(Fremde) Mitmenschen "scannen" / "ergründen"

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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(Fremde) Mitmenschen "scannen" / "ergründen"

Beitragvon Anno » So 18. Mär 2012, 19:58

Hallo zusammen,

ich informiere mich erst seit kurzem über die Hochsensibilität und habe dabei einiges an mir besser verstanden, bzw. fand es sehr hilfreich zu erfahren, dass ich nicht der einzige mit einigen gewissen "Macken" bin.
Über eine dieser Macken habe ich aber (in genau dieser Form) nichts in Erfahrung bringen können (habe auch hier erfolglos das Forum durchsucht) und wollte deshalb hier nachfragen, ob das vielleicht ein "Tick" von mir ist, der unabhängig von der Hochsensibilität ist, oder ob andere HSP das auch kennen. Oder ob es vielleicht etwas ist, was auch bei Nicht-HSP ganz normal ist.
Also: Ein Kennzeichen von HSP soll ja sein, was ich auch bei mir stark wiederfinde, dass wir die Stimmung anderer Menschen sehr genau registrieren. Jetzt hat das bei mir auch die folgende Ausprägung: In Situationen, in denen ich fremde Menschen nicht nur kurz auf der Straße an mir vorbeihuschen sehe, sondern etwas länger sehe (Bus, Wartezimmer, Café usw.) beginne ich automatisch, meistens auch nur "halbbewusst", diese Menschen zu "ergründen", sprich darüber nachzudenken, was für Menschen sie wohl sind, in welcher Stimmung sie gerade sind, was sie für einen Beruf, was für eine private Situation haben könnten. Am Ende einer Busfahrt habe ich dann von vier, fünf von den anderen Passagieren ein ziemlich deutliches Bild - wobei ich gleich dazusagen möchte, dass dieses Bild oft genug völlig falsch sein dürfte, also ich bilde mir nicht ein, wirklich zuverlässig so in Leute "hineinschauen" zu können.
Das Ganze läuft, wie gesagt, häufig nicht direkt bewusst ab, denn natürlich gehen mir, wenn ich z. B. im Bus nach Hause fahre, meistens genug andere Dinge durch den Kopf. Aber auch wenn ich alle möglichen Sorgen habe, läuft dieses "Scannen" ganz von selbst an und im Endeffekt bekomme ich es auch mit, sonst wüsste ich schließlich gar nicht, dass es angelaufen ist.^^
Jetzt denke ich mir, dass das im Grunde eine völlig normale Sache ist, die jeder Mensch prinzipiell so macht: Wenn man sich in einen Bus setzt, registriert jeder erst mal, wer da noch so alles sitzt - würde ich jedenfalls stark vermuten. Der Unterschied ist eben, dass ich die ganze Zeit über mehr oder weniger fokussiert und mehr oder weniger bewusst über sie nachdenke und mich frage, in was für einer Situation sie wohl sind und was für Typen sie wohl sind.
Kennt ihr das von euch auch? Oder wisst ihr vielleicht, ob das nicht nur bei HSP, sondern bei den meisten Menschen so abläuft? Ich fände es ein bisschen merkwürdig, eine Nicht-HSP danach zu fragen.^^
Zu ergänzen wäre noch, dass mich diese "Macke", wie ich es oben genannt habe, gar nicht stört, was jetzt vielleicht so gewirkt hat. Hin und wieder kann es zwar schon nervig sein, wenn ich zum Beispiel häufiger als üblich in solchen Situationen war, im Allgemeinen finde ich es aber vor allem amüsant (und auch faszinierend, was man so alles an Leuten sieht), und sonst nicht weiter störend. Schließlich lenkt es mich auch nicht allzu sehr ab, weil es ja größtenteils ein automatischer Prozess ist, mal ganz abgesehen davon, dass ich im Wartezimmer oder Bus normalerweise sowieso nicht konzentriert über irgendwas nachdenken müsste.^^
Anno
 

Re: (Fremde) Mitmenschen "scannen" / "ergründen"

Beitragvon kassenpatient » So 18. Mär 2012, 21:42

Hi Anno,

das geht mir genauso, bzw mache ich das genauso.
Es wäre cool, wenn man seine Theorien jedesmal überprüfen könnte. Dann könnte man seine "skills" was das angeht weiter perfektionieren :o)

Beste Grüße, Alex
kassenpatient
 

Re: (Fremde) Mitmenschen "scannen" / "ergründen"

Beitragvon Kleeblatt » So 18. Mär 2012, 21:44

Hallo Anno,

schließe mich an. Das hätte Wort für Wort auch von mir sein können.
"All animals are equal. But some animals are more equal than others."
George Orwell
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Re: (Fremde) Mitmenschen "scannen" / "ergründen"

Beitragvon Lila » So 18. Mär 2012, 22:49

Hallo Anno,
mir wird erst jetzt bewusst, dass ich es auch tue. Also, ich wusste, dass ich es tue, aber es war immer irgendwie "normal" für mich. Darum hab ich da gar nciht wirlich drüber nachgedacht.
Bin immer davon ausgegangen, dass es jeder Mensch macht, es sei denn, er blendet es für sich aus (weil er es nicht will, es ihn nicht interessiert, oder er keine Lust auf "Fanstasie- Spiele" hat oä).
Aber es kann natürlich wirklich sein, dass es eigentlich eher HSP zugeschrieben werden könnte. Hm... interessant...
Lila
 

Re: (Fremde) Mitmenschen "scannen" / "ergründen"

Beitragvon Skeeter » Mo 19. Mär 2012, 09:17

Moin,

kann mich auch einreihen... _hello_

Grüße Skeeter
Skeeter
 

Re: (Fremde) Mitmenschen "scannen" / "ergründen"

Beitragvon Filamis » Di 20. Mär 2012, 00:22

Hallo Anno,
auch mir geht es so. Dazu fällt mir gerade eine Situation ein, das war vorletzte Woche irgendwann auf dem Weg zur Arbeit. Ich saß in der Straßenbahn und mir schräg gegenüber zwei Sitzreihen weiter setzte sich eine Station, nachdem ich eingestiegen war ein Mann hin, den ich auf Anhieb ziemlich smpathisch fand.
Das ist bei mir auch oft so, dass ich neue Leute irgendwie sofort entweder in die Schublade "nett" oder "zumindest nicht auf Anhieb nett" stecke ;) aber davon hat man ja auch schon öfter gehört, dass fast alle Menschen in den ersten zwei Sekunden "entscheiden" (eigentlich passiert das ja auch eher unbewusst), wie sie jemanden finden.
Auf jeden Fall setzte sich der Mann hin und während der nächsten 5, 6 Stationen "scannte" ich ihn auch ziemlich genau. Allerdings muss ich sagen, dass ich sowas dann doch sehr diskret mache. Wobei das jetzt sehr aktiv klingt, eigentlich ist läuft das auch bei mir eher so nebenbei ab und wird mir dann immer wieder kurz bewusst. Es gibt dazu hier auch schon einen anderen Thread, in dem darüber gesprochen wird, wie unangenehm es ist, von anderen Leute beobachtet und angestarrt zu werden. Sowas finde ich auch extrem störend und möchte es deshalb auch keinem anderen zumuten.
Auch bei dem Mann in der Straßenbahn beobachtete ich also den Gesichtsausdruck und sog irgendwie seine Mimik regelrecht auf. Er guckte aus dem Fenster und sah dabei sehr angestrengt und irgendwie besorgt aus. Seine Augen bewegten sich mit den vorbeifahrenden Autos ganz schnell, aber ansonsten saß er fast regungslos da. Alles in allem kam in mir selbst auf jeden Fall das Gefühl auf, dass er sich um irgendwas sorgte, wegen irgendwas aufgeregt war und sich gerade den Kopf darüber zerbrach. Als er dann ausstieg und ich ihn noch auf die andere Straßenseite laufen sah, kam mir irgendwie der Gedanke, dass ich ihm viel Glück - wofür auch immer - wünschte. Total blöd freüde
Ich finde diese "Eigenschaft" bei mir aber in vielen Fällen schon sehr nachteilig. Es berührt mich auch, wenn ich z.B. Eltern sehe, die mit ihren Kindern total lieb umgehen und die Kinder sich freuen.
Diese Stimmung geht dann auch auf mich über. Aber wenn ich dann Eltern mit Kindern sehe, zwischen denen die totale "Disharmonie" herrscht, übernehme ich auch das und behalte die Stimmung dann eine ganze Zeit bei mir. Wenn ich dann auf dem Weg zur Arbeit eine ganze Reihe von (irgendwie leider meist schlechten) Stimmungen aufsauge, bin ich, wenn ich in der Arbeit ankomme, manchmal regelrecht überladen und muss das alles erst mal wieder loswerden... _nüxweiss_
Aber genau wie du sagst, maße ich mir auch nicht an, dass meine "Analysen" immer stimmen. Ich glaube sogar, dass ich vielleicht manchmal gerade die schlechten Stimmungen irgendwie quadriert übernehme. Also, dass der / die Andere sich vielleicht wirklich gerade nicht wohl fühlt, aber ich das dann oft überintrepretiere...
Hmm, also manchmal würde ich mir da schon ein paar Scheuklappen wünschen _anonym_ _grin_
Filamis
 

Re: (Fremde) Mitmenschen "scannen" / "ergründen"

Beitragvon Augenblick » Di 20. Mär 2012, 10:02

Kurz und knapp: Ich kann mich ebenfalls wiedererkennen und in die Runde gesellen _bia_

Es grüßt
Augenblick
Das lineare Kausalitätsdenken liefert schon lange keine Erklärungen mehr:
Auf A muss nicht B folgen.

~Paul Watzlawick~

Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel
Gutes in den Menschen hineinhuschen kann.

~Christian Morgenstern~
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Re: (Fremde) Mitmenschen "scannen" / "ergründen"

Beitragvon Anno » Di 20. Mär 2012, 16:35

Filamis hat geschrieben:Es berührt mich auch, wenn ich z.B. Eltern sehe, die mit ihren Kindern total lieb umgehen und die Kinder sich freuen.
Diese Stimmung geht dann auch auf mich über. Aber wenn ich dann Eltern mit Kindern sehe, zwischen denen die totale "Disharmonie" herrscht, übernehme ich auch das und behalte die Stimmung dann eine ganze Zeit bei mir.

Das kenne ich auch sehr gut, habe ich bei mir noch vergessen zu erwähnen. Und auch ansonsten klingt das alles so gut wie 1:1 wie bei mir...

In einem Zusammenhang fällt mir das Ganze immer wieder auf ganz andere Weise auf: Wenn ich nach Köln fahre nämlich. Ich wohne in Saarbrücken, bin aber jedes Jahr ein-, zweimal da drüben bei Freunden und fahre dann dort dann eben auch S-Bahn. Jetzt gibt es ja den Stereotyp, dass die Kölner besonders freundlich und offenherzig wären. Das hatte ich gar nicht unbedingt im Kopf, als ich zum ersten Mal da war, in der S-Bahn hat es mich dann aber förmlich erschlagen.^^ Die Saarbrücker sind im Gegensatz dazu nämlich ein eher miesepetriges Völkchen, untereinander zwar sehr redselig, aber insgesamt und gegenüber Fremden eben ziemlich mürrisch.
Wenn man jetzt also mit diesem Sinn für Stimmungen, um den es hier geht, in Köln unter Leuten ist, wenn man die Saarbrücker gewohnt ist... ich war wirklich verblüfft, wie auffällig der Unterschied schon in der S-Bahn war, war wo ich also normalerweise nicht mal mit jemandem geredet habe. Ich war nur noch am Grinsen^^

Aber das nur am Rande :D Danke für eure Antworten, zumindest weiß ich jetzt schon mal, dass es auch andere HSP kennen. Vielleicht sollte ich doch mal eine Nicht-HSP fragen, ob er/sie damit was anfangen kann... hier kann ich das ja eigentlich doch schlecht rausfinden.^^
Anno
 

Re: (Fremde) Mitmenschen "scannen" / "ergründen"

Beitragvon Jojo » Do 22. Mär 2012, 23:39

Ich kenn das auch von mir.
Liebe Grüße
Jojo
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Re: (Fremde) Mitmenschen "scannen" / "ergründen"

Beitragvon Seepferdchen » Do 5. Apr 2012, 21:27

Hallo,

ja, mir geht das auch oft so. Mal mehr mal weniger stark. Ich will das garnicht. Es ist mir manchmal unangenehm. Aber plötzlich bin ich auf dieser persönlichen Ebene fremder Menschen, die vor meinen Augen miteinander kommunizieren. Ein Pärchen, Mutter mit Kind ...

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