Manchmal stehe ich derb auf der Leitung

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Manchmal stehe ich derb auf der Leitung

Beitragvon Celeste » Di 23. Okt 2012, 16:24

Hallöchen,

mein Problem steht oben. Es klingt zwar wirklich banal, aber es belastet mich ziemlich und ich habe teilweise wirklich Angst, dass es immer wieder passiert.

Häufig erzählen mir Leute irgendetwas und ich brauche ein paar Momente, bevor ich verstehe, worauf sie hinauswollen. Sicher, das liegt auch an den Menschen selber, aufgrund der teilweise absurden Gedankensprünge, aber manchmal habe ich Angst, dass ich "langsam" wäre. Leider habe ich da mitunter schon sehr gereizte bzw. genervte Reaktionen bekommen.

Vor allem aber habe ich Angst wegen des Berufslebens. Da sind ja nicht alle so verständnisvoll und erklären mir, was sie genau meinten.

Früher wurde sich deswegen über mich lustig gemacht, deswegen habe ich schon wie eine Art Paranoia für solche Situationen entwickelt.

Für Hilfe, Ratschläge und/oder Erklärungen wäre ich wirklich äußerst dankbar. :)

Liebste Grüße :)
Celeste
 

Re: Manchmal stehe ich derb auf der Leitung

Beitragvon zasu123 » Di 23. Okt 2012, 16:37

Hi Celeste,

mir geht es da ähnlich wie Dir. Zumindest erkenne ich mich wieder in dem was Du schreibst. Und zwar nenn ich es bei mir einfach mal Querdenken und nicht auf-der-Leitung-stehen. Mir ist mit meinen 30 Jahren aufgefallen, dass wenn wenn 9 von 10 Leuten etwas gleich verstehen und auf dieselbe Art interpretieren, ich die Person bin, die es garantiert anders versteht und interpretiert. Klar, das hat mich früher oft Lacher gekostet. Und ich hab mich selbst auch immer für dumm oder nicht ganz helle gehalten. Doch mit der Zeit habe ich mir dann gedacht, wie wundervoll es ist, wenn ich eben zu den 10 Prozent der Menschen gehöre, die eben die Dinge anders sehen als 90 Prozent. Dann ist es doch logisch, dass die mich auslachen, immerhin können die das gar nicht fassen, was ich mir so denke. Ich krieg auch heute noch blöde Sprüche aber ich sage dann oft als Antwort: Ja sorry ich bin eben kreativ oder hey ich mag meine Gedankensprünge, das kann sonst niemand.
Dadurch fühle ich mich schon besonders, bzw. ist es für mich eine Art Rückzugsort, der es mir ermöglicht die ganzen fiesen Scherze auf meine Kosten in was Schönes umzuwandeln. Denn, nein dumm oder langsam ist man sicher nicht, nur die Denkart ist anders. Was soll denn daran schlimm sein? Kann ich nichts Schlimmes dran finden! Und in diversen kreativen Berufen sind ja genau solche Querdenker gefragt! Für jeden gibt es einen Platz auf der Welt wo man sich mit seinen Fähigkeiten einbringen kann, also lass Dir nicht einreden, Du wärst langsam, oder red es dir selbst nicht ein! Du denkst eben quer! Hey, wieviele Leuten können das von sich sagen! _flov_
Wenn Dir also paranoide Gedanken kommen, dann sag dir doch demnächst einfach mal, dass Du eine bsondere Fähigkeit hast und das es vollkommen okay ist so zu denken wie Du! Denn das ist es schließlich!

lg
zasu
"Ich halte Sie nicht für verrückter als andere auch."
"Das tun Sie wohl, aber das ist mir egal. Es ist ganz nützlich, wenn man überall für verrückt gehalten wird."
Zitat aus Frühstück bei Tiffany
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Re: Manchmal stehe ich derb auf der Leitung

Beitragvon Celeste » Di 23. Okt 2012, 16:47

@ zasu123

Danke :) Es tut echt gut, das, was andere als "Macken" ansehen, als etwas Positives zu sehen.
Ich würde jetzt rumknuddeln, aber der PC knuddelt nicht zurück. XD
Celeste
 

Re: Manchmal stehe ich derb auf der Leitung

Beitragvon Argus » Do 13. Dez 2012, 14:19

Hallo Celeste,
kenne ich nur zu gut.
Sogar noch gelegentlich gesteigert, kann ich 3 + 3 nicht rechnen, nicht mal auf dem Taschenrechner, denn ich finde, in dem Moment die Tasten nicht, vertippe mich x-mal.

Es ist nicht banal, trifft es doch, meinem Empfinden nach, einen Kern der Hochsensibilität. _yessa_


Oft entstanden Situationen, wie diese.
Chef zitiert mich für einen konkreten Einzelauftrag in sein Büro. Beginnt mir Fakten um die Ohren zu „hauen“. Ganz allmählich entgleitet mir die Situation, seine Worte, obwohl ich sie deutlich höre, prallen an mir ab, wie das Wasser an einer beschichteten Pfanne. Kann nur ein „kluges“ Gesicht machen. smto

Ich habe eine fundierte Ausbildung, auch zu dem Thema und seinen Randgebieten,
Berufserfahrung ohne Ende,
kenne mich in dem Thema, insbesondere was mein Fachgebiet betrifft, hervorragend aus, wie kein Zweiter (vor Ort),
habe reichlich Lebenserfahrung und doch
erreichen mich diese Worte gerade so eben und fallen scheinbar vor mir auf den Boden.

Früher habe ich das Büro, nachdem mein Chef fertig war, nickend verlassen. Kaum die Tür hinter mir zu, wusste ich, dass ich jetzt einen Auftrag habe aber, ─ welchen konkret? smitanc

Jetzt begann die zeitraubende absolut getarnte Suche nach dem Auftrag, sie hat mich so unendlich viel Kraft gekostet, wollte ich doch nicht zugeben, was (da in) mir passiert. Konnte es, bis ich mich selbst als HSP erkennen sollte, nicht mal erklären, was da genau passiert.
Panik, den Auftrag zu versemmeln, und Angst, wann das wiederkommt, waren eins. _%_

Letztendlich habe das immer, zu aller Zufriedenheit, (schließlich bin ich eine HSP icon_winkle ) geregelt bekommen, aber bei welchem Aufwand?

Hier meine Variante einer Erklärung:
HSP unterliegen, in ihrer Gruppe, genauso einer breiten Streuung ihrer Fähigkeiten und Befindlichkeit, wie jeder andere (nicht-hochsensible) Mensch auch, sie können, insbesondere in den Ausprägungsgraden, sehr unterschiedlich sein.

Was sie offenbar alle(?) gemeinsam haben, was die Hochsensibilität grundsätzlich ausmacht und sie auch dadurch von n-HSP unterscheidet, ist eine deutlich größere Datenmenge pro Zeiteinheit, welche sie „aufnehmen“.

Dabei nehmen sie gleichzeitig(!) auch mehr Information aus ihrem Inneren wahr, das können Ideen, Verknüpfungen zu gerade eingehenden äußeren Reizen, durch Trigger ausgelöste komplette Situationen, einschließlich Gefühl und Emotion, auch aus der Vergangenheit sein, oder, oder...

Manchmal ist es einfach nur gefühlter Widerstand (gegen den durchschauten Unsinn von außen?). smuup

Dabei stellen alle (Daten) zunächst einen „Anspruch“ auf zeitnahe „Verarbeitung“, wie auch immer die aussehen mag.

Nun, haben Hochsensible allgemein die gleiche Verarbeitungsstruktur (Gehirn), wie n‑HSP, welches anscheinend, für eine deutlich geringere Datenmenge pro Zeiteinheit, erreicht durch vorheriges Filtern, „ausgelegt“ ist.

Frühere DOS-Anwender kennen noch den Begriff „stack overflow“ (Speicherüberlauf), ich denke, das kommt der Situation sehr nahe. Verglichen mit einem Computer (der Vergleich hinkt) haben wir die gleiche, CPU (Prozessor) wie n‑HSP, unsere wird aber zeitweise(!) völlig überlastet, durch zu viele Datenverarbeitungsanfragen gleichzeitig.

Um es anschaulich zu machen, vergleiche ich mal weiter mit einem Computer und einen Anti-Viren-Schutzprogramm, welches angewiesen ist, eine, regelmäßige Komplettprüfung des Systems durchzuführen.

An meinem beruflich bereitgestellten Rechner (eher nicht so schnell) kann ich problemlos meiner (meist Schreib-) Tätigkeit nachgehen. Schaltet sich das Anti-Viren-Schutzprogramm, vom Administrator programmiert auf einen bestimmten Zeitpunkt, ohne mein Zutun, im Hintergrund arbeitend ein, wird es eng.

Es benötigt Rechenkapazität, welche dazu führt, dass der Buchstabe, von mir auf der Tastatur angetippt, sofort nach bis zu 3 Sekunden(!) auf dem Bildschirm erscheint, wenn er das tut. _lüpe_

Ganz deutlich: Der Rechner selbst ist nicht langsamer geworden, das Potential ist dasselbe, aber die Ergebnisse brauchen länger, bis sie zur Verfügung stehen, weil ja in gleichem Zeitabschnitt, wesentlich mehr Einzelinformationen verarbeitet wurden.

Nochmal: Die Ergebnisse basieren auf mehr zu vorhandenen Informationen und einer gründlicheren Verarbeitung, offensichtlich wie im Kopf einer HSP.

Schnell kann dabei ein Zustand erreicht werden, welchen wir, mangels Alternative(?) Überreizung nennen.
Eine HSP, welche diese möglichen Zusammenhänge nicht kennt, fühlt sich zwangsläufig langsam(er) im Kopf. Ihr unwissendes Umfeld denkt das (natürlich) auch.
Übrigens sind das die Momente, in denen ich von anderen (unwissenden?) für sehr unsensibel gehalten werde!

Ach, ach was!

Hochsensibel zu sein, heißt eben nicht permanent (für andere?) present oder pausenlos, im klassischen (erwarteten?) Sinn, sensibel zu sein.


Nichts ist, wie es scheint!

Während ein n‑HSP die Milchtüte irgendwie (umständlich?, Hauptsache schnell?) aufreißt, wissen HSP u.U. schon was draufsteht, wie man sie sinnvoll wieder schließen kann und bis wann sich die Milch darin hält (behalten das Ablaufdatum im Kopf). Wo ich sie im Kühlschrank deponiere (damit ich sie sofort, ohne Denkkapazitäten zu verschwenden wiederfinde) weiß ich genauso und gleichzeitig, dass es die letzte Milchtüte war, plane somit schon, wann und wo ich wieder Milch hole, um dabei ggf. das Altglas zu entsorgen.
Mindestens das läuft, bei mir alles gleichzeitig ab, größtenteils unbewusst. Meist ist es mehr icon_winkle

Das mal für heute, schaun mer mal, ergänzend zu schreiben gäbe es noch mehr, auch zum Querdenken, was (vermutlich) in dieselbe Kategorie fällt.

LG

Argus
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Re: Manchmal stehe ich derb auf der Leitung

Beitragvon Serenity » Do 13. Dez 2012, 14:44

Also ich muss jetzt einfach mal ein Lob aussprechen! Besser kann man es nicht ausdrücken.
@ zasu: toll es aus dieser Richtung zu betrachten. Wünschte mir auch öfter das Selbstvertrauen dazu.
@ argus: total Klasse die Beschreibung. Rundum perfekt, bleibt nix zu sagen.
Zum Thema: kenne ich, geht mit fast ständig so. Als wenn sich bei allen anderen die Räder im Kopf schon zweimal rumgedreht haben und mein Motor erst warmläuft.
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Re: Manchmal stehe ich derb auf der Leitung

Beitragvon Arienna » Do 13. Dez 2012, 14:52

Ich kenn das auch. Da kommen Leute teilweise mit üblen Gedankensprüngen und ich frag mich jedes Mal, was die denn jetzt wollen. Aber ich hab mir angewöhnt, das dann auch zu sagen: "Moment, ich versteh das jetzt nicht, wie bist Du jetzt darauf gekommen?" oder auch "Halt, ich kann Dir da grad nicht folgen, was meinst Du?"
Hilft sehr und macht den Leuten klar, dass die Gedankengänge, die sie so im Kopf haben, nicht bis nach außen gedrungen sind. Seid da ruhig mutig und gebt zu, dass Ihr da nicht folgen könnt und fragt genau nach. Das sensibilisiert auch das Gegenüber für ausreichende Kommunikation.
Wenn die Krise alles verfinstert hat,
werden Kinder des Lichts die Sterne anzünden.
~ Phil Bosmans ~
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Re: Manchmal stehe ich derb auf der Leitung

Beitragvon arassai » Sa 15. Dez 2012, 21:55

Das Problem ist mir auch bekannt. Wenn man im informellen Rahmen mit Freunden oder Bekannten auf der Leitung steht, kann das ja ganz lustig sein, aber wenn man im Berufsleben nicht so schnell und so nach allgemeiner Logik schalten kann wird es schon schwierig.
Ich habe in meinen Studienzeiten in einer Studenberatung gearbeitet (Bafögfragen, nichts psychologisches) und musste immer dreimal bei den Leuten nachfragen, bis ich begriffen habe, wie sich jetzt die genaue Situation des Fragenden darstellte.
Während der- oder diejenige gesprochen hat, war ich erstmal vollkommen damit beschäftigt, die Person auf mich wirken zu lassen - habe die ganze Aura erspürt, mich gefragt, was der oder die für eine Persönlichkeit ist, usw. Die Sachfragen habe ich gehört, aber ich konnte nicht "mitdenken", weil ich von anderen Dingen so eingenommen war.

Damals wusste ich noch nicht, dass ich hochsensibel bin und dies ein dafür normales Symptom ist. Ich habe mich schon für schwer von Begriff gehalten. Wie gesagt, es hilft, mehrmals nachzufragen und das gesagte in eigenen Worten notfalls nochmal zu wiederholen. Die Leute haben mir das auch nicht übel genommen, sondern haben ihr Anliegen einfach nochmal mit anderen Worten erklärt und waren eher froh, dass ich genauer nachfragte -das bezeugt ja auch Interesse.

Naja, das Fernziel dürfte dann aber schon sein, zu lernen, die eigene Aufmerksamkeit so zu forcieren, dass man Dinge, die gerade für die Situation NICHT wichtig sind, auszuschalten...Da liegt noch Arbeit vor mir ;o)
arassai
 

Re: Manchmal stehe ich derb auf der Leitung

Beitragvon Serenity » So 16. Dez 2012, 10:45

Ja genau arassai. Ich höre zwar am Rande was gesagt wird, aber meine Gedanken sind mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Ich nehme auch gleichzeitig alles drumherum auf und da bleibt das Gesagte meist auf der Strecke.
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Re: Manchmal stehe ich derb auf der Leitung

Beitragvon Elektra » So 16. Dez 2012, 14:36

Ach es ist schön in diesem Forum zu sein! So vieles ergibt einen Sinn, wenn man sich hier so umsieht!
Ich hatte vor allem in der Schule und der Uni damit zu kämpfen, dass ich die Dinge anders sah. Mir wurden meine Interpretationen um die Ohren gehauen mit den Worten, das seie ja Schwachsinn. Mich hat das lange sehr frustriert aber auch bockig gemacht! Wieso wurden die belohnt, die eine allgemeingültige Meinung hatten und die bestraft, die die Welt aus einer anderen Sichtweise betrachteten? Das Fortkommen und die Weiterentwicklung des Menschen lag und liegt doch vor allen in den Köpfen derer, die die Dinge mal anders gesehen haben und sehen werden.
Trotzdem ich viele schlechte Noten und damit ne Menge Stress und Ärger hatte, hab ich immer versucht mir meinen Stolz zu bewahren, dass ich die Welt eben nicht so sehe wie 90% der Menschen. Damit gehöre ich nämlich auch nicht zu der, mit Verlaub, gleichgeschalteten Masse. Und diese Form der Individualität ist doch auch etwas sehr schönes ;)
Ich möcht auch ein Kompliment für die tollen Erklärungen hier aussprechen! Man fühlt sich so verstanden und ein Stück mehr in der Welt!
Der Sensible hat es immer schwerer im Leben - dafür lernt er auch mehr.
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Re: Manchmal stehe ich derb auf der Leitung

Beitragvon 1753 » Sa 29. Mär 2014, 20:45

Die Ausführungen von Argus weiter oben sind der Hammer! Danke dafür.
Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer. (Antoine de Saint-Exupéry)
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