Habe Angst davor, arbeiten zu müssen

Hier möchten wir in Diskussionen und Erfahrungsberichten zusammenfassen, wie bereichernd oder erschwerend HS im Alltag von Schule, Studium und Beruf ist.

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Habe Angst davor, arbeiten zu müssen

Beitragvon absoluterfreak » Di 27. Nov 2012, 20:33

Im Moment studiere ich noch. Aber ich habe Angst vor der Zeit, wenn ich mal arbeiten und Geld verdienen muss.

Erstmal gibt es ja heutzutage zum großen Teil Großraumbüros. Aber auch schon ein Raum in dem ich mit nur einer anderen Person sitzen muss wäre mir auf Dauer zu viel. Ich habe ein paar Praktika gemacht und jedes Mal war es die Hölle, stundenlang unter Menschen zu sein und mich dann auch noch konzentrieren zu müssen. Das ist man in der Schule auch, aber da ist das ganze noch nicht so "ernst" und man kann auch einfach mal rumblödeln oder ne Weile lang gar nicht aufpassen. Im Beruf ist das schon schwieriger. Da ich mich sowieso kaum 5 Minuten am Stück konzentrieren kann war ich die ganze Zeit total überlastet und wenn ich dann auch noch jemanden im gleichen Raum habe, der z.B. die ganze Zeit labert oder pfeift, will ich nur noch rumschreien. Ich habe mich die ganze Zeit zu Tode gelangweilt und nur noch auf das Ende gewartet. An "nützlichen Erfahrungen" mitgenommen habe ich dabei nur, dass alle um mich rum auch gelangweilt und desinteressiert waren und den ganzen Tag über dummes Zeug labern. In so einem Job könnte ich kaum einen Monat aushalten.

Ich würde gerne Gesangslehrerin werden. Das habe ich schon länger im Kopf. Ich singe supergerne und auch gut und würde gerne mit Kindern zusammenarbeiten, mich vielleicht sogar auf Autisten spezialisieren (hab selber Asperger), auch wenn man sich da wahrscheinlich nicht gerade im Geld suhlen kann. Das Problem ist, dass ich kein Selbstvertrauen habe und mich super nicht durchsetzen kann, und das Gefühl habe, dass ich damit meine Mutter enttäuschen würde. Mein Informatikstudium ist nämlich nicht gerade billig und davor war ich sogar auf einer Privatschule. Sie hat mich noch nie singen gehört, traut mir das aber auch nicht zu (Zitat: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir hier einen Star in der Familie haben") und würde mich dabei auch nicht unterstützen. Ich weiß, man soll sein Leben nicht nach den Vorstellungen anderer gestalten, aber ich kann mich von diesem Gedanken nicht lösen, dass es ihr gegenüber unfair wäre.

Sicher weiß ich nur eins, in einem Durchschnitts-Bürojob werde ich nie und nimmer glücklich oder auch nur halbwegs zufrieden. Ich habe sogar schon überlegt, ob ich nicht in einem rein körperlich anstrengenden Beruf glücklich wäre, sowas wie Holzfäller. _läch_
absoluterfreak
 

Re: Habe Angst davor, arbeiten zu müssen

Beitragvon Tabea » Fr 30. Nov 2012, 21:18

Lieber Freak (ich verwende jetzt man die Kurzform icon_winkle ),

Veränderungen, insbesondere Solche die man noch nie "testen" konnte, sind immer etwas schwierig. Auch mir hat der Einstieg ins Berufsleben große Bauchschmerzen bereitet. Ich arbeite in einem Beruf in dem Wochenendarbeit und 14 Stunden Tage die Regel sind und indem man ständig irgendwie mit Menschen zu tun hat. Diesen Beruf habe ich gewählt, als mir noch nicht klar war, dass ich eine HSP bin. Ich hatte große Angst zu dem falschen Arbeitgeber zu kommen und darunter zu leiden, überfordert zu sein und nicht die volle Leistung bringen zu können.

Davor hatte ich auch mehrere Praktika gemacht und fand es auch ganz schrecklich, langweilig und fühlte mich die ganze Zeit unwohl! Praktika sind glaube ich gerade für eine HSP eine große Herausforderung und wahrscheinlich für viele eine unangenehme Erfahrung. Man ist mit Menschen zusammen die man nicht kennt und die einem keine Sicherheit geben. Man ist an einem Arbeitsplatz, der einem nicht vertraut ist (meist in irgendeiner zufällig freien Ecke) und zudem wird man auch noch mit dämlichen kleinen, meist langweiligen Aufgaben abgespeist und man ist viel zu kurz dort um sich richtig einzugewöhnen.
Das richtige Berufsleben hingegen, habe ich als ganz anders empfunden. Du wirst, anders wie ein Praktikant, unter vielen Bewerbern für diese Stelle ausgesucht, wahrscheinlich unter anderem deswegen weil du am besten in das Team passt und deine Ausbildung für die Stelle zugeschnitten ist. Du hast einen Arbeitsbereich den du betreust, der dir wahrscheinlich auch vom Thema her liegt (denn auch du hast diese Stelle mit ihrem Aufgabenbereich gewählt) und kannst für deine Arbeit verantwortung tragen. Auch in seinem Job kann man mal ein paar Minuten rumblödeln und an nichts denken icon_winkle, denn die Menschen dir dort mit dir arbeiten, sind ja meist auch nur Menschen.
Die Anfangszeit habe ich auch oft als Stress empfunden, bis ich mich eingearbeitet hatte. Aber der Stress hat tatsächlich mit der Routine nachgelassen und es wurde immer besser. Ich möchte dir gerne Mut machen, denn du kannst ja auch teilweise mit entscheiden wie dein Arbeitsplatz aussieht. Aber was wirklich der richige Berunf für dich ist, kannst du natürlich nur selbst entscheiden!

Zwischendrin hatte ich auch oft große Zweifel und wollte alles hinschmeißen. Lieber mit Tieren arbeiten oder in der Natur einer ganz einfachen Tätigkeit nachgehen. Auch jetzt denke ich, dass ich nicht für immer in diesem Job arbeiten werde. Auf Dauer ist das wahrscheinlich nichts für mich. Aber um entscheiden kann man sich immer! Es ist nicht in Stein gemeisselt und kann immer versuchen mich noch zu verändern wenn für mich der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
Ich denke du hattest bestimmt auch einen Grund warum du dein Studium gewählt hast, oder?

Du nimmst bestimmt selber Gesangsunterricht? Versuche doch dein Hobby fest semiprofessionell in dein Leben zu integrieren, dann kannst du prüfen ob du einen Künstlerberuf wirklich möchtest. Unterhalte dich doch mit Menschen, die sich dazu auskennen und dir vielleicht Tipps geben können. Manchmal ist es aber auch schön, wenn ein Hobby ein Ruheplatz bleibt, der nichts mit Arbeit zu tun hat (ich arbeite am Theater und hatte eine ähnliche Entscheidung)
Manchmal braucht es einfach Zeit um die richtige Antwort zu finden ( ich weiß alles schlaue Sprücke, aber ich spreche aus Erfahrung :-))

Hab nicht so große Angst, du wirst deinen Weg machen. Vielleicht nicht gerade, sondern mit ein paar falschen Abzweigungen und Kurven, aber ich bin mir sicher du kommst an!
Alles Liebe
Tabea
Tabea
 

Re: Habe Angst davor, arbeiten zu müssen

Beitragvon Argus » Sa 1. Dez 2012, 15:43

Hallo absoluterfreak,
zunächst kann ich Deine Ängste sehr gut nachvollziehen, sie sind in jedem Falle ernst zunehmen.
Respekt vor Deiner Offenheit. 1güt

Das, was Tabea schreibt, kann ich bestätigen, möchte aber einen Satz herausgreifen und aus persönlicher Erfahrung, auf einer anderen(?) Ebene darauf eingehen, auch wenn er vermutlich anders gemeint war icon_winkle .

Zitat (Tabea):
" ...denn du kannst ja auch teilweise mit entscheiden wie dein Arbeitsplatz aussieht."

Die meisten mir bekannten Menschen wissen nicht, was sie tatsächlich wollen, haben es niemals (schriftlich für sich) formuliert, es vielleicht irgendwann einmal bestenfalls diffus "gewünscht", wieder vergessen.
Statt dessen wissen sie ganz genau, was sie nicht wollen und "strahlen" das unbewusst im Denken, Sprechen und Handeln aus.

Erfahrungsgemäß hilft es aber nicht, beispielsweise bei einem Versandhandel anzurufen und ihnen mitzuteilen, was sie nicht liefern sollen! icon_winkle
Kaum jemand wird in einen Zug von Hamburg nach München einsteigen, mit dem Ziel Berlin, Buxtehude oder Winterstein bewusst nicht zu erreichen.

Auch Ängste können dazu verleiten, gerade soetwas (im übertragenden Sinne) unbewusst zu tun, viele, die meisten(?) tun es, jeden Tag, jede Stunde.

Es ist und war in meinem Leben immer hilfreich, ein Ziel zu formulieren, zu wissen was ich will und diese Erkenntnis ist (für mich) vom Himmel gefallen, denn ich habe es früher "unwissend", immer schon gemacht. icon_winkle

Dabei verlief auch mein Weg,
Zitat (Tabea):
" ... nicht gerade, sondern mit ein paar... ... Abzweigungen und Kurven..."

rückblickend betrachtet, mindestens befriedigend, aber immer dienlich /angenehm (annehmbar).

Es kann sehr hilfreich sein, schriftlich, nur für sich, das geht keinen was an, mit Papier und Stift, (nicht am Rechner!) zu formulieren, wer man sein will. Dabei ist alles erlaubt, gibt es keine Begrenzungen, auch nicht im Kopf.

Wenn dann in der Folge, Gedanke, Wort und Tat bedingungslos übereinstimmen, hast Du mehr als gute Chancen, einen Arbeitsplatz zu "finden", welcher Deinen Bedürfnissen entspricht. Stell ihn Dir vor, beschreib ihn, arbeite im Geiste schon mal dort, fühl ihn, das entspannte Arbeitsklima.
Wer könnte mit Sicherheit behaupten, dass es ihn nicht gibt?

Wenn Du "dran" bleibst, könnte es durchaus sein, das dieser Arbeitsplatz Dich findet _yessa_ .
Irgendjemand wird dann vermutlich, mal wieder von einem "Zufall" sprechen, tja dann.

LG

Argus
Argus
 



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