Wenn´s anderen schlecht geht, geht´s mir noch schlechter

Alles rund um die Besonderheit der Wahrnehmungsfähigkeit und Gefühlswelt hochsensibler Menschen.

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Wenn´s anderen schlecht geht, geht´s mir noch schlechter

Beitragvon Alchemiera » Mo 13. Okt 2014, 15:49

Ich bin alleinerziehend mit 2 Kindern und es geht mir/uns gut so. Vor ca. 4 Wochen bekam ich mal wieder ein komisches Gefühl bei dem ich mir dachte, dass in nächster Zeit etwas passieren würde. Ich wusste nur nicht was.
In unserem Mehrfamilienhaus wohnt ein junges Ehepaar mit dem ich sehr gut befreundet bin, also ich mag sie beide sehr. Den Mann kenn ich schon 15 Jahre weil wir als junge Erwachsene bzw. Jugendliche in einem Ort zusammen gewohnt haben. Vor wenigen Jahren ist er dann mit seiner Freundin in dieses Haus dazugezogen. Im Dezember letzten Jahres heirateten sie. Fand ich ziemlich früh da sie wenige Monate vorher erst grad zusammenzogen und war etwas skeptisch aber ich freute mich.
Sie waren von Anfang an alle Beide sehr offen zu mir. Sie redete auch viel alleine mit mir über Probleme, Sorgen, lustige Sachen, Familie und alles mögliche. Ich genoss ihr Vertrauen und gab ihr Ratschläge für ihr Neugeborenes (ist immernoch erst 4 Monate) wenn ich merkte dass sie gerne Rat wollte. Auch er kam manchmal alleine zu mir hoch wenn er jemanden zum reden wollte. Sie halfen sich gegenseitig mit Haushalt, dem Baby, waren stolz aufeinander, achteten sich gegenseitig usw..Sie liebten sich wirklich.
Vor Tagen traf ich meinen Nachbarn im Haus und erkundigte mich wann seine Frau wiederkommen würde weil sie vor 1 1/2 Wochen mit dem Baby in den Urlaub fuhr und er meinte, dass er sie angerufen hätte, dass sie ruhig noch einige Tage länger bleiben sollte weil eine Auszeit für beide mal ganz gut wäre. Ich hatte kurz ein unruhiges Gefühl, akzeptierte aber seine Antwort weil ich das gut nachvollziehen konnte. Vorgestern fragte er mich ob er zu mir kommen könnte und ich merkte an seiner Stimmlage, obwohl er versuchte ruhig zu reden, dass da vielleicht was nicht stimmt. Als wir uns dann später trafen, erzählte er mir mit Tränen in den Augen, aber seine Gefühle sehr kontrollierend, dass seine Beziehung auseinander wäre und sie sich in letzter Zeit häufiger gestritten hätten. Ich war geschockt, relativ sprachlos und als ich wieder alleine war, merkte ich dass das der Grund war warum ich wochenlang ein schlechtes, beunruhigendes Gefühl hatte. Jetzt bin ich zwar etwas erleichterter weil dieses Gefühl erstmal weg ist aber ich komme mit dieser Situation dass sie so unverhofft auseinander gegangen sind überhaupt nicht klar. Ich bin nurnoch total traurig deswegen, muss dauernd heulen obwohl es mir eigentlich egal sein könnte weil ich ja eher außenstehend bin und es ihre Beziehung ist. Ich weiß nicht warum und es wird nicht besser.
Alchemiera
 

Re: Wenn´s anderen schlecht geht, geht´s mir noch schlechter

Beitragvon Skiouraki1 » Mo 13. Okt 2014, 19:46

Darf ich dich etwas fragen? Ist dein Leben ausfüllend? Fühlst du dich wohl in deinem Leben und hast den Eindruck, dass du genügend Dinge in deinem Leben hast, die dich mit Sinn erfüllen?
Abgesehen davon: Ich habe eine ähnliche Situation erlebt vor Jahren- der Bruder von einem relativ guten Freund verstarb. Ich steigerte mich extrem in die Sache hinein und kontaktierte diesen Freund häufig und machte sein Problem zu meinem Problem. Im Nachhinein bemerkte ich, dass das was ich tat aus folgenden Gründen geschah:
Erstens wollte ich mich von meinem eigenen Leben ablenken, weil es nicht für mich zufrieden stellend war.
Zweitens beschäftigte mich der Tod an sich sehr stark, und das Sterben, auch wenn es jemanden anderen traf. Vielleicht hat dir ja der Zerfall einer Beziehung so wehgetan, die du für ideal gehalten hast- hast auf wahre Liebe gehofft, die sich so äußert oder Sonstiges.
Drittens: Ich half diesem guten Freund so sehr, weil ich gebraucht werden wollte, weil ich ein kleines bisschen an dem Helfersyndrom litt. Ich würde das an deiner Stelle mal googeln. In einer Situation so sehr helfen zu wollen heißt auch immer ein wenig sich selbst profilieren zu wollen - als den Retter.
Vielleicht geht es dir jetzt so schlecht, weil du deine Helferrolle nicht mehr so ausführen kannst, wie du es gerne hättest- in dieser intakten schönen jungen Familie, die dir als Idee so gut gefallen hat.
Es ist immer gut mitfühlend zu sein. Aber wenn man sich vom Schicksal anderer, selbst von Menschen, die einem sehr nah stehen, mit deren Schicksal man aber eigentlich nichts zu tun hat, so sehr runterziehen lässt, dann muss man wirklich anfangen über sich selbst nachzudenken. Das hast du ja ganz eindeutig gemacht, in dem du den Post hier veröffentlicht hast.
Ich hoffe du fühlst dich nicht angegriffen durch irgendwas, was ich gesagt habe...
Wie gesagt, ich habe das alles schon durchgemacht und weiß, wie es sich anfühlt. Es ist aber einfach sehr ungesund für deine PSyche. Das Schlimmste an allem ist, dass er, weil er ja an dem Problem leidet, aktiv da raus kommen kann, mit langsamen Schritten, du wirst allerdings nichts aktiv machen können, sondern nur zuschauen können.
Skiouraki1
 

Re: Wenn´s anderen schlecht geht, geht´s mir noch schlechter

Beitragvon marie-antoinette » Mo 13. Okt 2014, 20:46

Hallo,

im Normalfall würde ich Dich jetzt auch fragen,ob Du vielleicht in dem Paar so etwas wie eine perfekte Ehe gesehen hast und daher jetzt enttäuscht und vielleicht ängstlich bist, da du Dir selbst so eine Ehe/Beziehung wünschst?also quasi "wieder eine ehe kaputt die doch so perfekt erschien, also gibt es wahre Liebe gar nicht?!!"
Indem ich Dir schreibe stelle ich gerade fest, wie auch mein Post auf außenstehende wirken mag, erstmal versucht man doch rationale Gründe für solche Emotionen zu finden. Vielleicht tun Dir die Kinder Leid?Du hast es selbst durchlebt und weisst nun was auf die Frau zukommt?
Viele schreiben hier man darf/soll sich nicht so sehr in die Probleme anderer hineinhängen, diese nicht zu den eigenen machen. Ich frage mich aber immer ob die Gesellschaft da nicht doch etwas abgestumpft ist teilweise. Auf der einen Seite kann man sich nicht kaputt machen, das stimmt aber kucken wir nicht doch viel zu oft weg?Müssen wir uns immer distanzieren? finde das ganz schwierig!vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung. man sagt so schnell es ist kaputt aber vielleicht merken sie doch nach der Auszeit sie brauchen einander!in der Wut und Trauer sagt man so etwas vorschnell manchmal.
marie-antoinette
 

Re: Wenn´s anderen schlecht geht, geht´s mir noch schlechter

Beitragvon Alchemiera » Mo 13. Okt 2014, 21:00

Zitat: Darf ich dich etwas fragen? Ist dein Leben ausfüllend? Fühlst du dich wohl in deinem Leben und hast den Eindruck, dass du genügend Dinge in deinem Leben hast, die dich mit Sinn erfüllen?
Ja ich finde mein Leben ausfüllend, ich würde momentan nichts in meinem Leben ändern wollen und habe auch genügend Dinge die mich mit Sinn erfüllen. Es liegt mir auch nichts daran mich mit Hilfe aufzudrängeln, ich helfe meistens nur wenn ich um Rat gebeten werde oder jemand körperlich krank ist. Mal als Babysitter da zu sein empfand ich auch nicht als Hilfe sondern als freundschaftliches Entgegenkommen/Angebot wovon ich und meine Kinder wiederum auch was hatten.
Ich find es einfach total traurig dass sie so abrupt auseinander gegangen sind. Ich fühle mit. Wie schon geschrieben mag ich Beide sehr.
Alchemiera
 

Re: Wenn´s anderen schlecht geht, geht´s mir noch schlechter

Beitragvon Waldtänzerin » Mo 13. Okt 2014, 21:27

Was mir spontan einfällt - hast du ähnliches erlebt? Sei es, dass du selbst in solch Situation bzgl deiner Kinder warst, oder es selbst bei deinen Eltern erlebt hast. Es könnte ein Trigger/Gefühlsflash sein.
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Re: Wenn´s anderen schlecht geht, geht´s mir noch schlechter

Beitragvon Alchemiera » Mo 13. Okt 2014, 21:28

[quote="marie-antoinette"]Hallo,

im Normalfall würde ich Dich jetzt auch fragen,ob Du vielleicht in dem Paar so etwas wie eine perfekte Ehe gesehen hast und daher jetzt enttäuscht und vielleicht ängstlich bist, da du Dir selbst so eine Ehe/Beziehung wünschst?also quasi "wieder eine ehe kaputt die doch so perfekt erschien, also gibt es wahre Liebe gar nicht?!!"
Ich habe in ihnen eine gute Ehe mit Schwächen gesehen, keine perfekte. Soetwas gibt es für mich auch nicht. Es gibt sehr schöne Ehen aber keine ist perfekt, igendwo gibt´s immer Schwachstellen oder Tiefs. Ich wünsche und will auch keine Beziehung mehr jedenfalls nicht in längerer Zeit. Ich hatte ja auch schon geschrieben dass ich mich so wohl fühle. Ich lehne zur Zeit alle Angebote ab.
Ich denke dabei auch nicht unbedingt an das Kind/Baby weil 1. Sie schon anderweitige Hilfe hat und 2. man das durchaus mit Organisation auch allein hinbekommt. Erst recht mit einem Kind. Ich musste von Anfang an alles alleine machen, auch mit 2 Kindern mit 2 Jahren Unterschied trotz Partner bekam ich keinerlei Hilfe und Unterstützung. Ich war es also schon immer gewohnt und hatte keine Schwierigkeiten damit. (Außer mit dem nächtlichen Aufwachen, was bei meinem Jüngsten über 1 Jahr dauerte, und am Tage musste ich natürlich für den 2jährigen da sein. Kinderkrippen gab´s hier damals keine. Aber das ist hier nebensächlich.) Und wenn es nicht anders geht schafft man vieles.
Alchemiera
 

Re: Wenn´s anderen schlecht geht, geht´s mir noch schlechter

Beitragvon Alchemiera » Mo 13. Okt 2014, 22:44

Waldtänzerin hat geschrieben:Was mir spontan einfällt - hast du ähnliches erlebt? Sei es, dass du selbst in solch Situation bzgl deiner Kinder warst, oder es selbst bei deinen Eltern erlebt hast. Es könnte ein Trigger/Gefühlsflash sein.

Nein ich hatte ganz andere Beziehungen. In der Beziehung mit dem 1. Kind musste ich flüchten weil mein Partner zur Bedrohung wurde und mich nicht freiwillig gehn ließ. In der Beziehung mit dem 2. Kind war es ähnlich. Ich versuchte auf sämtlichen normalen Wegen die Beziehung zu beenden, hab normal mit ihm geredet, hab´s ihm deutlicher gesagt, hab ihn angebettelt uns bitte gehen zu lassen oder gut zugeredet wenn´s um andere Frauen ging von denen er mir erzählte in der Hoffnung, dass er selbst geht, meine Familie hat mir versucht Tipps zu geben aber aus lauter Angst vor ihm habe ich auf eine Gelegenheit gewartet weil ich ihm nicht alles hinterlassen und ins Frauenhaus wollte. Nach 8 Jahren war es dann endlich soweit. Die ersten 2 Jahre war es noch ziemlich in Ordnung. (Also nach 10 Jahren insg.) Er verliebte sich mal wieder aber diesmal so sehr dass ich endlich die Beziehung beenden konnte. In den Wochen bis er auszog erniedrigte er mich nochmal richtig seelisch und körperlich.
Bei meinen Eltern hätte ich mir gewünscht dass sie sich trennen, weil es auch dort die Hölle war. Immer wenn mein Vater nach Hause kam, oft nach Wochen von der Bundeswehr, gab es riesen Krach. Es wurde geschlagen, es ging vieles zu Bruch. Haben sie aber nicht. Mit 19 Jahren konnte ich endlich ausziehen und sie trennten sich erst Jahre später.
Also ähnlich ist die Situation nicht gerade. Aber mir ist zumindestens aufgefallen dass mir viel daran liegt dass es anderen gut geht.
Der Mann, also mein Nachbar, hat auch viel für sie und mit dem Baby getan und ich finde es etwas hinterrücks dass sie spontan im Urlaub entscheidet alles zu beenden. Jeder ist anders ist klar aber ich hätte ihm das hoch angerechnet dass er sich viel um Beide gekümmert hat und wäre nicht wegen harmlosen Streits gegangen. Jetzt ist er wegen dieser Sache auch krank geworden aus Sehnsucht und Verzweiflung zu seinem Kind. Ist nun selbst dankbar für Ratschläge wie Wohngeld beantragen, wie das mit Unterhaltszahlungen läuft, ein Stück Kuchen für die Seele usw..
Zuletzt geändert von Alchemiera am Di 14. Okt 2014, 08:34, insgesamt 1-mal geändert.
Alchemiera
 

Re: Wenn´s anderen schlecht geht, geht´s mir noch schlechter

Beitragvon Vinkona » Di 14. Okt 2014, 08:27

Ja, ich kenne das auch, dass es mir schlecht geht, es mich runterzieht, wenn es anderen schlecht geht.

Als im letzten Jahr die kleine einjährige Tochter einer entfernten Bekannten plötzlich an einer unerkannten Krankheit starb, ging es mir tagelang schlecht. Obwohl ich die beiden nicht mal näher kenne, ging mir dieses Geschehen sehr nach, es machte mich sehr traurig, zog mich auch stimmungsmäßig runter.

"Du kennst sie doch gar nicht näher, warum macht dir das so viel aus?" wurde ich mehrmals verständnislos von meinem Umfeld gefragt.

Heute weiß ich, dass ich hochsensibel bin und ich glaube, schon die HS allein bewirkt, dass solche Geschehnisse einfach viel näher an mich herankommen als bei "Normalsensiblen". Denn es ist bei mir immer und immer wieder so.

Und mir wurde auch klar, dass mich dabei nicht nur das persönliche Schicksal dieser Mutter und ihres Kindes beschäftigt - das natürlich auch! - aber es beschäftigt mich darüber hinaus, dass "das Leben" so ist, so sein kann. So unberechenbar, so aus menschlicher Sicht ungerecht. So grausam. So unvollkommen.
Natürlich kommt dadurch auch die Angst um meine Kinder in mir hoch. Eine Angst, die ich täglich zu verdrängen versuche, die aber durch solche Ereignisse heftig an die Oberfläche gespült wird.

Und mir wird gerade beim Schreiben auch klar, dass ich mir auf einer unbewussten Ebene in mir wünsche, dass das Leben "ideal" wäre, dass es ein Leben gäbe, in dem so etwas nicht geschieht. Auf dieser Ebene will ich nicht wahrhaben, dass das Leben so nicht ist. Obwohl ich das verstandesmäßig und aus eigener Erfahrung natürlich weiß.
Trotzdem.


Vielleicht ist etwas für dich dabei?


_Mij_
Vinkona
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Registriert: Sa 2. Aug 2014, 12:18

Re: Wenn´s anderen schlecht geht, geht´s mir noch schlechter

Beitragvon Alchemiera » Di 14. Okt 2014, 08:51

Das was du da schreibst trifft von allen Beiträgen bis jetzt auch am besten auf mich zu. Auch wenn mir meine Kinder erzählen was ihren Freunden an Unfällen passiert ist oder welche schlimmen Sachen in anderen Familien passiert sind, werd ich so labil dass ich mich echt zusammenreißen muss, nicht dabei anfangen zu heulen. Aber wenn in meiner eigenen Familie was passiert/e halte/hielt ich viel mehr aus bei Unfällen der Kinder z.B. oder kämpfte um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung der Kinder zB. wenn mein Partner immer nur den Jüngsten bevorzugte und mit dem Älteren ständig schimpfte oder von den Kindern Regeln erwartete die er selbst nie einhielt und das als Vorbild.
Alchemiera
 



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