Freundschaften pflegen?!?

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Re: Freundschaften pflegen?!?

Beitragvon Mimi » So 4. Mär 2018, 20:36

Das Thema Freundschaft war für mich auch schon immer ein schwieriges. Früher hatte ich meist eine beste Freundin und oberflächiche Freundschaften aus der Schule und Ausbildung. Ich hatte dabei immer das Gefühl, dass ich dabei Dinge mache, weil man es eben macht und es erwartet wird. Von Teenagern und jungen Erwachsenen wird erwartet, das sie Abends weg gehen und Spass haben. Also habe ich mich diesem falschen Gedanken hingeben und bin eben mit in die Diskothek oder zu sonstigen Aktivitäten. Jedoch ist mir dies schnell immer zu viel geworden, so das der Kontakt dementsprechend abgeflaut ist, bis er ganz abbrach. Ich konnte damas nicht benennen warum mir alles zu viel war und ich keine Lust hatte, so dass ich sicher hinter meinem Rücken nicht selten als "Langweiler", "eigenartig" und "Schlafmütze" betitelt wurde.

Heute ist es so, dass ich eigentlich keine wirklichen Freunde habe, es aber auch nicht vermisse. Meine Schwester ist sozusagen meine beste und einzige Freundin. Mit ihr kann ich zum Essen oder sonstigem gehen und sie weiß ganz genau, wann es mir zu viel wird und versteht mich da voll und ganz.

Mein Freund hat einen sehr großen Freundeskreis und da reicht es mir vollkommen, alle paar Monate mal zu einer Aktivität mitzugehen. Ist von meiner Seite aus natürlich sehr oberflächlich, aber es ist für mich genau das richtige Mittelmaas meinem Freund zu zeigen, dass ich mich für seine Freunde interessiere und einer gewissen Distanz. Nichts geht zu tief...es ist nett und schön, wenn man sich mal sieht, aber es entstehen so keine Erwartungen. Da ich ja "nur" die Freundin von meinem Freund bin, ist es nicht schlimm, wenn ich oft nicht mitgehe und zu Hause bleibe.

Wie gesagt, früher war das ein Problem, weil man sich da oft an und über Freunde definiert hat, aber heute, mit 34, ist dieses "Freundelose" eigentlich entspannend und das richtige für mich.
Versuch zum Mond zu fliegen. Selbst wenn du ihn verfehlst, landest du bei den Sternen
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Re: Freundschaften pflegen?!?

Beitragvon gegenlichtblick » Fr 9. Mär 2018, 15:02

Hab lange nach nem Thread gesucht, in dem ich ein bisschen über meine momentane Sorge sprechen kann, aber ich glaub, hier bin ich genau richtig, denn das Thema "Freundschaft" beschäftigt mich momentan total. Ich hab den Thread soweit quer gelesen und schildere mal meine Sichtweise.

Direkt vorweg, um die eingehende Frage zu beantworten: Ich finde es auch irgendwie schwierig, als HSP Freundschaften zu haben bzw. zu pflegen.

Ich bin ein freundlicher Mensch und es mir wichtig, dass das auch andere erst mal so über mich denken. Deswegen bin ich zu anderen nett, halte mir die meisten aber auf Distanz, was sich oft in einer etwas kühleren Art bemerkbar macht, die einige dann auch nicht deuten können. Das kommt meist zu tage, wenn mir eben jemand näher "kommt" (freundschaftlich) und ich mich davon abgrenzen will.
Problem ist nämlich, dass mir "echte" Freunde einfach viel zu schnell ans Herz wachsen und ich mich oft zu sehr aufopfere, um ihnen alles recht zu machen. Ich hab ein paar wenige, enge Freunde und kann es gar nicht leiden, wenn da was im argen ist. Egal ob bei mir oder bei den anderen untereinander, ich brauche Harmonie. Jeder, der ebenfalls in diesen Kreis kommt, ist jemand neues, um den sich mein Harmoniebedürfnis kümmern möchte.

Genau da kommt jetzt der Punkt, an dem ich momentan nicht weiter komme. Ich habe zwei Menschen in meinen engeren Kreis gelassen, was mich total aus der Bahn wirft. Einer ist schon lange ein "Bekannter" gewesen, aber hat immer wieder gefragt, ob wir nicht mal was gemeinsam machen und der andere ist eine neue Bekanntschaft, der ich mich recht schnell öffnen wollte, weil ich das Gefühl hatte, wir sind auf einer Wellenlänge. Und wir haben auch monatelang jeden Tag miteinander geschrieben, was mir das Vertrauen gab, denjenigen näher an mich ranzulassen.

Nun, der eine fordert nun besonders viel Aufmerksamkeit von mir, was ich oft einfach nicht kann, zu Gereiztheit und der oben erwähnten Kälte im Umgang miteinander führt und der andere schenkt mir persönlich oft zu wenig Aufmerksamkeit, antwortet mir inzwischen nicht auf meine Nachrichten oder zeigt allgemein weniger Interesse an mir. Ich weiß, er hat super viel um die Ohren, aber ich will den Kontakt nicht vollständig abbrechen lassen. Ich schreib ihm dann immer, das Gespräch ebbt aber ab und ich denke mir "okay, ich scheine ihn total zu nerven. Fuck, so zerbricht die Freundschaft bestimmt", während ich dem anderen irgendwann immer ignoriere oder eben sage, dass ich jetzt meine Ruhe will.

Das bringt mein Gleichgewicht alles total aus dem Konzept und ich sitze momentan stundenlang zuhause und zerbreche mir den Kopf darüber, was ich machen soll. Vllt krieg ich hier im Thread ja ein paar Anregungen, wie ich da ein wenig "Ruhe" für mich reinbekomme und vor allem, wie ich es schaffe, mir selbst zusagen, dass die Freundschaft weder zerbricht, wenn ich mal meine Ruhe haben will noch wenn der andere seine Ruhe haben möchte. Ich finde das eigentlich alles total ermüdend und die Gedanken blockieren mich so oft, dass ich Abende gar nicht zu was anderem komme, weil ich so viel grübel. Kennt ihr das auch?
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Re: Freundschaften pflegen?!?

Beitragvon streunerin » Mo 14. Mai 2018, 09:10

Mir wurde im Laufe meines Lebens, mittlerweile bin ich im siebten Jahrzehnt, immer klarer, dass die Freundschaft zu mir selbst das allergrößte Projekt ist.
Meine Kindheit und Jugend war geprägt von Gewalt und Demütigungen sodaß sich bei mir das Gefühl manifestierte, dass ich nicht "richtig" sein kann. Vor lauter Anstrengungen, von den Eltern doch endlich einmal anerkannt zu werden, war ich überhaupt nicht in der Lage auch nur irgendeinen Kontakt zu mir selbst zu finden. Diese Praxis übertrug ich auch auf Altersgenossen. in Kontakten verbog ich mich bis zur Selbstaufgabe.
Später, in einem sozialen Beruf, hatte ich viele Kontakte. Da ich lange Jahre einen sehr guten Supervisor, der mir wie ein Vater war, an meiner Seite hatte, lernte ich, was Authentizität wirklich bedeutet. So wurde ich keine hilflose Helferin, ich lernte mich sehr gut abzugrenzen, aber mich andererseits mit ganzer Kraft auf den vor mir sitzenden Menschen zu konzentrieren.
Leider funktionierte dies nur in meinem Berufsleben, in privaten Kontakten, meinem Partner und auch meinen Eltern gegenüber blieb ich noch lange Jahre im alten Verhalten verhaftet.

Es war ein weiter Weg, aber heute erfüllt es mich mit einem tiefen Glücksgefühl, dass ich in mir selbst die allerbeste Freundin gefunden habe und inzwischen denke, dass ich schon "richtig" bin.

Ich erlebe immer wieder, dass Menschen es gerne mit mir zu tun haben, aber inzwischen habe ich ja gelernt gut auf mich aufzupassen. _flov_
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Re: Freundschaften pflegen?!?

Beitragvon cindy sun » Do 17. Mai 2018, 18:05

Liebe Streunerin,

wie gerne habe ich deinen Beitrag gelesen. Er kommt meinem Leben so nahe, außer dass ich noch auf dem Weg bin, mir selbst eine oder sogar die beste Freundin zu werden.
Im "Außen" klappt das schon viel besser, im Privaten habe ich noch große Schwierigkeiten. Aber ich gebe nicht auf.
Und deine Antwort macht mir Mut zum Weitermachen und Weiterüben.

Danke dafür,
cindy
.
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--- Ich nehme mein Leben zu dem Preis, den es mir gekostet hat und noch kosten wird. --- H.G. Nobis
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Re: Freundschaften pflegen?!?

Beitragvon streunerin » Fr 18. Mai 2018, 19:53

cindy sun hat geschrieben:Und deine Antwort macht mir Mut zum Weitermachen und Weiterüben.


Liebe Cindy,

das freut mich sehr!

Ich erlebe es als sehr befreiend, dass ich nicht mehr darum kämpfe verstanden zu werden. Wenn ich meinem Gegenüber ein ehrliches und offenes Feedback gebe und mir daraufhin mit einer Wertung begegnet wird, spüre ich den Wunsch mich zu distanzieren. Nach meiner festen Überzeugung sind Gefühle grundsätzlich nicht bewertbar, sie sind weder falsch noch richtig, sie sind einfach da und brauchen Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Wertschätzung.
Die Frage ist, wo findet man Menschen, denen es wirklich ums Verstehen geht? Eine essentielle Voraussetzung dafür ist das vorbehaltlose Zuhören. Wer kann das heute noch? Es gibt zu viele unachtsame Selbstdarsteller, wobei, wenn man näher hinschaut, es sich nicht um in sich selbst ruhende Menschen handelt, in der Regel plagen sie sich mit eigenen noch unbewältigten und verdrängten Problemen und suchen nach Ablenkung. Mittlerweile benötige ich nicht mehr sehr viel Zeit um zu bemerken, ob ich es mit einem Energieräuber zu tun habe oder nicht. Ich bin ja nicht mehr so jung und muss mir meine Zeit gut einteilen. icon_winkle
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Re: Freundschaften pflegen?!?

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Fr 18. Mai 2018, 21:14

streunerin hat geschrieben: Nach meiner festen Überzeugung sind Gefühle grundsätzlich nicht bewertbar, sie sind weder falsch noch richtig, sie sind einfach da und brauchen Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Wertschätzung.
Die Frage ist, wo findet man Menschen, denen es wirklich ums Verstehen geht? Eine essentielle Voraussetzung dafür ist das vorbehaltlose Zuhören. Wer kann das heute noch? Es gibt zu viele unachtsame Selbstdarsteller, wobei, wenn man näher hinschaut, es sich nicht um in sich selbst ruhende Menschen handelt, in der Regel plagen sie sich mit eigenen noch unbewältigten und verdrängten Problemen und suchen nach Ablenkung. Mittlerweile benötige ich nicht mehr sehr viel Zeit um zu bemerken, ob ich es mit einem Energieräuber zu tun habe oder nicht.


Hallo Streunerin,

stimmt, das sehe ich auch so: ich würde Gefühle auch nicht in falsch oder richtig einteilen (vielleicht eher in hilfreich oder nicht, aber das könnte vermutlich auch eine Bewertung sein?).

Allerdings gebe ich zu, ich bin ein Freund der Logik, und mir geht es zudem, wie du sagst „wirklich ums Verstehen“ (was zu meinem Bedauern nicht immer nur gut oder "vorbehaltlos" ankommt, hoffe aber jetzt, bei dir ist das anders, und ich falle nicht etwa in deine Energieräuber-Schublade):

1. Sind solche Begrifflichkeiten gegenüber anderen Menschen - „Selbstdarsteller“, „Ablenkungssucher“, „Energieräuber“ - keine Wertungen?
2. Sind die Gefühle von eben solchen Menschen, die man so für sich bewertet/eingeschätzt hat, trotzdem noch wertfrei, aufmerksam und wertschätzend zu betrachten, oder meintest du dabei ausschließlich die eigenen Gefühle und doch nicht "grundsätzlich"?

(Fragen sind nicht ironisch gemeint!)

Viele Grüße! :-)
Anima
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Re: Freundschaften pflegen?!?

Beitragvon streunerin » Fr 18. Mai 2018, 21:40

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:
1. Sind solche Begrifflichkeiten gegenüber anderen Menschen - „Selbstdarsteller“, „Ablenkungssucher“, „Energieräuber“ - keine Wertungen?



Liebe Anima,

nein, aus meiner Sicht sind das keine Wertungen. Auch ich bin ja lange herumgeirrt, war Selbstdarstellerin, Ablenkungssucherin, Energieräuberin und ich empfand es, jeweils als sehr hilfreich, wenn mich mein Gegenüber ernst nahm und mir ein ehrliches Feedback schenkte, auch, wenn ich das unmittelbar erst mal nicht verstand und eine Zeit zur Verarbeitung brauchte.
Konstruktive Kritik war für meine Weiterentwicklung hilfreicher als Smalltalk, Gleichgültigkeit oder Lobhudelei.
Der geistigen Menschen höchste Leistung ist immer Freiheit, Freiheit von den Menschen, von den Meinungen, von den Dingen, Freiheit zu sich selbst.

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Re: Freundschaften pflegen?!?

Beitragvon Träumerle » Do 16. Mai 2019, 15:13

*hochschieb*
Ich weiß, ich bin ein HSP,
da ich die Welt ganz anders seh'.
Ich tue dies auf meine Weise,
nämlich ruhig und auch sehr leise.

Für mich ist's eine große Gabe,
wenn ich's auch nicht immer leicht habe.
Drum nehmt euch's nicht zu Herzen,
Ewig sind nicht mal die schlimmsten Schmerzen.

~Träumerle :-)
_____________
(Ich bin männlich...)
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