Menschen belügen sich selbst

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Menschen belügen sich selbst

Beitragvon apple » Sa 28. Mär 2015, 09:08

Hallo zusammen,

ein Thema beschäftigt mich sehr und verletzt mich auch immer wieder - ich kann damit einfach nicht umgehen und muss daran arbeiten.Vielleicht haben einige von euch Tipps, wie mir das am besten gelingt?

Ein grosses Problem ist für mich, wie Menschen sich selbst belügen. Ich bilde mir ein, ihre Gefühlslage sehr genau einordnen zu können und handle entsprechend. Was dann aber immer wieder passiert und mich sehr verletzt ist, dass sich dies negativ für mich auswirkt. Weil viele Menschen nicht ehrlich zu sich selbst sein können und eigene Schwächen lieber überspielen, als sich damit auseinander zu setzen.

Das wird umso kritischer, wenn ich als junge Frau mit Männern (auch älteren) Kontakt habe. Ich weiss, dass ich auf viele Menschen aufgrund meiner Hochsensibilität unnahbar und damit wohl auch faszinierend wirke. Wenn ich dann aber versuche, ganz normal und "nahbar" zu sein, werden ganz oft eigene Unsicherheiten überspielt und gegen mich gedreht. Dies kann sich dann so zeigen, dass sich Menschen zurückziehen, sich hinter festen Rollen verstecken oder ähnliches. Ich fühle mich dann plötzlich in die Rolle des "Grenzüberschreiters" gedrängt, obwohl die Grenzüberschreitung wenn, dann vom Gegenüber kam: statt dass die eigene Unsicherheit anerkannt und bearbeitet wird, werde ich dann als zu offensiv hingestellt. Was für mich eigentlich total unnachvollziehbar ist.

Die Konsequenz, die sich daraus ergibt, ist, dass ich immer öfter einfach meinen Mund halte und unnahbar bleibe. Was mich einsam macht, aber die Menschen offenbar glücklicher, weil sie sich weniger selbst reflektieren müssen.

Ich könnte mir ein Leben so nicht vorstellen, muss jeder Empfindung auf den Grund gehen und mich konstant weiterentwickeln. Ich wäre froh, um Menschen, welche mir Unsicherheiten bewusst machen. Darum kann ich so überhaupt nicht damit umgehen. Bin froh um jeden Input.
apple
 

Re: Menschen belügen sich selbst

Beitragvon Ellana » Sa 28. Mär 2015, 10:11

Ich weiß nicht. Ist zu behaupten, dass andere sich selbst belügen und sich mit ihren Schwächen nicht auseinander setzen wollen, nicht auch ein wenig "grenzüberschreitend" (Wenn es ausgesprochen wird)? Ich meine, über was erhebt man sich da, wenn man der Meinung ist, man wisse, was die anderen tun, wie sie sind? Kann es nicht sein, dass sie sich deswegen zurück ziehen, weil da jemand behauptet, weil jemand anderes meint, er wüsste, was man tun sollte und "nicht richtig" tut?
Kann es nicht auch was mit einem selbst zu tun haben, dass man den Eindruck von anderen hat und ihnen das sagen, zeigen muss?
Fällt mir jetzt grade dazu ein, wenn ich das so lese, ohne selber jemanden etwas unterstellen zu wollen.
Ellana
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Re: Menschen belügen sich selbst

Beitragvon apple » Sa 28. Mär 2015, 10:15

Danke, für deine Antwort :)

Nein, ich sage das natürlich nicht.
Ja, mag sein, dass es überheblich klingt, ist aber überhaupt nicht so gedacht. Eigentlich vielmehr so, dass ich versuche, es allen recht zu machen. Und dann merke, wie sie aus eigener Unsicherheit eben plötzlich komisch reagieren.

Es tut mir leid, wenns unverständlich klingt. Es ist für mich auch schwierig in Worte zu fassen.
apple
 

Re: Menschen belügen sich selbst

Beitragvon apple » Sa 28. Mär 2015, 10:17

Meine Hoffnung war, dass sich da irgendwer drin erkennt und das vielleicht auch geraderücken kann. Weil ich wirklich irgendwie überfordert bin mit dem, was ich zu fühlen glaube und dem was ich "zurück" kriege.
apple
 

Re: Menschen belügen sich selbst

Beitragvon Sonnenblume_SS » Sa 28. Mär 2015, 11:15

mhh ich bin mir gerade nicht sicher,ich kenne das in folgender Form:

ich unterhalte mich, stelle natürlich Fragen, bekomme dann aber Antworten, die nicht zum Verhalten passen.
z.B. jemand der behauptet es ginge ihm blendend, aber ich "sehe, fühle, spüre" dass dem nicht so ist. Dann hake ich manchmal noch 2-3 mal nach. Dafür kriege ich dann öfters entweder ärger ("Mensch, ich hab doch jetzt schon 30 mal gesagt es ginge mir gut!!") oder derjenige zieht sich zurück und findet mich seltsam.
Manchmal stellt sich Stunden oder Tage später heraus, dass ich ja recht hatte und die Person es bloß verdrängen wollte. Und ich denke mir: warum nicht gleich so?

Von daher meine These: ja, die Leute belügen sich gern selbst. Dass ich das merke und anmerke finde ich nicht wirklich 'überheblich' oder anmaßend, weil ich irgendwie der Meinung bin: jeder, der auf Details achtet, merkt das doch? Muss es doch merken?

Eigentlich kann man in unserer Gesellschaft auch nicht anders als sich selbst zu belügen. Wie sonst soll ich mein shopping bei H&M, meinen Flug von Hamburg nach Berlin für einen Tag, meinen Wasserverbrauch im Hotel in Afrika, ... etc. vor mir selbst rechtfertigen?
Und was mit materiellem funktioniert, kann natürlich auch wunderbar für Emotionen benutzt werden...
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Re: Menschen belügen sich selbst

Beitragvon apple » Sa 28. Mär 2015, 12:55

Danke dir. Genau in die Richtung wars gemeint.

Mich macht das irgendwie total fertig, wenn ich dann immer nicht verstehe, was ich genau sagen soll. Ich denke auch immer: aber es ist doch so klar?
Und offenbar ist es das eben nicht und ganz viele andere wären nicht darauf eingegangen. Ja super, und wie lerne ich jetzt, wann wie richtig zu handeln?
apple
 

Re: Menschen belügen sich selbst

Beitragvon kikilino » Sa 28. Mär 2015, 13:17

Mal eine provokante Frage: wann lernst Du, für Dich selbst richtig zu handeln?
Das ist überhaupt nicht böse gemeint. Ich verstehe das Dilemma...man sieht Dinge die unproduktiv sind, man leidet mit, wenn andere Menschen sich (und auch anderen) nicht gut tun und man wünscht sich, dass sie erkennen was einfach zu ändern wäre. Jedoch: sie haben das Recht dazu. Sie dürfen sich selbst 'ungut' tun, ihre Fehler machen, den Blick abwenden von dem was geschieht, verdrängen usw. Es ist nicht Deine Aufgabe für andere 'da zu sein'. Deine einzige Aufgabe besteht zuerst einmal darin, Dir selbst gut zu tun und zu schauen, was Du möchtest, kannst usw. Es ist Dein Weg, die Unproduktivitäten aufzudecken und zu bereinigen...aber gestehe anderen einen anderen Weg zu. Wer sagt Dir, dass Dein Weg für andere richtig wäre? Vielleicht täte es ihnen nicht gut die 'Dinge zu bereinigen', vielleicht ist es wichtig für sie es in ihrem eigenen Thempo und auf ihre eigene Art zu tun?

Ich denke, die eigenliche Krucks ist das aushalten dessen, was man empathisch mitbekommt. Für andere da sein ist sehr schön, aber das beinhaltet auch zu respektieren was der andere gerade will, fühlt, für einen Weg hat...also einmal einen sehr vorsichtigen Hinweis geben oder Hilfe anbieten, dann aber 'geschehen lassen' halte ich für respektvoll.

Die eigentliche Aufgabe besteht wohl eher darin herauszufinden, was Dir gut tut...wie Du mit den Dingen umgehen möchtest und, wenn es dann Menschen gibt, die Dich für unnahbar halten dann ist es halt so. Du hast das Recht dazu und solltest Dich nicht verbiegen. Es wird genügend Menschen geben, die Dich 'erkennen' werden und mit denen Du ganz Du selbst sein darfst. Ich hoffe, Du verstehst wie ich das meine.
kikilino
 

Re: Menschen belügen sich selbst

Beitragvon Uiuiui » Sa 28. Mär 2015, 13:53

Guten Tag,

mich interessiert euer Austausch zu diesem Thema auch sehr, da ich tagtäglich die gleichen Erfahrungen wie Apple und Sonnenblume mache. Ich stimme Dir definitv auch zu, Kikilino, aber, wenn man sich in einem Kontext befindet wie beispielsweise Arbeit/Ausbildung/Gruppe, dann können sich sehr unangenehme Dynamiken sehr schnell hochschaukeln ohne, dass man dem so richtig aus dem Weg gehen kann.

Ich würde gerne wissen, ob ihr Folgendes auch kennt: Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass diese schon erwähnten zwischenmenschlichen Dynamiken entstehen, wo auch immer ich bin. Sie sind genauso da, wenn ich agiere, wie wenn ich nicht agiere. Es muss noch nicht mal ein persönlicher Kontakt stattfinden. Es reicht auch, wenn jemand in der U-Bahn in meiner Nähe sitzt oder jemand ganz weit entfernt auf der Straße auf mich zukommt. Ich spüre eine sehr unangenehme Aufruhr in der anderen Person und oft sehr viel Unsicherheit - ohne, dass ich die Person kennen würde, sie angesehen hätte oder irgendein Austausch stattgefunden hätte. Dementsprechend extrem wird es dann, wenn man tatsächlich Austausch hat. Mir passiert es auch ständig, dass sich innerhalb kürzester Zeit Menschen distanzieren und sich gegen mich stellen, denen ich von Anfang an wohlgesonnen war.

Meine persönliche Erklärung ist der gute alte Spiegel, den ich den Leuten mit meiner bloßen Anwesenheit wohl schon vorhalte und, wenn ich dann auch noch freundlich und liebenswert bin, macht das das Ganze wohl noch schlimmer. Bei Menschen, die sehr geerdet und mit sich selbst im Reinen scheinen passiert mir das nie - soweit meine Beobachtungen.

Ich bin gespannt auf eure Meinungen.

Grüße, Nadine iwikx
Uiuiui
 

Re: Menschen belügen sich selbst

Beitragvon Logi » Sa 28. Mär 2015, 14:01

Hallo apple,

dein Problem kenne ich gut. Es bestimmt geradezu mein ganzes Leben und umso älter ich werde, desto schwieriger wird es damit zu leben. Ich habe dadurch viele Freunde verloren und nur sehr wenige hinzugewonnen. Weil es kaum jemanden gibt, der sich überhaupt damit auseinandersetzt. „Was, ich belüge mich selbst? Du spinnst doch ... ich weiß selbst am besten wer ich bin und was ich fühle!“ Tatsächlich wissen das jedoch die wenigsten und leben in ihrer eigenen kleinen Welt. In der man dann mitzuleben und sie darin zu bestätigen hat. Macht man das nicht mit und wird gar kritisch, ist man natürlich ein Nörgler, der wahrscheinlich nur Streit sucht.

Da mich das Problem schon recht früh belastet hat, bin ich auch ebenso früh mit der Psychologie in Kontakt gekommen. Auf der Suche nach Antworten, sozusagen. Das Studium konnte mir zumindest sagen, dass ich nicht verrückt bin und es ein Grundprinzip der Psyche ist sich selbst zu belügen. Das fängt schon bei unserer Wahrnehmung der physischen Welt an, die überhaupt nicht darauf ausgelegt ist die Wirklichkeit abzubilden, sondern gezielt einiges ausblendet und anderes stärker hervorhebt. Unsere Wahrnehmung ist also gerichtet auf das, was wir wahrnehmen sollen. Und das Prinzip findet sich in allen Aspekten unserer Psyche wieder. Es liegt also nicht in der Natur unserer Psyche, uns selbst wirklich zu erkennen.

Wie geht man damit um? Keine Ahnung. Ich persönlich bin da mittlerweile kompromislos und meide den Kontakt zu Menschen, die nur nach Bestätigung ihrer Scheinrealität suchen. Man erkennt sie ja auch sehr schnell, da sie kein Geheimnis draus machen. Auch hier im Forum findet man genug, die gerne glauben wollen HSP zu sein und die Antworten auf alle Fragen gefunden zu haben, weil sie sich in diesem höchst zweifelhaften Online-Test bestätigt sehen.

Jedoch leidet im Grunde die ganze Welt an dieser „Krankheit“ und die kann man leider nicht ausklammern. Wie Sonnenblume schon geschrieben hat, ob es nun der Einkauf bei H&M ist oder eben die „Suche nach Glück“, unter der die meisten Menschen verstehen ihre Wahrnehmung auf alles Positive im Leben zu beschränken.

Man sollte natürlich auch nicht den Fehler machen, nur von „den anderen“ zu reden. Wir sind alle so und neigen dazu uns etwas vorzumachen — der eine mehr, der andere weniger. Aber ich kategorisiere die Menschen mittlerweile in solche die sich dessen bewusst sind und dagegen steuern — und solche, denen ihre kleine Welt wichtiger ist als alles andere.

So, genug getippt. Sorry für den langen Text! Sonst schreibe ich nicht so viel und eigentlich ist es viel zu früh nach einer langen Freitagnacht ... aber dein Post hat mich gerade wachgemacht ;)

Lieben Gruß,
Logi
Logi
 

Re: Menschen belügen sich selbst

Beitragvon Uiuiui » Sa 28. Mär 2015, 14:19

Hi Logi,

schön zusammengefasst. Sehe ich genauso.

"Man sollte natürlich auch nicht den Fehler machen, nur von „den anderen“ zu reden. Wir sind alle so und neigen dazu uns etwas vorzumachen — der eine mehr, der andere weniger. Aber ich kategorisiere die Menschen mittlerweile in solche die sich dessen bewusst sind und dagegen steuern — und solche, denen ihre kleine Welt wichtiger ist als alles andere."
Uiuiui
 

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