Die Unfähigkeit zu genießen

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Re: Die Unfähigkeit zu genießen

Beitragvon shocktherapy » Mo 6. Jan 2014, 12:26

Hallo!

Diese Angst vor dem Aufstehen kenne ich auch, eigentlich war es konkret eine panische Angst vor dem Wecker.. dieses abrupt aus dem Schlaf gerissen werden war jeden Morgen ein Schock.. Daher bin ich - wenn ich nachts um 4 oder 5 aufgewacht bin - meistens gleich wachgeblieben, nur um dieses Weckerläuten zu vermeiden.
Gebessert hat sich das, seitdem ich mir einen Lichtwecker besorgt habe. Dieser weckt einen langsam mit Licht im zeitlichen Rahmen von einer halben Stunde. Wenn man dann noch nicht wach ist, schalten sich nach der halben Stunde leise Naturgeräusche zu (ich habe mir zb. Meeresrauschen eingestellt).
Mir hat das jedenfalls enorm geholfen. Keine Angst mehr vor dem Wecker und nicht mehr gleich mit nem Schock in den Tag starten..
shocktherapy
 

Re: Die Unfähigkeit zu genießen

Beitragvon laurentii68 » Mi 8. Jan 2014, 10:26

Lieber Leonard,

das Wort "genießen" hat bei mir immer einen negativen Beigeschmack hervorgerufen. Alle Welt redet heute vom Genießen, wobei die meisten Menschen dabei das Nichtstun und Nichtwahrnehmen von bestimmten Gefühlen und Situationen meinen.

Ich habe diesen Begriff für mich dann kurzerhand durch "Wahrnehmung dessen, was passiert" ersetzt. Im Augenblick bleiben, egal, worum es sich handelt. Und dann bekam ich mit, dass ich manche Augenblicke anderen vorzog. Bestimmte Umstände des Lebens mochte ich, andere wiederum nicht. Diese konnte ich dann auch nicht "genießen", im Sinne von bewusst erleben und innerlich dabei bleiben.

Shoppen gehen ist für mich eine Tortur - für ein weibliches Wesen sehr untypisch, ich weiß. In der Nähe von Menschen, die sich aufgrund ihrer Leistungen und des Titels definieren, muss ich meine Aufmerksamkeit bewusst in meine Mitte bringen, als Kind hat mich solcher Kontakt immer mit Minderwertigkeitsgefühlen konfrontiert. Dieses aus der eigenen Mitte wegdriften rief dann auf der gefühlsmäßigen Ebene Ängste auf. Dieses Empfinden, nicht mehr "ich selbst" zu sein. Keinen Platz neben den anderen Menschen zu haben.

Ich habe damals mit 28 Jahren eine Therapie gemacht. Zu der ich mich selbst eingewiesen habe, obwohl die Ärzte der Meinung waren, dass ich eine gesunde junge Frau und Mutter war, die nur ein wenig zu emotional reagiert. Diese Meinung kam immer von Menschen, die von ihren eigenen Empfindungen Lichtjahre entfernt waren und nur im Verstand lebten.
Man wusste damals nicht, in welche Gruppe man mich stecken sollte, welche Diagnose auf mich passt. In meinem Anschreiben an die Klinik hatte ich formuliert, das Gefühl zu haben, dass irgend etwas in meiner Kindheit geschehen ist, was mich nicht mehr so sein lässt, wie ich ursprünglich bin. Und diese Wurzeln müsste ich finden, dann würde sich alles auflösen und ich wäre wieder "da". Dazu bräuchte ich Zeit und einen geschützten Raum, mehr nicht.
Kein Therapeut wusste damit etwas anzufangen. Aber es war ein unglaubliches halbes Jahr für mich. Eine Zeit, in der ich zum ersten Mal in meinem Leben wieder einen Bezug zu dem bekam, was mich ausmachte. Niemand konnte mir helfen, weil das keiner kann. Aber ich hatte Zeit und Raum, um all die falschen Ideen, Ansichten und erlernten Verhaltensweisen in meinem Inneren zu erkennen und als nicht zu mir gehörend abzuweisen. Und das war die Heilung.

Wir sitzen seit der Kindheit zwischen dem, was wir ursprünglich sind und dem, was aus uns gemacht wurde. Hochsensible Menschen spüren diesen Urkern in sich und versuchen parallel dazu, die andere Person zu sein, zu der sie erzogen wurden. Dieser Widerspruch, der für Menschen mit "gröberer" Wahrnehmung nicht nachvollzogen werden kann, endet irgendwann in Suizidgedanken, Rückzug, Depressionen..., obwohl es eigentlich ein leiser Ruf von Innen ist, die Frage nach dem Ursprung und dem zu stellen, als was man sich im tiefsten Inneren empfindet.

Ich hoffe, ich konnte mit meinen Zeilen ein wenig Mut rüberbringen, falls du noch etwas Konkreteres wissen möchtest, frag bitte einfach.

Liebe Grüße von Ev
laurentii68
 

Re: Die Unfähigkeit zu genießen

Beitragvon MxTristam » Mi 8. Jan 2014, 21:21

Hey!
Na, bei deinem Problem mit dem Aufstehen habe ich mich sofort wiedererkannt. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, zu gut sogar schon fast ...
Sobald die Ferien beginnen denke ich ständig und immer wieder an den ersten Schultag und kann einfach die Angst davor nicht loswerden. Außerdem, wie du ja auch schon geschrieben hast, bin ich dann auch richtig angespannt, hibbelig und motivations-/konzentrationslos.
Mir graust es auch ständig jeden Morgen aufstehen zu müssen und sich wie in "Und täglich grüßt das Murmeltier" zu fühlen, aber das liegt bei mir größtenteils auch am Umfeld.

LG MxTristam ;)
MxTristam
 

Re: Die Unfähigkeit zu genießen

Beitragvon Bin auf meinem Weg » Di 5. Jul 2016, 15:08

Sehr vieles kenne ich leider auch von mir selber. Auch das die Angst vor dem Aufstehen. War sogar so schlimm, dass ich mich nachts in Phantasiewelten geflüchtet habe. Wurde zu einer richtigen Sucht. Hat die Probleme natürlich nur verschlimmert, da ich kaum noch schlief.
Mittlerweile mache ich mir das Aufstehen schmackhaft, dass ich 2 Std. früher aufstehe und mir ganz bewusst erstmal den Luxus des Tages gönne, nur Zeit für mich alleine. Ruhe, keiner nervt rum, leckeres Frühstück, was nettes lesen, Musik hören, Internet oder Fernsehen.

Was mir bei meiner absurden Prüfungsangst geholfen hatte, war autogenes Training. Vor allem wenn man bei manchen Prüfungen warten muss, kann man das gut nochmal machen und ist dann ruhig und wach. Natürlich sind das alles nur Behelfsbrücken. Ich bin einfach kein Typ für solche Situationen und habe beschlossen mich keinen freiwilligen Prüfungs- oder Wettbewerbssituationen auszusetzen. Denn selbst wenn ich gewinne, kann ich das nicht wirklich auskosten, sondern heule vor Erleichterung wie ein Schlosshund, weil die wochenlang aufgestaute Anspannung sich auflöst.

Wobei ich lernen MUSSTE in dem Moment zu leben, war bei der Ausbildung von Hunden und Pferden. Denn Tiere leben nur im Hier und Jetzt und nur so kann man mit ihnen Arbeiten zur beiderseitigen Freude. Bei Pferden ist es noch stärker. Fluchttiere sind darauf angewiesen sofort die Stimmungen und Absichten des Gegenübers zu übernehmen. Sie durchleuchten dich quasi auf den ersten Blick und wissen genau wie sie dich jetzt und heute nehmen müssen. Wenn man da Gedanklich dauernd wo anders ist, oder die Gedanken ständig um negative Dinge kreisen, um Ängste.....kannst du mit Pferden nicht umgehen. Sie übernehmen deine Ängste (natürlich nicht wissend wo vor) sofort, werden misstrauisch, schreckhaft....


Was aber auch eine schöne Sache ist , wieder zu üben im Moment zu leben, ist je nach Vorliebe mit kleinen Kindern, jungen Hunden oder jungen Pferden die Welt wieder neu zu entdecken. Einfach mit ihnen die Umwelt erkunden und Dinge die für uns selbstverständlich sind einfach mal durch ihre Augen sehen, uns an ihrem Entdecken und Staunen über Kleinigkeiten erfreuen, uns darauf einlassen und nachfühlen. Einfühlen können wir doch als HS sehr gut.

Eine andere Anregung meiner Therapeutin war, dass ich mir ein Glückstagebuch zulegen sollte. Jeden Abend überlegen, ob es nicht doch etwas schönes oder nettes an diesem Tag gab. Kleinigkeiten wie ein freundliches Lächeln einer Person, eine Blume am Wegesrand, eine Tasse Tee, Glas Wein oder, oder...Man könnte sich auch ein paar Kieselsteinchen (oder Sonnenblumenkerne oder ähnliches) in eine Hosentasche stecken und bei jeder netten Kleinigkeit die wir entdecken, wandert ein Steinchen in die andere Hosentasche. Abends zählt man dann und versucht sich zu erinnern, was das war. Und schreibt es auf.
Don´t Panic. Hauptsache du weißt immer wo dein Handtuch hängt. icon_winkle
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Re: Die Unfähigkeit zu genießen

Beitragvon Velvet » Fr 18. Jan 2019, 09:58

Beeindruckend tiefgründiger Thread, voller hilfreicher, offenherziger und konstruktiver Beiträge. Schieb ich mal für Interessierte hoch, zufällig gefunden gerade :).

Viele Grüße
Velvet
.
"Man kann die Realität ignorieren, aber man kann nicht die Konsequenzen der ignorierten Realität ignorieren." Ayn Rand-Philosophin
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Re: Die Unfähigkeit zu genießen

Beitragvon izmi » Fr 18. Jan 2019, 11:16

Velvet hat geschrieben:Schieb ich mal für Interessierte hoch
Danke dafür danke2

Eremit hat geschrieben:Früher hab ich oft stärker die schlimme Seite gespürt, falsch gelandet, nicht geliebt, unverstanden zu sein. Dann allmählich spürte ich stärker die gute Seite der Medaille, dass meine Natur friedlich, liebevoll und glücklich ist und ich mich nach Erfüllung, Erleben, Spiegelung davon sehne.
Ein sehr schöner Gedanke wub

Was mich am meisten davon abhält, zu genießen (ich nenne das für mich lieber "sanft sein"), sind
- Meine Erwartungen an Perfektion
- Intensive Scham für alles und jedes
- Ein irres Denk- und Lebenstempo, das keinen Raum für gute Momente lässt[/list]
Alles drei wirkt, hm, irgendwie nicht so als könnte ich das ändern. Wenn ich Euch so lese, scheint es aber doch irgendwie zu gehen...
_panik_
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