst. Aber ich kann mir vorstellen, dass es viel Kraft kostet, die aufrecht zu erhalten. Ich kann mir auch vorstellen, dass viele Kommentare a la "warst du beim Friseur?" einfach nett gemeint sind. Als HSP fallen einem ja oft mehr Dinge am Gegenüber auf als nicht HSPen, daher kommt es dir vielleicht unnötig vor.

Mir geht es komischerweise eher so, dass ich entweder ständig falsch eingeschätzt werde oder einige Menschen gar nicht erst wissen, wie sie mit mir umgehen sollen. (was mir genauso geht, weil ich eben z.B. mit Smalltalk nichts anfangen kann) Richtig nervig finde ich Kommentare zu meinem sozialen Verhalten, wenn ich z.B. auf einer Party bin, auf der ich mich lieber etwas Abseits halte um dem Trubel zu entgehen und dann solche Sachen kommen wie "du bist ja so still!", "fühlst du dich nicht wohl?" etc. Als wäre es völlig unvorstellbar, dass man einfach eine eher stille Person ist und sich so auch wohlfühlt. Aber wie gesagt, ich glaube, oft passiert das aus keiner bösen Absicht heraus und die Menschen meinen das nur gut...

Ich seh das ähnlich wie Sammy. Ist es denn so schlimm, wenn man dir deinen Zustand ansieht?
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Re: "Durchsichtig" sein

Beitragvon Sammy » So 14. Aug 2016, 00:17

Die frage ist ja auch, welche reaktionen du dir sonst wüschen würdest. angenommen du warst beim friseur, was vermutlich offensichtlich ist, wäre es dir lieber, wenn die leute das oder dich gar nicht beachten? willst du lieber unsichtbar sein? das kann ich nicht empfehlen, weil es dich auf dauer unglücklich machen wird.

Ich kann MilesToGo da auch nur zustimmen. Eine Maskerade ist nicht nur anstrengend, sondern auch nicht authentisch. Du bist wie du bist. Warum sollten andere nicht sehen wie du bist?

@MilesToGo:
das kenn ich auch, mit dem falsch eingeschätzt werden. Wenn man die dummen sex-sprüche seiner freunde/bekannten/kollegen nicht witzig findet, is man ja auch gleich prüde. Dabei haben sie vielleicht nur einen beknackten humor. Oder wenn man sich lieber etwas zurück hält und erstmal beobachtet, is man auch total verschlossen und will mit niemandem was zu tun haben -.-
Ach und wenn man seine meinung äußert und starke argumente dafür aufbringt, die andere vielleicht nich widerlegen können, will man ja auch unbedingt anderen seine meinung aufzwingen. nur weil man die frechheit besaß, sie zu äußern -.-
ich frage mich da eher, ob meine maskerade zu gut is oder die anderen menschen einfach zu oberflächlich beurteilen.
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Re: "Durchsichtig" sein

Beitragvon Grisu » So 21. Aug 2016, 11:29

Danke für Eure Antworten danke2
Habe viel über HSP und das Thema Masken gelesen, dort wird geschrieben, eine Maske sei überlebenswichtig für HSP um nicht unterzugehen. Dieses Gefühl habe ich auch oft.
Das Problem, dass ich wünsche, man kann mir nicht ansehen, wie es mir geht, bezieht sich vor allem auf Arbeitskollegen...
Liebe Grüße Grisu
Grisu
 



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