Fixiert auf Angst vor Kollegin

Hier möchten wir in Diskussionen und Erfahrungsberichten zusammenfassen, wie bereichernd oder erschwerend HS im Alltag von Schule, Studium und Beruf ist.

Moderatoren: Hortensie, Eule

Fixiert auf Angst vor Kollegin

Beitragvon maumau89 » Mo 27. Mär 2017, 09:09

Hallo zusammen,
ich weiß seit ca. einem Monat, dass ich HS bin und zudem noch HSS mit Scannereigenschaften- also alles in allem eine sehr schwierige Kombi.
Zudem belastet mich in manchen Situationen Agoraphobie, die ich aber aufgrund meiner Therapie gut im Griff habe bzw. ich weiß damit umzugehen, mein soziales Umfeld habe ich auch eingeweiht und demnach wird es für mich nur noch selten zu einer intensiven Belastung. Zum Verständnis: Ich habe Angst vor den schwarzen "T Linien" im Schwimmbecken, dunkle Räume (vor allem Bäder) kann ich alleine nur schwer aushalten, schwarze Röhren (z.b. häufig in Kellern) und Heizungsgeräten/anlagen (weiß grad nicht wie man die nennt, stehen immer im Keller).
Bis zu dieser Erkenntnis war ich fest davon überzeugt - so wie die meisten, dass ich "einfach gestört bin" - und zudem vermutet, dass zusätzlich eine schwache Form von Sozialphobie vorliegt.
Ich habe eigtl mein ganzes Leben meine HS Seite verdrängt und war schwer damit beschäftigt mich an unsere Welt anzupassen. Ich gebe mir selbst heute noch extreme Mühe nicht aufzufallen und "normal" zu sein. Oftmals kann ich die Menschen auch gut einschätzen und weiß bei wem ich wann anecken würde. Also halte ich alles zurück um Konflikten aus dem Weg zu gehen.
Das geht solange gut bis ich irgendwann das Gefühl habe alles über mich bricht zusammen.
Nun befinde ich mich gerade in der Phase meine Lebensumstände an MICH anzupassen. Einen Jobwechsel innerhalb kurzer Zeit habe ich hinter mir. Der zweite steht wohl bevor.
Was meine HS Eigenschaften angeht: Ich bin sehr geruchs- (ich kann kein Bad betreten ohne automatisch durch den Mund atmen zu müssen, gängiges Parfüm/Deo ist mir unangenehm) und temperaturempfindlich womit ich aber gut zurecht komme es schränkt mich in meinem Alltag kaum ein. Daneben verliere ich mich leicht in Tagträmerei, kann mich schlecht konzentrieren und neige zum Grübeln.
Die größte Baustelle allerdings, die mir wirklich zu schaffen macht ist die extreme Empfindsamkeit Menschen gegenübern gepaart mit absoluter Konfliktunfähigeit. D.h. ich bin so harmoniebedürftig, dass mich die kleinste Verhaltensänderung oder Auffälligkeit mir gegenüber total irritiert und ich es aber auch nicht schaffe mich mal zu wehren wenn sich mir gegenüber wirklich mal jemand nicht korrekt verhält, was mich wiederum leicht in eine Opferrolle drängt. Ich halte aber auch nichts von der Ellbogenmentalität. Ich habe tiefes Verständnis für "Fehlverhalten" anderer Menschen und sehe sie meist selbst als Opfer Ihrer eigenen Gefühlswelt.
Seit 3 Monaten habe ich eine neue Arbeitstelle als Quereinsteigerin im Büroinnendienst. Ich habe die Stelle aus finanziellen Gründen angenommen und wußte schon vorher, dass es nicht zu mir passt. Ich mach oft Fehler, kriege das auch rückgemeldet und bin nun an diesem Punkt, an dem ich das Gefühl habe nix mehr geht.
Leider hatte ich bisher mit meinen Vorgesetzten/Kollegen eher Pech und bin immer an "Drachen" geraten: Sehr dominant, auf Kampf erpicht, gefühlskalt, direkt, rücksichtslos. Was das ganze noch viel schwieriger macht. So nun auch wieder an meinem jetzigen Arbeitsplatz. Ich fixiere mich dann auf die Person, mach mir tagelang Gedanken und werde total von diesem Gefühl auf der Arbeit bestimmt.
Ich habe extreme Angst anzutreten weswegen ich nun schon die 2. Woche krank geschrieben bin. Es ist so, dass wir 5 Leute im Büro sind. Meine oben beschriebene Vorgesetzte sitzt zum Glück in einem separaten Raum. Mit dem Rest teile ich mir ein Großraumbüro. Ich selbst sitze etwas isoliert d.h. nicht direkt gegenüber von jemandem aber dennoch so, dass mich alle im Blick haben. Permanent fühle ich mich gestört und beobachtet, das Telefon klingelt dauernd, sodass ich meine Arbeit unterbrechen muss und es dauert bis ich wieder rein komme. Solche "Kleinigkeiten" stören mich extrem, ich fühle mich überreizt. Für die Anliegen der Kunden habe ich null Verständnis, oftmals fungiere ich dann auch als Blitzableiter, denn wir sind eine Kaffeemaschinen Werksvertreung d.h. wenn mal irgendwo eine KM defekt ist rufen die Leute bei uns an und fordern einen Techniker. Meiner Ansicht reagieren die meisten über, wenn ich mich auf Technik einlasse muss ich doch davon ausgehen, dass sie auch mal versagt. Aber nun gut.
Mit 2 Kollegen verstehe ich mich gut, mein eigtl Ansprechpartner der für meine Einarbeitung verantworlich ist, hat offenbar keine Lust mir was zu zeigen und ist auch nicht hilfsbereit weswegen ich den Kontakt zu ihm meide. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass er mir absichtlich Informationen vorenthält, eine Abneigung meiner Person gegenüber empfinde ich auch.
Jeden Morgen betrete ich das Büro und laufe in eine Art Atompilz. So fühlt sich die Stimmung an. Es sind 5 total unterschiedliche Persönlichkeiten und dauernd nehme ich die Gefühle aller auf. Zwischen den anderen knirscht es auch oft. Wenn allerdings meine Vorgesetzte nicht da ist wird die Stimmung fühlbar angenehmer. Sobald sie weg ist, stellt sich Erleichterung ein. Es ist so krass, dass wenn sie an meinem Tisch vorbei läuft um sich einen Kaffee zu holen ich nervös werde und bewusst versuche beschäftigt auszusehen aus Angst, dass sie denken könnte ich faulenze. D.h. mein ganzes Arbeitsgefühl beschräkt sich irgendwie auf dieses Gefühl.
Eine Kollegin erzählte mir lustigerweise, dass sie das auch macht. Also die Dominanz dieser Person im Raum ist nicht nur für mich spürbar.
Meine Vorgesetzte ist sehr launisch und unberechenbar. Sie hat auch mal gute Tage dennoch bleibt mein Gefühl der Anspannung unverändert. Ich weiß auch durch ehemalige Kollegen wie zum Teil mit Mitarbeitern umgegangen wird, z.b. werden Gehälter nach Austritt der Mitarbeiter nicht gezahlt und es wurde intern von seiten der Geschäftsführung (Sie ist die Schwester vom Chef) auch gerne mal integriert. Alles in allem passt es hinten und vorne nicht.
Vorher habe ich im Hotel gearbeitet,was ich auch gelernt habe, da war es allerdings noch unerträglicher.
Ich habe das Gefühl, dass es selbst für eine HSP extrem ist so zu empfinden. Was denkt ihr? Ich bin am überlegen ob ich wieder zu meiner Therapeutin gehen soll oder ob ein einfacher Jobwechsel reicht.
Und was mich noch interessieren würde, wie geht Ihr mit HS im Berufsalltag um? Wissen eure Vorgesetzte davon? Wie geht ihr mit dem Gefühl um "anders" zu sein und auch so wahrgenommen zu werden? Ich tue mich damit extrem schwer und überlege wie und ob ich es überhaupt Vorgesetzten sagen sollte.
Ich bin es irgendwie leid mich zu verstellen...
maumau89
 

Re: Fixiert auf Angst vor Kollegin

Beitragvon Schneewittchen6 » Mo 27. Mär 2017, 20:39

Hallo liebe MauMau,

wow...ganz schön was los bei dir!
Mir ging es vor einigen Jahren ähnlich wie dir. Ich war so unsicher, hatte vor allem Angst hab mich nie getraut meinen Mund aufzumachen und wollte es jedem Recht machen. Im Smalltalk und neue Leute kennenlernen war ich eine Niete, da ich immer Angst hatte etwas "blödes" zu sagen.
Irgendwann hat es mir dann gereicht. Ich war es leid immer der Depp zu sein! ICH bin auch WER! Und ICH bin auch WICHTIG!
Ich hab mich dann bewusst in für mich schwierigen Situationen begeben und mich dazu gezwungen etwas zu sagen/ zu tun. Und siehe da, es wurde von mal zu mal leichter.
Du bist besonders und das ist gut so! Nicht so langweilig wie die anderen! Sei wie du bist!!! Und wer damit ein Problem hat, oder dich nicht mag der hat ganz einfach Pech gehabt! Es muss einen nicht jeder mögen! Und was die anderen denken kann dir auch am Allerwertesten vorbei gehen!
Sag dir das jeden Tag, immer wieder und du wirst sehen es hilft...mir hat es jedenfalls sehr geholfen.
Inzwischen geh ich echt mit ganz anderen Augen durch die Welt.
Und was deinen Job angeht, hör auf dein Herz. Fühlst du dich so unwohl, geh. Aber vielleicht lohnt es sich auch nicht gleich aufzugeben und etwas zu wagen...

Liebe Grüße und lass den Kopf nicht hängen!
Du packst das!
Das Leben ist viel zu schade um dem Kopf in den Sand zu stecken! smirl
Schneewittchen6
 

Re: Fixiert auf Angst vor Kollegin

Beitragvon Houellebecq » Mo 27. Mär 2017, 21:34

Bei mir ist es dasselbe. Ich habe mich in deinem Thread sehr gut wiedererkannt.
Auch ich gerate immer wieder an Vorgesetzte, die mich schlecht behandeln und im letzten Job hatte ich mit Mobbing zusätzlich zu tun.
Es ist leider so, dass viele Menschen, die in der Erfahrung aufgewachsen sind, sie seien nichts wert oder nicht gut genug, von Anfang an versuchen, ihre Arbeit brillant zu machen. Dadurch vernachlässigst du das "Kungeln" mit den Kollegen und ziehst dir stattdessen deren Neid und die Angst der in Wirklichkeit unsicheren Chefs zu. Es ist immer dasselbe Spiel. Zudem fehlt hochsensiblen Menschen aufgrund ihrer stärkeren Empathie die Fähigkeit, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen (Verraten, Intrigen spinnen, Aufhetzen, Mobbing). Dadurch wirst du als Schaf, als "schwach" wahrgenommen und bist somit beliebtes Mobbingopfer. Ich würde dir gerne Ratschläge geben, aber ich stecke leider gerade selbst in der Schleife fest. Ratschläge, die man mir gibt, sind: Grenzen setzen, Nein sagen, auf den Tisch hauen.
Ich wünsche dir alles Gute und viel Kraft, mit deiner Art gesund und fröhlich zu bleiben in einer Welt, die so anders ist als unsere Innenwelt. Was deine Tagträume betrifft: Schon mal über das Schreiben nachgedacht?
Houellebecq
Neuling
 
Beiträge: 7
Registriert: Mi 15. Mär 2017, 22:09

Re: Fixiert auf Angst vor Kollegin

Beitragvon maumau89 » Di 28. Mär 2017, 20:15

@ Schneewittchen6

Danke für deine Tips und lieben Worte!
Positive Affirmationen helfen mir in manchen Situationen wirklich sehr. Ja ich glaube mittlerweile, dass mir das passiert, weil ich diese Lektion echt noch lernen muss.
Ich habe meinem Chef eine Mail geschrieben in der ich offen einfach alles geschildert habe. Und siehe da! Ich habe von seiner Schwester eine sehr liebe und verstädnisvolle Antwort erhalten. Das hatte ich nun nicht erwartet, so lieb ist sie sonst nie :-D
ich hab zum ende des Monats gekündigt und habe übermorgen auch schon ein Vorstellungsgespräch. Es war die richtige Entscheidung.

@ Houellebecq
danke für deine aufmunternden Worte!
ich hoffe du kannst dich aus der Situation lösen und wünsche dir viel viel Kraft dabei.
Setzt du die Tips, die du erhälst aktiv um? Und falls ja, wie fühlt es sich an für dich? Hast du noch das Gefühl authentisch zu sein dabei oder geht es dann eher in Richtung verstellen?
Was das Schreiben betrifft: ich schreibe regelmäßig Tagebuch ... aber ich überlege gerade ob ich nicht einen Blog starten soll.
Es tut gut sich mitzuteilen und HSP ist ja leider immer noch ein recht unbekanntes Thema.
maumau89
 

Re: Fixiert auf Angst vor Kollegin

Beitragvon Houellebecq » Di 28. Mär 2017, 20:58

maumau89 hat geschrieben:ich hab zum ende des Monats gekündigt und habe übermorgen auch schon ein Vorstellungsgespräch. Es war die richtige Entscheidung.

Herzlichen Glückwunsch. Du hast Mut bewiesen. Das ist sehr, sehr wichtig. Bei mir hat der Arbeitgeber die Notbremse gezogen und mich in der Probezeit gefeuert.

maumau89 hat geschrieben:Setzt du die Tips, die du erhälst aktiv um?

Oh ja. Ich habe eine Psychotherapie und eine Reha gemacht, nehme an Selbsthilfegruppen und Treffen teil (auch hier) und lese viel Ratgeberliteratur. Das Umsetzen gelingt teilweise und schrittweise, vieles funktioniert noch nicht. Die alten Verhaltensmuster sind noch sehr stark, vor allem unter Einfluss von Stress.

maumau89 hat geschrieben:Und falls ja, wie fühlt es sich an für dich? Hast du noch das Gefühl authentisch zu sein dabei oder geht es dann eher in Richtung verstellen?

Es ist sehr, sehr anstrengend. Ich hatte mich beim Thema "Grenzen setzen" auf einen Arbeitskollegen konzentriert, der mich kontrolliert hat und mit dem ich in einem Projekt zusammengearbeitet habe. Das hat so viel Kraft gekostet, dass ich meinte, eine Kollegin zu brauchen, der ich mich anvertrauen kann. Tja, das war die liebreizende Kollegin 007. Ich kämpfte einen Kampf, den ich nie und nimmer hätte gewinnen können.

maumau89 hat geschrieben:Was das Schreiben betrifft: ich schreibe regelmäßig Tagebuch ... aber ich überlege gerade ob ich nicht einen Blog starten soll.
Es tut gut sich mitzuteilen und HSP ist ja leider immer noch ein recht unbekanntes Thema.

Ich schreibe sehr intensiv Tagebuch, aber darüberhinaus tobe ich mich in Form von Romanen aus, in denen ich meine Emotionen und meine Erlebnisse immer wieder fiktiv einfließen lasse. Das macht sehr viel Spaß und öffnet mir neue Horizonte. Die Vernetzung mit anderen Autoren lässt mich immer wieder spannende Menschen kennen lernen, die ähnlich hochsensibel sind wie wir hier.
Houellebecq
Neuling
 
Beiträge: 7
Registriert: Mi 15. Mär 2017, 22:09



Ähnliche Beiträge


Zurück zu HS in Arbeit und Ausbildung

Wer ist online?

0 Mitglieder

cron