HS ist n i c h t Reizüberflutung

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

Moderatoren: Hortensie, Eule

HS ist n i c h t Reizüberflutung

Beitragvon sol » Mo 31. Dez 2018, 17:20

Hallo Zusammen,

ich glaube, dass viel Frust und ‚das eigene Licht unter den Scheffel stellen‘ bei HS entsteht, wenn HS mit Reizüberflutung gleichgesetzt wird.

Weil mir das beim Lesen und Diskutieren ein bisschen so vorkommt und wir uns meiner Erfahrung nach das Leben damit unnötig schwer machen, würde ich mich gerne mit euch zu diesem Thema austauschen.

Meine lange schmerzhafte und krankmachende Überreizung bin ich durch die Beschäftigung mit dieser Überreizung, durch gravierende Lebensveränderungen- und Anpassungen an meine Reizoffenheit und durch leichte medikamentöse Unterstützung losgeworden in jahrelanger Umstellung und Selbstbeforschung.

Das habe ich im Rahmen der Diagnosen ADHS und Erschöpfungsdepression getan.

Dabei geht es um Krankheitssymptome, Störungen in der Hirnchemie, psychische Störungen.

ADHS passte bei mir aber nie so ganz dazu, dass ich im Grunde keine Konzentrationsprobleme habe und auch nicht dazu, dass meine hochsensible Wahrnehmung völlig unbeeinflusst von Überreizungen, Depressionen oder Medikamenten immer die gleichen feinen Antennen blieben, die Schönheit, Freude an Kleinigkeiten, Lachen, gutes Einfühlen in Mitmenschen und dadurch Umgänglichkeit und Ermutigung in meinem Leben hielten.

Ich konnte noch so depressiv sein, die Fähigkeit, durch Lesen in Geschichten einzutauchen verlor ich nie, die innere Verbindung zum Glauben auch nicht, den Sinn für Natur, Humor, Musik, Poesie uvm. auch nicht.

Wenn ich in die Schiene, alles als Krankheit und Defizit wahrzunehmen reinrutschte, dann wohl, dann wurd‘s schwarz und leider musste ich mir ja wie die meisten alle Infos über HS selber suchen.

Aber HS für sich genieße ich. Weil mich Musik so tief erfüllt, kann ich sie gar nicht als Defizit sehen, wenn ich durch zuviel Lärm überreizt bin.
Und die, die mit mir Musik machen, möchten meine Art auch nicht missen.

Ebenso tun tiefe Gespräche allen Beteiligten so gut, dass ich gar nicht mehr auf die Idee komme, meine Empathie mit Reizüberflutung bei zu vielen Geräuschquellen gleichzeitig gleichzusetzen.

Die hochsensiblen Gaben tun mir und anderen so gut, dass die besondere Fürsorge, die sie brauchen, gerechtfertigt ist. Wie bei allen Gaben, die Besonderheiten sind und brauchen.

Das ist bei Depressionen oder ADHS anders. Bei Depressionen gibt es nicht eine wohltuende Empfindsamkeit und bei ADHS nur wenige, die ihre Reizoffenheit jemals genießen können, weil es meist „nur“ die Reizüberflutung ist und das Chaos ohne Genuss in Reizreduktion.

Das ist meine Erfahrung im Vergleich, keine wissenschaftliche Erkenntnis.

So kann ich mir vorstellen und erlebe das auch, dass ich HS zufrieden leben kann, ADHS nicht.

HS ist eine Wahrnehmungsbesonderheit. Eine Gabe. Ein Fluch, wenn in falschem Umfeld reizüberflutet. Aber das zweite ist nicht das, was sie ausmacht.

Was meint ihr dazu?
„There‘s a crack in everything, that’s how the light gets in.“ Leonard Cohen
sol
Full Member
 
Beiträge: 164
Registriert: So 30. Dez 2018, 17:31

Re: HS ist n i c h t Reizüberflutung

Beitragvon Sonne-über-der-Stadt » Mo 31. Dez 2018, 18:04

Ich würde alles genau so unterschreiben, wenn Du anstelle "man" und "es ist eine Gabe" von Dir selbst schreiben würdest. Du empfindest es so und das verdient Achtung und Respekt. Aber es empfindet und sieht nicht jeder so. Ich denke, dass jeder Mensch anders ist als der andere, auch Menschen mit HS sind unterschiedlich. Ich z.B. sehe HS nicht als "Gabe" sondern bin eher der wissenschaftliche Typ in dieser Hinsicht und sehe es als neurologische Konstitution.
Benutzeravatar
Sonne-über-der-Stadt
Full Member
 
Beiträge: 164
Registriert: Fr 11. Jul 2014, 09:38
Wohnort: NRW

Re: HS ist n i c h t Reizüberflutung

Beitragvon sol » Di 1. Jan 2019, 03:15

Ja natürlich gibt es so viele HS-Ausprägungen wie HSP, davon gehe ich ja gerade bei HS aus.

Auch stimme ich der neurologischen Konstitution zu.

Ich denke aber, dass HS nicht als Krankheit, psychische Störung oder Behinderung gilt, weist schon auf die Besonderheit hin, die ich meine.

Die Besonderheit nämlich, dass es nicht „nur“ eine größere Reizoffenheit ist im Sinne von Reizüberflutung, sondern auch eine größere Bandbreite von Detailwahrnehmungen oder von Feinheiten.

Ob du in der Literatur oder hier im Forum unter den positiven Erfahrungen mit HS liest, die Fhigkeiten der Feinwahrnehmung in den individuellen HS-Bereichen sind doch eindrucksvoll und kostbar und diese (im Gegensatz zur Überreizung) werden vom Umfeld doch auch oft genug genauso genossen und als außerordentlich erlebt wie von uns selber.

Das ist mir eben so wichtig, nicht unter den Tisch fallen zu lassen.

Alle meine beruflichen und privaten Projekte erhielten und erhalten ihre besondere Handschrift durch meine HS, die bei mir breit gefächert im kognitiven, sensorischen und emotionalen Bereich liegt.

HS, das sind doch oft echte besondere Fähigkeiten.

Die Überreizung allerdings, die damit einhergeht, diese breite Wahrnehmung zu verarbeiten, die kann erheblich sein ohne Erfahrungswissen.

Wie gesagt auch krankmachend, was ich nicht verharmlosen will.

Da helfen mir ja leichte Medikamente und Verhaltensweisen aus dem ADHS- und Depressionsbereich gegen Überreizung und Erschöpfung.

Ist es nicht ermutigend, dass es zu den mitunter schmerzlichen Überreizungen auch so viele Ressourcen gibt?

Das schaut bei ADHS-Betroffenen z.B. meist ganz anders aus.
„There‘s a crack in everything, that’s how the light gets in.“ Leonard Cohen
sol
Full Member
 
Beiträge: 164
Registriert: So 30. Dez 2018, 17:31

Re: HS ist n i c h t Reizüberflutung

Beitragvon Jamania » Di 1. Jan 2019, 09:11

Ich finde so was ja cherry-picking icon_winkle

Man nehme:
- Fantasie
- Empathie
- künstlerische Begabung
- Gerechtigkeitssinn
- ein Anspruch an hohes moralisches Empfinden bei sich und anderen
...... usw....

und backt daraus eine Persönlichkeit, in der das alles eine Einheit bildet und einen Menschen schafft, der die besten Eigenschaften (nach aktuellem Weltbild) vereint:
voilà die HSP!

Abgesichert wird es durch persönliches Empfinden:
Wenn man sich als HS sieht, fühlt sich alles so schön und richtig an

Und validiert wird's durch die Gegenprobe:
Denkt man an AD(H)S, dann fühlt es sich nicht richtig an, bei Depression fühlt man sich auch irgendwie anders

Ich frage mich, was so was bringt?
Ob es die HSP in der Form gibt, dass Menschen mehr Reize intensiver wahrnehmen als andere und dass sich dadurch evtl. andere Strukturen im Denken und Empfinden bilden, ist auch noch fragwürdig und momentan nicht zu überprüfen.

Allerdings ist diese "Arbeits"these der Reize als Auslöser für mich greifbarer als die, dass dieses Konzept einfach eine Schnittmenge derjenigen ist, die tiefer fühlen, intensiver leiden, moralisch bewusster denken und agieren, etc....

Denn das ist für mich ein reines Zeitgeistphänomen:
angesichts der Komplexität der Welt, möchten wir dringend klare Kategorien haben, wer nun ein guter Mensch ist und das richtige denkt und tut, und wer nicht, denn was auf der Oberfläche so klar und entschieden scheint, ist es bei weitem nicht und wir fühlen uns immer mehr in bedrohlichen Strudeln, denen wir scheinbar nur standhalten können, wenn wir uns an das klammern, das sicher und geklärt scheint.
HS (als diese moralische Schnittmenge) passt da für mich exakt hinein und fängt diejenigen auf, die aus der Geschichte gelernt haben, was NICHT geht und nun denken, sie wüssten wie alles geht.
Dazu brauchen sie aber den Rückhalt eines Konstrukts (das vollkommen an den Haaren herbei gezogen ist), die Unterstützung von denjenigen, die auf genau demselben Level wie sie stehen und die klare Unterteilung in gut-böse, die auch nicht relativiert oder weiter entwickelt und an neue Entwicklungen angepasst werden darf.
Am besten alles zusammen!

Genau dort fischt das Konstrukt HS für mich in seinem momentanen Stadium.
Jamania
Rat der Weisen
 
Beiträge: 1005
Registriert: Mi 13. Jul 2011, 16:02

Re: HS ist n i c h t Reizüberflutung

Beitragvon Hortensie » Di 1. Jan 2019, 12:20

Ihr Lieben,

bevor wir hier wieder über Konstrukte o. ä. diskutieren, bitte ich dich sol, hier im Forum zu diesem Thema nachzulesen. Dieses Thema gibt es hier häufiger, oft auch in abgewandelter Form!

Gerne dürfen auch alte Thread oder Diskussionen hochgeholt werden. Deswegen schließe ich diesen Thread jetzt an dieser Stelle!

LG, Hortensie
pragmatisch und bodenständig
Hortensie
Moderator
Moderator
 
Beiträge: 8512
Registriert: So 18. Mär 2012, 15:41
Wohnort: weit im Westen



Ähnliche Beiträge


Zurück zu Hochsensibilität Allgemein

Wer ist online?

0 Mitglieder

cron