Kann sich Hochsensibilität "auswachsen"?

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Kann sich Hochsensibilität "auswachsen"?

Beitragvon Bluna » Mi 16. Dez 2015, 19:25

Hallo,
auf der Suche nach Erklärungen habe ich dieses Forum gefunden. Vielleicht gibt es ja hier Antworten auf meine Fragen?

Unser erstes Kind, ein Knabe, war schon immer ein "besonderes" Kind. Eher still und in sich gekehrt; schaute sich in fremder Umgebung erst einmal um und erst, wenn er "warm" geworden war, beteiligte er sich an Kinderspielen. Raufen, schlagen, kämpfen um ein Spielzeug? Nein, das war nicht seine Welt. Er argumentierte, konnte sich verbal gut ausdrücken und wenn er dann nicht weiter kam, zog er sich zurück und beschäftigte sich mit anderen Dingen.
Im Kindergarten war er bei den Betreuerinnen sehr beliebt. Ich glaube, dort war seine schönste Zeit in der Kindheit. Er fühlte sich angenommen, ernst genommen. Das hat er auch des Öfteren zu uns gesagt. Dort war der Ort, wo man ihm half, als er unbedingt lesen lernen wollte. Niemand, der ihm sagte, er sei noch zu klein und sollte bis zum Schulanfang warten. Man akzeptierte ihn so, wie er war. Innerhalb von sechs Monaten konnte er fließend lesen und wenn die Umlaute noch nicht einzuordnen waren, fragte er solange, bis er es verstanden hatte.

Als Schulkind begannen die ersten Probleme. Andere Jungen wollten toben, raufen, Kräfte messen. Er nicht.
Im Gymnasium ging es weiter. Seine anfänglichen Versuche, sich anzupassen, ja nicht auffällig zu werden, scheiterten. Es gab zwar einige oberflächlichen Freundschaften, aber einen festen Freundeskreis gab es nicht.
Die Bücherei wurde sein zweites Zuhause. Dort konnte er Stunden verbringen, ohne Hunger oder Durst zu bekommen. Damals sagte ich immer: Dieses Kind braucht wohl nichts anderes als Input, Input, Input.

Das Einser-Abitur machte er nebenbei. Lernen? Ja, aber doch nicht für die Schule. Ihn interessierte die ganze Welt. "Was ist hinter der Milchstraße?" fragte er und wunderte sich, dass ich ihm darauf nur eine vage Antwort geben konnte.
Das änderte sich erst im Studium, als er seine erste Freundin kennenlernte. Sie kam aber nicht mit seiner Art, die Welt "erobern" zu wollen, klar. Für sie war er zu "kompliziert im Denken". Unter dieser Trennung hat er sehr gelitten; zog sich fast völlig von der Außenwelt zurück.
Trotzdem schaffte er das erste und zweite Examen. Dann trat eine andere Frau in sein Leben. Er lebte wieder auf und genoss diese Liebe. Jobsuche verlief erfolgreich und eigentlich dachten wir, jetzt würde er glücklich werden. Um so größer war der Schock, als er uns sagte, dass er sich von der Freundin getrennt habe. Sie habe ihm mehrere Seitensprünge gebeichtet und "so eine" wolle er nicht an seiner Seite. Dabei träumten wir und auch ihre Eltern doch schon von einer Hochzeit...

Es dauerte eine Zeit, bis er uns eine neue Frau vorstellte. Gleichzeitig bemerkten wir eine gewisse Distanziertheit zu uns.
Es ist schwer zu beschreiben, er wurde einfach anders. Emotionen, die wir bisher kannten, konnte er nicht mehr zeigen. Diese hohe Sensibilität, die immer sein "Markenzeichen" waren, verschwand völlig. Manchmal kam er richtig "eiskalt" rüber. Fakten Fakten Fakten; mehr gab es für ihn nicht mehr. Liebevoller Umgang, Verständnis für andere, wichen einem Egoismus, der uns schaudern ließ. Bis heute fragen wir uns, warum es zu dieser Wesensänderung gekommen ist und ob es einen "Auslöser" gegeben hat.

Der "Jetzt-Zustand" ist alles andere als erfreulich für uns. Auf der einen Seite ist er sehr erfolgreich im Beruf, glücklich(?) verheiratet, Haus, tolles Auto, Golfplatz... alles bestens.
Auf der anderen Seite wir, die Eltern, die nicht mit diesem "kalten, seelenlosen, emotionslosen" Gebahren des eigenen Kindes klarkommen. Auf Enkelkinder werden wir wohl verzichten müssen. "Die setzt man nicht in diese Welt" (O-Ton).

Kann sich Hochsensibilität wirklich auswachsen?

Dieser krasse Wandel innerhalb relativ kurzer Zeit macht uns ganz schwer zu schaffen.

Seufzende Grüße
Bluna
Bluna
 

Re: Kann sich Hochsensibilität "auswachsen"?

Beitragvon Rauhnacht » Mi 16. Dez 2015, 22:11

Hey,

ich nehme an, dass dein Sohn von dieser Welt enttäuscht wurde bzw. ihm durch HSP viele tiefe Wunden (Fremdgehen etc.) geschlagen wurden. Bei HSP kommt es häufiger vor, dass sie annehmen, dass die Welt im Grunde genommen schlecht ist da sie viel sensibler auf schlechte Nachrichten reagieren und alles verbessern wollen. Wenn er sich diese Einstellung angeeignet hat ist es schwierig ihn wieder davon loszubekommen. Andererseits kann es auch einfach sein, dass er seine sensible Seite verbirgt um sie zu beschützen.

Eine genaue Antwort kann dir niemand dazu geben, vielleicht nicht mal er selbst. Ich hoffe, dass sich das löst!
Hier im Forum sind auch keine Profis unterwegs, da müssen Spezialisten ran :)
Rauhnacht
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Re: Kann sich Hochsensibilität "auswachsen"?

Beitragvon Bluna » Fr 18. Dez 2015, 12:30

Danke für deine Antwort!
Ja, dieses "Fremdgehen" war ein gewaltiger Schlag für ihn.
Einige Leute, die ihn von klein auf kennen, meinten mal, er sei jetzt in der Realität angekommen. Stichwort: Ellenbogengesellschaft. Wer sich nicht wehrt, hat verloren.

Vielleicht müssen wir uns einfach mit dieser Veränderung abfinden? Aber dann würden wir in zwei Welten leben, er in seiner und wir in unserer. Einen gemeinsamen Nenner zu finden, wäre einfach unmöglich. Seufz

Liebe Grüße
Bluna
Bluna
 

Re: Kann sich Hochsensibilität "auswachsen"?

Beitragvon Fredda » Fr 18. Dez 2015, 14:33

Hallo Bluna,
deine Geschichte berührt mich sehr. Ich kenne diese Trauer. Ich habe auch schon drei Menschen „verloren“, weil sie sich änderten und nicht mehr wiederzuerkennen waren. Das ist ein unklarer Verlust, weil die Person ja noch existiert und man sie sieht - äusserlich. Und jedesmal, wenn man sie sieht, sucht man den Menschen da drin, den man mal gekannt hat. Ich bin überzeugt, dass der Mensch, den man mal kannte, immer noch in der Person drin steckt. Nur wird er nicht ausgelebt.

Bei meinen Fällen war es einmal eine schwere psychische Krankheit, die zwar kuriert wurde, aber dermassen Spuren hinterliess, dass ich den Menschen nicht mehr wiedererkenne. Ich habe mehrere Jahre darunter gelitten. Dann habe ich beschlossen, um den Menschen zu trauern, als wäre er gestorben. Anschliessend konnte ich zu dieser „neuen“ Person, die da in dem Menschen regierte, eine neue Beziehung aufbauen. Das war schmerzhaft und tut immer noch ein bisschen weh.

Die anderen beiden Fälle sind auch Männer gewesen, die sich nach dem Kennenlernen einer Frau stark änderten. Aus fröhlichen, unbeschwerten Männern mit denen man Quatsch machen konnte, wurden ruhige, fast ernste Typen, die abends um 8 nach Hause gingen. Das ist aus meiner Sicht erstmal keine positive Veränderung gewesen. Aber wenn ich die beiden heute sehe (aus den Frauen wurden ihre Ehefrauen), scheint es ihnen gut zu gehen. Auch wenn sie nicht mehr so sind wie früher. Natürlich vermisse ich „meine alten Kumpel“.

Jetzt siehst du diese Änderung an deinem eigenen Sohn. Am erstgeborenen. Das tut sicherlich sehr weh.
Du fragst dich, ob es einen Auslöser gab. Ich denke, seine neue Beziehung war der AUSLÖSER. Aber sicher nicht der GRUND, warum die Änderung kam.

Abgelehnt zu werden, weil ich „zu kompliziert denke“, würde mich stark verletzen. Ich käme mir falsch vor. Anders als wenn jemand nur meine Vorliebe oder Ansicht nicht mag, würde es mich erschüttern, wenn mich jemand ablehnt, wegen etwas, das ich BIN.

Mehrfach vom Partner betrogen zu werden, stelle ich mir ebenfalls erschütternd vor. Das würde mein Selbstbewusstsein zerstören. Ich würde die unterschwellige Botschaften hören: Du passt mir nicht, du bist nicht gut genug, du bist nicht richtig.

Ich kann mir gut vorstellen, dass dein Sohn sich nach solchen Erlebnissen eine härtere Schale zugelegt hat. Möglicherweise hat sein Beruf / seine Karriere ebenfalls dazu beigetragen, dass er sich „Unsensibilität“ angeeignet hat.
Ich habe auch schon mehrmals miterlebt habe, dass jemand, der etwas an sich ändern wollte, ins krasse Gegenteil verfiel. Erst mit der Zeit stellte sich dann die „gesunde Mitte“ beider Verhalten ein.

Was ich nicht glaube ist, dass sich Hochsensibilität auswachsen kann. Möglicherweise gibt es Hochsensible, die ihre Eigenschaft ignorieren können oder wollen. Mir würde es dann sehr schlecht gehen. Aber vielleicht fällt es Männern leichter? Vielleicht fällt es ihnen leichter, weil sie von Natur aus mehr auf Verstand gepolt sind, und weil sie von der Gesellschaft für „ein harter Kerl sein“ gelobt werden (z.B. mit Karriere)?

Wie du deinen Sohn beschreibst, kommt mir seine harte Schiene, die er fährt, wirklich heftig vor. Dass er keine Kinder will, finde ich sehr sehr schade. Wie hat er die Welt erlebt bzw. in welcher Welt lebt er, in die er keine Kinder setzen will? Ist seine Frau der gleichen Überzeugung?

Mir scheint wirklich, er ist privat und beruflich in Kreise geraten, wo Sensibilität nicht gebraucht / gewünscht ist. Und nach seinen „Misserfolgen“ mit seiner Sensibilität fühlt er sich in diesen „unsensiblen“ Kreisen ganz gut.
Vielleicht wird es ihm dort auf Dauer gut gehen? Vielleicht aber stellt er eines Tages fest, dass ihm etwas Entscheidendes fehlt?
Du fragst dich, ob er glücklich ist. Muss man denn glücklich sein? Reicht es nicht auch, wenn man zufrieden ist?

Vor einigen Monaten habe ich meine Tochter „in diese Welt gesetzt“. (Und zwar gerne!) Ich ahne, wie sehr man als Mutter leidet, wenn sich das eigene Kind so sehr verändert, sein ursprüngliches Wesen verschwindet.
Vielleicht hilft es dir und deinem Mann, wenn ihr den Verlust der Sensibilität eures Sohnes betrauert. Der Prozess der Trauer hat ein Ende. Dann hat auch das grosse Leid ein Ende. Und es wäre Platz für eine neue Beziehung zu eurem „neuen“ Sohn.
Ebenfalls gegen Leiden hilft es mir, meinen Fokus auf etwas Anderes zu richten. Das ist anfangs schwer und geht dann immer leichter.

Ich hoffe, ich konnte - wenn schon keine Lösung - so doch meine Anteilnahme an deiner Geschichte, liebe Bluna, ausdrücken. Und ich wünsche dir von Herzen, dass euer Sohn zu seinem Ursprung zurück findet! Vielleicht geschieht das im Rahmen einer Midlife-Krise?

Viele liebe Grüsse
Fredda
Fredda
 

Re: Kann sich Hochsensibilität "auswachsen"?

Beitragvon Muntje » Fr 18. Dez 2015, 18:15

Liebe Bluna,

Als Erstes fiel mir beim Lesen Deines Posts auf, dass es sich bei eurem Sohn zwar durchaus um einen Hochsensiblen handeln kann, es sich nach den getätigten Aussagen aber primär um einen hochintelligenten Menschen handelt. Hochintelligenz ist aber keineswegs zwingend gleichzusetzen mit Hochsensibilität.

Dann fiel mir als nächstes auf: Euer Sohn verlebte die glücklichste Zeit seines Lebens, als er als kleiner Junge es mit Betreuerinnen zu tun hatte, die ihn annahmen, ihn ernst nahmen.
Diese für jedes Dasein so wichtigen Dinge verlieren sich dann im weiteren Text für mein Empfinden:

Könnte es nicht sein, dass euer Sohn all diese Geborgenheit, dass er so sein durfte, wie er es wünschte und liebte, im nachfolgenden nicht mehr verspürte?

Er versuchte, sich anzupassen und es anderen recht zu machen und scheiterte stets. Schon in der Schule war das ja so.
Seine erste Freundin verließ ihn, weil er ihren Erwartungen nicht entsprach („zu kompliziert im Denken“). Und hier nutze ich erstmals dieses Wort Erwartungen, dass sich für mich, was ihn betrifft, irgendwie als roter Faden durch die ganze Geschichte schlängelt.
Die Examina schaffte er trotzdem. Wollte er diesen Weg im Leben selber gehen? Oder ging er ihn, weil jemand anderes es von ihm erwartete?
Er bekam einen Job, durch den er reich wurde. Könnte es aber nicht sein, dass er damals sich weder aus der Gleichung: Gut bezahlter Job = erfolgreiches Berufsleben etwas machte noch aus einem Haus oder einem teuren Auto? Ist es nicht möglich, dass er das alles nur deshalb schaffte und nur deshalb diesen Beruf ergriff, weil es von ihm mal wieder erwartet wurde?
Dann kam die zweite Frau in seinem Leben und zeigte ihm durch die Zuwendung zu anderen Männern (also durch das mehrfache Fremdgehen), dass er erneut nicht das war, was sie erwartet hatte. Sonst hätte sie sich nicht anderen Männern hinwenden müssen. So könnte er doch gedacht haben, oder liege ich mit dieser Konjunktiven Annahme völlig falsch?

Und nun kam seine Familie und war schockiert, dass er diese Frau verließ. Dabei träumte doch schon alles von der Hochzeit. Träumte aber auch er selber davon? Oder war es wieder nur die Erfüllung von Erwartungen an ihn? Euer Schock, als er diese Frau verließ, war das eine durch euren Sohn gefühlte Missachtung der Erwartungen an ihn?
Wo waren seine Betreuerinnen von damals geblieben, die ihn vor langer Zeit ernst genommen hatten und so annahmen, wie er war? Bei denen er keine Erwartungen erfüllen musste? Bei denen er so sein durfte, wie er es selber liebte?

Und nun fing der junge Mann an zu (über)reagieren. Er begriff vielleicht, dass alles bei ihm aus der Erwartung und der Wünsche durch andere entstammte. Aber er konnte auch nicht mehr zurück. Er verstand möglicherweise nur, dass nun wieder andere etwas von ihm erwarteten. Zum X-ten Mal in seinem Leben erfuhr er von Wünschen anderer, die ihm zugetragen wurden, obwohl sie vielleicht gar nicht die Seinen waren, wohl aber sein Leben beeinflussen würden, egal ob es Reichtum, Job, Frau oder sonst was waren.

Er wurde aus Zorn über all diese ewigen Erwartungen, selbst von Seiten seiner Familie, nun kalt. Und er „rächte“ sich, indem er denjenigen, die nun wenigstens Enkelkinder herbeisehnten (er selber wird das vielleicht wieder als Erwartung angesehen haben) diesen Traum zerstörte. Nein, er würde diese Erwartung nun nicht mehr erfüllen! Er reagierte nun auch als wohlhabender Berufstätiger kälter. Man will ihn so? Bitte, man kann ihn so haben! Wenn dies denn die Erwartungen unserer Gesellschaft an ihn sein sollen…

Bitte nicht falsch verstehen, das sind nicht meine Empfindungen. Ich versuche, Empathie bei einem mir völlig unbekannten Menschen anzuwenden. Und selbstverständlich kenne ich weder eure Familiengeschichte noch die Menschen, die sich hinter dem, was Du beschrieben hast, verbergen.

Aber als Neutraler kann ich vielleicht versuchen, die ganze Sache einmal in einem anderen Licht zu betrachten. Wäre es nicht machbar, mit eurem Sohn über all das eben Durchdachte, was ich durchaus nicht für völlig abwegig ansehe, zu reden? Auch wenn es nicht bis ins kleinste Detail so stimmen wird, vielleicht ist ja doch ein Korn Wahrheit davon in seiner Seele vereist? Vielleicht kann man ihm nunmehr durch Verständnis und ohne jede weitere Erwartung wieder an sich heran holen?

Möge Friede und liebevolles Miteinander in eure Familie zurückkommen.
Dies wünscht euch

Muntje
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(Antoine de Saint-Exupery - Le Petit Prince)
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Re: Kann sich Hochsensibilität "auswachsen"?

Beitragvon MaryBo1968 » Sa 19. Dez 2015, 03:42

Hallo Bluna,

als ich die Sätze gelesen hatte wie Dein Sohn sich verändert hat, konnte ich nur zustimmend nicken. Das kenn ich nur zu gut von mir selbst.
Irgendwann in den letzten Jahren ist auch mir meine Emotionalität was andere Menschen anbelangt abhanden gekommen.
Bewusst geworden ist mir das erst nachdem ich durch den burnout ausgebremst worden war. Mit aller Deutlichkeit wurde mir da bewusst dass ich mich sehr verändert hatte
und auch seit Jahren keine Gedichte mehr geschrieben hatte, was für mich gleichbedeutend war/ist mit "Gefühlen freien Lauf lassen".
Diese emotionale Lähmung wurde über die Jahre schlimmer- je mehr ich verletzt wurde.
Ich habe in meinem ganzen Leben was Liebesbeziehungen angeht eigentlich immer sehr viele und tiefe Gefühle gelebt und wurde oft enttäuscht.
Irgendwann habe ich mich verschlossen um nicht mehr verletzt zu werden und nur noch gelebt um zu arbeiten- dadurch habe ich mnich definiert und meine
Anerkennung gefunden die ich auch brauchte aber meinte von anderen Menschen nicht bekommen zu können, weil ich ja anders war/bin.
Ich habe mir nicht vorgenommen mich zu verschließen, es geschah unbewusst.
Mittlerweile ist mir klar dass ich mich irgendwann selbst verloren habe aber auch wieder dahin zurück will.
Ich war ein sehr optimistischer Mensch der zuerst einmal das Gute sah, ein Tag ohne Lachen gab es bei mir nicht.
Wenn ich liebte dann mit Haut und Haaren und mit ganzem Herzen- ob ich das jemals wieder kann weiß ich nicht.

Ich denke Dein Sohn hat auch nicht beusst irgendwann zu sich gesagt: so ab heute bin ich eiskalt und egoistisch und materiell eingestellt, damit fahre ich besser.
Die Veränderung geschah unbewusst durch die emotionalen Verletzungen und dieser Schutzwall um seine Seele ermöglicht ihm vielleicht ein "normales" Leben...
ABER es ist keine Garantie dass es auf Dauer funktioniert. Bei mir hat es das jedenfalls nicht.

P.S. Nein, ich glaube nicht das sich HS auswachsen kann. HS ist angeboren und HS und Hochbegabt treten übrigens auch oft zusammen auf.
Weiß Dein Sohn eigentlich von HS? Wenn nicht dann führe ihn an das Thema heran. Ich glaube dort liegt auch der Schlüssel dazu wieder offener
werden zu können, weil man dann erkennen kann wieso und warum sich das alles so verhält...dieses "anders sein" usw das ist dann kein "Schreckgespenst"
mehr vor dem man sich fürchten muss. Man erkennt das es auch eine Gabe sein kann.

LG
Mary
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Re: Kann sich Hochsensibilität "auswachsen"?

Beitragvon Sonnenblume_SS » Sa 19. Dez 2015, 19:43

Ich muss Muntje zustimmen, klingt nach einem hochbegabten Menschen.
Kann aber auch mit Hochsensibilität einher gehen.

Jedenfalls denke ich nicht, dass HS sich "auswachsen" kann. Was ich aber auch denke, ist dass HS für eine gewisse Zeit verdeckt sein kann. Ich persönlich spüre das bei mir auch gerade. Genau genommen würde ich es als Phase bezeichnen, in der man sich schützt und ganz plötzlich ohne dass man selber eine Erklärung dafür hätte, weniger sensibel ist. Eventuell ist man auch noch sehr sensibel, kann dies aber nicht mehr so zeigen. Ich glaube, er empfindet noch diese Liebe für euch als Eltern. Vielleicht weiß er sogar, dass er sie nicht zeigt, weiß aber nicht, wie er etwas daran ändern kann. Das fühlt sich an (für mich) wie festgefahren.

Für mich war es immer so, wenn ich meine Sensibilität unterdrückte, feuert das irgendwann zurück. Macht sich bemerkbar, durch körperliche oder psychische Probleme. Denn ein Sensibler, der seine Sensibilität nicht lebt, lebt ja sein wahres Selbst nicht. Das geht nur eine Zeit lang gut.
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Re: Kann sich Hochsensibilität "auswachsen"?

Beitragvon MaryBo1968 » Mo 21. Dez 2015, 01:20

Sonneblume ich glaube Du hast recht.
Das Gefühl "wie festgefahren" bzw wie gelähmt- innerlich- und so leer...als wenn ich innerlich schon tot war- so fühlte es sich bis vor kurzem noch an.
Das ist es ja was sich bei mir gerächt hat, ich habe- unbewusst aber hartnäckig- meine Sensibilität unterdrückt, verdrängt...was auch immer.
Ich wusste ja nichtmal was ich da verdränge und wie schlimm sich das irgendwann "rächen" kann bzw habe nie gelernt wirklich damit zu leben.
Dafür spüre ich es heute nun um so deutlicher und ich glaube das ist gut so.
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Re: Kann sich Hochsensibilität "auswachsen"?

Beitragvon Bluna » Mo 21. Dez 2015, 01:47

Hallo,

ich danke euch so sehr für eure Antworten! Bei einigen Sätzen konnte ich nicht weiter lesen, weil Tränen in die Augen schossen.
Meine Lieben, JEDE von Euch hat für mich -in Teilbereichen- ins Schwarze getroffen!

@ Fredda:
Du bist der Meinung, dass in ihm immer noch der Mensch steckt, der er einmal war? DAS löst bei mir gerade Hoffnung aus, Hoffnung, die ich fast schon aufgegeben habe.
Ja, die Veränderung begann mit der Bekanntschaft der neuen Freundin. Dadurch veränderte sich der Wirkungskreis; einflussreiche Personen traten in sein Leben. Manchmal, in ganz dunklen, tränenreichen Nächten denke ich, er hat sich "kaufen" lassen. Viel zu oft ertappe ich mich dabei, alle möglichen (unsinnigen?) Gedanken in meinem Kopf zu haben und je mehr ich darüber nachdenke, um so verrückter kommen sie mir später vor.
Du schreibst, Menschen, die ihre Hochsensibilität verstecken, ginge es schlecht damit? Genau DEN Eindruck haben wir nicht. Es geht ihm offensichtlich gut- oder zumindest besser- als vorher. Wenn es anders wäre, müsste ich als Mutter das doch irgendwie spüren, oder? Früher brauchte ich ihm nur in die Augen zu sehen und ich wusste, ob es ihm gutgeht oder nicht. Schaue ich jetzt in seine Augen, ist mir, als sähe ich jemand völlig Fremden. Bitte nicht lachen, aber mich erinnert er manchmal an diesen kleinen Tim Thaler, der sein Lachen verkauft hat und dies später sehr bereut (lief mal vor vielen Jahren zu Weihnachten im Fernsehen).

Was das "betrauern" angeht: Ja, wir trauern. Es gibt so viele Fotos, an den Wänden, auf dem Sideboard. Auch wenn wir uns anstrengen, nicht jede Minute an ihn zu denken oder über ihn zu sprechen, es passiert immer wieder, dass der Blick dahin geht und sofort die Tränen kommen. Uns Beiden! Wir haben ja noch zwei weitere Kinder (weiblich), die natürlich fast immer auch auf den Fotos zu sehen sind. Die haben sich nicht verändert, sie sind wundervolle Wesen, die uns immer wieder erfreuen. DAS ist ein Trost, klar. zwei sind uns geblieben. Dieses Glück haben nicht alle Eltern. Trotzdem ist da eine Lücke, die so unsagbar schmerzt.

@ Muntje:
Stimmt, es gab kaum Menschen, die ihn einfach so annahmen, wie er war. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich ihn in den Arm genommen habe und ihn trösten musste. Er verstand ja nicht, warum es Menschen gab, die ihn ablehnten. Unter diesen Menschen waren sogar meine Schwiegereltern; seine Oma und sein Opa. Die Mädchen wurden bevorzugt, weil sie so unkompliziert waren. Damit er die Ablehnung möglichst nicht mitbekommt, haben wir ihn bei Familientreffen so weit wie möglich weggesetzt und wir sind immer bei ihm geblieben.
Ich glaube, uns Eltern ist das alles ganz gut geglückt. Jedenfalls hat er sich nie beschwert und die Treffen erübrigten sich, als die Schwiegereltern krank wurden und starben.
Was die Erwartungen angeht: Was kann man von einem Kind erwarten, wenn es von Klein auf völlig anders war, als andere? Wir haben versucht, so gut es nur ging, auf ihn einzugehen und ihm immer wieder das Gefühl zu geben, wir sind "der Fels in der Brandung", uns kann er alles erzählen; uns kann er vertrauen. Das hat ja auch wirklich geklappt. Er ging in die Bücherei und seine Geschwister zum Schwimmen. Da gab es keine Diskussionen. Auch, wenn er in seinem Zimmer lieber ein Buch las, als sich an einem Gesellschaftsspiel zu beteiligen, gab es keine Zwietracht. Er war nun mal so.
Apropos Enkelkinder: Wir sind bereits Großeltern und für uns war es einfach normal, auch einmal vom Sohn ein Enkelchen im Arm zu halten. Deshalb kränkt seine Antwort auch so. Für uns war es irgendwie ein leiser Vorwurf an die Geschwister, die "in diese Welt" Kinder geboren haben. Bin heilfroh, dass diese Antwort nicht im Beisein der Geschwister gefallen ist. Da sich die Drei kaum noch sehen (quer über D verteilt wohnend), ist die Sorge klein, dass sie es erfahren.
Mit ihm reden? Das haben wir schon oft versucht, aber er widerspricht sofort. Wir dringen nicht mehr durch; er blockt ab. Manchmal denke ich sogar, er hält uns für durchgeknallt. Vielleicht sind wir das sogar? Warum leiden wir so sehr? Es geht ihm doch gut!?

Lieben Dank für deine lieben Wünsche, Muntje! Wünschen dir friedliche Weihnachten!

@ Mary
Nein, er wusste/weiß nichts von Hochsensibilität und auch nichts von eventueller Hochbegabung. Für ihn waren es "die anderen", die ihn nicht verstanden. Ob es noch etwas bringt, jetzt mit ihm darüber zu sprechen?
Darüber muss ich nachdenken. Spontan würde ich sagen: Es ist zu spät, aber wer weiß, wie ich in ein paar Tagen darüber denke?
Wenn HS sich nicht auswächst und -wenn auch unbewusst- zeitlebens vorhanden ist, werden wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass diese Eiseskälte irgendwann wärmer wird. Wenn Tränen einen Eisblock schmelzen könnten, hätte das Warten schon ein Ende. Seufz.

LG
Bluna
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Re: Kann sich Hochsensibilität "auswachsen"?

Beitragvon MaryBo1968 » Mo 21. Dez 2015, 02:41

Liebe Bluna,

bitte verschweigt es ihm nicht.
Es ist eine Erlösung endlich zuwissen warum man anders ist, endlich sein Leben erklärt zu bekommen.
Ich muss grade heulen und kann nix dafür, bei dem Gedanken dass er nie weiß warum er so anders ist und
warum sein Leben nun mal so ist wie es ist.
Vielleicht kann man das Thema Hochsensibel ja auch "durch Zufall" mal anschneiden oder durch eine Webseite
die "zufällig" in seinem email Postfach landet oder sowas in der Richtung.

LG
Mary
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