In Gruppen "bei sich bleiben" können

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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In Gruppen "bei sich bleiben" können

Beitragvon Lou Salome » Di 8. Nov 2016, 21:24

Ich leider unter alten Gruppenerfahrungen aus Familie und Schule und es ärgert mich, dass ich heute noch kein probates Mittel gefunden habe, damit umzugehen.

Im Moment besuche ich mehrere Fortbildungen mit einer Gruppengröße von ca. 20 Kollegen, zu sehr trockenem Stoff und hat sehr wenig mit meinem Wunschberuf zu tun. Das ist jedoch nur ein Stressfaktor am Rande.

Mich stresst mehr folgendes:
- der hohe Anspruch, in der Gruppe mein bestes zu geben (obwohl mich das Thema kaum interessiert und ich den Beruf jedoch für 2 Jahre mindestens ausüben muss um meine Weiterbildung im psychologischen Bereich zu finanzieren.
Ich muss mich also ein stückweit verstellen. Fällt mir schwer.
- vor allem stresst mich, dass ich - wie damals in der Schule - den Eindruck habe, nicht gut genug zu sein und dass ich deshalb weniger gut dastehen könnte (Perfektionismus)
- dann stresst es mich, dass ich dort als Frau evtl. auch nicht gut abschneiden könnte (auch ein altes Teenie-Thema)
- ich mag auch nicht alle Gruppenteilnehmer bzw. verschließe mich automatisch und verkrampfe, weil ich Angst habe, dass ich eben nicht souverän wirke
- außerdem mache ich mir noch innerlich Druck, dass ich als Psychologin nun doch genau wissen müsste, wie es geht - aber ich bin auch nur ein Mensch und habe durch das Hsp und das Anderssein viel Ablehnung erfahren müssen...



Ich wünschte mir, ich könnte mich endlich UNABHÄNGIGER machen von dem was irgendein Gruppenmitglied von mir denkt, wie es gerade guckt, wenn ich einen Beitrag abgebe bzw. ich einfach mehr bei mir bleibe und nicht jede Geste und jeden Gesichtsausdruck falsch werte .....

Ich pendle noch zwischen - ich möchte zur Gruppe dazugehören und zwischen ich bleibe-bei-mir...

Sowas spürt die Gruppe natürlich auch....

An einigen Tagen gelingt es mir ganz gut, bei mir zu sein und souverän zu bleiben, ich habe aber noch nicht herausgefunden, wie es mir gelingt bzw. woran es liegt.
Gestern war wieder so ein Tag, Fortbildung nach langer Pause und ich war nach 8 Stunden total gerädert und in der Pause auch sehr unsicher, ob ich denn in irgendeiner Weise einem akzeptiertem Bild entspreche..
hinzu kommt natürlich noch die Reizüberflutung, die schlechte und langweilige Aufbereitung durch den Dozenten -- doch diese Grundproblematik habe ich mit allen neuen Gruppen (unabhängig vom beruflichen Kontext)

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Was sind Eure Erfahrungen in ähnlichen Situationen ?
Lou Salome
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Re: In Gruppen "bei sich bleiben" können

Beitragvon kranich » Mi 9. Nov 2016, 05:32

Mir hat geholfen eine selbstbewußte Körpersprache einzuüben. Ich habe auf youtube Videos geschaut und dann vor dem Spiegel trainiert Natürlich passt dann das äußere Bild nicht zu den Gefühlen. Aber da gibt es doch das Sprichwort " Fake ist till you make it"
Und du musst dir auch nicht mehr so viele Sorgen machen wie du auf andere wirkst.
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Re: In Gruppen "bei sich bleiben" können

Beitragvon Sonnenblume31 » Mi 9. Nov 2016, 08:40

Ohjee ich leide mit dir mit. Was machst du denn gerade für eine Ausbildung und wie oft hast du solche Treffen/Seminare?
Mir ging es letzte Woche auch ähnlich. Ich war in einem Seminar (musste da von einem Chef aus hin) , obwohl es meiner Meinung nicht relevant für mich war.
Es war fast schon unerträglich da drinnen zu sitzen und die Zeit ist nicht vergangen.
Ich hatte da das gleiche Gefühl wie du beschreibst…jeder soll von mir gut denken und ich muss mich einbringen. Ich habe mich sehr unwohl gefühlt, da ich schon einiges wusste und nichts neues dazugelernt habe. Noch dazu war das Seminar nicht für meine Zielgruppe sondern eher für Kollegen, die nicht in meinem Bereich arbeiten, dh. ich fühlte mich eh schon ein wenig ausgegrenzt.
Zum Glück kommt das nicht zu oft vor, wie z.B bei dir. Mich stresst so etwas auch..die Menschen/Geräusche und dass ich mir nicht die Freiheit nehmen darf zu sagen „nein ich gehe nicht hin“.
Einige Menschen brauche das auch und inszenieren sich selbst, was ich auch wiederum nicht ertragen kann. Nach wie neulich 7 Stunden hatte ich die Nase auch voll und war durch den Wind.
lg
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Re: In Gruppen "bei sich bleiben" können

Beitragvon Dreamcatcher » Do 10. Nov 2016, 03:00

„Ich leide unter alten Gruppenerfahrungen aus Familie und Schule...“ ist mir auch bestens vertraut. Du hast das so treffend beschrieben, diese Mechanismen, die wieder greifen, wenn alter Erfahrungsschrott, den man längst entsorgt haben wollte, wieder im Alltag die Oberhand gewinnt und einen zurückwirft auf Zeiten der Ohnmacht - zuweilen vielleicht auch der Demütigung. Gern schreibe ich dir dazu einige Erfahrungen meinerseits:

Die Angst nicht zu genügen, weil du Frau bist, dir deswegen Stress machst, kenne ich vice versa als Mann; und zwar in dem Sinn, dass ich als Mann cooler in dieser oder jener Situation hätte sein müssen - sein müsste; innerlich klar, stark und eindeutig und nicht so zweifelnd, so hadernd mit dem Schicksal – sich so ohnmächtig fühlend – schwach (welch entsetzlich Wort).

Männer versuchen das zuweilen durch derbe – nicht selten auch blödsinnige Bemerkungen und Verhaltensweisen zu kaschieren,

Wie gut kenne auch ich diesen Wunsch in der Gruppe dazuzugehören und zugleich souverän zu sein; eine fundamentale Frage. Wie oft habe ich mir selbst bei solchen Situationen die Frage gestellt: Wie machen die das, was ist deren Geheimnis? Wie bringe ich mich selbst in diesen Zustand? Dass ich so spontan und selbstverständlich mit anderen in den Austausch gehen kann, mich dabei nicht! Nicht! Nicht auf eine besondere Person fixieren muss, weil diese mir scheinbar besonders zugetan scheint? Oder ich diese wegen ihrer besonderen Art meine bevorzugen zu müssen.... oder einer Person, die mein Wesen im naturgrunde ablehnt aus moralischen Gründen meine besonders freundliche Aufmerksamkeit zukommen lassen zu müssen blabla dieses ganze komplizierte Zeugs....

wie lange darf ich, kann ich, muss ich jemanden der mir in der Gruppe straight gegenüber sitzt angucken, anschauen; geb ich mir eine Blöße, wenn ich mal in seine/ihre Richtung lächle? Darf ich mal einen missbilligenden Blick wagen, wenn mir dessen/deren inhaltlichen Eingebungen nicht behagen; ist dann Krieg zwischen dieser Person und mir? Wie sieht der aus und könnte ich dem standhalten und hätte ich Verbündete

… nun wollt ich noch auf ander Aspekte deines Postings eingehen, muss mich jedoch dem Mühdigkeitimpuls ergeben....

Herzliche Grüße,
DC
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Re: In Gruppen "bei sich bleiben" können

Beitragvon TimC1980 » Do 10. Nov 2016, 06:42

Hallo Lou Salome.
ich habe deinen Post sehr aufmerksam gelesen. Dein Problem ist ehrlich gesagt auf dem ersten Blick offensichtlich. Mich wundert es ehrlich gesagt das es dir nicht selber auffält. Du forderst von dir und von anderen Dinge die unmöglich sind. Zum Beispiel du wünschst dir unabhängig von anderen zu sein fragst dich aber gleichzeitig ob du auf andere souverän wirkst. Du wünschst dir Akzeptanz in deiner Gruppe aber du akzeptierst dich ja nicht einmal selber. So wie du bist. Wie sollen das dann andere machen. Denn natürlich nehmen sie genau das wahr. Du willst gemocht werden. Sagst aber das du nicht jeden magst. Du hast nicht herausgefunden wieso du zu gewissen Zeitpunkten souverän wirkst. Ist doch eigentlich logisch. Du denkst nicht darüber nach. Du machst einfach. Und genau das kommt dann auch bei anderen auch so an.
Mir ist es vollkommen egal was andere von mir denken. Wichtig für mich ist. Kann ich das was ich sage und tue vor mir selber verantworten. Ist mein reden und handeln im Einklang mit meinem moralischen Kompass. Das alleine zählt und sonst nichts. Ja und mit dieser Einstellung treffe ich oft auf Unverständnis. Ich werde als arrogant bezeichnet. Gut sollen sie das denken. Ich bin überzeugt von mir selbst, das alles was ich tue richtig ist. Solange mein Herz und mein Verstand dahinter stehen. Dabei ist es egal wo ich bin oder bei wem ich bin.
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Re: In Gruppen "bei sich bleiben" können

Beitragvon exsitu » Do 10. Nov 2016, 10:50

Gruppen waren für mich auch schwierig und sind es manchmal noch, allerdings aus etwas anderen Gründen. Fortbildungen, die hab ich immer sehr gern gemacht, auch wenn sie der Gruppenproblematik wegen anstrengend waren.


Ich zähl einfach mal auf, was mir geholfen hat:

- Humor. Sich und andere nicht ganz so ernst nehmen.

- Mich ganz vornen hinsetzen, dann kann ich mich gut auf Stoff und Dozent konzentrieren und die Leute hinter mir vergessen.

- Andernfalls, z.B. in den Pausen: Ab und zu „den Spieß umdrehen“, also selber eine interessierte Beobachterposition einnehmen und gucken, wer die andern so sind, was sie so machen und sagen. Nicht bewertend, sondern einfach zur Unterhaltung, wie Theater oder Fernsehen, und Pausenbrot dabei knabbern ... und mich selber dabei vergessen.

- Mir klarmachen, dass es „die Gruppe“ als Ganzes eigentlich gar nicht gibt (und schon gar nicht „die Gruppe“ auf der einen Seite als Gegenüber bis Gegensatz zu mir auf der anderen Seite), sondern dass es sich um eine Anzahl von Individuen handelt, die ganz verschieden sind, auch ihre Eigenarten haben und mit Gruppensituationen unterschiedlich umgehen. Es gibt nicht das ideale, perfekte Verhalten in einer Gruppe, sondern viele verschiedene Möglichkeiten.

- Kontakt aufnehmen zu den ein, zwei oder drei Leuten der Gruppe, die mir am liebsten sind. Dann fühl ich mich wohl, bin ich nicht isoliert, und die übrigen Leute sind nicht mehr wichtig.

- Komischerweise kann es hilfreich sein, wenn genau das eintritt, was man befürchtet und zu vermeiden versucht. Weil man dann erleben kann, dass es gar nicht so schlimm ist - man wird deswegen nicht beschimpft, nicht rausgeschmissen, die Welt geht gar nicht unter. Das funktioniert aber wohl nur, wenn man es bewußt erlebt. D.h. nicht: etwas „Peinliches“ sagen, erschrecken, Kopf einziehen, innerer Film an, im Boden versinken, hinterher schnell abhauen - sondern wenn „es“ passiert ist: Kopf hoch, Augen offen, schauen, was tatsächlich passiert ... nämlich vermutlich gar nichts.

- Ausgiebige Auseinandersetzung mit den Ursachen. Immer wieder. Das, was ich schon zu wissen meinte (du klingst für mich auch etwas nach „Ich weiß ja, wo es herkommt ...“), hatte ich an manchen Stellen längst nicht tief genug verstanden, und anderes hatte ich noch nicht miteinander in Zusammenhang gebracht oder unterschätzt oder noch gar nicht gefunden.

- Mich innerlich auf eine Metaebene begeben, „drüber stehen“: Ich hab diese oder jene Eigenart oder Schwäche, und vielleicht äußert sie sich mal in dieser oder jener Verhaltensweise, aber ich bin nicht diese Schwäche, sie ist einfach nur Folge von ein paar Dingen, die ich zufällig so erlebt hab. So wie man halt mal nass wird, wenn man in einen Regen geraten ist - und wenn nicht, ist man halt gerade trocken.

- Humor. Lachen tut gut ... und entwaffnet. Oder anders gesagt: Souverän ist nicht, wer alles im Griff hat, sondern wer es nicht im Griff zu haben braucht. :-)


Das sind meine gesammelten Weisheiten zum Thema ... vielleicht kannst du was davon gebrauchen.
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Re: In Gruppen "bei sich bleiben" können

Beitragvon Lylia » Fr 18. Nov 2016, 14:08

Ich weiss nicht ob es dir hilft aber kann mal meine Erfahrungen mit Gruppen schildern, okay? icon_winkle

Bei mir ist es eher umgekehrt "ich-selber" bin ich überwiegend im Umgang mit Gruppen von Menschen und wenn ich alleine bin, hadere ich mit mir selber. Der Umgang mit vielen Leuten ist mir sehr wichtig und solange die Leute da sind ist alles jut, aber alleine sein kann ich nicht, dann fange ich an zu "spinnen" und bekomme auch Paranoia.

"Bei sich bleiben" geht am besten, wenn man sich wohlfühlt und ich denke, dies ist bei jedem Menschen ganz unterschiedlich: einer mag Gruppen der andere nur 1 oder 2 Freunde und manch einer, ist gerne allein. Vielleicht musst du für dich noch herausfinden, wo genau hier deine Wohlfühlzone liegt, und wenn es so ist, wünsche ich dir dabei viel Kraft und Erfolg. icon_winkle
"Eine traurige Seele kann einen schneller töten als jeder Krankheitskeim."
Zitat: Hershel aus The Walking Dead
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