"Hobbypsychologisieren"

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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"Hobbypsychologisieren"

Beitragvon nachtigall » So 8. Jun 2014, 22:23

Liebe Forumsteilnehmer/innen,

seit Jahren interessiere ich mich für diverse psychologische Themen, habe unzählige populärwissenschaftliche, aber auch Fachbücher gelesen. Hatte auch beruflich mit solcher Literatur zu tun. Dabei geht es um Kindererziehung, kinderpsychologische THemen, Bindungstheorien etc. Ich selbst habe eine Gesprächstherapie für mich gemacht und fühle mich "gut im Leben stehend", konnte viele schwierige Kindheitsthemen heilen. Ich überlege sogar, irgendwann eine heilpraktische Ausbildung für Psychotherapie zu machen.

Mein "Problem": Ich weiß ziemlich viel. (Mir ist klar, dass DAS nicht das Problem ist). Aber die Gespräche mit Nicht-HSP-Menschen gestalten sich dann schon mal schwierig. Auf einer Party lande ich in einem Gespräch, bei dem mir mein Gegenüber seine Depressionen klagt, von den Suizidabsichten seiner Mutter erzählt... Diese Gespräche sind halt nicht "normal" und ich werde komisch angesehen, wenn es jemand aufschnappt. Dann durchschaue ich einige Muster. Mein Mann hat ein arges Problem mit mir, weil ich "immer die Weisheit gepachtet habe". Ich nehme mich schon ganz oft zurück und sage nix. Aber ich habe nachgewiesenermaßen ganz oft Recht! Das frustet ihn.
Ich habe es z.B. einer Freundin "angesehen", dass sie fremdgeht und es ihr auf den Kopf zugesagt. Sie hat mich dann belogen und zwei Monate später kam die Sache raus. Seitdem ist die Freundschaft im Eimer.

All solche Dinge...
Kennt das jemand?
Kann mir jemand einen Rat geben, wie damit umzugehen ist?

nachtigall
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Re: "Hobbypsychologisieren"

Beitragvon Al » So 8. Jun 2014, 22:53

Hi,
ich kenn' das "Problem" absolut!
Ich beschäftige mich auch gerne mit Psychologie und Pädagogik und habe da schon einige Erkenntnisse sammeln können. Ich liebe es einfach, Menschen zu analysieren und besonders auch Freunde. Früher habe ich ihnen immer gesagt, was der Grund für ihr Verhalten ist und ihnen sozusagen meine Erkenntnisse über ihre Persönlichkeit "um die Ohren gehauen", dass das aber natürlich nicht allzu gut ankam, ist mir nun auch klar. Mir ist mittlerweile bewusst, dass einer der größten Nachteile der Hochsensibilität ist, dass man sozial echt richtig schlau ist, ich habe das Gefühl, man hat das irgendwie im Blut, aber seine Erkenntnisse sollte man da echt nicht immer mitteilen, weil man damit echt vieles kaputt machen kann. Ich kann also nur raten, dich wirklich zu beherrschen und es in deinem Kopf zu lassen, wenn du das schaffst.

LG, Al
Al
 

Re: "Hobbypsychologisieren"

Beitragvon nachtigall » So 8. Jun 2014, 23:01

Danke, Al.
Aber geht es Dir dann nicht so, dass es Dir "langweilig" wird, wenn Du all das in Deinem Kopf lassen musst? Ich meine damit jetzt ja nicht, dass Du auf einer Party die komplette Gesellschaft analysieren sollst, aber so Erkenntnisse, die mich innerlich umtreiben würde ich manchmal schon gerne mit meinem Mann teilen, der aber - wenn es ihn betrifft - dann leider eingeschnappt reagiert.

Diese sozialkompetenten Gedanken sind wahrscheinlich manchmal "überfordernd"?
Ich hab übrigens auch - rein aus Interesse - eine private zusätzliche pädagogische Ausbildung gemacht, als unsere ersten beiden Kinder klein waren (wir haben vier). Das darf ich auch keinem erzählen... Wie kann man nur DIE Energie aufbringen?).

nachtigall
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Re: "Hobbypsychologisieren"

Beitragvon Al » So 8. Jun 2014, 23:17

nachtigall hat geschrieben:Danke, Al.
Aber geht es Dir dann nicht so, dass es Dir "langweilig" wird, wenn Du all das in Deinem Kopf lassen musst? Ich meine damit jetzt ja nicht, dass Du auf einer Party die komplette Gesellschaft analysieren sollst, aber so Erkenntnisse, die mich innerlich umtreiben würde ich manchmal schon gerne mit meinem Mann teilen, der aber - wenn es ihn betrifft - dann leider eingeschnappt reagiert.

Diese sozialkompetenten Gedanken sind wahrscheinlich manchmal "überfordernd"?
Ich hab übrigens auch - rein aus Interesse - eine private zusätzliche pädagogische Ausbildung gemacht, als unsere ersten beiden Kinder klein waren (wir haben vier). Das darf ich auch keinem erzählen... Wie kann man nur DIE Energie aufbringen?).

nachtigall

Ja klar, es ist ja schon irgendwie ein Drang, das loszuwerden, nur den muss man dann eben irgendwie versuchen, zu ignorieren. Ich weiß, manchmal geht es nicht, aber man darf als Hochsensibler eben nicht erwarten, dass andere auch so empfänglich für so welche Erkenntnisse sind. Manchmal muss es eben doch raus, aber ich versuche jedenfalls, das nicht so oft passieren zu lassen. Es gibt ja auch Menschen, denen man sowas sagen kann, die sind aber eher selten. Naja, ich sehe das als nicht "schlimm" an, eine pädagogische Ausbildung zu machen, wenn es dich doch interessiert? Aber wie hast du das denn geschafft, das "heimlich" zu machen? Oder weiß dein Mann davon?
Al
 

Re: "Hobbypsychologisieren"

Beitragvon nachtigall » So 8. Jun 2014, 23:29

Neee, dass ich das Diplom dieser Ausbildung habe, wissen alle. Aber WENN ich es jemandem erzähle, dann kommt das sehr komisch rüber. Deshalb schreibe ich, "das darf ich keinem erzählen"....

Mir ist das ganz konkret neulich auf einem Fest passiert. Ich erzählte einer Erzieherin davon, ohne darüber nachzudenken, dass sie ERZIEHERIN ist. Mir schlug blanker Neid entgegen. Wie ich das denn geschafft hätte... warum denn.. Ich sei doch nciht "vom Fach"... Dann wandte sie sich ab und schmiss mir bei einem WIedersehen noch einmal verächtlich den Namen meiner Ausbildung entgegen.
Ich war vollkommen perplex, denn ich wollte nur etwas von mir erzählen. Ich wollte nicht prahlen oder so. Aber dieser Aspekt war wohl zu heftig. Ja, zu intensiv. Ich erlebe es immer wieder, dass ich zu intensiv bin und dann "schräg rüberkomme". Es geht wohl darum, zu lernen, WENIGER zu erzählen. Dinge stehen lassen. Eher Fragen an andere zu stellen als sich selbst als offenes Buch zu präsentieren, was dann zu heftig ist.

nachtigall
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Re: "Hobbypsychologisieren"

Beitragvon Jamania » Mo 9. Jun 2014, 09:33

*lach*

Ich fand den Titel des Threads sympathisch, denn ich vermute mal, es ist das Hobby fast jeden Menschens, sich mit damit zu befassen und entschlüsseln zu wollen, war die Menschen um ihn herum denn so für Gründe für bestimmtes Verhalten haben.

Ohne die Weihe der hohen Psychologie im Nacken nennt man das dann wohl auch eher Klatsch und Tratsch und unter Frauen sozialisierte Menschen kennen sich da meistens ziemlich gut mit aus.
Auch mit der negativen Seite, die dazu gehört.

Ich mache auch die Unterscheidung zwischen denen, die genau hinschauen, wichtiges erkennen und auch noch einigermaßen "richtig" deuten und denen, die sich Bröckchen heraus picken und daraus ganze Abhandlungen machen, die nichts mehr mit dem Anderen zu tun haben.

HS ginge für mich allerhöchstens soweit, dass ich zugestehen würde, mehr Reize (sprich Details, Infos) aufzunehmen.
Was daraus gemacht wird, kann von absolut zutreffend bis total daneben gehen.

Mir persönlich geht's so, dass alles, was in meinen persönlichen Radius passt, ich schon erlebt und für mích geklärt habe, auch genau dahin gesteckt wird, wenn ich meine, es bei anderen zu sehen und da liegt eben auch eine große Gefahr.
Lebt der Andere ähnlich wie ich, hat dieselben z.B. Wertvorstellungen und ähnlichen Stand emotionaler oder rationaler Intelligenz, kann ich verdammt genau liegen aus den Beobachtungen, die ich mache und aus denen ich Psychogramme ableite.
Tut er es nicht (und das ist eher die Regel), denke ich meinen Weg und bin vermutlich komplett auf dem Holzweg oder simplifiziere auf logische Versatzstücke, die aber der Komplexität dessen, was in einem Menschen so passiert, nicht annähernd gerecht wird.

Aber braucht ja niemand zu wissen, der Andere streitet ab, und ich kann ihm unterstellen, er "wäre halt noch nicht so weit" oder "will nicht genau bei sich hinschauen"...
so wie ich das bei ihm tue _anonym_

Hat alles schon verdammt was übergriffiges, wenn man sich da selbst zu ernst nimmt und meint, man wäre so gut darin und will anderen Menschen ihre schützenden Masken so runterreißen...
Jamania
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Re: "Hobbypsychologisieren"

Beitragvon nachtigall » Di 10. Jun 2014, 09:42

Liebe Jamania,

Danke für Deine Antwort!
Du hast recht, die Wahrscheinlichkeit, "richtig" zu liegen ist viel größer bei Menschen, die einem selbst ähnlich sind. Und es erfordert immer wieder Demut in der Kommunikation. Zu sagen "ich kenn dich nicht, ich weiß dich nicht..." Ich merke, dass es wichtig ist, mehr mit Fragen zu leben bzw. Fragen stehen zu lassen.
Es ging mir auch gar nicht darum, jemandem die Maske herunter reißen zu wollen. Es ging mir viel mehr um ein einvernehmliches Sehen und Gesehen-Werden auf durchaus beiden Seiten. Um einen intensiven beidseitigen Austausch.

Liebe Grüße
nachtigall
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Re: "Hobbypsychologisieren"

Beitragvon Jamania » Di 10. Jun 2014, 12:44

Hallo nachtigall, _Mij_

nachtigall hat geschrieben:Und es erfordert immer wieder Demut in der Kommunikation. Zu sagen "ich kenn dich nicht, ich weiß dich nicht..." Ich merke, dass es wichtig ist, mehr mit Fragen zu leben bzw. Fragen stehen zu lassen.


Absolute Zustimmung von mir und du gebrauchst das Wort, das ich in diesem Zusammenhang auch für mich wieder entdeckt habe, das vorher so schreckliche D-Wort _läch_ , aber es trifft nun mal genau.

nachtigall hat geschrieben:Es ging mir auch gar nicht darum, jemandem die Maske herunter reißen zu wollen. Es ging mir viel mehr um ein einvernehmliches Sehen und Gesehen-Werden auf durchaus beiden Seiten. Um einen intensiven beidseitigen Austausch.


Nein, das wollte ich dir mit meinem Post auch nicht unterstellen, aber ich kenne die Dynamik bei solchen Themen besonders im Rahmen derjenigen, die HS für sich neu entdecken.
Das Thema ist für mich ein wichtiges, eins, das mir immer wieder begegnet und das komplexer wird, je tiefer ich eintauche.

Ich glaube auch, dass es Menschen gibt, die im Verhältnis zu anderen mehr sehen und besser deuten, manchmal durch psychologische Ausbildung, manchmal durch ein unheimliches Interesse und damit die Fokussierung auf alles, was wichtig sein könnte.
Eben auch wichtig für einen selbst, zur Stabilisierung, denn den anderen richtig deuten zu können, heißt auch, sich selbst vor Überraschungen, Angriffen oder Enttäuschung zu schützen.
Für manchen (z.B. den mit der instabilen Kindheit) ist es ein ungeheurer Anreiz andere durchschauen zu können und sie verwenden unendliche Mühe darauf, sehen Dinge, weil sie genau hinschauen, während andere eher IHR Leben leben.

Oder um sich wichtig zu machen, derjenige zu sein, der andere spielend durchschaut und so immer in der besseren Position ist....

Um diese Komplexität des ganzen ging es mir und um den Punkt, dass es eben auch ganz viel über einen selbst aussagen kann, warum man wo hinschaut und evtl. durchschaut.
War für mich einfach wichtiger das zu erkennen und den Schritt lieber zurück zu gehen, um anderen damit nicht zu nahe zu treten, wo es sich einfach nicht gehört - egal ob ich Recht habe oder nicht, der Andere muss davon von mir nicht belästigt werden.

Und eigentlich finde ich es gut, sowohl Interesse für den Anderen und Menschenkenntnis in seinem Leben zu entwickeln und zu schulen, wäre ja auch traurig, wenn man sich dem komplet versprerrt, nur gehört vieles davon für mich eher ins stille Kämmerlein oder höchstens noch mit mir sehr Nahestehenden besprochen, aber das ist meine persönliche Meinung.
Jamania
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Re: "Hobbypsychologisieren"

Beitragvon nachtigall » Di 10. Jun 2014, 15:30

Liebe Jamania,

ja, es sagt auch etwas über denjenigen aus, der wohin schaut und etwas erkennt. Und warum er es macht. Darüber hab ich noch nie in dieser Form nachgedacht. Danke! (Vorgeschobene) Hochsensibilität also als mögliche Flucht vor der Verantwortung, vor der eigenen Haustür zu kehren, anstelle als Chance zu sehen für ein gelingendes Sich-Aufeinander-Einlassen im DEM Umfeld, in das es hineingehört. Das ist echt ein komplexes Feld!

Und es immer Besser-wissen-Wollen ist auch so ein Komplex, der davor schützt sich wirklich einzulassen. (Doch was mache ich, wenn es tatsächlich so ist, dass ich oft den Nagel auf den Kopf treffe? Ich meine damit keine Tratscherei über diesen und jenen Menschen, sondern handfeste Dynamiken, die sich zu Hause abspielen. Wenn mein Partner aber dann eingeschnappt ist, weil er mit meinen Erkenntnissen überfordert ist? Lieber die Klappe halten? Mach ich eh schon oft, aber ich platze dann fast innerlich)

Ich suche gerade für mich nach Kriterien für "Gesprächs-Intimität". Familie und beste Freundin haben eine andere Qualität als die Party-Bekanntschaft. Schon klar. Aber die Grenzen verwischen. Und wie erlerne ich die Kunst des Miteinander-Sprechens, ohne einem vordergründigen Smalltalk zu erliegen (den ich eh nicht beherrsche)? Wahrscheinlich nur durch Anwendung, Übung, Sich-Aufeinander-Einlassen...?!

nachtigall
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Re: "Hobbypsychologisieren"

Beitragvon Jamania » Di 10. Jun 2014, 17:24

Hi nachtigall,

ich glaube, ich verstehe jetzt, worauf du hinaus willst.
Aus deinem Eingangsposting hatte ich es eher auf die „entferntere“ Umwelt geschoben, nicht auf dein sehr nahes Umfeld und da mache ich persönlich tatsächlich einen Riesenunterschied.

nachtigall hat geschrieben:Doch was mache ich, wenn es tatsächlich so ist, dass ich oft den Nagel auf den Kopf treffe? Ich meine damit keine Tratscherei über diesen und jenen Menschen, sondern handfeste Dynamiken, die sich zu Hause abspielen. Wenn mein Partner aber dann eingeschnappt ist, weil er mit meinen Erkenntnissen überfordert ist? Lieber die Klappe halten? Mach ich eh schon oft, aber ich platze dann fast innerlich)


Ja, so was kenne ich auch. Bei mir führte das über kurz oder lang zur Trennung, manchmal sogar bis zum Kontaktabbruch.
Früher war ich da nicht sehr wählerisch, bzw. habe mir nicht zugestanden da hohe Ansprüche zu haben, die ich nun mal habe, deshalb habe ich da oft sehr oft die für mich schlechte Wahl getroffen, sprich Menschen, die sich nicht dem stellten, was da war und im Nebel mit mir „fang-mich-doch“ spielten.
Da bin ich mittlerweile hochallergisch gegen und gestehe es mir auch zu.

Jetzt lasse ich nur noch Menschen in mein Leben, die sich mit sich selbst und mit mir so auseinander setzen, wie ich es auch mit ihnen mache.

Wenn es mal kracht oder wir uns zoffen, können wir aber darüber reden, uns selbst darin reflektieren und den anderen so ernst nehmen wie uns selbst.

Einen Partner oder eine beste Freundin möchte ich nicht durchschauen müssen, sondern möchte, dass er mir so vertraut, dass er das, was er mir zu geben hat, ehrlich und authentisch tut.
Alles andere wäre für mich Zeitverschwendung.
Jamania
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