Diagnose HSP keine Erleichterung

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Diagnose HSP keine Erleichterung

Beitragvon Maestro » Sa 7. Jul 2018, 13:03

Hallo liebe "Senzwiebelchen" (hört sich besser als HSPler oder Hochsensible an) #bäh# ,

um mich zu verstehen wieso ich die Diagnose HSP nicht als eine Art Befreiung ansehen kann, wie es ja doch so viele andere Gleichgesinnte berichten, muss ich euch zuerst meine Geschichte erzählen, wie ich bemerkt habe, dass die Welt zu ruppig und oberflächlich für mich ist und ich nicht wirklich hineinpasse - halt einfach anders bin.
Ich befinde mich gerade in meinem 18. Lebensjahr und habe vor 2 Wochen auf eigener Recherche über Umwege herausgefunden, dass ich ein Senzwiebelchen bin. Diese Umwege äußern sich darin, dass ich mich schon immer über mein sehr stark ausgeprägtes autobiografisches Gedächtnis gewundert habe. Ich kann mich an bestimmte Situationen aus meiner Babyzeit zurück entsinnen, die sehr detailreich von den damaligen Erlebnissen sind. Meistens sind diese Erinnerungen geprägt von starken Emotionen wie z.B. Schmerz und Unwohl-befinden. Beispielsweise wurden mir mit 2 Jahren die Mandeln herausoperiert. Ich habe letztens mit meiner Mutter darüber gesprochen und konnte meine Erinnerungen mit ihren abgleichen. Als sich diese ähnelten bzw. ich noch mehr Details nennen konnte als sie selbst, bin ich echt misstrauisch geworden ob dies normal sein kann. Umso mehr ich mich an meine Babyzeit zu erinnern versuchte, umso tiefer gelegene Gedanken kamen bis zu meinem 1. Lebensjahr hoch. Nun habe ich mich sofort informiert, ob sowas überhaupt möglich sein kann. Und die Antwort für normale Menschen wäre auch ein "Nein" gewesen, erst ab dem 3. Lebensjahr soll man Erinnerungen behalten können. Doch es gibt halt Ausnahmen - Leute mit einem stark ausgeprägten autobiografischen Gedächtnis. Als ich mich näher mit diesem Phänomen beschäftigt habe, erfuhr ich das eine Hochsensibilität die Ursache dafür sein könnte (bereits in jungen Alter nimmt man Wahrnehmungen tiefer war und verarbeitet diese stärker, sodass man sich an diese erinnern kann). Und ja es bestätigte sich, ich habe sämtliche Internet-Tests für Senzwiebelchen gemacht und bei allen kam ein eindeutiges Ergebnis pro HSP heraus. Als ich Berichte von anderen Gleichgesinnten gelesen habe, ist in mir erstmals das Gefühl hervorgekommen, dass mir aus der Seele gesprochen wird, dass endlich welche die Welt genauso intensiv wahrnehmen wie ich. Jedoch habe ich gerade wegen meines jungen Alters andere Hoffnungen gehabt... Ich dachte meine sensible Verarbeitung wäre nur eine Folge meiner Entwicklungsprozesse wie z.B. die Pubertät und würde sich im Laufe der Zeit legen. Leider bin ich jetzt aus der Drangphase der Pubertät heraus und mein sensibles Nervensystem wird kontinuierlich noch sensibler, also genau der gegenteilige erhoffte Effekt tritt bei mir ein. Dies beunruhigt mich sehr, vor allem da ich jetzt die Gewissheit habe, dass wir Senzwiebelchen wirklich "ANDERS" sind. Unser Nervensystem scheint keine Filter zu haben wie bei Anderen und diesen Fakt nicht ändern zu können, stellt mich vor einer großen inneren Herausforderung. Gerade als heranwachsenden Mann ist es sehr schwierig sich so zugeben, wie man auch wirklich ist. Häufig muss man sich gerade in unseren Alter verstellen, um einfach nur dazuzugehören. Und wir alle wissen als Senzwiebelchen, wie stressig und ungesund sich dies auf uns auswirken kann.
Da ich nun gerade das Wissen habe mit der Diagnose HSP meine Umwelt detaillierter wahrzunehmen, denke ich noch mehr darüber nach, ob ich in manchen Situationen im Leben nur wegen dem HSP bedingt mich anders verhalte.
Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn andere ihre Berichte über die erstmalige Reaktion Diagnose HSP mit mir teilen könnten und mir eventuell erkennen lassen könntet, dass dies auch Vorteile haben kann. Allerdings kann ich die gefühlte Erleichterung bis jetzt überhaupt nicht nachvollziehen. Auch wenn sich ein paar Gleichaltrige mit mir austauschen könnten, wäre mir das eine große Hilfe. In meinem Freundeskreis gibt es nur 2 Senzwiebelchen mit denen ich darüber offen sprechen kann. Weitere Gleichgesinnte wären echt befreiend.

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Re: Diagnose HSP keine Erleichterung

Beitragvon Hortensie » Sa 7. Jul 2018, 13:41

Hallo Maestro und herzlich willkommen hier im Forum,

ich lese gerade deinen ersten Post hier - schön, dass du hierher gefunden hast!
Gerade zu diesem Thema findest du hier schon viele Berichte. Dazu darfst du gerne hier im Forum "HS allgemein" recherchieren. Auch beim Querlesen durch den Rest des Forums werden dir viele interessante Themen begegnen.

LG, Hortensie
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Re: Diagnose HSP keine Erleichterung

Beitragvon Anders » Mo 9. Jul 2018, 09:11

Maestro hat geschrieben:die Diagnose HSP nicht als eine Art Befreiung ansehen kann, wie es ja doch so viele andere Gleichgesinnte berichten,

Hallo Maestro. Willkommen hier.
Mit "Diagnose" meinst du vermutlich deine eigene Feststellung? Die Definition von Diagnose ist "Feststellung, Bestimmung einer körperlichen oder psychischen Krankheit (durch den Arzt)" was bei HSP (meines Wissens) nicht möglich ist.
(Sorry für die Klugsch**erei.. )/898u nur, damit keine Missverständnisse aufkommen).

Maestro hat geschrieben: autobiografisches Gedächtnis

Autobiografisches Gedächtnis oder fotografisches Gedächtnis?
Weißt du, ob es eine Erklärung dafür gibt, weshalb dann bei dir die Infantile Amnesie nicht zutrifft?

Maestro hat geschrieben:Leider bin ich jetzt aus der Drangphase der Pubertät heraus

Das kann man (meines Wissens) so exakt nicht festmachen. Wikipedia Pubertät: "Der häufigste Grund stellt aber die konstitutionelle Entwicklungsverzögerung dar, die familiär genetisch bedingt ist und nachfolgend zu einer normalen Pubertätsabfolge führt (sogenannte Spätzünder)"

Eine mangelhafte Reizfilterung kann (nur der Vollständigkeit wegen) z.B. auch körperliche Ursachen oder andere Erkrankungen als Ursache haben.
Aber in welche Richtung es geht kristallisiert sich normaler Weise im Laufe der Zeit dann von selbst heraus.

Maestro hat geschrieben:Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn andere ihre Berichte über die erstmalige Reaktion Diagnose HSP mit mir teilen könnten

Ich denke im Vorstellungsbereich könntest du viele solcher Berichte finden.

Maestro hat geschrieben:In meinem Freundeskreis gibt es nur 2 Senzwiebelchen

Das ist nach meiner bisherigen Erfahrung offenbar schon mehr, als bei den meisten anderen hochsensiblen.
Mir geht es übrigens auch so, das ich mich mit dem Begriff "hochsensibel" nach wie vor nicht anfreunden kann. icon_winkle
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Re: Diagnose HSP keine Erleichterung

Beitragvon Mirror » Mo 9. Jul 2018, 13:18

Maestro hat geschrieben: Dies beunruhigt mich sehr, vor allem da ich jetzt die Gewissheit habe, dass wir Senzwiebelchen wirklich "ANDERS" sind. Unser Nervensystem scheint keine Filter zu haben wie bei Anderen und diesen Fakt nicht ändern zu können, stellt mich vor einer großen inneren Herausforderung. Gerade als heranwachsenden Mann ist es sehr schwierig sich so zugeben, wie man auch wirklich ist. Häufig muss man sich gerade in unseren Alter verstellen, um einfach nur dazuzugehören. Und wir alle wissen als Senzwiebelchen, wie stressig und ungesund sich dies auf uns auswirken kann.
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Hallo Maestro,

zunächst, deine Begriffserfindung "Senzwiebelchen" finde ich nicht so gelungen, da sie verniedlicht und klein macht. Das bin ich nicht und will ich nicht sein _pff_
Wenn du das für dich so annehmen willst, ist das für mich ok, aber vielleicht fällt dir ein etwas angemesseneres Wort dazu ein.

Zudem, was ist an "Anders" denn so schlimm?
Vielleicht kann ich da jetzt nicht mitreden, denn ich war fast nirgendwo akzeptiert in meinem Sein, so das ich recht schnell für mich entschied, anders sein zu wollen.
Eben nicht das zu tun, zu wollen oder sein, wie die Masse das gern hätte. Mag sein, das sich dies erst im Laufe der Zeit und Charakterbildung einstellt, aber so wie ich das
mitbekomme, ist der Mensch doch per se ein Individuum, das sich zwar gern in der Herde von Schafen versteckt, um sich einer gewissen Eigenverantwortung zu entziehen
und um genügend Beachtung zu finden, so aber meist nur eine relativ bequeme Illusion lebt.
Selbstliebe und -akzeptanz muss wohl auch erst erarbeitet werden. _nüxweiss_

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Re: Diagnose HSP keine Erleichterung

Beitragvon Anders » Di 10. Jul 2018, 10:39

Hallo Mirror. Finde ich schön was du geschrieben hast.
Besonders das du das "anders sein" angesprochen hast, jeder Mensch ist "anders" sonst wären alle Menschen identisch und das ist nicht der Fall.

Wenn eine Minderheit (hochsensibel) von einer Mehrheit (nicht hochsensibel) umgeben ist, bekommt man eben deutlich mit, das man "anders" ist als die Mehrheit.

Es gibt da draußen viele verschiedene Minderheiten, Rothaarige, Linkshänder, Gehbehinderte, Kleinwüchsige, Touretter, Autisten, usw. usw. Jeder ist auf seine Weise anders als andere und ich denke, denen geht es allen so, das sie im Alltag merken, "anders" zu sein. Jeder von denen wird mit der Zeit seinen eigenen Weg finden. Nicht zu akzeptieren das man anders ist, ändert nichts daran das man anders ist.
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Re: Diagnose HSP keine Erleichterung

Beitragvon Steppenwolf » Di 10. Jul 2018, 16:57

Hallo Maestro,
auch von mir ein Willkommen hier im Forum!
Es stimmt schon, dass "Diagnose" eher im negativen Sinne verwendet wird, aber da du die Erkenntnis nicht gut findest und das bisher wahrscheinlich mehr als Belastung als etwas Schönes ansiehst, finde ich den Begriff für dich gar nicht mal so verkehrt.
Du musst halt zusehen, dass sich diese Einstellung demgegenüber ändert, sonst würdest du ja dein ganzes Leben mit dieser "Last" herumlaufen, was ja Mirror und Anders schon geschrieben haben.
Ich übrigens ertappe mich auch manchmal dabei, wie ich Wörter wie "Diagnose" oder "Betroffene" denke, ich lache aber innerlich darüber, weil ich meine Hochsensibilität akzeptieren gelernt habe und mir solche Begriffe daher nichts mehr anhaben können.
Zur Erleichterung: Ich habe die Erkenntnis anfangs genauso negativ wie du gesehen. Und zwei Wochen danach bestimmt auch noch. Meine erste Reaktion war, dass ich geweint habe und mich gefragt habe, warum es mich "getroffen" habe und mit was ich da "befallen" ;) wäre. Dazu muss aber gesagt werden, dass ich da erst elf Jahre alt war und ich damals mit den schlechten möglichen Auswirkungen der erhöhten Sensibilität konfrontiert war. Insofern hat mir das neu erworbene Wissen nicht viel weiter geholfen, im Gegenteil, der Schmerz wurde zuerst noch größer, da es mir in diesem Moment nicht weiter half, den Auslöser zu kennen. Dieser bestätigte meine Wunden nur noch. Denn die negativen Folgen konnte ich aus dem Grund, dass ich nicht imstande war, eine problematische Familiensituation geradezubügeln, nicht reduzieren. Es schien mir ausweglos, "wegtherapieren" kann man das ja nicht, und in dieser scheinbaren Sackgasse habe ich ausgeharrt, indem ich mich damit abgefunden habe, bis sich mir völlig neue Wege eröffneten. Später habe ich zum Glück noch die guten Seiten, die ich vorher einfach überlesen und ignoriert habe, im Einzelnen kennen gelernt, mich selbst einfach mehr wahrgenommen.
Ich denke, du wirst das bestimmt auch bald erfahren, es wird sich sicherlich etwas tun. Finde ich echt gut, dass du dich trotzdem hier angemeldet hast, deine Auseinandersetzung damit ist doch ein super Zeichen!
Bei mir ist das selbe Problem, dass ich sogar nur eine Person habe, mir der ich darüber reden kann.
Viele Grüße
Steppenwolf
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Re: Diagnose HSP keine Erleichterung

Beitragvon Mirror » Mi 11. Jul 2018, 10:32

Anders hat geschrieben:Wenn eine Minderheit (hochsensibel) von einer Mehrheit (nicht hochsensibel) umgeben ist, bekommt man eben deutlich mit, das man "anders" ist als die Mehrheit.


Guten Morgen Anders,

dem, was du beschreibst kann ich nur zustimmen.
Es scheint mir nur manchmal so, dass das größte Problem im Anders sein diejenigen haben die anders sind.
Vielleicht, weil es sich prima auch als Alibi benutzen lässt, das anders sein.
(Ich kann nicht, weil ich *was-auch-immer* bin, habe, muss, ect.)

Die Masse der Anderen, sind in ihrer Gesamtheit eine Mehrheit!

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Re: Diagnose HSP keine Erleichterung

Beitragvon Eving » So 15. Jul 2018, 22:29

Mirror hat geschrieben:zunächst, deine Begriffserfindung "Senzwiebelchen" finde ich nicht so gelungen, da sie verniedlicht und klein macht. Das bin ich nicht und will ich nicht sein _pff_
Wenn du das für dich so annehmen willst, ist das für mich ok, aber vielleicht fällt dir ein etwas angemesseneres Wort dazu ein.

Zudem, was ist an "Anders" denn so schlimm?
....
Selbstliebe und -akzeptanz muss wohl auch erst erarbeitet werden. _nüxweiss_

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PS: Authentizität scheint mir hier das Stichwort zu sein.


Hallo Mirror

Kann dir da nur beipflichten. Zumal die Übersetzung aus dem englischen schon sehr unglücklich ausfällt. Es heisst ja High Sensitiv - warum sagt man also nicht Hochsensivität? Das würde mehr beinhalten.
Stimmt -Senzwiebelchen verniedlicht ... der Username "Maestro" hat aber auch was von Selbstbewusstsein, wenn man sich zumindest in Teilen so sieht.

Vielleicht hören wir ja noch mehr von Maestro dazu.
Dein Gedächtnis zu deiner Autobiographie ist ja schon beeindruckend. Vielleicht liegen deine Stärken ja generell in deinem gut funktionierenden Langzeitgedächtnis und man kann das nutzen?

Im gewissen Sinne gefällt es mir persönlich auch eher "Anders" zu sein, als die Masse. Im Denken auch. Aber leicht macht es das immer nicht.
Was uns Mühe macht, merken die anderen nicht mal. Hat Vorteile - aber auch Nachteile...
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Re: Diagnose HSP keine Erleichterung

Beitragvon Mirror » Mi 18. Jul 2018, 15:57

Eving hat geschrieben:Hallo Mirror

[...] die Übersetzung aus dem englischen schon sehr unglücklich ausfällt. Es heisst ja High Sensitiv - warum sagt man also nicht Hochsensivität? Das würde mehr beinhalten.


Ja, deswegen, zur besseren Unterscheidung nutze ich sowohl das Synonym Sensibel, als auch Sensitiv.
Sensibel für: erhöhte Empfindsamkeit
Sensitiv für: erweiterte metaphysische Sinneswahrnehmung (z. Bsp. Psychometrie)
Wobei die Sensitivität nicht zwingend Bestandteil der Sensibilität sein muss und die Grenzen verschwimmen können.

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