Kann nicht mit Menschen aber auch nicht ganz ohne

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Kann nicht mit Menschen aber auch nicht ganz ohne

Beitragvon Weltfremder » Sa 3. Aug 2019, 00:21

Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht.

Ich war im Prinzip schon immer ein Außenseiter. Im Kindergarten wollte ich erst mit überhaupt niemandem spielen und habe viel geweint. Später hatte ich ein paar Spielkameraden, Freunde würde ich es nicht nennen. Es war dann glaube ich auch so, dass ich mit manchen dann doch spielen wollte, die aber nicht mit mir. Anfangs war es ja umgekehrt. Naja, zu meinem Werdegang hatte ich ja in meinem Vorstellungsthread schon einiges geschrieben, und will nur noch das wichtigste wiederholen. Ich wurde nämlich in der Grundschule zunehmend gemobbt, während meine wenigen Kontakt auf nahezu null zurückgingen. Eigentlich hat man es ja damals schon gemerkt, dass es zwischen mir und den anderen nicht klappt, aber damit hat sich niemand so intensiv beschäftigt. Es war dann für den Rest der Grundschule so, dass ich keinen Anschluss mehr hatte und ich von den einen Leute aktiv gemobbt wurde und von den anderen ausgegrenzt, ich hatte auch in der Pause praktisch nie jemandem zum spielen. Hatte dann außerhalb der Schule vor allem mit meiner Oma zu tun, und auch mit meinem Opa, als dieser noch lebte. Manchmal noch mit Kinder aus der Verwandtschaft, wenn die zu Besuch waren. Ich hatte mich auch damals schon stark von den anderen weg entwickelt, hatte also andere Interessen. Das war mir damals aber auch egal und ich bekam durch den wenigen Kontakt auch noch nicht so mit, dass ich, wie ich rückblickend eher feststelle, schon damals eine andere Lebenswelt hatte, auch meine Familie spielt dabei eine Rolle. Mir hat es damals schon mit Menschen, zumindest mit Gleichaltrigen gereicht, ich hatte eine extreme Wut auf nahezu alle von denen und war einfach frustriert. Auch wegen diesem ganzen Mobbing natürlich. Ich wurde noch nicht mal so krass gemobbt, ich hörte später von anderen Leuten oder auch im Internet, dass an anderen Grundschulen Sachen ganz anderen Klaibers abgehen, aber über mich machten sich eben auch andere Schüler lustig oder ärgerten mich, auch jüngere. Ich kann oder wollte mich auch nie großartig wehren, es widerstrebte mir, und ich hätte womöglich Probleme bekommen ,da ich ja der ältere war. Ich wurde z.B. mal von Zweitklässern geärgert, und das als Viertklässer. Hätte ich die verhauen, dann wäre ich doch bestimmt der Schuldige gewesen? Ich bin auch körperlich (motorisch) eingeschränkt, gerade das war ein großes Problem in der Kindheit, wäre ich z.B. ein guter Fußballer gewesen und nicht nur psychisch, sondern auch physisch schlagfertig, hätte ich bestimmt eher Freunde gehabt. War aber halt nicht so. Wurde schon damals als behindert u.ä. bezeichnet.


Aber weiter: Ich kam dann aufs Gymnasium, war dort in meiner Klasse der einzige von unserer Grundschule. Mir hat es damals im Grunde schon mit anderen Menschen gereicht. Ich wollte dort einfach nur meine Ruhe haben. Vorher hatte ich ja in der ersten Klasse ein paar "Freunde", was ja trotzdem kein Mobbing verhinderte. Ich dachte, ich habe es noch am bestem, wenn ich zu den Leuten auf maximaler Distanz bleibe. Ich nahm keinen Kontakt auf, wollte nicht mit ihnen auf den Pausenhof usw., was manche wohl vor den Kopf gestoßen hatte. Nichtsdestotrotz wurde ich die ersten zwei Jahre noch korrekt behandelt, Mobbingphasen gab es erst später immer mal wieder. Ich fand auch nicht alle Leute dort unsympathisch, wollte aber mit niemandem näher zu tun haben, die wohnten halt auch alle woanders als ich. Es wahr aber letztendlich das beste so, vor allem in der Pubertät habe ich gesehen, dass diese Leute (und nicht nur diese) nichts für mich sind. Es gab manche, die auch mich irgendwie mochten, aber besonders einer hatte es auf mich abgesehen und stachelte wiederholt seine charakterschwachen und opportunistischen Freunde gegen mich auf, die groteskerweise manchmal auch nett oder neutral mir gegenüber waren. Anderen ging man einfach aus dem Weg. Auf jeden Fall hat sich mir in der Pubertät noch viel mehr als vorher schon gezeigt, dass ich mit den anderen nicht kann, ich es mit ihnen nicht aushalte, oder, neutraler ausgedrückt, unsere Interessen sich stark voneinander unterschieden. Diese ganzen Dinge waren mit ein Grund dafür, wieso ich die Schule vor der Oberstufe verließ. Es ging irgendwie nicht mehr. ...

(unten Fortsetzung)
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Re: Kann nicht mit Menschen aber auch nicht ganz ohne

Beitragvon Weltfremder » Sa 3. Aug 2019, 17:09


(Fortsetzung)
Die schulische Ausbildung, die ich später begann, zeigte mir einmal mehr, dass mir Menschen, besonders meine eigene Generation, einfach fremd sind, dass ich mit ihnen keine Gemeinsamkeiten habe, dass ich praktisch in einer anderen Welt lebte usw. Zwar waren hier überwiegend nette Leute, aber davon abgesehen waren sie wie die anderen auch, mehr oder weniger. Überhaupt habe ich immer mehr gemerkt, dass sich die anderen Menschen nur in Nuancen voneinander unterscheiden. Trotzdem gibt es überall Streit. Es ist eigentlich kein Wunder, dass die Menschen mit mir genau so wenig können wie ich mit ihnen, wenn doch schon bei denen untereinander ständig kracht.
Und mit jungen Erwachsenen ist es jetzt auch nicht anders, gerade bei ihnen merke ich, dass ich mit ihnen absolut nicht kann und die meisten auch allein unterbewusst oder so, schon ablehne. Dieser ganze Lebensstil, Partys, Disco, Zocken, Drogen nehmen und so das ganze eben, was viele in diesem Alter treiben, in früheren Zeiten auch schon ,aber heute vielleicht noch mehr, ist mir sowas von fremd und zuwider, dass ich froh bin, wenn ich von solchen Menschen so wenig wie möglich mitbekomme. Das alles mag auch mit meinem Autismus zu tun haben, für solche Leute soll die Jugend eine besonders schlimme Zeit sein, noch weit übler als die Kindheit. Auch bei mir haben alle Sozialkontakte kontinuierlich abgenommen. Es trägt regelrecht schicksalhafte Züge, wie das sich entwickelt hat: der Kontakt mit den diversen Personen brach immer kurz vor der Zeit ab, in der es sowieso nicht mehr mit ihnen gegangen wäre, also z.B. kurz vor der Pubertät. Bei den allermeisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, mit denen ich früher mal im Kindergarten oder so gespielt hatte, könnte ich mir heute überhaupt nicht mehr vorstellen, mit denen noch irgendetwas zu tun zu haben. Insofern war es vielleicht gut, dass sich unsere Wege schon vorher getrennt haben, da wir eh irgendwann nicht mehr zueinander gepasst hätten. Ich finde es traurig, wie sich viele Leute so entwickeln, wenn sie vom Kind zum Jugendlichen werden, denn manche waren als Kind noch ziemlich nett. Man ist teils echt geschockt, wie sehr sich Leute danebenbenehmen können, von denen man das nie gedacht hätte. Ich denke, es wird aber auch mit 40 oder so nicht anders sein, also, dass man wesentlich besser miteinander zurecht kommt. Das dachte ich nämlich auch mal, aber das ist wohl illusorisch.


Ich habe wohl auch durch mein selbst für ein betagtes Alter rückständiges Umfeld vieles verpasst und mich auch deswegen anders entwickelt. Als ich noch mehr Fernsehen schaute, dann meist typische alte-Leute-Sendungen. Ich kann z.B. gar nicht verstehen, wie jeder nur noch Netflix guckt, was da läuft interessiert mich gar nicht und das ist eh alles durchamerikanisiert.


Ehrlich gesagt will ich mit den allermeisten Menschen gar nichts zu tun haben, und die wohl auch nicht mit mir. Leute, die wirklich so anders sind, dass sie zu mir passen, d.h., die auch in meine Richtung hin anders sind, habe ich noch nicht gefunden. Ich kann auch ohnehin gar nicht auf Leute zugehen und keinen Smalltalk, Blickkontakt geht auch nur kurz.

Überhaupt möchte ich mit dieser ganzen Gesellschaft nichts zu tun haben, außen hui, innen pfui, kann ich nur sagen. Wie soll man da jemandem wirklich vertrauen? Oder sich wirklich wohlfühlen?
Es scheinen auch für Familien mit Kindern, ältere Leute usw., die mir noch am normalsten vorkommen, ganz andere Regeln und Maßstäbe zu geten als z.B. für Jugendliche oder auch generell für Singles und Kinderlose bis zu einem gewissen Alter. Viele Menschen benehemen sich m.E. erst wie Erwachsene, wenn sie selbst Kinder bekommen.

Allerdings merke ich in letzter Zeit, dass ich es auch nicht ganz ohne Kontakt aushalte, vor allem, seitdem auch meine Oma tot ist. Mit dem Rest der Verwandtschaft habe ich noch weniger zu tun als meine Eltern schon. Man sieht sich mal an Geburtstagen, mehr ist da nicht.

Immer stärker wird mir bewusst, dass ich mich in einer extremen Zwickmühle befinde: Einerseits bin ich mittlerweile sehr einsam, so wie noch nie zuvor, doch gleichzeitig kann ich auch nicht mit Menschen, die einen ertrage ich in der Öffentlichkeit schon kaum, mit den anderen kann ich einfach nichts anfangen. Das belastet mich sehr, und ich habe bisher keine Lösung dafür gefunden.

Ich hätte ja z.B. auch Angst, alleine zu wohnen und wüsste nicht, wie ich das aushalte, umgekehrt wäre für mich aber auch das Leben mit Frau und mehreren Kindern kaum zu ertragen, denke ich.

Kennt ihr so etwas von euch und von anderen? Geht es euch auch so? Oder denkt ihr, dass es fast nur am Autismus liegt?
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Re: Kann nicht mit Menschen aber auch nicht ganz ohne

Beitragvon Hortensie » Sa 3. Aug 2019, 20:19

Bist du denn Autist?
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Re: Kann nicht mit Menschen aber auch nicht ganz ohne

Beitragvon Weltfremder » So 4. Aug 2019, 03:29

Habe bisher nur eine Verdachts-Diagnose (immerhin das). Es ist nicht einfach, eine Autismus-Diagnose zu bekommen, das geht nur an speziellen Fakultäten, deren Wartelisten voll sind.

Asperger vermute ich bei mir schon seit Jahren, seit ich erstmals auf das Thema gestoßen bin.
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Re: Kann nicht mit Menschen aber auch nicht ganz ohne

Beitragvon Schaumfest-Tiger » Sa 31. Aug 2019, 13:02

Weltfremder hat geschrieben:Habe bisher nur eine Verdachts-Diagnose (immerhin das). Es ist nicht einfach, eine Autismus-Diagnose zu bekommen, das geht nur an speziellen Fakultäten, deren Wartelisten voll sind.


Das stimmt nicht. Und mit "Fakultäten" hat es gar nichts zu tun. Man kann es in jedem Autismus-Forum nachlesen, wie einfach es ist. Man braucht nur anrufen und einen Termin vereinbaren. Kann jeder die Adressen und Telefonnummern googeln und sich selbst von überzeugen, einfach anrufen. Noch einfacher geht es, wenn man viel Zeit hat, dann braucht man nicht auf die Pausen warten um Privatgespräche zu führen. Aber es scheint dir ja nicht wichtig genug zu sein.

Weltfremder hat geschrieben:Asperger vermute ich bei mir schon seit Jahren, seit ich erstmals auf das Thema gestoßen bin.
Und du willst mit Spekulationen auch jahrelang weitermachen?

Viel Erfolg
smusch
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Re: Kann nicht mit Menschen aber auch nicht ganz ohne

Beitragvon Weltfremder » So 1. Sep 2019, 23:37

Schaumfest-Tiger hat geschrieben:Das stimmt nicht. Und mit "Fakultäten" hat es gar nichts zu tun. Man kann es in jedem Autismus-Forum nachlesen, wie einfach es ist. Man braucht nur anrufen und einen Termin vereinbaren. Kann jeder die Adressen und Telefonnummern googeln und sich selbst von überzeugen, einfach anrufen. Noch einfacher geht es, wenn man viel Zeit hat, dann braucht man nicht auf die Pausen warten um Privatgespräche zu führen. Aber es scheint dir ja nicht wichtig genug zu sein.

Was verstehst du denn bitte unter einfach?
Es ist wesentlich einfacher, sich beim nächstbesten Psychiater Depressionen und Schizophrenie diagnostizieren zu lassen. Aber der nächstbeste Psychiater hat nur in seltensten Fällen die Befugnis, Asperger zu diagnostizieren. Das können nur bestimmte Fachstellen. Ich habe jetzt immerhin Aussicht auf einen Platz in einer Warteliste. das große Problem ist nämlich, dass wir es hier mit einer Versorgungslücke zu tun haben, die immer größer wird. Es gibt immer mehr Asperger-Verdachtsfälle, aber niemand kommt mal auf die Idee, die Diagnostik-Kapazitäten auszuweiten. Du kannst gerne irgendwo anrufen und einen Termin vereinbaren (in der Theorie), nur, wann du diesen Termin bekommst, das ist der springende Punkt. Es gibt inzwischen teilweise schon Wartelisten für die Wartelisten. OIO

Bei einer Stelle hieß es sogar, sie würden gar niemand neues mehr annehmen, weil alles voll ist mit Terminen und bereits bestehenden Patienten. Tja, das deutsche Gesundheitssystem hat seine besten Tage schon hinter sich. smuup

Und dass heute so viele auf einmal den Verdacht auf Asperger haben, kommt auch nicht aus dem nichts, sondern liegt maßgeblich an dem Zustand der heutigen Gesellschaft. Es gab schon immer Asperger, genauso wie auch ADHSler und sonstige Andersartige, nur brauchten die früher keine Diagnosen, weil man auch trotz so einer Beeinträchtigung noch einen Platz in der Gesellschaft finden konnte. Das wird aber immer schwerer in der heutigen Zeit, und das betrifft vor allem, aber nicht nur den Arbeitsmarkt. Nun gibt es immer mehr Menschen, die irgendwann in einer Sackgasse stecken, dann auf das Thema Asperger stoßen und sich darin wiederfinden.

Schaumfest-Tiger hat geschrieben: Und du willst mit Spekulationen auch jahrelang weitermachen?

Ich bin niemand, der wegen allem gleich zum Arzt rennt. Ich war mir auch noch nicht sicher, ob es auf mich tatsächlich zutrifft. Ich las zwischenzeitlich mal ein Buch, wo ein ziemlich extrem Betroffener charakterisiert wurde, und kam dann vorübergehend zum Schluss, ich läge irgendwo im Grenzbereich zischen "Normal" und Asperger. Durch weitere Informationen war ich später wieder anderer Meinung.

Eine solche Diagnostik tut sich eigentlich keiner freiwillig an, sie bringt fast nur Nachteile (z.B. keine BU-Versicherung mehr möglich), Vorteile allenfalls, wenn man wirklich Hilfe braucht in diversen Lebensbereichen. Deshalb dachte ich zunächst, es würde reichen, wenn ich selbst es weiß. Ist ja nicht gerade positiv in der Gesellschaft, sich als Autist zu outen. iwikx

Inzwischen möchte ich aber auf jeden Fall eine Diagnose, da mir zunehmend klar wird, ich werde ich dieser Gesellschaft kaum etwas erreichen können, ich weiß noch nicht mal, ob ich je eine Arbeit finden werde. Da ziehe ich es dann doch lieber vor, mich von der Gesellschaft als Behinderter diskriminieren zu lassen anstatt sich als "fauler Arbeitsloser" diffamieren zu lassen, der "an allem selbst schuld" sei. Nein, ich bin dann eben nicht selbst schuld, sondern von Geburt an schwerbehindert gewesen.
Weltfremder
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