Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsversuch

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsversuch

Beitragvon Parzival » Di 30. Jun 2015, 10:07

Traumaähnliche Kindheits- und Jugenderfahrungen und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsversuch

Aus eigener Erfahrung und Beobachtungen auch in Internetgruppen bin ich zu folgenden Überlegungen gekommen, mit denen ich mir meine eigenen Gefühlslagen wie auch die z.T. irritierenden Reaktionen von anderen etwas besser erklären kann.
Wie mir scheint, entsteht zumindest bei einem Teil der Menschen, die sich selbst für besonders sensibel einschätzen, diese besondere Empfindsamkeit und Verletzlichkeit aufgrund von traumatischen Erfahrungen in der Kindheit oder Jugend, wobei das wohl nicht immer typische Traumafolgestörungen sind und die Ursache nicht immer in das typische Feld von schwer erschütternden Erlebnissen wie schwere Gewalt- oder Missbrauchsfälle fallen muss. Soweit ich weiß, wird in der Psychologie inzwischen auch von sog. Mikro-Traumen gesprochen.
Auf jeden Fall scheint es mir so, wie wenn Menschen mit solchen trauma-ähnlichen Erfahrungen zunächst dadurch geprägt sind, dass sie einerseits eine größere Verletzlichkeit haben und andererseits ihre eigenen Bedürfnisse schwer selbst rechtzeitig wahrnehmen können.
Wenn ich es richtig sehe, hat das wohl auch etwas zu tun mit einem erschwerten Zugang zum eigenen „Inneren Kind“. Trauma-ähnliche Erfahrungen scheinen so etwa wie eine Entfremdung bis Dissoziierung vom Inneren Kind zu begünstigen. Mir selbst ist das Gefühl sehr vertraut, dass ich in belastenden Situationen mich einerseits schnell geschockt bis erstarrt fühle und andererseits innerlich wie auf der Flucht bin. Früher habe ich das bewusst kaum wahrgenommen und wie automatisch als Schockreaktion gehandelt, aber habe aber nur gemerkt, dass meine Fähigkeit zu einer adäquaten Reaktion schneller verloren ging und ich eben so ein Bedürfnis der Flucht aus Situationen sehr schnell hatte.

In einer ersten Stufe, in der diese Menschen nur ihre größere Verletzlichkeit wahrnehmen, kommen sie oft in den HS-Gruppen oder -Foren an und sind zunächst mal froh, zu hören, dass man diese Verletzlichkeit als „Hochsensibilität“ für „normal“ bezeichnen kann. Dann aber entstehen oft Konflikte, weil die Betroffenen rasch feststellen müssen, dass auf ihre große Empfindlichkeit auch in den Foren eigentlich kaum besondere Rücksicht genommen wird. Die Schuld dafür wird zunächst mehr bei anderen gesucht, die ja auch in der Tat durch relative Verständnislosigkeit oft gerade in offene Wunden pieksen – zwar sicher ohne Absicht, aber es ist für Menschen, die sich gerade beginnen zu öffnen, natürlich auch besonders schmerzhaft, so etwas erfahren zu müssen.

Das kann sich ein Stück weit erst in einer zweiten Stufe verändern, wenn Menschen mit so einem traumaähnlichen Hintergrund anfangen, sich bewusster mit ihrer Verletzlichkeit zu beschäftigen und darauf einzugehen. Meiner eigenen, momentanen Erfahrung nach ist es da vorrangig, dass man lernt, ganz bewusst für seine eigenen Bedürfnisse einzutreten und sich selbst gegen jede Ansprüche, die einem nicht gut tun, abzugrenzen. Denn genau das haben solche Menschen offenbar kaum gelernt, anders als Menschen ohne solche schwierigen Kindheits- oder Jugenderfahrungen. Es gehört ja an sich zur „normalen“ Entwicklung, dass man schon im Laufe der Kindheit und noch mehr als Jugendlicher lernt, sich selbst durchzusetzen und dafür – ggf. auch erstmal trotzig oder pubertär-aufsässig - zu sorgen, dass die eigenen Wünschen ausreichend von seiner Umgebung berücksichtigt werden. Wenn aber die Kindheit oder Jugend von belastenden Erfahrungen überschattet ist, ist diese normale Entwicklung gebremst oder fällt ganz aus. Man lernt, dass man v.a. unauffällig bleiben muss und bekommt aufgrund der eigenen zunehmenden Empfindsamkeit – eben der Empfindsamkeit eines Kindes, die man mangels eigener Weiterentwicklung auch Erwachsener noch weiterträgt – vermittelt, dass man „zu sensibel“ sei und keine falschen Ansprüche stellen dürfe.
Eine Besserung der eigenen Situation kann so meiner Erfahrung nach nur erreicht werden, wenn man sich von diesen falschen Einschränkungen versucht zu befreien und voll und ganz für seine eigenen Bedürfnisse, auch wenn sie noch so „empfindsam“ sind, einzustehen. Das wird allerdings zum einen zu Konflikten mit der Umwelt führen, die das bislang ja nicht gewohnt war, und zum anderen ist es wohl unvermeidlich, dass man die eigenen Ansprüche zunächst oft auch eher schroff, unvermittelt oder sogar unfreundlich bis aggressiv äußert. Das eigene Gespür dafür ist ja kaum mehr Vorhanden und muss erst einmal wieder geweckt werden. Es ist aber wohl nötig und heilsam, hier möglichst wenig sich zu bremsen und gleich wieder die alten Filter wirksam werden zu lassen, denn sonst ist es wohl schwer zu lernen, überhaupt für sich ausreichend einzustehen.
Bezogen auf das Innere Kind könnte man sagen, dass es nun endlich richtig wahrgenommen wird, aber die Schutzmechanismen dafür nun erst mühsam erlernt werden müssen. Vorrangig ist aber erst einmal, dass konsequent auf die Bedürfnisse des Inneren Kindes geachtet wird und es eben nicht mehr ständig übergangen wird. Das richtige Maß ist in dieser Lernphase wohl noch nicht so entscheidend, denn wenn man zu sehr darauf achtet und sich gleich wieder selbst zurücknimmt, wird man kaum genauer erkennen können, was eigentlich die eigenen Gefühle und Bedürfnisse in den jeweiligen Situationen sind.
Auch die Konflikte, die Menschen in dieser 2. Stufe haben, kann man meiner Erfahrung nach in Internetgruppen und -foren recht gut beobachten. Manche Schroffheit in den Auseinandersetzungen kann wohl dadurch erklärt werden, dass die Betroffenen innerlich nur die Wahl haben, gar nichts zu sagen und so wieder die triggerende Erfahrung zu machen, in einem Konflikt nicht richtig für sich einzustehen, oder eben recht schnell ziemlich massiv zu werden, weil Zwischenstufen für die Selbstverteidigung kaum zur Verfügung stehen.

Erstrebenswert ist letztlich auf lange Sicht hin dann eine 3. Stufe, in der man gelernt hat, auf eine natürlichere Weise auf sein Inneres Kind zu achten und flexibler und mit mehr Selbstkontrolle mit seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen umzugehen. So kann dann mit der Zeit wieder mehr Belastbarkeit in Konflikten entsteht, ohne dass man ins alte Muster der Flucht und/oder Dissozierungstendenz verfällt. Wenn ein ausreichendes Bewusstsein für die eigene Verletzlichkeit und die Bedürfnisse des Inneren Kindes vorhanden sind, kann evtl. mit der Zeit die Persönlichkeit noch etwas "nachreifen" und so hoffentlich zumindest einen Teil der durch die Belastungen in Kindheit oder Jugend entstandenen Entwicklungsrückstände noch aufholen. Dazu kann ich selbst leider noch nicht so viel sagen – soweit ich das sehe, arbeite ich mich momentan noch mehr an der 2. Stufe ab und habe die Ausgewogenheit der 3. Stufe mehr als Fernziel vor Augen.
Mir scheint es wichtig, dass ich das auch erst einmal so belasse und nicht vorschnell mich dazu zwinge, in diese 3. Stufe zu gelangen. Die Gefahr, wieder ganz zurück zu fallen in das alte mutlose und für sich selbst nicht ausreichend einstehende Verhalten vor Bewusstwerdung des Problems scheint mir recht groß, denn das ist ja das alte bekannte Verhaltensmuster, das erst einmal gegen ein neues ausgetauscht werden muss. So fühlt es sich so für mich an, dass zunächst auch neue Erfahrungen gewonnen werden sollten, wie groß die eigenen Kräfte eigentlich sind, und wie man sie sinnvoll nutzen kann, bevor man sich um Ausgewogenheit und Selbstbeschränkung wieder stärker kümmert.
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon atemlos » Di 30. Jun 2015, 13:09

Hallo Parzival
Schöner psychologischer Exkurs, was nichts heißen muss, ist nicht mein Fachgebiet. Bist du da selbst drauf gekommen? Wenn ja, gut für dich, respekt! Ich kann dem im Groben schon folgen, ob man das so in diese Phasen einteilen kann/muss ist wieder eine andere Sache, aber warum nicht. Hast du schon mal was von Alice Miller gelesen? Hier wurde auch schon etwas diskutiert. Wenn nicht, dann würde ich dir das empfehlen, denn da gehts so ziemlich (auch mehr in die Breite bzw. darüber hinaus) um das was du hier formuliert hast.

Viele Grüße iwikx
atemlos
 

Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon Parzival » Di 30. Jun 2015, 16:02

Mit dem Thema "inneres Kind" habe ich mich schon länger beschäftigt, auch anhand von psycholog. Ratgeberliteratur. Alice Miller ist zwar eine bekannte Autorin, aber ich habe sie selbst noch nicht gelesen. Auf den Erklärungsversuch bin ich so als 3-Stufen-Modell vor allem auch gekommen, um mir meinen eigenen Weg nebst seiner Probleme besser erklären zu können. Mir hilft es aber auch besser verstehen zu können, warum Menschen, die sich selbst als sensibel einschätzen, doch anderen oft auch mit anderen sehr unsensibel umgehen können; bisweilen scheint die eigene Verletzlichkeit ja fast mit Aggressivität gepaart - mittlerweile erkenne ich etwas besser die inneren Notlagen dahinter. Und kann mir auch selbst eher mal verzeihen, wenn ich nicht immer den richtigen Ton treffe. Lernen, sich abzugrenzen und für sich einzustehen ist eine schwierige Lektion, wenn man das als Kind oder Jugendlicher sich aneignen konnte. Aber besser, man lernt das etwas holprig und verspätet als gar nie.
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon Baum » Mi 1. Jul 2015, 15:01

Hallo Parzival,

das hast du sehr schön geschrieben und ich glaube ich habe auch alles verstanden...

Diese, ich nenne sie jetzt mal Defizite, die man aus seiner (teilweise frühesten) Kindheit mitbekommt machen sich bei mir auch seit Jahren mehr und mehr bemerkbar - jetzt mit gut 30 bekomme ich Probleme weil ich z.B. nie gelernt habe mich abzugrenzen bzw. meine Eltern (besonders mein Vater) immer wieder Grenzen überschritten haben (also kein direktes Trauma ala Missbrauch, wobei er seine Interessen schon auch mit Gewalt durchzusetzen wusste) auch habe ich nie gelernt eine eigene Meinung zu haben, weil das als Kind schlicht und einfach verboten war.
Grade bin ich auch dabei zu verstehen warum ich mir in sozialen Beziehungen zu anderen Menschen so schwer tue - ich habe es einfach nie gelernt wie man richtig eine Freundschaft pflegt - die Regulation von Nähe und Abstand fällt mir extrem schwer und auch ich treffe manchmal nicht den richtigen Ton weil mich die Situation erst mal überfordert oder ich überrumpelt werde. Meine Eltern haben keine so richtigen Freunde - eher lose Bekannte. Ich habe zwar einen Freund, das klappt komischerweise ganz gut, aber engere soziale Kontakte außerhalb der Famile hatte ich eigentlich eher weniger bis zeitweise sogar gar nicht.

Ich befinde mich auch gerade auf Stufe 2. Ich habe bemkert dass etwas nicht stimmt, habe schon den Grund dafür rausgefunden und arbeite jetzt daran damit umzugehen, was leider sehr schwer und auch schmerzhaft ist und mich jedes Mal wieder kämpfen lässt es doch nicht einfach sein zu lassen anstatt mich wieder besch*** zu fühlen und verwirrende Gedanken zu haben.

Ich versuche mir mein inneres Kind einfach bildlich vorzustellen - in dem HS-Buch von S.Harke stand ein schöner Vorschlag, dass man sich ein Kinderfoto von sich suchen soll und es irgendwo sichtbar aufhängt. Ich spreche auch mit meinem inneren Kind (also manchmal und nur wenn ich alleine bin) und versuche es zu trösten und ihm zu sagen dass es jetzt nicht mehr allein ist und keine Angst mehr haben braucht... ich glaub das bringt was. Ich merke dass, das Verständniss für mich immer weiter wächst... zwar nur ganz, ganz langsam, aber es wird besser. Es hat ja auch ewig gedauert bis diese Gedankenmuster und Handlungsautomatissmen sich eingeschliffen haben - da dauert es natürlich auch bis man sich vom Gegenteil überzeugt hat.
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon Waldtänzerin » Do 2. Jul 2015, 18:10

*Gefällt mir* @Parzival. _yessa_ Danke fürs Teilhaben lassen hier. :-)

Was mir in diesem Zusammenhang einfällt, ist "Nachbeelterung/Reparenting" (obwohl ich glaube, dass es mehr ein Begriff aus der Psychotherapie ist). Es wird nachgeholt, was bisher verdrängt und nicht gelebt werden konnte.

Ich würde mich auch auf der zweiten Stufe sehen. Durch den Kontakt mit dem Thema HS+Menschen konnte ich noch ganz andere Facetten wahrnehmen, und nochmal mehr Reframen; was teils sehr heilsam ist. Allein durch das Wissen, dass es anderen auch so geht und es okay ist. Dadurch findet allerdings "die Regulation von Nähe und Abstand" (wie von Baum mE treffend geschrieben) noch nicht statt - das ist der weitere Schritt und scheint mir auch nur über das Erfahren zu gehen, was wahrscheinlich an mancher Stelle die von Parzival beschriebenen Reaktionen auslöst, weil ein Gefühl für das eigene Mittelmaß völlig/weitestgehend fehlt. Und hier sehe ich auch die eigenen Bedürfnisse im Boot, die auch wiederum nur durch Probieren und Austesten, Sich-beobachten, in Kontakt gehen, Reflektieren herausgefunden werden können.

Es ist einierseits eine spannende Erfahrung, andererseits tut es weh, dass sie erst jetzt so bewusst gemacht werden kann, weil es früher irgendwie doch nur darum ging, irgendwie durchzukommen und für Mehr der Raum eher nicht da war.

Ich finde, das Fatale an Miktrotraumen ist, dass sie eher subtil stattfinden, und somit das Erkennen schwierig ist. Das macht es wenig greifbar und verlangt irgendwo auch Mut, Dinge zu sehen und neu einzuordnen. Es verlangt Mut, sich selbst in einem anderen Licht zu sehen und sich selbst Gefühle zuzugestehen, sowie auch die dazu gehörige Heilung. Die inneren Kritiker sind ja doch oft nicht fern und wollen einen zurück auf das lenken, was man bisher gelernt hat. Sich hier einen anderen Weg zu erlauben - da finde ich eine Umgebung mit Gleichgesinnten sehr hilfreich.


Edit - P.S.: Im Rahmen dieser zweiten Stufe finde ichs ziemlich schwierig, zu irgendwelchen verqueren Reaktionen zu stehen, die aus einem Nicht-Regulieren-Können von Nähe & Abstand entstehen. Überhaupt sowas sich erstmal einzugestehen ist schon hart. Ich glaube aber, wenn man sich selbst genau das zugestehen kann und es als rein menschlich betrachten kann, ist schon viel gewonnen. Schreibt sich so einfach .. smop
Zuletzt geändert von Waldtänzerin am Do 2. Jul 2015, 19:36, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon Lila_Wolke » Do 2. Jul 2015, 19:21

@ Parzival,
vielen Dank für deinen tollen Beitrag, den ich sehr nachvollziehbar finde !
Mir fiel ebenso gleich der Begriff "Nachbeelterung" ein ( was auch schon Waldtänzerin genannt hatte)
Das Wesentliche hast du ja schon beschrieben, in diesem Zusammenhang kann ich ebenfalls die Buchautorin Alice Miller sehr empfehlen, da in ihren Büchern ähnliche Betrachtungsweisen und zudem auch weiterführende interessante Aspekte aufgegriffen und erklärt werden.

@Waldtänzerin, danke auch für deinen treffenden Artikel, den ich genauso unterschreiben kann :)
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon Parzival » Fr 3. Jul 2015, 13:20

Danke euch allen für eure Antworten und euern Zuspruch.
Was ist eigentlich mit "Nachbeelterung" konkret gemeint? Ich erlebe diesen Zustand in der 2. Stufe eigentlich momentan so, dass es v.a. darauf ankommt, in einem geschützen Bereich/Zuhause sich einfach für die Bedürfnisse des Inneren Kindes möglichst viel Freiraum zu lassen und in der "Außenwelt" zu versuchen, das innere Kind in der Tat elterngleich gut zu beschützen (und nicht maßzuregeln). Momentan spüre ich da allerdings nicht unbedingt viel Weiterentwickeln in dem Sinne, dass das innere Kind "erwachsener" wird, aber ich erlebe einfach positiv, dass dieses Freiraum schaffen dann einfach Momente oder Phasen der Zufriedenheit oder sogar des Glücklichseins ermöglicht, die ohne Freiraum für das innere Kind vergessen schienen.
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon atemlos » Fr 3. Jul 2015, 14:26

Parzival hat geschrieben:Danke euch allen für eure Antworten und euern Zuspruch.
Was ist eigentlich mit "Nachbeelterung" konkret gemeint? Ich erlebe diesen Zustand in der 2. Stufe eigentlich momentan so, dass es v.a. darauf ankommt, in einem geschützen Bereich/Zuhause sich einfach für die Bedürfnisse des Inneren Kindes möglichst viel Freiraum zu lassen und in der "Außenwelt" zu versuchen, das innere Kind in der Tat elterngleich gut zu beschützen (und nicht maßzuregeln). Momentan spüre ich da allerdings nicht unbedingt viel Weiterentwickeln in dem Sinne, dass das innere Kind "erwachsener" wird, aber ich erlebe einfach positiv, dass dieses Freiraum schaffen dann einfach Momente oder Phasen der Zufriedenheit oder sogar des Glücklichseins ermöglicht, die ohne Freiraum für das innere Kind vergessen schienen.

Ich möchte niemanden die/eine Antwort vorweg nehmen, aber zum Teil beantwortest du es ja schon selbst, wobei "Reparenting/Nachbeelterung" eher im Kontext der/einer therapeutischen Beziehung verwendet wird, oder nicht? Egal..

Eigentlich wollte ich das schon deinem Eingangsbeitrag anmerken: Das innere Kind wird nicht mehr nachreifen, nichts mehr dazulernen oder "erwachsener" werden, wie du es genannt hast. Oder sehe ich das falsch?

Das innere Kind ist ja eine Metapher für das eigene Selbst, sich selbst in der sehr prägenden Phase der Kindheit/Jugend. Die ist jedoch meist vorbei, zumindest wenn man anfängt in solchen Begriffen zu sprechen icon_winkle Das innere Kind lebt aber in einem fort, ist so eine Art Selbstgefühl und "kann", neben dem inneren Erwachsenen der wir jetzt sind, auch maßgeblichen Einfluss auf unsere Gefühlslage, unser Handeln etc. haben, wenn man sich dessen nicht bewusst ist. Der innere Erwachsene ist rational, hat mehr Weitblick, ist autonom, bebildet, hat Erfahrungswerte, alles Dinge die das damalige Kind nicht hatte. Es war abhängig und deshalb sehr anfällig für Traumata, Vernachlässigung, Misshandlung welcher Form auch immer, hat uns aber zu dem Menschen gemacht der wir jetzt sind! Das "Problem" ist nun, wenn man sich dessen nicht bewusst ist und jetzt (im Erwachsenenalter) in bestimmten Situation das innere Kind "durchkommt" und man in jene (suboptimalen) Verhaltensmuster zurückfällt, wie damals das Kind (das aber keine andere Wahl hatte). Das innere Kind ist vielleicht schnell ängstlich, unterdrückt essentielle Emotionen, passt sich zu sehr an, sucht nach Liebe/Anerkennung/Aufmerksamkeit/Zuwendung etc. so wie damals und eben auf eine 'kindliche' (nicht abwertend gemeint) Art und Weise. Der innere Erwachsene könnte jetzt vielleicht vieles besser..?

Im Grund gehts darum, zu erkennen, wann und wie alte (destruktive; sonst kann es einem ja egal sein) Verhaltensmuster uns heute noch bestimmen, hier agiert das innere Kind. Und man könnte hergehen, nachdem man dies erkannt hat (!), und als innerer Erwachsener das Kind nachbeeltern, es nicht tadeln oder strafen für das was es ist, sondern vielleicht mit Mitgefühl aus der Verantwortung nehmen, ihm sagen "kommt, lass mal, es ist nicht dein Fehler, ab jetzt übernimmt der innere Erwachsene solche Situation, der kann das besser, *gedankliches Eis in die Hand drückt* oder wahlweise *Umarmung* ". So kann man theoretisch sein Verhalten ändern, wenn man mal die entsprechenden Situationen wo dies notwendig wäre identifiziert hat. Hier (das innere Kind, Aussöhnung mit dem inneren Kind) haben das schon einige getan. Ist halt wie üblich das Dilemma mit Theorie und Praxis...

Alice Miller schreibt z.B. in dem Kontext auch, dass die Emotionen (z.B. Wut, Aggression, etc.), den Schmerz, Verzweiflung, Ohnmacht oder die Absichten (Suche nach Liebe um jeden Preis) die das inner Kind vielleicht noch immer hat (unterdrückt, aufgestaut, ..), zuerst bewusst ausgelebt werden müssen (quasi zum ersten Mal, was dann auch heftig und scherzhaft sein kann) um sie loslassen zu können. Frag bitte nicht wie das konkret funktioniert. (Einfach scheint es nicht zu sein -> Therapie..) Erst dann ist der innere Erwachsene in der Position schön langsam die Weichen mal etwas anders zu stellen. Insofern ist das, was du über Freiraum schreibst, Parzival, vielleicht schon ein guter Weg?

Viele Grüße iwikx
atemlos
 

Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon Waldtänzerin » Fr 3. Jul 2015, 17:48

atemlos hat geschrieben:zuerst bewusst ausgelebt werden müssen (quasi zum ersten Mal, was dann auch heftig und scherzhaft sein kann)
_grinsevil_ ;-)


atemlos hat geschrieben:Ich möchte niemanden die/eine Antwort vorweg nehmen, aber zum Teil beantwortest du es ja schon selbst, wobei "Reparenting/Nachbeelterung" eher im Kontext der/einer therapeutischen Beziehung verwendet wird, oder nicht? Egal..


Find ich gut geschrieben, atemlos, sehe/meinte ich auch so. Was bisher da stand, erinnerte mich an Nachbeelterung - daher steckt da die Antwort schon auch drin.
Das meinte ich - es ist eher ein Begriff einer therapeutischer Beziehung; ich find es begrifflich irgendwie aber auch passend auf das Thema, wenn ich mit mir selbst solch eine Beziehung aufbauen kann. Ich gehe mit mir selbst/dem inneren Kind so um, wie ich mit einem eigenen Kind umgehen würde .. oder so, wie ich es selbst mal gebraucht hätte. Ich übernehme in diesem Fall die Verantwortung für mein inneres Kind/mich.
"Lass die Kindheit hinter dir" von Ursula Nuber fand ich sehr gut in diesem Zusammenhang. An sich mit dem Thema des "inneren Kindes" habe ich mich nicht auseinander gesetzt bisher. Denke rückblickend, dass eine Art Nachbeelterung im Rahmen meiner Therapie stattfand oder zumindest ein Grundstein gelegt wurde. Ich glaube schon, dass solch Hilfe in der Praxis tatsächlich nützlich sein kann, um überhaupt mal einen sicheren Draht zu sich zu bekommen und ein Gefühl dafür. In welcher Art auch immer.

Ich glaube auch nicht, dass das innere Kind nachreifen oder an sich verändert werden kann. Erfahrungen wurden gemacht - das ist nicht gänzlich löschbar (zumindest normalerweise nicht) und wir haben inzwischen ein erwachsenes Ich. Es wird immer Situationen geben, in denen ich in solch kindliches Verhalten rutsche. Ich sehe hier eher den Umgang damit als das Wichtige an --> dass ein erwachsenes Ich für das Kind da sein kann. Mir über diese Vorgänge ein Bewusstsein schaffen und dem Kind Raum geben, sich tatsächlich auszuleben. Ich denke, je bewusster das passiert, desto mehr schaffe ich eine Verbindung zu mir/diesen beiden Teilen .. ich find es mittlerweile eigentlich manchmal ganz schön, diesen Draht zu haben, weil es Erinnerungen und Gefühle mit sich bringt, die ich gar nicht so missen will - im Gegenteil - ich will die Dinge wieder haben. Es ist schon auch ein guter Ratgeber in Sachen eigene Bedürfnisse. Das zumindest die eine Seite der Medaille ... das scherzhafte ist dann die andere .. )/898u
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Re: Trauma und Inneres Kind: ein dreistufiger Erklärungsvers

Beitragvon atemlos » Fr 3. Jul 2015, 20:04

Hallo Wald- _dans_
Waldtänzerin hat geschrieben:
atemlos hat geschrieben:zuerst bewusst ausgelebt werden müssen (quasi zum ersten Mal, was dann auch heftig und scherzhaft sein kann)
_grinsevil_ ;-)

Hier bleibt auch nichts ungesühnt _pff_ Typos darf der/die Finder(in), wie immer, behalten. Nein ernsthaft, ich bin mir ziemlich sicher dass manche auch schreck- und scherzhafte innere Kinder haben, andere vielleicht auch eine Kinderschar (..dissoziative Identitätsstörung).

Waldtänzerin hat geschrieben:.. ich find es mittlerweile eigentlich manchmal ganz schön, diesen Draht zu haben, weil es Erinnerungen und Gefühle mit sich bringt, die ich gar nicht so missen will - im Gegenteil - ich will die Dinge wieder haben. Es ist schon auch ein guter Ratgeber in Sachen eigene Bedürfnisse. Das zumindest die eine Seite der Medaille ... das scherzhafte ist dann die andere .. )/898u

Ich denke das innere Kind ist präsenter als man meinen möchte, ist (neben der genetischen Veranlagung) der Kern der Persönlichkeit und bestimmt so allerhand.. Bindungsstil, Selbstwert, emotionale Stabilität/Reife, Resilienz, etc. Durch diesen inneren Dialog hat man eigentlich schon die halbe Miete, nämlich eine gewisse Distanz die wiederum Handlungspielraum schaffen kann. Sich in angenehme Angelegenheiten "reinfallen" zu lassen, diese auszuleben, wird wahrscheinlich selten das Problem sein. Aber das nur zu wissen, intellektuell erfasst zu haben, bringt halt auch erstmal nichts.. ..ohne tun (können). Aber sich von Grund auf umkrempeln wird wahrscheinlich auch nicht funktionieren bzw. wird das Ausmaß an Selbstmanagement irgendwann ins Unendliche gehen..?

So long.. _cre_
PS.: Sorry für die vielen Smilies _nüxweiss_
atemlos
 

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