"ins kalte Wasser werfen" vs. "Schritt für Schritt anlernen"

Hier möchten wir in Diskussionen und Erfahrungsberichten zusammenfassen, wie bereichernd oder erschwerend HS im Alltag von Schule, Studium und Beruf ist.

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"ins kalte Wasser werfen" vs. "Schritt für Schritt anlernen"

Beitragvon Susa » So 12. Apr 2015, 18:27

Wenn ihr eine neue Arbeit beginnt, bekommt ihr dann lieber gezeigt, wie alles funktioniert, oder findet ihr es besser, es allein herauszufinden bzw. Eigene Lösungen zu probieren?

Ich frage, weil das auf Arbeit bei mir derzeit immer wieder Thema ist.
Ich finde es absolut furchtbar, wenn ich ins kalte Wasser geworfen werde. Es fühlt sich so an, als lässt man mich ins offene Messer laufen. Lieber mag ich es, wenn man ordentlich und in Ruhe angelernt wird. Dann weiß ich, was wichtig ist und worauf zu achten ist. Trotzdem scheinen immer mehr auf die Wasser-Methode zu schwören.
Das wird auch damit begründet, dass man eigene Wege findet und vielleicht auch neue Lösungsansätze findet. Jedoch kommt es mir so vor, als ist es einfach eine nette Ausrede, um möglichst wenig Energie in die neuen Arbeitskräfte zu investieren.
Sicher hat beides seine Vorteile, aber wenn mir jemand ne Aufgabe vorsetzt, ohne genaueres zu erläutern, dann bin ich dermaßen verunsichert und nervös, dass ich immer ungeheuer lange brauche, bis ich wieder Vertrauen in meine Fahigkeiten habe. Da ich ja weiß, wie schlecht es mir in solchen Situationen geht, fordere ich auch, dass man mir dies oder jenes erklären oder zeigen soll, aber das wird eben auch gern ignoriert.

Wie steht ihr zu den beiden Methoden bzw. Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?
Würde mich wirklich interessieren.
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Re: "ins kalte Wasser werfen" vs. "Schritt für Schritt anler

Beitragvon Rhodesian Ridgeback » So 12. Apr 2015, 20:52

Hallo Susa,

als ich nach der Ausbildung zu Ergotherapeutin meinen ersten Arbeitsplatz angetreten habe, war es so, dass ich die einzige Angestellte in der Praxis war. Ausgerechnet in meinerr ersten Arbeitswoche war mein Chef zu einer Fortbildung unterwegs und ich war allein in der Praxis. Bevor er fuhr, hat er mir gewisse Dinge erklärt, hat mir dann aber sehr viel Freiraum gelassen, vieles selbst zu erarbeiten und ich fühlte mich zwar erst einmal unwohl bei der Sache.
Ich hatte nicht den Eindruck, dass mein Chef keinen Bock gehabt hätte. Als er wieder kam, konnte ich ganz vieles mit ihm besprechen und Fragen stellen.

Im nach Hinein fand ich das für mich persönlich eine sehr bereichernde Sache. Als ich dann an anderen Arbeitsstellen später anfing, war es für mich nicht wirklich ein Problem im Hinblick auf die Einarbeitung.

Von der Umgebung her, ist es immer erstmal unbehaglich, aber auch daran konnte ich mich recht schnell gewöhnen.

An der letzten Stelle wurde ich eingearbeitet, weil ich vorher nur Kinder behandelte und später nur noch Erwachsene hatte. Das war schon eine große Umstellung für mich und ich war um jede Hilfe von Seiten der Kolleginnen und Vorgesetzten dankbar.

Beide Methoden haben Vor- und Nachteile. ich fand beides gut.

Liebe Grüße
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Re: "ins kalte Wasser werfen" vs. "Schritt für Schritt anler

Beitragvon Susa » Do 16. Apr 2015, 17:51

Ich finde es schön, dass du so positive Erfahrungen damit gemacht hast, und es als wertvolle Erfahrung für dich nutzen kannst.
Mir wäre es schon wieder zu viel: Eine Praxis, in der man gerade anfängt, gleich allein zu bewerkstelligen, das wäre mir schon wieder viel zu viel. Das hängt aber vielleicht auch damit zusammen, dass ich immer sehr hohe Ansprüche an mich habe (und auch das Gefühl, dass andere diese Ansprüche an mich setzen), und da will ich nichts falsch machen und erstmal einen Durchblick bekommen, statt irgendwie mal anzufangen und zu schauen, was passiert.
Ich bin auch nicht völlig dagegen, ins kalte Wasser geworfen zu werden. Es gibt die Menschtypen, die das brauchen und toll damit zurecht kommen. Kann ich nur bewundern. Aber für mich ist es nicht der beste Weg, zumal ich eher verunsichert aus solchen Aktionen herausgehe, als bestärkt.
Habe es eben auch schon oft erlebt, dass mir Aufgaben gegeben wurden, und ich absichtlich in Situationen geschickt wurde, die schief gehen. Anschließend gab es dann die negative Bewertung mit Aussagen wie: "Ich wollte mal sehen, ob du allein drauf kommst". Dabei springe ich immer sehr gezielt mit beiden Füßen in jeden Fettnapf... smuup
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Re: "ins kalte Wasser werfen" vs. "Schritt für Schritt anler

Beitragvon derKleine » Fr 17. Apr 2015, 08:22

Susa hat geschrieben:Ich finde es absolut furchtbar, wenn ich ins kalte Wasser geworfen werde. Es fühlt sich so an, als lässt man mich ins offene Messer laufen.


Ich mag das auch nicht, weil es auch etwas von einer Prüfung hat ("Mal sehen, ob der Neue damit klar kommt?").

Ich erinnere mich noch an einen Job, den ich vor etlichen Jahren mal angefangen hatte. Ich bekam eine kurze Schulung (immerhin, aber das für die Aufgabe benötigte technische Wissen war enorm, da hat die Schulung nicht ausgereicht), danach hat man mich gleich zum ersten Kunden geschickt. Ich musste zu einer Pharmafirma, deren Leute dachten, ich wäre ein langjähriger Experte meiner Firma, doch in Wirklichkeit wusste ich vermutlich kaum mehr als die. Jedenfalls wurde ich bei dieser Firma von einem großen Gremium empfangen, die mich alle erwartungsvoll anschauten. Für mich war das extrem unangenehm, und auch für die, denn ich konnte ihre Erwartungen überhaupt nicht erfüllen. Die meisten der an mich gestellten Fragen konnte ich nicht beantworten, und mir wurde von Stunde zu Stunde peinlicher zumute. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt.

Diesen Job habe ich dann nach wenigem Monaten wieder aufgegeben, das war völlig in die Hose gegangen...
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Re: "ins kalte Wasser werfen" vs. "Schritt für Schritt anler

Beitragvon Placebo » Fr 17. Apr 2015, 08:47

Guten Morgen, _Mij_

für mich ist das unvorstellbar, eine neue Arbeitsstelle und keine Einarbeitung. Das kann doch auch nicht im Sinne des Arbeitgebers sein?!

Gerade in so einer Situation wie es der Kleine beschrieben hat, fällt das doch auf die Firma zurück. Erstmal Hut ab, dass du dich überhaupt dieser Situation gestellt hast. Ich weiß nicht, ob ich nicht da schon das Handtuch geworfen hätte.

Liebe Grüße

Petra
Vielleicht werde ich die Welt nicht ändern,
aber ich arbeite daran, dass die Welt mich nicht ändert.

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Re: "ins kalte Wasser werfen" vs. "Schritt für Schritt anler

Beitragvon derKleine » Fr 17. Apr 2015, 09:47

Placebo hat geschrieben:Gerade in so einer Situation wie es der Kleine beschrieben hat, fällt das doch auf die Firma zurück.


Später wanderte ich übrigens dann sozusagen "auf die andere Seite", das heißt, ich arbeite inzwischen bei einem Arbeitgeber, der bei dieser vorherigen Firma (die mich ins kalte Wasser geworfen hatte) Kunde ist. Oder sollte ich sagen, "war"? Denn diese Firma hat insgesamt einen schlechten Ruf: nicht nur der Support durch die Mitarbeiter ist unzureichend, auch die von ihnen entwickelte und vertriebene Spezialsoftware ist unzuverlässig und nicht sehr benutzerfreundlich.

Besonders unverschämt hatte ich es übrigens damals gegenüber dem Kunden gefunden, dass man für die von mir erbrachte Dienstleistung, die ja wegen mangelnder Einarbeitung nicht gut war, noch einen größeren Servicebetrag kassiert hatte.
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Re: "ins kalte Wasser werfen" vs. "Schritt für Schritt anler

Beitragvon Waldtänzerin » Fr 17. Apr 2015, 18:19

Placebo hat geschrieben:für mich ist das unvorstellbar, eine neue Arbeitsstelle und keine Einarbeitung. Das kann doch auch nicht im Sinne des Arbeitgebers sein?!


Ist zB für uns im Team auch unvorstellbar, jemanden unzureichend anzulernen - verursacht für uns selbst Mehrarbeit; dabei soll ein neuer Mitarbeiter entlasten. Da würden wir uns ins eigene Fleisch schneiden.

Wobei ich es selbst beim Anlernen schon lockerer als manch anderer bei uns sieht, was einzelne Arbeitsschritte bzw. Ausführung anbetrifft. Ich denk, jeder muss seinen Rhythmus finden und manchmal kommen genau dadurch noch neue Ideen zu Tage, wie man was verbessern kann.

Kommt vlt insgesamt auch auf den Job an. Bei uns ginge es überhaupt nicht, ohne Einarbeitbung durch andere.
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Re: "ins kalte Wasser werfen" vs. "Schritt für Schritt anler

Beitragvon paulinchen » Do 22. Jun 2017, 03:01

Susa hat geschrieben:[...] Das wird auch damit begründet, dass man eigene Wege findet und vielleicht auch neue Lösungsansätze findet. Jedoch kommt es mir so vor, als ist es einfach eine nette Ausrede, um möglichst wenig Energie in die neuen Arbeitskräfte zu investieren.


Hallo ihr Lieben :)
Ich hab den Thread gerade nochmal rausgesucht, weil es gerade mein Thema ist und es mich interessiert, ob es einigen ähnlich geht bzw wie ihr damit umgeht.

Wie du schon schriebst (und vielleicht ja noch mitliest), liebe Susa, ist es auch mein "Verdacht", dass die Arbeitgeber einfach nichts mehr in die Einarbeitung neuer MA investieren wollen. Klar, 1. gibt es genügend Arbeitssuchende und 2.wird überall einspart, wo es nur geht - die Leute werden verheizt.

Ich hab nun mit Anfang 50 endlich eine neue Stelle in einem (mir) neuen Bereich und werde mit TZ und 50% Brutto von der Rentenversicherungsansalt gefördert. Die AG ist nun der Meinung, dass sie mit genügend damit entgegenkommt, wenn ich TZ statt der notwendigen VZ arbeite (mindestens 2 VZ-Kräfte wären derzeit notwendig!). Noch dazu sind es 3 Bereiche im Betrieb, die sich um meine Hilfe "reißen" - offiziell haben wir aber genügend Personal _%_ , es ist scheinbar alles nur eine Einteilungssache - sprich: wir MA sollen und mal nicht so anstellen und den Laden schmeißen..

Das Problem ist nun, einerseits gefällt es mir aus einigen Gründen sehr gut dort (sehr gute Pausenreglungen, Fahrzeit, tw nette Kolleginen usw) andererseits frage ich mich, wie ich das durchhalten, geschweige denn ggf irgendwann die Stunden erhöhen soll.. Wobei - egal, wo ich anfangen (und wann jemals wieder Arbeit finde) sollte, wird es woanders kein Stück besser sein. Also was tun, um das durchzuhalten??

Liebe Grüße von paulinchen
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Meine Seele soll sich rühmen des HERRN, dass es die Elenden hören und sich freuen.<3
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Re: "ins kalte Wasser werfen" vs. "Schritt für Schritt anler

Beitragvon Natty » Mi 2. Aug 2017, 00:20

Hallo paulinchen,

das klingt ja grauenhaft, Deine Arbeitsbedingungen! Da wünsche Ich Dir viel Kraft und starke Nerven!

Ich glaube, so etwas ist immer mehr Normalität in deutschen Firmen, statt Ausnahme.

Liebe Grüße
Natty
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Re: "ins kalte Wasser werfen" vs. "Schritt für Schritt anler

Beitragvon Morgentau2 » Mi 2. Aug 2017, 08:55

Beim Telefondienst wurde ich direkt ins kalte Wasser geworfen habe gleich einen ganzen Tag Krankheitsvertretung für die Sekretärin spielen müssen und das obwohl ich telefonieren nicht mag und es einfach Stress Stress Stress für mich ist......aber inzwischen macht mir der Mittagspausenvertretungstelefondienst nichts mehr aus hatte wohl doch was gutes :)
Gott gebe mir Gelassenheit,
hinzunehmen, was nicht zu ändern ist.
Mut, zu ändern, was ich ändern kann.
Und Weisheit, zwischen beidem zu unterscheiden.

_angel_
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