Den Beruf wechseln

Hier möchten wir in Diskussionen und Erfahrungsberichten zusammenfassen, wie bereichernd oder erschwerend HS im Alltag von Schule, Studium und Beruf ist.

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Den Beruf wechseln

Beitragvon mey87 » So 22. Mär 2020, 15:28

Hallo ihr Lieben!
Ich bin Anfang 30 und seit 10 Jahren in einem helfenden Beruf tätig. Seit ich diesen Beruf ausübe gab es immer wieder ernsthafte depressive Phasen, ein Burn-Out, und ich glaube, zuletzt stand ich wieder kurz davor. Es wird Zeit zu handeln, denn so kann es nicht weitergehen.

Ich nehme mir Geschichten und Probleme anderer Menschen extrem zu Herzen, bis regelmäßig der Punkt kommt an dem ich wütend werde und denke ich müsste was tun um die ganze Welt zu retten. Aber dann fühle ich mich hilflos und schlecht und ich kann mich noch weniger abgrenzen. Dieser Teufelskreis wiederholt sich seit 10 Jahren und ich will nicht mehr - ich will auch nicht mehr daran arbeiten. Ich will die Situation anpassen.

Da ich mich nie groß mit mir und meinen Fähigkeiten beschäftigt habe (außer, dass ich immer "gut helfen" konnte, Co-Abhängigkeit sei Dank), hab ich noch überhaupt keine Ahnung, wohin es jetzt gehen soll.

Mein Eindruck ist, ich weiß nicht, ob das logisch klingt, dass ich rational hier nicht weiterkomme, sondern es ein Gefühlsthema ist. Wenn ich darüber nachdenke, was ich machen könnte, kommen ständig Blockaden. Daher versuche ich, auf meinen inneren Kompass zu hören. Irgendwie kommt es mir wie eine emotionale und keine rationale Entscheidung vor, wisst ihr was ich meine?
Als gäbe es den Beruf (noch) gar nicht, den ich suche.

Meine Frage an euch ist nicht, was ich "tun" soll.... sondern mich würde interessieren, ob es hier andere Hochsensible gibt, die das schon hinter sich haben, einen so "extremen" Berufsfeldwechsel? Was hat euch dabei geholfen, wo hat es euch hinverschlagen? Ich schäme mich auch dafür, im sozialen Berufsbereich zu "versagen", mir eingestehen zu müssen, dass ich einfach eine komplett falsche Richtung eingeschlagen habe in meinem Leben. Und auch mir eingestehen zu müssen, dass es mich nicht erfüllt, ständig für andere da zu sein. Wie habt ihr erfahren, was euch erfüllt?

Liebe Grüße, bleibt gesund,
eure mey
Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.
- Georg Christoph Lichtenberg
mey87
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Re: Den Beruf wechseln

Beitragvon wind-und-wellen » So 22. Mär 2020, 16:22

Hallo mey _Mij_

Umwege erweitern die Ortskenntnis icon_winkle

Dein Gefühl, in Deinem jetzigen Beruf versagt zu haben, weil es die falsche Richtung ist, kenne ich - mach Dich aber bitte deswegen nicht fertig!

Du hattest damals einen Grund, warum Du diesen Weg gegangen bist - und es kann immer wieder passieren, dass sich ein ehemals passender Weg im Laufe der Zeit als unpassend entwickelt.

mey87 hat geschrieben:Meine Frage an euch ist nicht, was ich "tun" soll.... sondern mich würde interessieren, ob es hier andere Hochsensible gibt, die das schon hinter sich haben, einen so "extremen" Berufsfeldwechsel? Was hat euch dabei geholfen, wo hat es euch hinverschlagen? Ich schäme mich auch dafür, im sozialen Berufsbereich zu "versagen", mir eingestehen zu müssen, dass ich einfach eine komplett falsche Richtung eingeschlagen habe in meinem Leben. Und auch mir eingestehen zu müssen, dass es mich nicht erfüllt, ständig für andere da zu sein. Wie habt ihr erfahren, was euch erfüllt?


Ich habe zwei Wechsel hinter mir - einen Wechsel in eine Tätigkeit (kein Beruf, denn diese Tätigkeit ist kein anerkannter Beruf, aber das nur als Bezeichnungs-Kosmetik icon_winkle )

Und einen großen Wechsel von einem Beruf in einen anderen.

Was mir dabei geholfen hat? Ich mir selbst und die Tatsache, dass man eben auch mitten im Leben "neu" anfangen oder "anders" weiter machen kann.

Wo hat es mich "hinverschlagen"? Vom Schreibtisch zu Gesundheitskursen und dann in einen therapeutischen Beruf.

Wie habe ich erfahren, was mich erfüllt? Ganz einfach: ausprobieren. Oder eben durch Zufall, indem ich die Dinge habe sich selbst entwickeln lassen. Alles das, was sein soll, wird auch geschehen. Und überall dort, wo ich auf geschlossene Türen gestoßen bin, habe ich einen anderen Weg eingeschlagen.

Glaub an Dich - und lass Dir Zeit. Der passende Weg taucht nicht auf "Druck" auf. Trau Dich!

Alles Gute für Dich und Deinen Weg - und bleib auch gesund! _flöwer_
Liebe Grüße von wind-und-wellen

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Re: Den Beruf wechseln

Beitragvon Iwie » So 22. Mär 2020, 21:23

Hallo Mey _Mij_

ich habe einiges durch. Zwar alles letztlich im sozialen Bereich.
Aber auch da ging es von der Arbeit direkt an den Menschen (therapeutisch im Krankenhaus, Erzieherin in KiGa und KiTa, Wohnbetreuung bei Menschen mit Mehrfachbehinderungen, Jugendarbeit, ...) hin zu einer beratend-begleitend-organisierenden Tätigkeit mit viel Schreibtisch.
Nur Schreibtisch könnte ich nicht...

Ich habe 2x fertig studiert. Jeweils 1 Jahr Vorlaufzeit gehabt mit unterschiedlichsten Praktika. Ich weiß jetzt sicher, was ich definitiv nicht will und auf Dauer auch nicht kann (nicht von der Qualifikation oder dem Ausführen - ich könnte glaub recht viel - es geht eher um das Aushalten) bis zu dem, was ich brauche, um meine Arbeit für mich zufriedenstellend erledigen zu können.

Ich habe echt großen Respekt vor Menschen, die direkt an und mit anderen Menschen arbeiten.
Mich überfordert es. Ich mache immer mal wieder gerne Projekte, bei denen ich dann auch mit vollem Enthusiasmus in den Gruppen dabei bin. Aber auf Dauer geht das mit mir nicht gut. Es macht mich krank.

Das Wichtigste ist in meinen Augen, dass du dir selber ein- und zugestehst, dass das so ist. Ich dachte auch immer, dass das doch nicht geht, anderen meine Hilfe zu versagen. Das nicht aushalten zu können.
Jetzt, da ich da eben einige Schritte vom direkten Kontakt zurückgetreten bin, sehe ich durchaus auch wieder, was ich für die einzelnen Menschen tun kann. Indem ich beraten und Hilfe vermitteln und ermöglichen kann. Das scheint mein Part zu sein.
Wer weiß, wo deiner liegt?

Probier aus, was für dich richtig ist. Trau dich. Es lohnt sich _yessa_
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Re: Den Beruf wechseln

Beitragvon jonnie » Mo 23. Mär 2020, 01:03

Hallo mey87,

du schreibst ...
[quote="mey87" Dieser Teufelskreis wiederholt sich seit 10 Jahren und ich will nicht mehr - ich will auch nicht mehr daran arbeiten. Ich will die Situation anpassen.

Da ich mich nie groß mit mir und meinen Fähigkeiten beschäftigt habe (außer, dass ich immer "gut helfen" konnte, Co-Abhängigkeit sei Dank), hab ich noch überhaupt keine Ahnung, wohin es jetzt gehen soll.
[/quote]
... damit hast du für mich schon das wesentliche ausgesprochen.

Ich habe auch lange in einem helfenden Beruf gearbeitet. Und mit einem inzwischen gehörigen Maß an Abstand kann ich sagen das ich gut in meinem Job war. Das ändert allerdings nicht an der Tatsache, dass ich davon schwer krank wurde. Dummerweise hab ich vorher alle Warnhinweise gründlich ignoriert.

Du erwähnst Burn Out und depressive Phasen. Na, wenn das keine Warnung ist!
Und du hast erkannt das es vorbei ist. Zweimal die Worte "will" und "nicht" in einem Satz. Für mich ließt sich das eindeutig wie eine bereits getroffene Entscheidung.

Ich hab dann mit 32 nochmal komplett von vorne angefangen. Mit 45 die Richtung ordentlich nachkorrigiert.
Um es kurz zu machen. Ich bin nun ein lausiger Handwerker. Allerdings einer mit einem erträglichen Maß an Seelenfrieden.

Es würde mich sehr interessieren wie du dir deine Zukunft vorstellen kannst.

Sei gegrüßt
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Re: Den Beruf wechseln

Beitragvon mey87 » Do 26. Mär 2020, 20:24

Vielen Dank für eure hilfreichen Beiträge!
Wisst ihr, was das Schönste ist? Dass ich hier immer das Gefühl habe, verstanden zu werden.... kein hinterfragen, kein kritisieren, keine Angstmache, sondern immer mutgebende Erfahrungen... danke!

Meine Vision: einen Job haben, nachdem ich abends noch Lust habe, die Menschen zu sehen, die ich liebe, und mich um sie zu kümmern oder einfach Spaß mit ihnen zu haben, mich endlich wieder auf Menschen FREUEN zu können und nicht mehr zu denken boah, eigentlich habe ich keine Lust mehr wen zu sehen. Nicht voller Bedürftigkeit in den Armen meines Partners zu landen und traurig zu sein, wieviel Leid es gibt und dann jemanden zu brauchen, der sich um mich kümmert, weil ich den ganzen Tag für andere da war.
Vielleicht auch einen Job, in dem ich meine helfende Funktion einsetzen kann, oder durch den ich die Möglichkeit habe das helfende freiberuflich noch irgendwie anzuwenden, falls ich Lust habe zu helfen.

Ich werde richtig traurig, dass ich mich in meinem Leid nicht früher gesehen habe. In der Familie gab es immer wieder Hinweise, ob das alles so gut wäre für mich wenn ich weiter mache... ich war viel zu schnell, wollte zu viel, wollte nie den Anschluss verlieren und hab dann alle überholt und mich überfordert. Hab mir auch nie irgendwas zugetraut bzw. hatte nie das Gefühl ich dürfte ausprobieren und auch mal was abbrechen... Das tut mir so Leid für mich.

Doch - es geht jetzt um das nach vorne sehen.

Seid stolz auf euch, dass ihr Veränderung gewagt habt! Der Wert eines Menschen und wieviel Liebe er zu geben hat ist nicht vom Beruf abhängig. Ich bewundere euch.

Ich mag es zu organisieren, Projekte zu betreuen, am eigenen Schreibtisch im eigenen Büro zu sitzen, Dinge abzuarbeiten, ich liebe Büroartikel und Kaffeepäuschen :D KURZE Kontakte zu anderen, Telefonate, Absprachen treffen, vorbereiten und Ergebnisse sehen. Abwechslung, etwas das mich "wach"hält. Ich träume von einer "kleinen" Welt , in der ich nicht so unendlich viele Möglichkeiten der Weiterbildung und Karriere und Profilierung habe... bin ich undankbar? Andere wünschen sich diese Chance und meine Mutter hat soviel dafür getan, dass ich diese Chancen bekomme, dass ich es besser habe als sie... und dann will ich ja gar nicht. (Lebensthema)

Mir war Geld noch nie wichtig, das ist mir auch erst jetzt klar geworden nachdem ich eine zeitlang sehr gut verdient habe.
Geld blockiert mich aber gerade, wie soll ich eine Umschulung/Ausbildung/ein Studium finanzieren ohne Rücklagen?

Aber es ist eben nur eine Blockade, die überwunden werden muss, kein Grund, der mich davon abhalten sollte, was zu verändern.

Liebe Grüße!
Mey
Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.
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