Nachdenklich und unsicher, ob ich hochsensibel bin

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Nachdenklich und unsicher, ob ich hochsensibel bin

Beitragvon Haru-Kyoukai » Do 20. Jul 2017, 07:21

Hallo ^^

Ob ich wirklich in dem Sinne hochsensibel bin, weiß ich noch nicht, ich bin erst seit ein paar Tagen an dem Thema dran und denke aber viel darüber nach.
Dabei komme ich immer wieder an meine Kindheit und frage mich, ob sich das, was ich da noch weiß, mit dem Begriff "Hochsensibel" deckt.
Einerseits schon, da ich als Kind sensorisch sehr empfindlich war und sehr schnell zu weinen angefangen habe, und nur selten Filme und Musik mochte, weil es mich sehr angerührt hat. Ich habe es zum Beispiel gehasst, wenn in Filmen gesungen wurde, weil ich dann immer fast weinen musste. Aber auf der anderen Seite ist meine gesamte Kindheitserinnerung sehr stark nachträglich gefärbt worden, als ich mit 14 Jahren die Diagnose Asperger bekommen habe und mir dann gesagt wurde, ich sei "mangelhaft empathisch" und "unsensibel" und hätte schon als kleinstes Baby autistische Züge gehabt.
Jetzt drängt sich mir die folgende Frage auf: Kann es sein, dass ich als Baby und kleines Kind einfach so sehr von Reizen überfordert war, dass ich mich unbewusst extrem verschlossen habe? Dass mein Hirn einfach "die Schotten dicht" gemacht hat, um sich zu schützen, und ich deshalb nach außen hin anders gewirkt habe als ich innen drin war?
Ich merke nämlich jetzt, wo ich älter bin, schon seit ein paar Jahren, dass ich gar nicht so typisch "Asperger" bin, wie mir immer gesagt wurde. Ich mag Gefühle, ich schreibe seit einer Weile schon ganz begeistert emotionale Liebesgeschichten, ich habe ein Gespür für Stil und Farben, ich habe angefangen, ziemlich harte, emotionale Rockmusik zu lieben, und ich mag es, mich mit Gefühlen, Philosophie und Psychologie zu beschäftigen. Ich bin zwar immer noch ein eher stiller Mensch und in Gruppen halte ich mich immer sehr zurück, aber ich merke einfach, dass ich das nicht tue, weil ich die anderen nicht verstehe oder so. Ich bin nur überfordert, weil ich oft, wenn ich etwas sage, Angst habe, jemanden zu verletzen. Wenn ich jemanden versehentlich verletze, habe ich oft starke Schuldgefühle, und das versuche ich, zu umgehen, indem ich lieber still bin.
Dieses extrem logische, fast schon mathematische "Computerdenken", was man Asperger-Betroffenen nachsagt, ist mir jedenfalls sehr fremd. Ich kann mich nur schwer in Menschen einfühlen, die von sich behaupten, nur logisch und mit wenig Gefühlen zu denken, weil mir tatsächlich der Zugang zu Dingen wie Mathematik, Physik oder ähnlich logischen Dingen fehlt. Ich empfinde diese Logik als "kalt" und Gefühle als "warm", wobei mir diese "Wärme" in den meisten Fällen sympathischer erscheint.

Gibt es hier vielleicht jemanden, der das auch so ähnlich kennt? Ich fühle mich ein bisschen allein damit.
Haru-Kyoukai
 

Re: Nachdenklich und unsicher, ob ich hochsensibel bin

Beitragvon seebaer » Do 20. Jul 2017, 15:59

Hallo Hara-Kuyoukai,
auch ich bin neu hier im Forum und beschäftige mich erst ein paar Wochen mit HSP. Auch bei mir steht Asperger auf dem Diagnosezettel. Auch ich habe mich nicht bei Asperger gesehen. Es gibt wohl einige äußerliche Ähnlichkeiten. Auch ein Mitmensch, den ich für HS halte, ist bei seiner Suche auf Asperger gestoßen. Ob ich HSP bin, weiß ich auch noch nicht sicher. Einige Tests weisen aber bei mir darauf hin. Aber auch wenn man bei diesen Tests nicht als HSP eingestuft wird, so wird darauf hingewiesen, daß man trotzdem HSP sein kann. Auch die Frage nach Asperger im Nacken, habe ich eine HSP-Seite gefunden, die sich mit Themen wie ‚Asperger und HSP‘ bzw. ‚AD(H)S und HSP‘ beschäftigt. Dort gibt es einen Link zu einem Test zu Asperger. (bitte selber googeln) Dieser hat bei mir ergeben, daß wohl die Asperger – Diagnose nicht zutrifft. Damit kann auch mein Arzt leben, besonders weil ich ihm gesagt habe, daß ich durch das Beschäftigen mit HSP richtig lebendig geworden bin. Er hat mich ermutigt, dort weiter zu forschen.
Mein Problem, durch Achtsamkeit bewußt geworden, sind meine Maßstäbe. Ich habe Akademiker getroffen, die schlauer und Handwerker, die geschickter sind als ich. Im DLRG traf ich hilfsbereitere und in Kirchen sozial engagiertere Mitmenschen als mich. (extra Klischees verwendet, es gibt natürlich auch schlaue Handwerker, geschickte Akademiker,...) Beim Lesen von Eigenschaften von HSP habe ich manches Mitglied meiner Herkunftsfamilie beschrieben gesehen. Besonders vor diesem HS Familienhintergrund habe ich mich fast als fantasieloses Raubein gesehen und zunächst die Tests entsprechend ausgefüllt.
Meine Frau meint, es sei doch egal, wie die Schublade heißt, wenn man sich auf seine Eigenheiten einstellt. Das sehe ich etwas anders. Wenn mir tiefere Zusammenhänge bewußt sind, kann ich mich gezielter darauf einstellen. Seit ich also bewußt auf das Thema HS bei mir achte und alles als HSP bewertet habe, wurde plötzlich vieles klar, viele Reaktionen meiner Mitmenschen nachvollziehbar. Mir ist, als ob ich endlich den Bremsklotz in meinem Leben gefunden habe. Mit diesem neuen ‚selbst bewerten‘ folgt ein neues Gefühl für mich, also endlich mein ‚Selbstwertgefühl‘ und ein neues Bewußt machen, also endlich ein ‚Selbstbewußtsein‘. Seit dem gehe ich wieder gerne unter Leute. Nun achte ich bewußt, wie ich Aktionen und Reaktionen ausübe und bewerte. Alles mit der Frage im Hintergrund: Biege ich mir da was zurecht oder kann ich HS für mich annehmen.
Die Betroffenen meiner Familie können mit dem Begriff HSP wenig anfangen. Sie haben aber ihre Wege und Nischen gefunden, damit zu leben. Ich aber halt nicht, und so beginne ich in der zweiten Hälfte meines Daseins hoffentlich endlich richtig zu leben. Meine Kindheit und Vergangenheit arbeite ich gerade mit dem Buch ‚sind sie hochsensibel?‘ (das Arbeitsbuch) von E.N. Aron auf.
Im Zusammenhang bin ich HSP oder nicht hat mich auch interessiert, ob es eine Grauzone zwischen ‚normalsensibel‘ und ‚hochsensibel‘, also eine fließende oder eine klare Grenze gibt. Einen Hinweis fand ich auf einer Seite mit einem Diagramm, wie seriös auch immer (weiß jemand mehr zum Thema?). Unten war Sensibilität und nach oben Anzahl Menschen aufgetragen. Dort gibt es einen kleinen Sensibilitätsbereich mit keinen Eintragungen. Im ‚normalen‘ Bereich so wie im kleineren HSP-Bereich gibt es eine Bandbreite.
Auch wenn ich nur ein ‚Halbdrache‘ sein sollte, gehe ich in diese ‚Drachenstadt‘ (s. Jim Knopf), wenn es mir hilft, mich weiterbringt und ich niemanden störe. Ich werde sehen, ob man mir den Kopf abreißt.

Alles Gute bei der Suche
seebaer
 

Re: Nachdenklich und unsicher, ob ich hochsensibel bin

Beitragvon Haru-Kyoukai » Fr 28. Jul 2017, 07:34

@seebaer:
Ich hab ganz vergessen, dir zu antworten und für deinen Beitrag zu danken ... Sorry, bei mir geht grade alles so drunter und drüber.


Ich bin da jetzt sicherer. Weiß besser, was mit mir los ist. Auch meine seit Jahren schon andauernden psychischen Probleme ergeben dadurch endlich Sinn. Ich bin hochsensibel, es wurde mein Leben lang (bin 22 Jahre alt) nicht erkannt und ich wurde in der Folge immer wieder so sehr verletzt, dass ich über die Jahre halt meine Borderline-Symptome entwickelt habe, die ebenfalls erst jetzt erkannt wurden.
Ich kann das jetzt auch so beschreiben (war gestern damit auch beim Arzt) und mir Hilfe suchen.
Und es tut mir halt auch gut, mal zu sehen, wie ich wirklich bin, dass ich kein "gefühlsdummes Asperger-Kind" bin, sondern eine mitfühlende, manchmal soziale, emotionale junge Frau. Dieses neue Bild ist halt auch eine Heilungschance für meine instabile Identität, mein zur Zeit wohl größtes Problem.
Haru-Kyoukai
 

Re: Nachdenklich und unsicher, ob ich hochsensibel bin

Beitragvon sensibelchen115 » Mi 13. Sep 2017, 22:22

Hallo , Haru - Kyoukai
Schön dass du hierher gefunden hast .
In deinem Alter kämpfte ich gegen die Magersucht, hatte schwere Depri. und wusste nicht warum.
Du hast Glück ,jetzt schon zu wissen, warum es dir nicht gut geht und du nicht so bist wie die anderen.
Stell dir vor noch ca. 35 Jahre auf die Lösung zu warten!
Das war bei mir so.
Ich finde auch gut,dass du dir professionelle Hilfe genommen hast.

Alles Gute und Liebe auf deinem Weg
Sensibelchen115
Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen,
Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge.
Wilhelm Busch
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Re: Nachdenklich und unsicher, ob ich hochsensibel bin

Beitragvon Haru-Kyoukai » Mo 18. Sep 2017, 06:15

Ich war jetzt länger nicht hier ...
Bin wiedermal sehr verunsichert worden, ob ich wirklich so sensibel bin, und hab mich nicht mehr her getraut.
Habe einen weiteren Versuch, Psychotherapie zu machen, gerade abgebrochen, weil die Psychotherapeutin mich sehr verletzt hat, und stehe jetzt wieder mit nichts da.
Irgendwie stehe ich immer an einer Grenze. Asperger tut wahnsinnig weh, HS will nicht komplett passen, bei der BPS stehe ich sozusagen an der Grenze zur Grenze. Und mit jeder neuen Verletzung geht meine Identität und Selbstwahrnehmung noch ein Stück mehr kaputt.
Haru-Kyoukai
 

Re: Nachdenklich und unsicher, ob ich hochsensibel bin

Beitragvon Abifiz » Mo 18. Sep 2017, 09:56

Ohayou gozaimasu, Haru.

Ich bin erst seit relativ kurzer Zeit im Forum, deswegen hatte ich bisher noch keine Beiträge von Dir gelesen. Ich begrüße Dich wärmstens.

Ich sehe, wie belastend/peinigend Dein Kampf um Deine Existenz, um Dein So-Sein gerät, und fühle intensiv mit Dir. Du kannst mit mir rechnen. (Mit der Einschränkung, daß ich sehr krank bin, manchmal deswegen als Online-Präsenz für einige Zeit ausfallen muß. Seit einigen Monaten sieht es jedoch bei mir -- vorläufig, wie leider immer bei meiner Erkrankung -- passabel aus. Nur wenn ich hin-stolpern würde, müßte ich erneut operiert werden: Meine Knochen sind von meinem Krebsilein angeknabbert.)

Wie es meine Art ist, hab' ich nun auch bei Dir alle Deine bisherigen Beiträge gelesen, antworte also quasi "gesamthaft".

Asperger ist bei Dir eine krasse Fehldiagnose, war es auch in der Vergangenheit. Du weist etliche mittlere Borderline-Züge aus, gehörst aber eher randständig zur Gruppe der Borderliner. Du bist emotional wenig stabil und hochsensibel. Gerade im Moment sehe ich bei Dir keine Suizid-Impulse.

Zu dieser ganzen "Schubladisierungsstory": Diagnosen sind lediglich Hilfsmittel, die nur ein grobes Raster anbieten, anzubieten haben, mehr nicht. Es lohnt sich kaum, sich allzusehr damit zu beschäftigen, und auf keinem Fall sollte man allzu intensiv innerlich drumherum tüfteln, denke ich.

Wie weiter, Haru?

Von mir folgende Vorschläge, auf der Basis meiner persönlichen krummen Ansichten und Einsichten, aber auch meiner langen beruflichen Erfahrung, denn auch meiner einer gehört/gehörte zum dubiosen tapsig herum-tapsenden Völkchen der Shrinks:

Versuche schrittweise und unaufgeregt zu strukturieren.

Erster Schritt: Nimm Dir vor, bis zum Ende Oktober nächsten Jahres eigene berufliche Entwürfe entwickelt zu haben. Ruhig und innerlich dabei fest, nicht also beim Entwerfen skrupeln-wuchtend. (Ist ja bis anhin gut Zeit, kein Gedränge.)

Dann: Fang an, Tagebuch zu schreiben. Jeden Tag allermindestens zwei Sätze, nie mehr als drei Seiten. Nicht mehr als ungefähr zwanzig Prozent des Inhalts über die Vergangenheit. (Aber selbstverständlich gerne auch weniger...!) Mit der Hand geschrieben, nicht digital. (Sehr wichtig!) In schöne Kladden, die sich gut in der Hand anfühlen, worauf angenehm sei zu schreiben.
Nimm Dir vor, binnen sechs Wochen einen Namen für Dein Tagebuch Dir ausgedacht zu haben. Besorge Dir dafür entweder einen guten Füller oder einen guten Tintenschreiber. (Tintenschreiber sind bessere Kugelschreiber.) Wähle mit Bedacht die Farbe und Haptik von entweder Füller oder Schreiber aus. Falls Füller, dann mit einer zu Deiner Schreibweise passenden Feder. Wähle mit Bedacht die Tintenfarbe aus, ob Füller oder Schreiber.

Weiter: Fang an, konzentriert Japanisch zu lernen. Ziel: So bald wie möglich einen Stand erreichen, von welchem aus Du das weitere Tagebuch -- bis auf Zitate und dergleichen -- auf Japanisch (wenn auch am Anfang höchst holperig) fortsetzt. (Die Gründe meines Vorschlags können wir noch ausführlich besprechen. Ich will nicht allzuviel in einen einzigen ersten Beitrag erläuternd "reinquetschen".) Zwischenziel: Bis Ende Juni eine zeitliche Vorstellung entwickeln, bis wann Du das Ziel erreichen willst, das Tagebuch dann auf Japanisch weiterzuführen.

Ein mögliches Zwischenziel könnte eventuell auch sein, bis zum nächsten September einige Skizzen auf Papier über Deine Beziehungen zu Kollegen in der Werkstatt, Deine Therapeuten, Web-Partner, der einen Freundin und Verwandten (Eltern?) zu entwerfen.

Ein weiteres sinnvolles etwaiges Zwischenziel könnte die Erarbeitung eines Entwurfs dazu sein, mit was für Literatur Du Dich beschäftigen könntest, mit -- gezielt -- was für Musik. Ziel könnte sein, daß Du nach und nach regelmäßig dann Gedichte schreibst. Das geistige Zeug, die "Berufung" dazu nämlich hast Du, wie ich gemerkt habe, und es würde einiges bewirken.

Für den Anfang wäre dies alles zumindest in meinen trüben Augen durchaus ein Ansatz...

Wie gesagt, wir können ja alles ohne jede Hast abwägen und dann darüber befinden. Falls Du eventuell magst, falls Du überhaupt damit einverstanden bist. Hier im Forum bist Du richtig. Es werden viele an Dir, an Deinem Weg Anteil nehmen. Es wird. Und es wird fruchten.

Herzlich
Abifiz
Meine sehr kluge Signatur befindet sich noch in der Herstellungsphase. Falls keine gravierenden Inkompatibilitätsprobleme auftauchen werden, rechne ich mit ihrer Lieferung für das 1. Quartal 2034. Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen.
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