Hochsensibilität ist sehr teuer!

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Hochsensibilität ist sehr teuer!

Beitragvon Steinway92 » Di 10. Mär 2020, 15:30

Liebe Leute,

ich habe mich in diesem Forum angemeldet, weil ich mittlerweile ziemlich sicher bin, hochsensibel zu sein.

Wie habe ich das bemerkt? Rückblickend kann ich sagen, dass ich bereits als 3-jähriger sehr "geschärfte" Sinne hatte. Ich konnte bereits dort - und daran kann ich mich sogar noch erinnern - die Diskrepanzen meiner Familie zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten erkennen. Ich merkte, dass da erhebliche Unstimmigkeiten sind. Mit etwa 6 schärfte sich mein Geruchssinn auf einmal. Das klingt vielleicht etwas seltsam, aber mit etwa 6 ließ mich die Frage nicht mehr los, wieso man die eigene Nase eigentlich nicht riechen kann. Daraufhin hatte ich dann für eine längere Zeit das Gefühl, den Geruch meiner eigenen Nasenschleimhaut ständig wahrzunehmen (wobei ich bis heute nicht weiß, ob das möglich ist).
Dieses Phänomen verabschiedete sich jedoch irgendwann wieder.

Mit dem Eintritt in die Grundschule lernte ich Klavierspielen und war fortan auf der Suche nach dem "perfekten Klang". Schon mit 12 oder 13 stimmte ich die ersten Klaviere und Flügel, weil sie für mich schrecklich verstimmt klangen. Das wurde dann auf dem Gymnasium immer intensiver, selbst in Konzerten störten mich minimale Verstimmungen. Ich selbst hatte zwischen 12 und 20 Jahren über 5 Instrumente. Zuerst zwei Klaviere, dann drei Flügel. Irgendwann hatte ich "meinen Flügel", einen Steinway B gefunden. Ich arbeite ihn klanglich über Monate aus, bis er mir gefiel.
Da wurde mir erstmals deutlich: Meine sensible Wahrnehmung kostet erheblich viel Geld.

Nun bin ich am Ende meines Masterstudiums, nebenbei bin ich selbstständig. Die Sache mit der Hochsensibilität ist allerdings auch hier wieder erheblich mit finanziellen Aufwendungen verschränkt. Für mich kam es von Anfang an nicht in Frage, dass ich jemals Mieter sein würde. Ich könnte mich nicht damit abfinden in einer Wohnung zu leben, in der nicht alles nach meinen Wünschen umgesetzt ist. Auch hier stören mich die geringsten Abweichungen. Also kaufte ich 2015 die erste Wohnung, die ich über 2 Jahre kernsanierte. Dabei wurde buchstäblich alles ausgetauscht und erneut, was man nur erneuern kann. Am Ende war es eine Luxussanierung und ich wollte einziehen. Eigentlich. Als ich einziehen wollte, stellte sich heraus, dass über mir extremer Trittschall war. Andere Menschen beim Gehen durch ihre Wohnung hören zu müssen - für mich ist und war das ganz schrecklich. Dabei war es gar nicht einmal so laut - es war kein Altbau. Für mich reichte es aber, die Wohnung wieder zu verkaufen.
Und so kam es auch: 2018 wurde die Wohnung verkauft und ich fand parallel dazu eine neue (Neubau), die viel größer war und insgesamt eine Verbesserung darstellte. Obwohl alles noch relativ "neu" war, musste ich auch hier kernsanieren. Neues Badezimmer, neue Böden, Elektroanlage erweitern, Tapeten, Decken, Fenster usw. Im Grunde wieder der gleiche Aufwand wie zuvor. Ich ging davon aus, dass die Wohnung wesentlich weniger hellhörig ist, da es eben ein gehobener Bau war - kein Vergleich zum ersten Haus.
Doch kurze Zeit später stellte ich auch hier fest, dass ich extremen Krach von oben und von der Seite habe. Von der Nachbarwohnung höre ich minimal den Fernseher. Das würde niemanden stören, mich macht dieses "Genuschel" aber wahnsinnig.
Der Kollege über mir ist Co-Trainer bei einem größeren Fußballverein. Und er hat einen extremen Bewegungsdrang... Da er nur auf Hacken geht, habe ich ständiges Gepolter über mir. Auch das stört andere Leute, die ich mal in die Wohnung geführt habe, überhaupt nicht.
Mich macht es aber wahnsinnig.

Ich glaube, bei mir liegt der springende Punkt im Aspekt von Macht: Ich lebe mein Leben eigentlich nur solange unbeschwert, solange ich das "Heft des Handelns" selbst in der Hand habe. Ich bin ein Macher, ich muss Dinge umsetzen, koste es was es wolle. Dass ich nun allerdings in meiner eigenen Wohnung so von anderen Menschen dominiert werde - ich denke, genau das ist so unendlich schwer zu ertragen.

Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als auch diese Wohnung wieder zu verkaufen und entweder ins Dachgeschoss eines Neubaus mit gutem Grundriss zu ziehen, oder aber ein Haus in Angriff zu nehmen.
Für mich ist es ein wahrer Luxus die Tür nach einem stressigen Tag zu schließen, und endlich meine Ruhe zu finden. Andere Leute würden darüber lachen - für mich sind Ruhe und selbstbestimmter "Krach" aber überlebensnotwendig.
Seitdem mir klargeworden ist, dass ich auch in diese Wohnung niemals einziehen muss (wohne dann übergangsweise wieder bei den Eltern), geht es mir viel besser.
Vorher hatte ich wirklich bei jedem Gepolter geradezu Schweißausbrüche...

Ich habe nicht nur diese akustische Hochsensibilität, sondern - leider - auch im visuellen Bereich. Beispiel: Austausch der Straßenbeleuchtung gegen LED. Bei uns - wohne in einer Großstadt in Niedersachsen - werden jetzt systematisch die gelben Natriumdampflampen gegen kaltes LED Licht ausgetauscht. Meinen Freunden ist das nicht aufgefallen - ich habe darunter aber durchaus zu leiden. Hatten die Straßen im dunklen gelben Licht für mich immer etwas behagliches, so erstrahlen sie nun in glänzender Kälte. Alleine die Lichtfarbe hat bei mir dazu geführt, dass ich die Straßenzüge als abstoßend, menschenfeindlich, empfinde.
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Re: Hochsensibilität ist sehr teuer!

Beitragvon Steinway92 » Di 10. Mär 2020, 15:31

Das vielleicht größte Problem der visuellen Hochsensibilität liegt darin, dass ich noch dazu eine sehr ästhetische Vorstellung davon habe, wie Menschen auszusehen haben. Obwohl ich mich zwar nicht als schlecht aussehend bezeichnen würde, wird mir immer deutlicher, dass ich das Idealbild von Frauen oder Männern eigentlich nie finden werde. Ich kann mir optisch niemals selbst genügen und auch andere Menschen können eigentlich niemals das erfüllen, was ich mir wünsche. Dieser Drang nach Ästhetik tritt nicht nur im sexuellen Kontext auf, sondern im Grunde in jeder Situation.
Das macht das Leben so unendlich schwer.

... Und natürlich der Aspekt, dass es in meinem Umfeld niemanden gibt, der auch nur annähernd nachvollziehen kann, wie sich dieses phasenweise Leiden an einer Hochsensibilität anfühlt.
Jetzt wollte ich euch mal fragen: Klingt das denn in meinem Falle sehr nach dem Vorhandensein von Hochsensibilität?
Falls ja: Wann sollte man dem nachgeben und wann widerstehen? Wenn ich der Hochsensibilität immer nachgebe, so werde ich tatsächlich arm, weil ich dann sämtliches Geld in die Veränderung meines Lebensraumes stecken muss.
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Re: Hochsensibilität ist sehr teuer!

Beitragvon Enny » Di 10. Mär 2020, 16:11

Hallihallo Steinway!
Ich denke es ist sehr wichtig, dass man sich ein Zuhause schafft, wo man sich wohl fühlen kann. Wo man runter kommen kann und sich sicher fühlt. Es kann sehr belastend werden, wenn genau dieser Ort das Gegenteil beinhaltet. Und man weiterhin in Alarmbereitschaft ist.
Hattest du jemals einen Ort wo du vollkommen entspannen konntest? Und was für Eigenschaften hatte der?
Einerseits ist die innere Ruhe ja abhängig von äußeren Umständen, aber eben auch von Inneren. Das ist ja schonen alter Hut, dass Stress dadurch entsteht, wie wir die Dinge wahrnehmen. Wie wir sie bewerten.
Also wenn wir Schritte hören z.B, können wir denken: Wow, mein Schatz kommt nach Hause. Oder: Oje, da ist vielleicht ein Einbrecher. Das Geräusch ist aber das selbe.
Und so ist das wahrscheinlich auch mit der Bewertung des Äußeren. Menschen schauen nunmal so aus, wie sie aussehen. Das ist weder gut noch schlecht. Und was du persönlich für anziehend empfindest oder ästhetisch ist ganz individuell. Aber andere ständig zu vergleichen oder zu bewerten könnte dir selbst schaden. So wie du erwähnt hast, dass du ja auch sehr kritisch mit dir umgehst.
Ich z.B. habe begonnen erotische Fotos von mir zu machen, so wie ich mich gerne habe. Und das hat mir richtig gut getan. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass jeder Mensch etwas Anziehendes hat. Die Perspektive macht es halt aus.
Umso mehr wir wahrscheinlich uns selbst annehmen und lieben lernen, umso mehr können wir das auch bei anderen. Und das macht uns definitiv reicher und ausgeglichener.
Alles Liebe
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Re: Hochsensibilität ist sehr teuer!

Beitragvon streunerin » Fr 27. Mär 2020, 03:00

Vermutlich wird Dir nichts anderes übrig bleiben als ein eigenes Haus in Angriff zu nehmen.
Nachdem ich aus verschiedenen Wohnungen geflüchtet bin, habe ich mich in jungen Jahren nur wegen meiner Lärmempfindlichkeit mit einem eigenen Haus hoch verschuldet, vor allem auch deshalb, weil eine Doppelhaushälfte oder ein Reihenhaus überhaupt nicht infrage kam und ich ein großes Grundstück mit ausreichendem Abstand benötigte.
Es ist ein wunderbares Gefühl Ruhe zu haben und zu wissen, dass nirgendwo etwas poltern kann.

Stören Dich die Geräusche in Deinem Elternhaus gar nicht?
Der geistigen Menschen höchste Leistung ist immer Freiheit, Freiheit von den Menschen, von den Meinungen, von den Dingen, Freiheit zu sich selbst.

(Stefan Zweig 1881 - 1942)
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Re: Hochsensibilität ist sehr teuer!

Beitragvon blumenkind » Mo 30. Mär 2020, 13:22

für mich klingt es nach hochsensibiltät, aber nicht nur. meine empfehlung wär eine psychotherapie bei jemand, die/der sich auch mit hsp auskennst, wenn du so großen leidensdruck im alltag hast.
zu deiner frage des nachgebens. aus meiner erfahrung ist es einerseits wichtig grenzen zu schützen, also mich zurückzuziehen oder etwas zu ändern, wenn es mich zu sehr stört. aber andererseits auch immer mal an grenzen rangehen, um nicht immer empfindlicher zu werden. ich handhabe es so, dass ich mir einen satz vorsage wie (ich mach das und das) und darauf achte, wie mein körper reagiert und auf das gegenteil. je nach "antwort" (die sich in schmerz zeigt oder öffnung z.b.), handle ich. meine intuition weiß erfahrungsgemäß gut, was für mich grad das passende is
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Re: Hochsensibilität ist sehr teuer!

Beitragvon DesdiNova87 » Mi 1. Apr 2020, 10:33

Wyllt hat geschrieben:Die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu finden, der sich mit HS(P) ausgkennt ist sehr gering, denn HS ist gar nicht Ausbildungsinhalt von Psychotherapeuten, also keine anerkanntes Krankheitsbild.


Da habe ich dann wohl großes Glück gehabt, dass mich mein Psychologe erst auf das Thema Hochsensibilität gebracht hat. :-)
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Re: Hochsensibilität ist sehr teuer!

Beitragvon Weltfremder » Mi 1. Apr 2020, 19:03

DesdiNova87 hat geschrieben:
Wyllt hat geschrieben:Die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu finden, der sich mit HS(P) ausgkennt ist sehr gering, denn HS ist gar nicht Ausbildungsinhalt von Psychotherapeuten, also keine anerkanntes Krankheitsbild.


Da habe ich dann wohl großes Glück gehabt, dass mich mein Psychologe erst auf das Thema Hochsensibilität gebracht hat. :-)

War du denn in einer Psychotherapie gewesen und dort kam der Verdacht auf HS?
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Re: Hochsensibilität ist sehr teuer!

Beitragvon DesdiNova87 » Mi 1. Apr 2020, 22:06

Weltfremder hat geschrieben:War du denn in einer Psychotherapie gewesen und dort kam der Verdacht auf HS?


Ja, mein Psychologe hat Hochsensibilität für eine bessere Erklärung gehalten und meine ADS-Diagnose angezweifelt. Entscheidend für sein Urteil war z.B., dass ich mich in einer reizarmen Umgebung sehr wohl konzentrieren kann, was bei AD(H)S-lern so i.A. nicht möglich ist. Aber da spielen auch noch andere Sachen mit rein, gehört jedenfalls nicht alles in diesen Thread.
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