Balance zwischen Kontakt und Isolation/Umgang mit Wut

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Balance zwischen Kontakt und Isolation/Umgang mit Wut

Beitragvon mey87 » Di 23. Jul 2019, 20:45

Hallo ihr Lieben!
Ich war lange nicht mehr hier und habe 2 äußerst anstrengende Jahre hinter mir.... aber ich habe viel gelernt.
Und wie das manchmal so ist im Leben, kommen die Themen, die wichtig sind und noch Beachtung brauchen, immer wieder. So bin ich nun wieder intensiver bei der Hochsensibilität gelandet.

Ich frage mich im Moment, wie ich am Besten damit umgehe, dass andere Menschen eben nicht ständig achtsam und reflektiert sind oder sein wollen. Gerade auf der Arbeit, aber z.B. auch im Sportverein, oder wenn man mal neue Leute kennen lernen will, habe ich permanent das Gefühl, niemand passt wirklich zu mir (immerhin schon mal anders als: "ich gehöre nicht dazu").
Überall wird bewertet, alles negativ gesehen, ständig probieren die Leute über die Grenzen Anderer zu latschen oder sind unzuverlässig.
Letztes Jahr war ich mal an einem Punkt des Mitgefühls. Ich hatte verstanden, dass wir alle miteinander verbunden sind, jeder sein Päckchen zu tragen hat und ich war gelassener.... aber nun kommt immer öfters das innere aggressive "blablabla, jeder hat sein Päckchen, die Leute sind einfach alle engstirnig und dumm wie Brot!!!" - und damit lande ich ebenfalls wieder in der Bewertungs/Abwertungsfalle, so will ich einfach nicht sein.

Oder der Druck schon morgens auf den Straßen... ich steige entspannt in mein Auto und 2 Minuten später könnt ich an die Decke gehen, weil die Straßen voll und alle Autofahrer genervt sind.
Kollegen auf der Arbeit, mit negativer Einstellung und destruktiven Energien... das kostet mich wiederum viel Energie - die mir dann total bei der Freizeitgestaltung fehlt, und das finde ich sehr schade! Ich habe dann kaum noch Lust, irgendjemanden (den ich mag) zu sehen.

Habt ihr Tipps, wie ich mit meiner Wut besser umgehen kann? Muss ich lernen, mich noch besser abzugrenzen, oder lernen zu akzeptieren?

Und wie ich es schaffen kann, wieder eine ausgewogenere Balance zwischen Kontakt und Rückzug zu bekommen? Denn meine Lösung für gerade ist die totale Isolation bzw. krank werden (Bronchitis) und einfach nur in der Wohnung hocken, mit ganz viel Wut und Angst im Bauch. Das bringt keinem was. (Auch wenn es ein bisschen schön ist, so viel Zeit für sich selbst zu haben, hihi)

Ach so, und ich glaube, ähnlich wie ein Pinguin in der Wüste halte ich mich in gewisser Weise auch in den für mich "falschen" Kreisen auf. Ich bin mit Vereinssport und anderen Gruppenaktivitäten groß geworden (obwohl das nie wirklich was für mich war), bei denen eben diese Partys usw. dazu gehören... und jetzt denke ich über Alternativen nach, wo ich vielleicht Menschen (außerhalb des Forums) kennen lernen kann, die ähnlich ticken wie ich, die sich vielleicht auch mal treffen wollen um gemeinsam schweigend durch den Wald zu laufen, oder abends nur für nen Stündchen was trinken gehen, ohne dabei ununterbrochen über das Leben zu jammern.

Danke schon mal für eure Gedanken!

Liebe Grüße
mey
Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.
- Georg Christoph Lichtenberg
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Re: Balance zwischen Kontakt und Isolation/Umgang mit Wut

Beitragvon Träumerle » Di 23. Jul 2019, 21:42

Hallo mey,

dann mal willkommen zurück. :-)

Es ist ja niemand von uns perfekt und solange Menschen einen triftigen Grund haben, sich aufzuregen, sollen sie es auch gerne machen. Ich selber bin ja auch nicht immer so tiefenentspannt - wenn mich etwas stört, stört es mich und das wegzulächeln wäre der falsche Weg. Bei gerechtfertigten Nörgeleien sehe ich keinen Grund, warum diese nicht existieren sollten, manche Dinge sind eben unfassbar, die kann man nicht so einfach ignorieren.
Allerdings hast du Recht - aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, das muss nicht sein. In der heutigen Zeit geht es leider sehr rasant zu und die Gemütlichkeit ist aus dem Alltag längst verschwunden. In Ländern wie den Niederlanden oder auch in Skandinavien geht es viel lockerer und nicht so hektisch zu. Die Leute stehen weniger unter Druck - Deutschland hingegen ist doch ein ziemlich arbeitsliebendes Land.

Sich nicht dazugehörig zu fühlen ist etwas, was sehr viele HSP's kennen, wenn man hier mal im Forum etwas liest. Da bist du nicht mal annähernd alleine. :-)
Ich habe gelernt, dass es Zeitverschwendung ist, Menschen um sich zu haben, unter denen man sich fremd fühlt. Entweder verliert man da unnötige Energie oder wird ausgenutzt (oder beides). Und selbst wenn nicht ist das Gefühl des Nichtdazugehörens schon unangenehm genug. So gut es geht, würde ich mich von diesen Menschen zunächst distanzieren. Vielleicht nicht allzu leicht, aber wer nichts wagt, der nichts gewinnt. icon_winkle

mey87 hat geschrieben:Habt ihr Tipps, wie ich mit meiner Wut besser umgehen kann? Muss ich lernen, mich noch besser abzugrenzen, oder lernen zu akzeptieren?


Mag ein bisschen simpel klingen, aber vielleicht brauchst du auch einfach nur Urlaub? Aus dem was du schreibst, geht das ein wenig hervor. Etwas Gelassenheit sollte jeder Mensch an den Tag legen, ohne geht es kaum. Dann glaube ich auch, dass längst nicht alle Menschen es so mit dir meinen, wie du glaubst. Viele merken gar nicht, dass sie eigentlich deine Grenzen überschreiten. Also täte eventuell mal ein Gespräch darüber gut? Ich kann jedenfalls besser damit umgehen, wenn ich selbst gut gelaunt bin, weswegen ich sagen würde: Beginne mit dir selbst. Im eigenen Leben entschleunigen kann eine Genugtuung sein, die Stimmung und die Frustrationsgrenze heben und demnach könntest du dadurch gelassener werden.

mey87 hat geschrieben:Und wie ich es schaffen kann, wieder eine ausgewogenere Balance zwischen Kontakt und Rückzug zu bekommen?


Ich höre da immer auf mein Bauchgefühl und stelle mir folgende Fragen: "Ist die Atmosphäre angenehm?" "Wie viel Energie für Gesellschaft habe ich noch?" "Wann sollte ich gehen?" "Was mache ich danach?" "Wie lange wird etwa meine Erholung dauern?" Und diese innere Stimme würde ich immer befolgen. Das ist wohl vielen nicht bewusst, sie ignorieren ihre eigenen Kapazitäten und enden dann erschöpft. Dabei ist die eigene Intuition immer zuverlässig und enttäuscht nie.

Gleichgesinnte gibt es hier haufenweise, jedenfalls wäre ich auch nur ein halber Mensch ohne das Forum und dessen User. Du könntest dich ja im Treffen-Thread deiner Stadt eintragen und abwarten, was passiert. Mitunter ergibt sich - zumeist unerwartet - auch zu einzelnen vertiefter Kontakt, sei es per PN, Mail, Skype, Telefon, was auch immer. Hier hat man dann auch nicht das Gefühl, auf einen Energieräuber gestoßen zu sein, sondern einen Menschen, der auch jede Menge gibt und einen versteht. Das mag etwas dauern, geht nicht einfach nach ein paar Tagen Aktivität im Forum. Du hast aber schon sehr konkrete Vorstellungen und das finde ich gut. Das heißt ja, dass du es ehrlich meinst und es wirklich nötig hast. Übrigens muss es nicht gleich ein persönliches Treffen sein. Auch Fernkontakt kann doch ziemlich bereichernd sein. Wenn es die richtigen Menschen sind, was ich bei diesem Forum überhaupt nicht bezweifle. :-)

Nun wünsche ich dir erstmal einen schönen Abend.

Liebe Grüße,
Träumerle
Ich weiß, ich bin ein HSP,
da ich die Welt ganz anders seh'.
Ich tue dies auf meine Weise,
nämlich ruhig und auch sehr leise.

Für mich ist's eine große Gabe,
wenn ich's auch nicht immer leicht habe.
Drum nehmt euch's nicht zu Herzen,
Ewig sind nicht mal die schlimmsten Schmerzen.

~Träumerle :-)
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Re: Balance zwischen Kontakt und Isolation/Umgang mit Wut

Beitragvon DesdiNova87 » Di 23. Jul 2019, 23:50

Träumerle hat geschrieben:In Ländern wie den Niederlanden oder auch in Skandinavien geht es viel lockerer und nicht so hektisch zu. Die Leute stehen weniger unter Druck - Deutschland hingegen ist doch ein ziemlich arbeitsliebendes Land.


Hi Träumerle,

hast du schon mal in den Niederlanden gearbeitet oder bisher dort nur Urlaub gemacht? In Deutschland sind die Bewohner in Urlaubsregionen auch anders drauf als z.B. in Ballungsgebieten.

Ich wohne direkt an der Grenze zu den Niederlanden und habe auch täglich Kontakt mit Kunden aus den Niederlanden. Ich stimme dir soweit zu, dass die Mentalität schon etwas anders ist als auf unserer Seite der Grenze.

Trotzdem würde ich davon Abstand nehmen verallgemeinernde Aussagen über ein ganzes Land zu treffen. Die Leute hier in der Grenzregion ticken ganz anders aos z.B. die Niederländer die nah an der Nordsee wohnen. Wer schonmal in Utrecht oder Rotterdam war, hat wahrscheinlich auch die raue Seite der Niederlande schon kennen gelernt.

Also ich würde nicht in einer dieser beiden Städte wohnen wollen, obwohl ich die Niederlande grundsätzlich super finde.

Worauf ich hinaus will, es gibt immer solche und solche; Stereotypen und Klischees lassen die Welt hingegen einfacher erscheinen als sie ist. Wobei doch gerade in der Komplexität die Würze steckt icon_winkle

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Re: Balance zwischen Kontakt und Isolation/Umgang mit Wut

Beitragvon mey87 » Mi 24. Jul 2019, 08:49

Lieben Dank für eure Beiträge!

Witzig, dass die Niederlande Thema geworden sind. Ich denke schon lange darüber nach, dahin auszuwandern :)

Ich bin grenznah aufgewachsen und habe schon in den Niederlanden gewohnt, weil ich dort studiert habe. Klar, ein Umzug löst nie automatisch alle Probleme. Seit einigen Jahren wohne ich im Ruhrgebiet, mittlerweile ist das wirklich die Hölle für mich. Es ist nirgendwo perfekt, und das Ziel ist es wahrscheinlich vor allem in sich selbst ein zuhause zu finden. Aber die Umgebung hat trotzdem Einfluss darauf, wieviele Reize wir tagtäglich verarbeiten müssen.

Leider habe ich mich so lange selbst abgelehnt mit meiner Empfindsamkeit, mit meiner Natur- und Tierliebe und meinen niedrigen Belastungsgrenzen. Ich hatte sogar einen Partner, der mir da sehr ähnlich war, den habe ich auch abgelehnt - und verloren.

Und ja Träumerle, du hast Recht - im Nachheinein kann ich sehen, dass ich dringend Urlaub brauchte! Deswegen wohl jetzt das Bronchitis- Retreat ;) auf den Körper ist verlass. Urlaub ist leider grad finanziell nicht drin. Aber ich hätte mich mehr in der Natur aufhalten können - und das nehme ich jetzt wieder in Angriff! Simples Problem- simple Lösung, ist doch schön, vielen Dank für diesen eye-opener :)

Meine Intuition wird auch immer besser - allerdings verliere ich noch durch die Arbeit schnell den Kontakt zur inneren Stimme, da ich mich viel auf andere Menschen einlassen muss. Mir fällt aber auf, dass ich lösungsorientierter denke als früher, also eher: wie kann ich mir die Arbeit angenehmer gestalten, Ansprüche runterschrauben, mich ausreichend abgrenzen? Statt: wo finde ich endlich den Job der zu mir passt???!!!! Das macht Hoffnung ;)
Lieben Gruß :)
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Re: Balance zwischen Kontakt und Isolation/Umgang mit Wut

Beitragvon DesdiNova87 » Mi 24. Jul 2019, 10:21

mey87 hat geschrieben: Aber ich hätte mich mehr in der Natur aufhalten können - und das nehme ich jetzt wieder in Angriff! Simples Problem- simple Lösung, ist doch schön, vielen Dank für diesen eye-opener :)


Grundsätzlich würde ich dir da sicher zustimmen. Da du auch NRW wohnst, ist es aber vielleicht sogar besser gewesen, dass du es dieses Jahr nicht gemacht hast, wegen der Eichenprozessionsspinner. Die sind ja dieses Jahr wirklich an jedem zweiten Baum. Speziell Menschen mit Lungenerkrankungen sollten da sehr vorsichtig sein und sie meiden. Leichter gesagt als getan, denn sie sind dieses Jahr wirklich überall.

Inzwischen sollen die Tiere so langsam absterben und die Gefahr geringer werden.
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Re: Balance zwischen Kontakt und Isolation/Umgang mit Wut

Beitragvon Raspberry » Fr 26. Jul 2019, 16:11

Ich habe eine Motzerin im Büro und mich angewöhnt, an Schimpftagen das Headset anzubehalten und sie zu ignorieren. Das klappt je länger je besser, wenn ich lerne, meinen Körper zu spüren. Dadurch spüre ich meine Grenzen besser und muss sie nicht verteidigen. Es ist, als würde ich nicht ständig das Revier markieren müssen, sondern gelegentlich einen frechen Eindringling anfauchen, der sich meist ohne Kampf zurückzieht.
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Re: Balance zwischen Kontakt und Isolation/Umgang mit Wut

Beitragvon wassertropfen » Sa 27. Jul 2019, 22:56

Hallo mey87,
vielleicht wäre ein Yoga-Kurs, Schwimmkurs, Malkurs... etwas für dich. Eine Aktivität, bei der andere dabei sind, aber eben nicht in Richtung Vereinssport, wie du schreibst.
Ich lass dir einen link da von einer Yoga-Youtuberin, die ich LIEBE. Zum Thema Wechselatmung - hilft, runterzukommen. Sie hat auch viele Videos zum Thema Gelassenheit oder Selbstliebe und und und. Mit toller, konkreter Anleitung.
Wie gesagt, sie bereichert mein Leben. Ohne Übertreibung.
Mach morgens regelmäßig den Sonnengruß und die Autofahrt wird entspannter, weil du es bist.
LG

https://m.youtube.com/watch?v=6Ct6N1vEWhQ
Stand der Dinge - Augenringe
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Re: Balance zwischen Kontakt und Isolation/Umgang mit Wut

Beitragvon mey87 » So 28. Jul 2019, 14:02

Eine Motzerin hab ich auch auf der Arbeit. Ihre Negativität ist unglaublich aussaugend (und erinnert mich immer an meine Mutter, die ist auch oft in der endlosen Opfer-Denke). Anfangs hat sie mit mir immer über ihre Beziehungsprobleme gesprochen, irgendwann habe ich mich abgegrenzt und sie lässt mich jetzt in Ruhe- das Gefühl sie "los zu sein" (das klingt fies, ist aber so) war unbeschreiblich...

Mady kenne ich und finde sie auch super :) Danke für den Link und die Erinnerung - wieder mehr Frieden in mir selbst zu suchen, damit Druck von außen keinen Nährboden findet.
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