Angst vor Unternehmungen

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Angst vor Unternehmungen

Beitragvon Aenima » Mo 11. Jul 2016, 12:19

Hallo!

Gerne würde ich euch fragen, ob es jemanden unter euch gibt, der wie ich an einer Angst vor Unternehmungen leidet.
Ich habe eine recht enge Wohlfühlzone, die sich auf etwa 5-10 km Umkreis beschränkt. Alles darüberhinaus bereitet mir leichte Nervosität bis hin zu absolutem "dagegen sträuben" - zB. wenn ich mir vorstelle, 8h mit dem Auto nach Kroatien zu fahren, oder ähnliches.
Ich könnte behaupten, und das habe ich bisher eigentlich auch immer, dass mir das nichts bedeutet. Ich sehe nicht viel Sinn darin, in der Hitze, die ich absolut nicht leiden kann, am Strand zu liegen und in der Sonne zu schmoren. Die gängige Vorstellung von Urlaub halt. Ich bin mir aber sicher, dass irgendwo in mir drin, genauso Bedürfnisse schlummern, die von meinen großen Ängsten überschattet werden. Und dass ich mir meine Lebensqualität selbst einschränke.
ZB würde ich gerne einmal nach Irland, oder wieder nach England/Schweden/Schottland. Auch kleinere Unternehmungen, Halbtagesausflüge, sind für mich schon eine Herausforderung.

Der Angst zugrunde liegt mit Sicherheit mein jahrelanges Asthma, das mit 20 in einer Nahtoderfahrung endete. Seit ca. 11 Jahren habe ich nur mehr seeehr leichtes allergisches Asthma in der Pollenzeit, kaum nennenswert. Aber insgesamt musste ich 20 Jahre um meine Atemluft kämpfen, seit meinem 3. Lebensjahr. Ich habe gelernt, dass Aktivität, Action, sich bewegen und etwas erleben gefährlich sind. Es kann zu einem Asthma-Anfall führen, welcher schon einmal fast tödlich geendet hatte (ich hatte eine CO2 Vergiftung und war bewusstlos, kurz vor der Intubation).
Ich bin sehr unsicher und vorsichtig geworden und tu mir deshalb immer noch selbst leid. Heute habe ich zwar keine direkte Verbindung mehr zwischen "Ich bewege mich --> ich kriege keine Luft", also keine Angst mehr vor Asthma, aber dennoch eine tiefsitzende Ur-Angst. Nicht vor dem Tod, sondern vor dem Leben. Denn die Nahtoderfahrung war eigentlich ganz angenehm (was nicht heißt, dass ich sterben will, im Gegenteil -ich bin wahnsinnig gerne am Leben).

Total widersprüchlich oder? Denn dem entgegen steht mein unbeugsamer Lebenswille, meine Frohnatur, meine Quirligkeit, Leichtigkeit, Verspieltheit. Ich bin mit meinen 31 noch sehr Kind geblieben, doch wenn ich andere Menschen von Urlauben und Action und Abenteuern sprechen höre, werde ich zornig und ablehnend und herablassend... und es bereitet mir eine riesen Angst, dass ich zB. mit meinem Partner, der weit unternehmungslustiger ist als ich, nicht mithalten kann und am Ende allein dastehe. Die Angst ist berechtigt, da immer wieder die Rede von Trennung ist.

Ich glaube, ich habe gelernt, dass ich nichts und niemandem vertrauen kann, da ich nicht einmal darauf vertrauen kann, das Elementarste auf dieser Welt - Luft zu bekommen.
Daraus resultiert wahrscheinlich eine ziemliche Kontrollverlust-Angst. Bei Reisen und unvorhersehbaren Erlebnissen, bei Neuem - das normalerweise Glücksgefühle auslöst (auch bei mir, wenns dann vorbei ist) - muss man ein Stück weit die Kontrolle abgeben. Und da habe ich einen riesen Widerstand in mir...

Trotzdem habe ich es schon öfter geschafft, über meinen Schatten zu springen. Manchmal waren die Erlebnisse anstrengend, manchmal hat sichs gelohnt.

Aufgrund meiner Angst vor Lebendigkeit hat sich außerdem eine gewisse Bedürfnislosigkeit eingestellt. Ich weiß nicht im geringsten, was mir Freude bereiten würde. Ich kann nur auf andere Menschen schauen, was die so möchten. Ich hab manchmal das Gefühl, dass ich einfach froh bin, dass dieser Horror vorbei ist, 20 Jahre lang Angst ums eigene Leben. Ich bin FROH, wenn sich NICHTS tut, wenn es LANGWEILIG und ÖDE ist. Niemand in meinem Alter kann das verstehen, ich fühle mich wie ein Alien. Mein Partner kann das zwar vom Verstand her sicher nachvollziehen, aber emotional wahrscheinlich nicht.
Ich verspüre eigentlich auch keine Reue - dass ich mein Leben nicht lebe oder es an mir vorbeizieht. Vielleicht kommt das dann mit 50 oder so. Aber ich bin ja wiegesagt froh, dass sich nichts tut. Nun bin ich natürlich gescheit genug, um zu erkennen, dass es auch positive Erlebnisse gibt und dass glücklich sein sehr damit zusammen hängt, Neues zu erleben bzw. ÜBERHAUPT etwas zu erleben. Also, auch wenn sich mir der Sinn darin emotional noch nicht erschließt, sollte ich mich langsam wieder hinaustrauen.

Ich kann mich nämlich sehr begeistern, zB für kreative Dinge. Leider habe ich so gut wie keine Inspiration, da ich kaum aus meiner Wohlfühlzone ausbrechen kann. Ich glaube das würde meinem künstlerischen Ich auch sehr gut tun.

Nun könnte ich eine Therapie machen - habe gestern schon angefragt, das kostet 100 Euro die Stunde für Verhaltenstherapie. Ich habe einen unbezwingbaren Willen, deshalb weiß ich, dass ich das schaffen kann. Nur nicht, wie!? Die Therapeutin wird mir das mit dem Asthma erzählen, was ich schon weiß, dann ist vielleicht noch ein bisl meine Mutter schuld und am Ende muss ich mich sowieso meiner Angst stellen. Also kann ich das doch gleich tun, passt - 10.000 Euro gespart. Zum Glück bin ich ja eh sehr selbstreflektiert. Ich mache mir nur Sorgen, dass diese Angst so tief steckt, dass ich sie nicht überwinden kann. Denn obwohl ich das schön des öfteren geschafft habe, bin ich durch meine Selbständigkeit (ich arbeite seit 7 Jahren von zuhause) eben immer wieder in diese alten Muster gerutscht. Jetzt habe ich dann wenigstens ab Mittwoch einen Raum für meine neue Kunstwerkstatt, zwar im selben Ort, aber wenigstens nicht daheim.

Was wird in einer Verhaltenstherapie gemacht - und kann ich das auch selbst?
Haltet ihr es für klug, wenn ich mich selbst darum kümmere und in kleinen Schritten meiner Angst nähere? Mal ein kleiner Ausflug, mal eine längere Gassi-runde, mal ein neuer Ort,... dann ein längerer Halbtagsausflug usw.
Bis ich es theoretisch schaffe, etwas aus heutiger Sicht unmögliches zu tun, ZB nach Irland zu fliegen.

Da ich nicht die geringste Ahnung habe, was ich für tiefere Bedürfnisse hege und was mein Herz mit Glück erfüllt (zuhause sitzen ist es sicher nicht, auch wenn es bequem ist), habt ihr Vorschläge, was man als hochsensibler und kreativer Mensch unternehmen kann? Darüber würde ich mich sehr freuen! Was macht ihr denn so in eurer Freizeit?

Gestern habe ich bei zeitzuleben.de gelesen, dass dort, wo unsere Angst hinzeigt, unsere größte Chance, zu wachsen, liegt. Das hat mir sehr gut gefallen.

Ich freue mich auf eure Inspirationen, vielen lieben Dank :-) @+@
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Re: Angst vor Unternehmungen

Beitragvon Colorwave » Sa 30. Jul 2016, 13:54

Hallo Aenima,
wieso kommst Du auf "Verhaltens-"therapie? Kommt keine "Gesprächs-"therapie in Frage?

Natürlich gibt es viele, die sich fragen, ob einem "da" wirklich geholfen werden kann und was der Psychologe einem erzählen kann, was man nicht eh schon weiß.

Es macht einen erheblichen Unterschied, ob man versucht, sich alleine da raus zu ziehen, oder ob man das zusammen mit einem Profi macht. Ich habe mir mal meine Notizen vor und während der Therapie angeguckt und festgestellt: Vieles von dem, was mir durch die Therapiestunden klar wurde, hatte ich mir schon vorher aufgeschrieben, aber weder die Bedeutung noch die Zusammenhänge richtig erkannt. Es war eindeutig die Leistung des Psychologen. Ohne ihn hätte ich das nicht selbst geschafft.

Was die Frage nach den Kosten anbelangt: Ich habe noch nie mein Geld so gut angelegt, wie in Therapiestunden. Es ist egal was es kostet, wenn es hilft, ist es das immer Wert.

Natürlich muss man auch den/die richtige Psychologen/in erwischen. Wenn man glaubt, nicht beim richtigen zu sein: Wechseln!

Gruß
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Re: Angst vor Unternehmungen

Beitragvon MiaMaria » Mo 1. Aug 2016, 14:43

Hallo Aenima & Grüße auch aus NÖ!
Ich kann mich sehr wiederfinden in dem was du schreibst. Beruhigend, dass es auch anderen so geht. Ich glaube auch, dass dir Therapie helfen kann, besonders kleinere Ziele auszuarbeiten und damit auch Erfolge besser spüren und "ernten" zu können. Positive Erfahrungen machen, die irgendwann einmal die negativen überdecken. (würde gerne glauben, dass das nicht nur ein Wunschtraum ist) Jemand der dir von außen Feedback zu deiner Entwicklung gibt und dich einfach unterstützt dich deinen Ängsten zu stellen. Das muss man nicht alleine machen, und das Geld ist es wert.

Ich mag auch nichts Neues und keine neuen Orte an denen ich noch nie war. Und alleine schon garnicht. Aber es ist ja ein Irrglaube, dass man sich an Orten besser (vor?) schützen kann, bloß weil man sie schon einmal erlebt hat. Wenn dann ist es doch die Erfahrung, dass bereits einmal genau nichts an diesem Ort passiert ist. Klingt das jetzt recht verworren? Man gehört zu den Menschen, die hinter den Vorhang geschaut haben und erleben mussten, dass man in Wirklichkeit einfach nichts wirklich unter Kontrolle hat. Es ist bloß eine Scheinsicherheit in der sich alle anderen Menschen wägen. Und dieser erlebte Kontrollverlust macht so eine sch* Angst.

Ich kann mich selbst schwer leiden mit dieser passiven Angst, die mich immer weiter einengt. Aber wo ich überhaupt hinwill weiß ich selber nicht. (Irland ist aber wirklich wunderschön! icon_winkle ) Zuhause ist es gemütlich und sicher. Es passiert mir eben - nichts. Ich bin auch viel mit meinem Hund unterwegs, das fühlt sich gut an. Ich nehme ihn auch meist überall mit hin, wo es eben erlaubt ist. Ich fotografiere auch ganz gerne, dazu braucht man nichts und niemanden, sondern versucht "nur" einen Augenblick festzuhalten. Aber dann frage ich mich auch, ob das wirklich alles gewesen sein soll. Und was ich machen würde, wenn ich wirklich frei wäre zu tun was ich will.
Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur in ihr zurechtfinden. (Albert Einstein)
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