Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsversuch

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon Waldtänzerin » Mo 6. Jul 2015, 20:11

Okay, das macht es für mich verständlicher. Was wir alles in uns haben. *staun*

Danke dir erstmal für deine Antworten. :)
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon Parzival » Mo 6. Jul 2015, 22:35

@kranich: Ich kann dir nur schreiben, wie ich das erlebe, aber ich empfinde die Stufen als einen Weg, den man nacheinander gehen sollte, um weiter zu kommen. Von daher habe ich den Eindruck, dass es für mich sich nicht richtig anfühlen würde, mich in der 3. Stufe bewegen zu wollen und die 2. Stufe lieber auszulassen, weil ich mich dann zu sehr selbst in den Mittelpunkt stellen würde. Das ist ja meinem Gefühl nach genau das Problem, dass das nie ausreichend passiert ist - als Kind/Jugendlicher musste man sich aufgrund von unterschiedlichen belastenden Erfahrungen immer zurückstellen und erwachsener sein, als mein es eigentlich war. Und dadurch konnte man sich nicht zu einer wirklich innerlich gereiften Persönlichkeit voll entwickeln. Um da zu versuchen, etwas zu heilen, oder wie kikilino es nennt, das innere Kind "nachzubeeltern" oder "nachzunähren", geht man sehr bewusst ein auf die Bedürfnisses des inneren Kindes, schafft sich dafür Freiräume, lässt evtl. oft unterdrückte Emotionen mehr zu. Ich erlebe es so, dass das innere Kind, wenn es den Freiraum wahrnimmt, dann langsam wie aus einem Schneckenhaus hervorkommt und es einfach gut tut und Kraft und Energie mit der Zeit zurück gibt, wenn das passiert.
Das Überspringen zu wollen und gleich in Ausgewogenheit zu kommen zwischen innerem Kind und erwachsenem Ich würde für mich nicht funktionieren - da würde ich eigentlich eher wieder in die 1. Stufe zurückfallen, wo ich nur das Problem sehe, aber noch eher kraftlos oder konfliktreich damit umgehe, weil ich mehr auf Ratschläge anderer höre und immer wieder feststellen muss, dass sie für mich leider gar nicht passen.
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon kranich » Di 7. Jul 2015, 09:21

Parzival hat geschrieben:@kranich: Ich kann dir nur schreiben, wie ich das erlebe, aber ich empfinde die Stufen als einen Weg, den man nacheinander gehen sollte, um weiter zu kommen. Von daher habe ich den Eindruck, dass es für mich sich nicht richtig anfühlen würde, mich in der 3. Stufe bewegen zu wollen und die 2. Stufe lieber auszulassen, weil ich mich dann zu sehr selbst in den Mittelpunkt stellen würde. Das ist ja meinem Gefühl nach genau das Problem, dass das nie ausreichend passiert ist - als Kind/Jugendlicher musste man sich aufgrund von unterschiedlichen belastenden Erfahrungen immer zurückstellen und erwachsener sein, als mein es eigentlich war. Und dadurch konnte man sich nicht zu einer wirklich innerlich gereiften Persönlichkeit voll entwickeln. Um da zu versuchen, etwas zu heilen, oder wie kikilino es nennt, das innere Kind "nachzubeeltern" oder "nachzunähren", geht man sehr bewusst ein auf die Bedürfnisses des inneren Kindes, schafft sich dafür Freiräume, lässt evtl. oft unterdrückte Emotionen mehr zu. Ich erlebe es so, dass das innere Kind, wenn es den Freiraum wahrnimmt, dann langsam wie aus einem Schneckenhaus hervorkommt und es einfach gut tut und Kraft und Energie mit der Zeit zurück gibt, wenn das passiert.
Das Überspringen zu wollen und gleich in Ausgewogenheit zu kommen zwischen innerem Kind und erwachsenem Ich würde für mich nicht funktionieren - da würde ich eigentlich eher wieder in die 1. Stufe zurückfallen, wo ich nur das Problem sehe, aber noch eher kraftlos oder konfliktreich damit umgehe, weil ich mehr auf Ratschläge anderer höre und immer wieder feststellen muss, dass sie für mich leider gar nicht passen.



Mir ist schon klar, dass du nicht von heute auf morgen sagen kannst- so ab jetzt bin ich anders (Da geht es mir ja ähnlich) - sondern dass es sich um einen Prozess/eine Entwicklung handelt.


Du hast ja ein erstrebenswertes Ziel vor Augen.
Aus meiner Erfahrung muss man um einem Ziel näher zu kommen ganz bewusst Handlungen und Anstrengungen in Richtung Ziel setzen. Einfach so bleibt man viel eher im Status quo stecken.

Der Opferstatus mit resultierendem besonderen Anspruchsdenken ist in meinen Augen so eine Falle, aus der man nicht so leicht wieder herauskommt.
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon kikilino » Di 7. Jul 2015, 10:01

kranich hat geschrieben:Der Opferstatus mit resultierendem besonderen Anspruchsdenken ist in meinen Augen so eine Falle, aus der man nicht so leicht wieder herauskommt.


Es ist sicherlich wichtig, sich im Verstand klar zu sein, dass diese Sichtweise einen nicht weiter bringen wird. Trotzdessen ist es ja nun einmal so, dass jeder Mensch mal zum Opfer wird. Ich glaube, dass es gut ist, wenn man diese Tatsache erst einmal so stehen lassen kann um die damit verbundenen Gefühle zu spüren und somit loslassen zu können. Ganz bewusst sagen zu können: 'ja, ich war Opfer und ja, es war ungerecht was mir widerfahren ist, ich darf mich ungerecht behandelt fühlen, ich darf traurig sein, ich darf wütend auf xy sein...'. Warum ich das schreibe? Wir neigen dazu, das Ziel vorweg zu nehmen und dabei zu vergessen, dass wir zunächst den Weg gehen müssen. Ich (und mein inneres Kind) bin mir so viel wert, dass ich Mitgefühl mit mir haben kann und mir meine Gefühle ohne Wertung zugestehe. Übergehe ich diese Gefühle so fühlen sie sich nicht gehört und werden weiter in mir verharren, vielleicht sogar lauter werden. Das Ziel sollte man natürlich im Hinterkopf behalten und auch bereit sein nach dem und durch das Spüren Wut, Trauer usw. los zu lassen. Ich spüre mein Opfersein um aus dieser Rolle gehen zu dürfen und sie hinter mir zu lassen. :-)) Auch das Zulassen gehört zur Eigenverantwortung.
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon kranich » Di 7. Jul 2015, 10:19

kikilino hat geschrieben:
kranich hat geschrieben:Der Opferstatus mit resultierendem besonderen Anspruchsdenken ist in meinen Augen so eine Falle, aus der man nicht so leicht wieder herauskommt.


Es ist sicherlich wichtig, sich im Verstand klar zu sein, dass diese Sichtweise einen nicht weiter bringen wird. Trotzdessen ist es ja nun einmal so, dass jeder Mensch mal zum Opfer wird. Ich glaube, dass es gut ist, wenn man diese Tatsache erst einmal so stehen lassen kann um die damit verbundenen Gefühle zu spüren und somit loslassen zu können. Ganz bewusst sagen zu können: 'ja, ich war Opfer und ja, es war ungerecht was mir widerfahren ist, ich darf mich ungerecht behandelt fühlen, ich darf traurig sein, ich darf wütend auf xy sein...'. Warum ich das schreibe? Wir neigen dazu, das Ziel vorweg zu nehmen und dabei zu vergessen, dass wir zunächst den Weg gehen müssen. Ich (und mein inneres Kind) bin mir so viel wert, dass ich Mitgefühl mit mir haben kann und mir meine Gefühle ohne Wertung zugestehe. Übergehe ich diese Gefühle so fühlen sie sich nicht gehört und werden weiter in mir verharren, vielleicht sogar lauter werden. Das Ziel sollte man natürlich im Hinterkopf behalten und auch bereit sein nach dem und durch das Spüren Wut, Trauer usw. los zu lassen. Ich spüre mein Opfersein um aus dieser Rolle gehen zu dürfen und sie hinter mir zu lassen. :-)) Auch das Zulassen gehört zur Eigenverantwortung.


Aber ich weiß nicht, wie das was du schreibst dann in der Praxis/im täglichen Leben aussehen soll.
Wechsle ich dann zwischen Zeiten, wo ich den Opferstatus verfalle mit Zeiten, wo ich mein Leben aktiv gestalte?
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon Parzival » Di 7. Jul 2015, 14:08

Danke, kikilino, besser hätte ich es nicht sagen und erklären können.
Oder man könnte auch sagen, dass es vielleicht eine noch größere Falle ist, sich vor dieser Falle "Opferstatus mit resultierendem Anspruchsdenken" zu fürchten und deshalb lieber nicht auf seine innersten Bedürfnisse und Verletztlichkeiten zu achten. Der Vorwurf des Selbstmitleids ist schnell da, aber dahinter steht eine ungesunde Härte gegen sich selbst - wohl noch eine Erbschaft aus Zeiten autoritärer Erziehungsmethoden, die viele immer noch verinnerlicht haben, scheint mir.
In der Praxis kann das meiner Erfahrung nach so aussehen, dass man sich versucht Freiräume zu schaffen, wo man sich stärker um seine eigenen Bedürfnisse kümmert. Z.B. wenn man die zur Verfügung stehende Freizeit stärker dafür nutzt, anstatt sie mit "aktivem Leben" zu verplanen. Dafür ist vielleicht später wieder Zeit und Kraft, wenn man wieder mehr zu sich gefunden hat und sozusagen dann mal wirklich unterwegs von Stufe 2 nach Stufe 3 ist.
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon kikilino » Di 7. Jul 2015, 15:33

Parzival, ich muss das Kompliment zurück geben. Dieser Satz von Dir: "Der Vorwurf des Selbstmitleids ist schnell da, aber dahinter steht eine ungesunde Härte gegen sich selbst.." trifft es sehr exakt.

Es ist ein Unterschied ob 'immer die anderen Schuld sind' oder 'immer mir ganz schlimme Dinge passieren wegen derer ich nicht vorwärts kommen kann' und dem, was ich als gesundes Mitgefühl mit mir selbst beschreibe. Praktisch gesehen sieht das für mich persönlich so aus: ich habe die Idee, dass etwas ungerecht war, mir weh tat usw. und ich lasse in diesem Moment wo der Gedanke und das Gefühl hoch kommt alles zu. Ich weiß ich kann und bin für mich selbst, mein Glücklich-Sein, mein Handeln und Nichthandeln, mein gesamtes Leben selbst verantwortlich...also kann ich auch, wenn ich Opfer werde für mich selbst sorgen, Mitgefühl haben, mir Rechte zusprechen. Komischerweise gelingt es uns bei anderen oft besser (solange man nicht das Gefühl hat, der andere 'lebt' in dieser Opferrolle).

Der Trend des 'positiven Denkens' hat zu einem Extrem geführt, dass propagiert wurde man müsse nur positiv denken, negatives beiseite schieben und alles wäre gut. Negative Gefühle stauen sich dann an und es ist ungesund sie hinunter zu schlucken. Es sollte vielmehr darum gehen die positive Sicht zu stärken, sich dahin zu entwickeln aber auch 'negatives' da sein lassen, wenn es da ist. Genauso ist die Idee 'jeder ist für sein eigenes Glück verantwortlich' oder auch 'Dir kann niemand etwas antun, solange Du es nicht annimmst' schnell ins Extreme verkehrt zu 'selbst Schuld, wenn es Dich verletzt'. Ja, es ist veränderbar Verletzendes anzunehmen, jedoch ist das eine Entwicklung die Zeit braucht. Und ich denke nicht, dass dadurch Menschen aus der Verantwortung entlassen werden sollten sich zu bemühen nicht zu verletzen und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Die Sichtweise der Schuldzuweisung ist nicht produktiv, jegliche Verantwortung zu leugnen (beidseitig) allerdings auch nicht. :-))
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon beay » Mi 8. Jul 2015, 18:04

Sehr schöner Thread.

Parzival hat geschrieben:Der Vorwurf des Selbstmitleids ist schnell da, aber dahinter steht eine ungesunde Härte gegen sich selbst - wohl noch eine Erbschaft aus Zeiten autoritärer Erziehungsmethoden, die viele immer noch verinnerlicht haben, scheint mir.

Das hier sehe ich auch so. Nur dass es nicht unbedingt an den (typisch) autoritären Erziehungsmethoden liegen muss. Auch müssen die prägenden Personen nicht unbedingt die Eltern gewesen sein. Ich habe meine Eltern jedoch als passive Unterstützer traumatisierenden Verhaltens anderer Erwachsener, als Nicht-Eingreifer und damit als Nicht-Unterstützer und Nicht-Verteidiger des Kleinen empfunden.

Und ich denke, Stufe 2 ist echt schwere Kost. Zumindest empfinde ich das bei mir so.

Zum einen weil bei mir wohl ein sehr dunkler Teil die Kontrolle übernommen hat, als der Kleine in Not war. Dieser Teil sieht die Welt als kalten, unberechenbaren und feindseligen Ort, sorgt aber auch dafür, dass das so bleibt, hält sich somit durch entsprechendes Verhalten selbst aufrecht. Dieser dunkle Folterknecht hat lange dünne Finger und hat sich ausgebreitet wie ein Krebsgeschwür. Er ist wie ein ewig brüllender Drill Instructor, der auch die Idee der nachträglichen Fürsorge für den Kleinen gnadenlos in Grund und Boden schreit. Es ist unfassbar, wie viel Schuld und Scham aufkommt, alleine bei dem Gedanken, aus Überforderung endlich mal etwas nicht zu tun, was man sonst immer getan hat, weil man es zu müssen glaubte.

Schwere Kost ist es zum anderen, weil irgendwie 5 Jahre kindlicher Entwicklung fehlen. Ich war 7 bei meinem prägenden Ereignis, war von einer Sekunde zur nächsten ein Anderer und bin gefühlt seit dem nicht gealtert. Bis zum 12. Lebensjahr (ungefähr) sollen Kinder ja den grundlegenden Umgang mit ihren Gefühlen lernen. Wut entlädt sich bis dahin gerne auch mal in einer Prügelei. Das ist aber OK. Es gehört dazu, und kleine Kinder schlagen sich in der Regel ja nicht tot. Bei einem wohlwollenden Umgang mit Wut lernen die Kinder, Konflikte auch anders zu lösen und Gewalt nur im Notfall einzusetzen.
Meine Kindheit war mit 7 gewissermaßen zu Ende. Zumindest, was die Entwicklung betrifft. Beziehungen ging quasi immer der Kleine in neurotischem Wiederholungszwang ein, angefeuert vom Drill Instructor. Rückblickend betrachtet fühlt sich das ganz schön eklig an. Ein Siebenjähriger, der mit einer erwachsenen Frau in die Kiste hüpft...
Ähnlich verhält es sich mit der Arbeit. Hier sitzt ein kleiner Junge vor dem Bildschirm und muss diese Arbeit erledigen, obwohl er lieber über Felder laufen und auf Bäume klettern würde.

Nun bin ich fast 40 und kenne das Leben eigentlich nur aus einer (automatisch ablaufenden) Simulation. Richtiges, fließendes Leben muss ich jetzt lernen. Eigentlich müsste ich lachen, weinen, wütend sein wie ein Kind. Aber wie soll das gehen unter Erwachsenen? Meine Pubertät, meine Teenagerzeit war ebenfalls nur simuliert. Ich war gekleidet wie ein Rebell, habe mich so verhalten, aber nur innerhalb einer sicheren Arena. Innerlich war ich immer noch der Kleine, der in Wirklichkeit nicht aus der Reihe tanzte.

Jedenfalls denke ich - da mein dunkler, strafender Folterknecht weiteren seelischen und mittlerweile körperlichen Schaden angerichtet hat - dass Stufe 2 keine Kompromisse erlaubt. Ich sollte Schwächere, z.B. meine Kinder, weitestgehend aus der Schusslinie nehmen. Ansonsten darf ich mich aber nicht scheuen, anderen, auch mir Nahestehenden, auf die Füße zu treten. Da, wo Schuld, Scham und Angst sind, geht es lang. Und das ist so verdammt schwer.
"Versuch' nicht, den Löffel zu verbiegen, das ist nämlich nicht möglich. Versuch', dir stattdessen einfach die Wahrheit vorzustellen...Den Löffel gibt es nicht...Dann wirst Du sehen, dass nicht der Löffel sich biegt, sondern Du selbst." - Matrix (Film)

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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon Parzival » Mi 8. Jul 2015, 19:15

Freut mich sehr, Beay, dass dir der Thread gefällt. Als ich das erste Posting schreiben wollte, hatte ich zuerst überlegt, ob ich es in deinem persönlichen Thread poste, aber dann kam es mir nicht richtig vor, weil es ja eigentlich mehr um meine eigenen Überlegungen ging und keine Kommentierung war. Allerdings hatte ich auch manches, was ich in deinem Thread mitgelesen hatte, beim Schreiben des Postings auch im Kopf. Ich glaube auch, dass du das richtig spürst, dass es erst mal schwer ist, mit dieser 2. Stufe anzufangen. So ein bisschen klingt da zwar auch wieder der Drill Instructor durch, der gleich verlangt: "Da geht's lang, wo es weht tut". Man kann das sicher auch sanfter versuchen, sich mit Gefühlen von Schuld, Scham und Angst auseinander zu setzen, die der Kleine in einem mit sich trägt. Aber sicherlich wirst du auch manchen Gegenwind spüren in deiner Umgebung, wenn du das tust und dich auch etwas konsequenter drauf einlässt - das ging mir jedenfalls so. Mir scheint aber, dass es ein lohnenswerter Weg ist, und es gibt in der Umgebung durchaus auch Menschen, die bereit sind, das positiv zu begleiten. Das familiäre Umfeld ist das bei mir weniger, weil es eben in die Problematik ursprünglich mit eingebunden war und nun kaum bereit ist, seine alte Perspektive zu ändern. Damit muss ich leben und mich so weit wie nötig eben dann auch abgrenzen.
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon beay » Do 9. Jul 2015, 10:54

Parzival hat geschrieben:So ein bisschen klingt da zwar auch wieder der Drill Instructor durch, der gleich verlangt: "Da geht's lang, wo es weht tut".

Nee, der Drill Instructor (Folterknecht, düsteres Spiegelbild oder wie man das nennen will) treibt hier nicht an. Angst, Schuld und Scham sind nur Indikatoren, dass ich auf diesem Weg dem Kleinen näher komme.

Ein Beispiel:
Mein Sohn hat heute Abschlussparty seiner Grundschulklasse, weil seine Grundschulzeit zu Ende ist. Das ist ein zweifelhaftes Vergnügen, weil er von zwei Lehrerinnen viel Ablehnung erfahren hat. Diese Party findet bei meiner Ex-Frau im Garten statt, was ich schon merkwürdig finde, weil sie selbst von den Lehrerinnen total angekotzt ist. Aber es geht eben darum, immer einen guten Eindruck zu machen. Ich möchte aus den folgenden Gründen nicht hingehen:

1. Mir geht es generell nicht gut.
2. Ich habe kurz vor meinem Urlaub viel Arbeit zu erledigen, und ich würde mit frühem Feierabend die Arbeit bis auf den letzten Drücker verschieben, was mich weiter stressen würde.
3. Da sind mir zu viele Menschen, zu viele Gespräche, zu viel Lärm.
4. Ich will nicht gute Miene zum bösen Spiel machen, will mich nicht verstellen.

Also habe ich meinem Sohn und meiner Ex gesagt, dass ich nicht komme. Sofort, beim ersten Gedanken an mein Nein, tauchen Schuldgefühle auf. Normalerweise wäre ich umgedreht, damit ich Schuld und Scham nicht mehr spüren muss. Ich hätte all das gemacht, was ich so hasse, nur um mit den Vorstellungen Anderer konform zu gehen.

Mein düsteres Spiegelbild hätte mich also zum Umkehren auf den alten Weg gezwungen. Stattdessen halte ich nun die Schuldgefühle aus, merke, dass ich ängstlich, verletzlich und traurig werde. Ich fühle mich klein und nicht zugehörig. Aber auch weicher und echter.

Natürlich meldet sich die ganze Zeit mein Drill Instructor in Form von Schuld und Scham, um mich zum Umkehren zu bewegen. Gerne "manifestiert" er sich auch in Form meiner Ex, die anruft, um mich umzustimmen, mir sagt, dass mein Sohn das total schade findet usw.

Interessant ist dabei, dass dieser finstere Folterknecht nie zufrieden ist. Nie hat er ein Lob übrig fürs Mich-groß-, Mich-hart-, Mich-stark-machen, fürs Mich-Verbiegen, Mich-Verstellen und Mich-Verleugnen. Am ehesten taucht ein Gefühl von Selbstverachtung auf, weil es mir nicht gelungen ist, den Mut für den Weg des inneren Kindes aufzubringen. Gleichzeitig streut er kleine Belohnungen, kleine Ego-Streicheleinheiten ein (fühlt sich halt gut an, wenn man als Alleinunterhalter 20 Kollegen zum Lachen bringt), um mich bei der Stange zu halten.

Was der Drill Instructor aber nie tut, ist mich zu ermutigen, verletzlich, klein und weich zu werden, meinen wahren Weg zu gehen. Denn das würde sein Verschwinden bedeuten. Er ist zwar nur virtuell, aber in seiner Verselbständigung besitzt er eine mentale Wesens-Struktur. Und jedes Wesen sichert sein eigenes Fortbestehen. Und immerhin hat er mich durchs Leben gebracht. Von daher haftet an ihm ein Hauch von Unverzichtbarkeit. Aber eben auch von Selbstzerstörung. Deshalb muss er nun seinen Hut nehmen.

Sorry, Parzival, dass ich so viel schreibe. Ich hab das Gefühl, ich hijacke hier deinen Thread.
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