Strategien zum Umgang mit persönlichen Auseinandersetzungen

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

Moderatoren: Hortensie, Eule

Strategien zum Umgang mit persönlichen Auseinandersetzungen

Beitragvon free thinker » Di 3. Nov 2015, 23:37

Hallo zusammen,

ich muss mir jetzt mal ein bisschen Frust von der Seele schreiben, bin emotional gerade ziemlich aufgewühlt. _bash_ Und das von einer Sache, die viele andere Leute wahrscheinlich als „Kleinigkeit“ ansehen würden. Vielleicht hat jemand von euch ja den einen oder anderen guten Tipp zum Umgang mit emotional fordernden Situationen.

Normalerweise betrachte meine hohe Sensibilität als etwas ziemlich Positives, da sie mir die Fähigkeit gibt, Dinge und Zusammenhänge zu sehen, die andere Menschen nicht direkt und intuitiv erkennen. Ich verdiene mit dieser Fähigkeit sogar ganz gutes Geld weil ich einen Blick für abstrakte Systeme (in meinem Fall in der IT) habe. Aber manchmal (wie jetzt) empfinde ich es einfach nur als Belastung, weil ich übermäßig von persönlichen Konflikten mit anderen Personen heruntergezogen werde und die sich daraus ergebenden Gedankenspiralen einfach nicht stoppen kann.

Zur Vorgeschichte: Ich wurde heute in meinem Job von einem anderen, mir gleichgestellten Kollegen, auf sehr direkte, in meinen Augen unverschämte und laute Weise „zurechtgewiesen“. Es war wirklich laut und unverschämt, aber noch nicht mal unsachlich. Warum soll hier gar nichts zur Sache tun, wahrscheinlich hatte ich sogar Schuld und habe mir die verbale „Abreibung“ damit verdient.

Nichtsdestotrotz hat mich die ganze Geschichte auf persönlicher Ebene ziemlich verletzt und das obwohl der Kollege das (wie sich in einem späteren Gespräch, das ich gesucht habe, herausgestellt hat) gar nicht verletzend meinte. Wahrscheinlich die Schattenseite einer hohen Sensibilität, von Dingen verletzt zu werden, die gar nicht negativ gemeint sind.

Mein Problem ist aber viel mehr, dass ich aufgrund dieser persönlichen Auseinandersetzung den ganzen Tag absolut nichts auf die Reihe bekommen habe und sogar jetzt noch emotional total aufgewühlt hier vor dem Rechner sitze. Ich fühle mich ungerecht behandelt, verliere mich ständig in Gedankenketten, kann nicht einschlafen und habe grundsätzlich den ganzen Tag schon ziemlich negative Gedanken, bin fahrig und unkonzentriert und bringe ständig irgendwelche Dinge durcheinander.

Mir geht dieser Konflikt einfach nicht aus dem Kopf! Und auch bei anderen persönlichen Konflikten geht es mir so. Ich hasse Auseinandersetzungen einfach wie die Pest! So geht es mir immer, wenn ich in einen Streit gerate, mich wühlen Dinge wie eine unsachliche Kommunikationsweise immer extrem auf. Und wenn ich dann auch noch Mittelpunkt des Streits bin, ist bei mir ganz vorbei.

Zu meiner Frage: Gibt es etwas, was euch in solchen aufwühlenden Situationen und speziell in persönlichen Konflikten mit anderen Personen hilft, die Nerven zu behalten? Ich empfinde es selbst als enorm anstrengend, einen ganzen Tag damit zu verlieren, über Konflikte zu grübeln, die sich für alle anderen Beteiligten schon lange erledigt haben. Klassische Meditation habe ich versucht, es will mir aber gerade absolut nicht gelingen, in Ruhe irgendwo zu sitzen. Meine Gedanken springen wie die berühmten wilden Affen durch meinen Kopf.

Kennt ihr solche Situationen und habt ihr vielleicht sogar irgendwelche Strategien entwickelt, die euch helfen, euch bei persönlichen Konflikten weniger stark angegriffen zu fühlen? Vielleicht weiß ja der eine oder Andere hier Rat.

Liebe Grüße,
Free Thinker
"Not all those who wander are lost." - J.R.R. Tolkien

"Our doubts are traitors and make us lose the good we oft might win by fearing to attempt". - William Shakespeare
Benutzeravatar
free thinker
Gold Member
 
Beiträge: 332
Registriert: So 19. Apr 2015, 14:28
Wohnort: Neuss

Re: Strategien zum Umgang mit persönlichen Auseinandersetzun

Beitragvon schwarz » Mi 4. Nov 2015, 00:16

Hi Free Thinker,

musste bei Deinen Worte an folgende Seite denken,
mit der ich Dich hiermit verlinken möchte. (-;

http://mymonk.de/zu-persoenlich/

Viel Kraft beim Los-lassen
und beste Grüße
schwarz
schwarz
Hero Member
 
Beiträge: 571
Registriert: Mo 3. Aug 2015, 15:13

Re: Strategien zum Umgang mit persönlichen Auseinandersetzun

Beitragvon Al(l)one » Mi 4. Nov 2015, 08:32

Guten Morgen free thinker,

wie geht es Dir denn heute? Hast Du das Gestern einigermaßen verdauen können?

Ich kann ebenso schlecht mit Auseinandersetzungen oder Zurückweisungen umgehen. Wahrscheinlich deswegen, weil in diesen Augenblicken eine geballte Welle an Eindrücken auf mich/uns einwirkt. Die muß man erst einmal filtern und sortieren.
Hatte dieser "Fehler" denn weitreichende Folgen für die Arbeit oder negative Konsequenzen für einen Kunden oder Deinen Kollegen?
Bist Du ein Perfektionist? Nimmst es Dir gar selbst so sehr übel, daß Dir ein Fehler unterlaufen ist?
Natürlich ist es nicht wirklich schön, wenn man dermaßen rund gemacht wird, ggf. noch vor anderen.
Keine Ahnung, wie das Verhältnis sonst so zwischen Euch ist. Kann mir vorstellen, daß Du vielleicht auch entsetzt warst, wenn Ihr Euch sonst gut versteht, daß er so "gemein" werden konnte. Grenzt irgendwo immer ein bißchen an Verrat.
Dazu kommt dann die Wut bei einem selbst, daß man einfach nicht so "locker" wie andere damit umgehen kann.
Ungerechtigkeit ist auch schwierig.

Bei mir ging es bisweilen sogar soweit, daß ich am ganzen Körper zitterte und am liebsten heulend im Erdboden verschwunden wäre oder in Gedanken dem anderen gern den Hals umgedreht hätte. Aber was bringt es? Jede Menge neue Wellen von schlechten Gefühlen. Oder wochenlanges Grübeln.

Im Moment versuche ich meine moralischen Werte einzuhalten oder die Situation für mich erklärlich zu machen. Wenn es z.B. irgendein Mensch ist, der mir begegnet, einfach seinen geballten Frust an mir ausläßt, dann höre ich in mich hinein. Habe ich irgendwas getan oder gesagt, daß seine Aktion oder Reaktion rechtfertigt? Wenn Nein, dann laß ich ihn ziehen und wende meinen Blick auf den nächsten Augenblick. Draußen z.B. auf die schönen Wolken oder den kleinen spielenden Welpen oder den nächsten Fußgänger oder Kunden, der freundlich grüßt. Weg ist die dunkle Emotionswolke.
Spanne eine imaginären Schirm auf, laß den anderen tupfen, bis er von seiner Palme runter ist, aber bitte nicht so ignorieren, daß er sich angegriffen fühlt, dann kann es übel werden.
Sei ehrlich, wenn Du Bockmist gemacht hast, dann ist es so. Kann passieren. Stehe dazu und wenn der andere wieder ansprechbar ist, dann sage ihm: O.k. war echt blöd, wie können wir/kann ich das wieder richten.
In einer ruhigen Minute kann man vielleicht äußern, das man den Vorwurf auch ruhig vorbringen hätte können.
Wenn es gar nicht geht, dann laß ihn stehen und komm später wieder.

Lausche danach in Dich hinein. Bist Du wütend, verletzt, traurig? Versuche ein Mittel dagegen zu finden. Suche Dir einen Sport, bei dem Du die Wut raus lassen kannst, bis Du Dich wieder fühlen kannst und nicht den anderen. Wenn Dir zum heulen ist, dann suche Dir ein stilles Eckchen und heul oder nach Feierabend zu Hause. Oder hole Dir auf dem Heimweg Dein Lieblingsessen bei Deinem Lieblingsrestaurant oder die Zutaten im Supermarkt und zelebriere die Zubereitung. Wenn Du einen Partner hast, dann sage ihm bei der Heimkehr, daß Du mal auf den Arm mußt. Höre Deine Lieblingsmusik auf dem Heimweg oder sprich mit einem lieben Menschen.
Versuche den Konflikt "objektiv" zu sehen, wenn Du Dich beruhigt hast. Gehe die Sache noch einmal durch und überlege Dir Strategien, mit denen Du besser leben kannst.

Bleibe Deinen moralischen Vorstellungen und somit Dir selbst treu. Es ist ein langer Weg. Hartes Training, mit mehr oder wenigen Rückschlägen, aber es wird Dir vielleicht immer leichter fallen. Und dann mußt Du es wirklich loslassen. Wenn es mit einer Person, der Du nicht ausweichen kannst, öfter passiert. Dann distanziere Dich emotional von ihr/ihm.
Das wäre mein Tipp. Vielleicht hilft es Dir ein wenig.

Wünsche Dir viel Glück heute.
Bis später.
Al(l)one
Al(l)one
Full Member
 
Beiträge: 130
Registriert: Di 20. Okt 2015, 06:36

Re: Strategien zum Umgang mit persönlichen Auseinandersetzun

Beitragvon Uli » Mi 4. Nov 2015, 12:40

Ich nehm erst mal die Kritik an und überdenke sie in einer ruhigen Minute.
Wenn mich Kritik aus der Fassung bringt, dann nur wenn sie irgendwo ihre Berechtigung hat. Ist sie nicht gerechtfertigt, habe ich für mich festgestellt, tangiert mich das gar nicht so - unabhängig von der Ausdrucksweise.

Wenn Kritik mich also trifft versuche ich herauszufinden warum. "Meine Schuhe" ziehe ich mir schon an. Ich sehe Kritik eher im Sinne von Rückmeldung als das mir jemand was Schlechtes will. Aber ich hab da auch ordentlich dran zu knabbern. Ich mag Disharmonie einfach nicht, auch wenn sie gerade nur in mir selbst ist )/898u ich kläre die angesprochenen Punkte für mich, ich lasse zu daß ich sauer, gekränkt etc. bin und versuche herauszufinden was konkret mich da gerade aufwühlt. Wenn es von meiner Seite her dann noch Klärungsbedarf gibt gehe ich auf den jeweiligen Menschen zu. Aber ich leg auch nicht jedes Wort auf die Waagschale, eben weil ich weiß das ich da empfindlicher reagiere.

Aber Schuhe, die mir nicht gehören ziehe ich mir auch nicht an. Es ist z.B. ja nicht mein Problem das mein Chef nur schlecht damit zurecht kommt wenn man so manche Entscheidungen der Führungsebene in Frage stellt, oder das eine Arbeitskollegin ihre innere Unzufriedenheit mit Überarbeitung versucht zu kompensieren und dergleichen.

Ich denk genaues Hinschauen lohnt, nicht so hart mit sich selbst sein auch. Herauszufinden wo die eigenen wunden Punkte sitzen, ist auch nie verkehrt.
Benutzeravatar
Uli
Neuling
 
Beiträge: 33
Registriert: So 8. Mär 2015, 21:13
Wohnort: Oberpfalz

Re: Strategien zum Umgang mit persönlichen Auseinandersetzun

Beitragvon MinnieMouse » Mi 4. Nov 2015, 13:03

Ich kenne das zu gut, was Du hier aufführst, allerdings habe ich noch was "ontop"... selbst, wenn ich solche Situationen irgendwie verarbeitet bekommen habe, kommen sie mir immer mal wieder in den Sinn und dann geht diese Denkspirale genauso wieder von vorne los. Das kann ein halbes Jahr später sein und es gibt überhaupt keinen Anlass. Ok, manchmal, wenn ich jemanden sehe, der damit zu tun hatte, fällt es mir (leider) wieder ein. Dann fühle ich mich wieder ganz genauso, wie zu dem Zeitpunkt, als die Situation stattfand. Wenn ich das jetzt einer Person erzählen würde, die davon wusste oder auch betroffen war, wissen die das gar nicht mehr und fragen sich dann, wieso ich mich da so "reinsteigere", wäre doch ganz normal, dass es mal raucht und das hakt man doch gleich wieder ab! Ich nicht! _fluch_
Würde mich also auch mal interessieren, ob jemand da eine Strategie entwickelt hat, wie einen sowas nicht mehr so affektiert.
MinnieMouse
Neuling
 
Beiträge: 7
Registriert: Di 6. Okt 2015, 11:00

Re: Strategien zum Umgang mit persönlichen Auseinandersetzun

Beitragvon free thinker » Mi 4. Nov 2015, 13:51

Vielen lieben Dank für eure Rückmeldung! _yessa_ Ich bin wirklich froh, dass ich nicht alleine bin mit diesen Problemen.

Mittlerweile habe ich die Situation tatsächlich einigermaßen verdauen können, ich scheine wohl einfach einige Zeit zu brauchen um mich nach solchen Auseinandersetzungen wieder zu beruhigen.

@schwarz Danke für den Link, ich bin immer wieder fasziniert wie einfach und gleichzeitig wunderbar logisch die buddhistische Sicht der Dinge ist.

@Al(l)one Filtern und Sortieren halte ich genau für das richtige Stichwort. Nachdem ich die Sachen gedanklich etwas in mein Raster einsortiert hatte, habe ich mich tatsächlich besser gefühlt.

Der "Fehler" hatte keine weitreichenden Konsequenzen, es ging im Wesentlichen nur um eine defekte Kaffeemaschine, die ich nicht gemeldet hatte (ja, für mich klingt es genauso absurd, dass sich irgendjemand wegen solcher Kleinigkeiten so aufregt, aber manche Menschen haben anscheinend einfach von Natur aus einen unmöglichen Tonfall).

Danke, du triffst den Nagel auf den Kopf. Ich bin tatsächlich ein wenig wütend auf mich selbst, dass ich es einfach nicht hinbekomme, ruhig und gelassen zu bleiben, wenn ich mich persönlich angegriffen fühle. Das ist ganz besonders schlimm, weil ich genau weiß, dass ich in so einem aufgewühlten Zustand einfach nicht mehr „ich selbst“ bin und z.B. große Schwierigkeiten habe, klare Gedanken zu fassen.

Und dazu kommt dann auch noch eine nicht zu unterschätzende Wut auf die andere Person, weil sie so unverschämt war.

Danke für die Tipps, ich werde genau das mal ausprobieren und versuchen mich in ähnlichen Situationen mit Dingen, die mir Spaß machen über Wasser zu halten und das Gedankenkarussel zu stoppen. Wahrscheinlich muss ich einfach noch mehr auf mich selbst hören und auf meine eigenen Bedürfnisse Acht geben.

Aber besonders gibt es mir auch ein gutes Gefühl eure Beiträge zu lesen und zu merken, dass ich nicht alleine bin mit meinen Schwierigkeiten. Freut mich wirklich und vielen Dank schon mal fürs Aufheitern und die Tipps danke2
"Not all those who wander are lost." - J.R.R. Tolkien

"Our doubts are traitors and make us lose the good we oft might win by fearing to attempt". - William Shakespeare
Benutzeravatar
free thinker
Gold Member
 
Beiträge: 332
Registriert: So 19. Apr 2015, 14:28
Wohnort: Neuss

Re: Strategien zum Umgang mit persönlichen Auseinandersetzun

Beitragvon mika1983 » Do 5. Nov 2015, 09:27

Hallo zusammen,

ich kenne diese Situationen auch nur zu gut. Dass ich Wochen und Monate später immer noch alten Konflikten hinterher keuche ist keine Seltenheit. Ich habe versucht verschiedene Strategien zu entwickeln, jedoch bislang ohne Erfolg. Die Idee war, Konflikte und unangenehme Themen in eine Schublade zu packen und diese zu schließen.
Aber auch das funktioniert nicht immer, hin und wieder öffnet sich die Schublade wie von alleine und die Spirale ist da - juhu!

Konfliktmanagement ist aber generell ein spannendes Thema insbesondere wenn man nicht weiß auf welcher Seite man steht. Hat man selbst was falsch gemacht, hat ein anderer was falsch gemacht? Hat jeder was falsch gemacht? Warum regen wir uns eigentlich auf? Wären manche Dinge ohne Worte nicht auch einfach lösbar?

Ich finde dass sich die Gesellschaft enorm verändert und das regt mich zur Zeit einfach auf. Menschen werden zu Perfektionisten erzogen, Fehler machen ist verpönt. Denken ist ja generell auch verboten, mein Handy schreibt mir vor, was ich wie zu machen habe.
Obwohl ich diese Zeit nie erlebt hab, aber wenn ich mal 50 Jahre zurück denke, wo die Leute alle zusammenhalten mussten, dass sie warm und was zu essen hatten, und man noch Tugenden hatte, war diese Zeit - zwar ärmer - aber menschlich gesehen bestimmt wertvoller als sie heute ist.

Vielleicht müssen wir uns einfach nur einreden, dass wir in einer Welt leben, in der jeder des anderen Feind ist und dass wir eben nichts, aber auch garnichts persönlich nehmen dürfen.

Wahrscheinlich ging es garnicht um die Kaffeemaschine. Vielleicht hatte der Kollege sich vorher über etwas anderes geärgert.

Ich versuche mir, wenn das mit den Schubladen nicht klappt, immer einzureden, dass es womöglich ein völlig anderer Grund ist und es weder was mit mir, noch mit der Sache zu tun hat.

Und um ehrlich zusein, hab ich auch schon Leute angemotzt, obwohl ich mich 10 Min vorher über etwas völlig anderes geärgert habe.

Liebe Grüße und alles Gute weiterhin,
mika
Talente finden Lösungen - Genies entdecken Probleme.
mika1983
Fleißiges Mitglied
 
Beiträge: 67
Registriert: Mo 20. Okt 2014, 07:42

Re: Strategien zum Umgang mit persönlichen Auseinandersetzun

Beitragvon Muntje » Do 5. Nov 2015, 11:47

mika1983 hat geschrieben:Ich finde dass sich die Gesellschaft enorm verändert und das regt mich zur Zeit einfach auf. Menschen werden zu Perfektionisten erzogen, Fehler machen ist verpönt. Denken ist ja generell auch verboten, mein Handy schreibt mir vor, was ich wie zu machen habe.
Obwohl ich diese Zeit nie erlebt hab, aber wenn ich mal 50 Jahre zurück denke, wo die Leute alle zusammenhalten mussten, dass sie warm und was zu essen hatten, und man noch Tugenden hatte, war diese Zeit - zwar ärmer - aber menschlich gesehen bestimmt wertvoller als sie heute ist.

Hallo, mika,

worüber ich so mitunter nachdenke ist, dass sich die Gesellschaft vielleicht gar nicht mal so enorm verändert hat, sondern sich jetzt nur die Maske abreißt und ihr seit jeher verborgenes und wahres Gesicht zeigt. Fehler zu machen war beispielsweise auch schon vor 50 Jahren in den Kreisen verpönt, die heute zwar auf veränderten Plätzen sitzen aber im Grunde die gleichen Typen darstellen wie damals. In Zeiten, die vor den von Dir angesprochenen 50 Jahren liegen, waren Fehler sogar noch viel stärker als Zeichen menschlichen Versagens gesehen. Lasst uns da zum Beispiel an den deutschen Militarismus von früher denken, in dem jedes mitmenschliche Gefühl von Männern als Fehler betrachtet wurde, jede Schwäche im militärischen oder eben „männlichen“ Bereich als Disqualifikation des Menschen an sich schon angesehen wurde.
Du wirst aber, wie ich annehme, die heutigen Fehler hauptsächlich im beruflichen Bereich meinen. Ich wage die These: Wenn damals, vor 50 Jahren, die Möglichkeiten im technischen Bereich schon vorhanden gewesen wären bzw. der Raubtierkapitalismus im Sinne heutiger Zeiten schon salonfähig gewesen wäre – die Menschen hätten genauso reagiert wie heute. Der Mensch ist keineswegs früher besser gewesen als heute. Den Mob, der heute als Masse dasteht und Hass und Häme bei höchst populistischen Themen ausschreit, den gab es schon immer, damals war er anwesend bei Inquisitionen, beim Anprangern und damit entwürdigen von Menschen auf den Marktplätzen, bei Enthauptungen oder Zur Schau stellen.

Aber auch ich habe sehr oft das Gefühl, dass vor 50 Jahren vieles besser war. Ich habe damals schon gelebt und die Zeit, die Du angegeben hast, mitbekommen. Ich kann Deine leichte Verzweiflung ob der Kälte heutiger (IT) Zeiten verstehen und nachvollziehen, aber ein Zuckerlecken war die Zeit der 60er Jahre auch nicht. Denn die Tugenden, die Du nennst, kamen nicht immer aus dem Herzen. Sie waren, wenn sie überhaupt angewendet wurden, auch sehr häufig nur dem späteren Vorteil geschuldet, der hieraus erwartet wurde.
Generell aber gilt: Elend und Leid lässt Menschen zusammen wachsen. Weil es anders nämlich kein Überleben gäbe.
Dass einem das Handy vorschreibt, was man zu tun oder zu unterlassen hat, ist ein heutiges berufliches Problem, ja. Ansonsten aber, im privaten Bereich, macht sich der Einzelne selbst nach seinen Möglichkeiten zum Sklaven der Technik, wie es ihm beliebt. Viele Menschen kommen gar nicht mehr auf die Idee, Handy oder Smartphone einfach mal auszuschalten. Die Geister, die man rief, sie wird man nun nicht los…
mika1983 hat geschrieben:Vielleicht müssen wir uns einfach nur einreden, dass wir in einer Welt leben, in der jeder des anderen Feind ist und dass wir eben nichts, aber auch garnichts persönlich nehmen dürfen.

Diese Aussage habe ich nicht so ganz verstanden: Wenn ich jeden Menschen mir gegenüber als Feind betrachten würde, wie könnte ich dann nichts persönlich nehmen? Bei einem Feind nimmt man nämlich alles negativ empfunden persönlich, sonst gäbe es keine Kriege und kein Zank auf diesem Planeten. Denn das Persönliche macht uns verwundbar so wie es uns auch stark machen kann. Im negativen Sinne ist man beleidigt oder betroffen, im positiven Sinne ist man gerührt. Nehme ich nichts mehr persönlich, kann ich – auch im negativen Sinne - nicht den anderen feindlich betrachten, da es hierzu überhaupt keinen Grund gäbe.
mika1983 hat geschrieben: Ich versuche mir, wenn das mit den Schubladen nicht klappt, immer einzureden, dass es womöglich ein völlig anderer Grund ist und es weder was mit mir, noch mit der Sache zu tun hat.

Das ist eine für mich bejahenswerte und starke Aussage von Dir: In sich gehen, prüfen, ob der andere mit seiner Reaktion oder seiner Kritik recht hatte und falls man zu dem Ergebnis kommt, dass dem nicht so ist, es genau so zu betrachten, wie Du es beschrieben hast.
Wenn ich gut in Form bin, gelingt mir das. Wenn meine Hochsensibilität im negativen Sinne etwas zu sehr über die Ufer getreten ist, kann mich das alles aber ungeachtet dieser guten Theorie wurmen. Und wenn es zu sehr wurmt, dann spreche ich den Betroffenen darauf an. Denn das Mit-sich-herum-tragen ist viel destruktiver als eine wie auch immer reinigende Kommunikation.

Liebe Grüße auch an Dich. Verzage bei aller berechtigter Kritik am Heute nicht zu sehr.

M.
Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.
(Antoine de Saint-Exupery - Le Petit Prince)
Benutzeravatar
Muntje
Gold Member
 
Beiträge: 414
Registriert: Mo 17. Aug 2015, 18:06

Re: Strategien zum Umgang mit persönlichen Auseinandersetzun

Beitragvon Nordsternchen » Do 5. Nov 2015, 15:59

Hi,

ja ich kenne das auch..ich hasse Konflikte jeder Art..ich bin ein Harmoniemensch und möchte mit jedem gut auskommen..

Leider funktioniert das nicht immer ohne weiteres..besonders schlimm finde ich auch die Situationen in denen ich weiß, das das Gegenüber einfach im Unrecht oder zumindest doch sehr ungerecht ist..es hat lange gedauert bis ich in solchen Situationen halbwegs ruhig bleiben konnte ohne mich sofort persönlich angegriffen zu fühlen (selbst bei eigendlichen Kleinigkeiten)

Heute sehe ich Auseinandersetzungen jeder Art weitaus ruhiger ins Auge..ich gucke dann auch zuerst ob da konstruktive Kritik enthalten ist oder nicht und gehe entsprechend damit um.

Und ja, ich erinnere mich auch nach seeehr langer Zeit noch daran, wenn alle anderen es schon lange vergessen haben.. immer wieder faszinierend ;)

Liebe Grüße, Nordsternchen
Als ich mich selbst zu lieben begann, habe ich aufgehört, mich nach einem anderen Leben zu sehnen und konnte sehen, dass alles um mich herum eine Aufforderung zum wachsen war - Charlie Chaplin
Nordsternchen
Neuling
 
Beiträge: 28
Registriert: Do 10. Sep 2015, 20:55

Re: Strategien zum Umgang mit persönlichen Auseinandersetzun

Beitragvon mika1983 » Fr 6. Nov 2015, 10:08

Lieber Muntje,

vielen Dank für deine Antworten,

Diese Aussage habe ich nicht so ganz verstanden: Wenn ich jeden Menschen mir gegenüber als Feind betrachten würde, wie könnte ich dann nichts persönlich nehmen? Bei einem Feind nimmt man nämlich alles negativ empfunden persönlich, sonst gäbe es keine Kriege und kein Zank auf diesem Planeten. Denn das Persönliche macht uns verwundbar so wie es uns auch stark machen kann. Im negativen Sinne ist man beleidigt oder betroffen, im positiven Sinne ist man gerührt. Nehme ich nichts mehr persönlich, kann ich – auch im negativen Sinne - nicht den anderen feindlich betrachten, da es hierzu überhaupt keinen Grund gäbe.


was ich damit sagen wollte ist dass die gegenseitige Rücksichtnahme immer weniger wird und dass der Anspruch "Freundschaft" sich heute schwer verändert. Es ging nicht um politische oder sonstige menschenverachtende Themen. Nein ich meine das direkte persönliche Umfeld.
Menschen werden vergleichbarer und dadurch mehren sich Konflikte. Ich habe so oft erlebt, dass Freunde einfach ausgetauscht werden, weil man mit dem ein oder anderen Macken nicht mehr klar gekommen ist. Hier spielt das Thema Soziale Medien des 21. Jahrhunderts (Stichwort Handy) eine nicht unwesentliche Rolle.
Ich kann mich noch an Zeiten erinnern wo ich mit meinem besten Freund ausgemacht habe, um 19 Uhr treffen wir uns und wir waren beide um 19 Uhr da. Seit es Handys gibt, schreibt man um halb acht, dass man versucht zu kommen und um neun, dass man es dann doch nicht mehr schafft. Folge -> Konflikt.

Ein anderes Beispiel ist der Beruf oder andere kompetitive Situationen. Wie oft habe ich erlebt, dass wir im Sport verloren haben, aber einer meinte... "ja die Mannschaft war schlecht, aber ich war gut." Es geht darum, dass wir heute alle Nummer 1 sein wollen. Keiner sieht mehr die Gruppe (gesamte Menschheit).
Man braucht nicht unbedingt 10 beste Freunde zu haben, aber man sollte jedem seine Hilfsbereitschaft anbieten ohne zu denken "Pf, der andre ist mir doch egal." (Tugend)

Ich wollte Free_Thinker mit auf den Weg geben, dass es nicht an Ihm lag, dass die Kaffeemaschine den Geist aufgegeben hat und er sich nichts vorzuwerfen hat, auch, wenn er vergessen hat sie zu reinigen oder eine neue zu bestellen. Die Art und Weise ihn darüber in Kenntnis zu setzen, dass er jetzt einen Fehler gemacht hat finde ich einfach nur der Zeit geschulded in der wir leben. Er ist eben (für den anderen) nicht perfekt und damit nimmt man sich das Recht raus einfach den ganzen Frust an ihm rauszulassen.
In einer hilfsbereiten Gesellschaft hätte ich erwartet, dass man sagt: "Huch die Maschine ist defekt, kann ich dir helfen eine neue zu bestellen". Es geht mir um Respekt füreinander, um Hilfsbereitschaft und gegenseitige Rücksichtnahme.

Als Beispiel fällt mir noch folgendes ein :)

Bild

Ich wünsche euch alles Gute und macht die Welt wenigstens mit einem Lächeln jeden Tag ein bisschen besser,

mika
Talente finden Lösungen - Genies entdecken Probleme.
mika1983
Fleißiges Mitglied
 
Beiträge: 67
Registriert: Mo 20. Okt 2014, 07:42

Nächste


Ähnliche Beiträge


Zurück zu Hochsensibilität Allgemein

Wer ist online?

0 Mitglieder

cron