Probleme mit der Berufswahl - Sozialer Bereich

Hier möchten wir in Diskussionen und Erfahrungsberichten zusammenfassen, wie bereichernd oder erschwerend HS im Alltag von Schule, Studium und Beruf ist.

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Probleme mit der Berufswahl - Sozialer Bereich

Beitragvon Spotlessmind » Mo 21. Okt 2019, 09:08

Hallo ihr Lieben, dies ist mein erster Beitrag hier :-)
Ich bin 26 Jahre alt und befinde mich aktuell im Masterstudium. Demnächst steht für mich ein Praktikum an und ich weiß absolut nicht, in welchem Berufsfeld ich mich bewerben soll. Ich fühle mich, als bräuchte ich dringend mal Feedback von Menschen, die vielleicht ähnlich fühlen wie ich. Also hole ich jetzt einfach mal aus und schreibe ein paar Sachen auf.
Schule war für mich schwierig, ich habe mich da nie richtig wohl gefühlt. Es war so viel Unruhe in der Klasse, gab auch Mobbing – gar nicht unbedingt gegen mich gerichtet, aber ich konnte so viel Hinterhältigkeit nicht aushalten und habe ständig überall dazwischen gestanden. Dazu kam zunehmender Leistungsdruck, ich hatte immer super Noten, aber die ganze Atmosphäre in der Schule war für mich ganz schrecklich. Ich hatte dann zunehmend mit Migräne zu kämpfen und war oft krank, von meinen Mitschülern wurde mir daraufhin unterstellt, dass ich schwänze und mir ging es noch schlechter in der Schule. In der Oberstufe hatte ich dann eine depressive Phase und konnte wochenlang gar nicht mehr zur Schule gehen, habe dann aber therapeutische Unterstützung bekommen und mein Abitur irgendwie trotzdem mit einem richtig guten Schnitt geschafft. Wohl gefühlt hab ich mich aber dort nie.
Nach der Schule habe ich dann ein Studium angefangen, Erziehungswissenschaft und Ethnologie. Das lag mir viel mehr, ich konnte mir die Seminare selbst zusammenstellen und oft genug habe ich auch Seminare einfach abgebrochen, wenn ich mich unwohl gefühlt habe - meistens weil die Seminargröße zu klein war oder ich die Dozenten nicht mochte. Am liebsten mag ich Seminare, in denen ich „untergehe“, einfach mithören und meine Abschlussarbeiten oder Klausuren allein schreiben kann. Meine Noten waren unter diesen Voraussetzungen richtig gut. Neben dem Studium habe ich angefangen zu jobben, im sozialen Bereich – habe verschiedenen Menschen begleitet, oft Nachhilfe gegeben, teils auch psychisch Kranke. Ich habe immer einen richtig guten Zugang zu ihnen gehabt, allerdings konnte ich mich gar nicht abgrenzen und habe teils furchtbar unter ihren Schicksalen gelitten. Oft habe ich mich richtig ausgelaugt gefühlt und wäre am liebsten nicht zur Arbeit gegangen. Zu dieser Zeit bin ich zum ersten Mal auf das Thema Hochsensibilität gestoßen und habe dann viel gelesen, mich in vielem wiedergefunden und erstmals verstanden gefühlt. Eine besonders heftige Klientin habe ich daraufhin auch abgegeben. Nach dem Bachelor wollte ich eigentlich meinen Master in Ethnologie machen, eben wegen meiner Erfahrungen im sozialen Bereich. Ich wurde auch für einen Masterstudiengang angenommen, allerdings war es ein extrem kleiner Studiengang (nur 5 Studentinnen) und das habe ich nicht gepackt. Hatte so sehr das Gefühl, dass die anderen viel mehr wissen als ich und durch die geringe Teilnehmerzahl hatte ich auch immer das Gefühl, auf dem Präsentierteller zu sitzen und konnte gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Ich habe also abgebrochen und stattdessen doch einen Master in Sozialpädagogik angefangen. Das war vom Gefühl her viel besser: volle Seminare und wieder das Glück, einfach für mich allein zu arbeiten und super Noten zu schreiben. Jetzt steht aber halt das Praxissemester an und ich habe wirklich Angst, weiß einfach nicht, welche berufliche Richtung ich einschlagen soll. In zwei Semestern bin ich mit dem Studium fertig und dieses Praktikum wird dann eine wichtige Qualifikation sein, ich will das nicht „verschenken“, indem ich am Ende wieder etwas mache, was mich dann emotional wieder zu viel fordert und beruflich nicht in Frage kommt. Hier in der Gegend gibt es zum Beispiel ein tolles Kinderheim, aber ich habe wirklich Angst davor, dass die stationäre Kinder- und Jugendhilfe einfach zu viel für mich ist. Alternativen zur Kinder- und Jugendhilfe wären sozialpädagogische Beratung, Erwachsenen- und Weiterbildung. Wenn ich nun aber Stellenanzeigen durchschaue, werden nun mal vor allem Sozialpädagogen in der Kinder- und Jugendhilfe gesucht und ich habe Angst, nach dem Studium keinen Job in den genannten Alternativbereichen zu finden. Ich könnte mir auch Tätigkeiten in der Naturpädagogik oder tiergestützten Therapie gut vorstellen, aber auch dafür muss ich ja erstmal irgendwas arbeiten und mich dann weiterbilden… Die Arbeit mit Tieren wäre eh das Größte für mich, ich arbeite ehrenamtlich in einem Tierheim und gehe darin vollkommen auf.
Grundsätzlich brauche ich einen Job, in dem ich mich wohl und sicher fühle. Ich möchte gern Menschen helfen, habe gleichzeitig aber auch ein wenig „Angst“ vor ihnen, ihnen nicht gerecht zu werden oder die Arbeit mit Menschen schlicht auf Dauer nicht auszuhalten. In Phasen, in denen ich generell überfordert bin, stelle ich mir meinen Traumjob eigentlich so vor, dass ich größtenteils für mich allein arbeiten kann. Ideal wäre es, wenn es möglich wäre, Anteile dann auch im Home-Office zu erledigen. Es liegt mir auch sehr, zu organisieren und zu planen. Ich möchte mich in meinem zukünftigen Beruf „frei“ fühlen und nicht so wie früher mit der Schule dazu zwingen müssen, täglich Situationen auszuhalten, die mich auszehren und belasten. Ich habe furchtbare Angst, dass ich einfach das völlig falsche Studium für mich gewählt habe und jetzt Jahre und eine Menge Studiengebühren in den Sand gesetzt habe... Zusätzlich ist das Studium so theoriegeleitet, dass ich auch sowieso das Gefühl habe, eigentlich gar nicht richtig qualifiziert für irgendwas zu sein.
Habt ihr vielleicht Ratschläge für mich? Gibt es hier Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten und mir Tipps geben können – vielleicht auch gerade solche, die im Bereich Beratung, Weiterbildung etc. tätig sind? Oder in welchen sozialpädagogischen Berufen ihr sonst gut klarkommt? Was meint ihr, sollte ich mich einfach mal in dem Kinderheim bewerben und schauen, wie das so ist, oder lieber sofort was anderes machen – Beratungstellen oder Weiterbildungseinrichtungen? Was denkt ihr darüber?
Spotlessmind
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Re: Probleme mit der Berufswahl - Sozialer Bereich

Beitragvon Source » Mo 21. Okt 2019, 12:26

Hallo Spotlessmind,

erst einmal herzlich willkommen hier im Forum.

Hochsensibilität ist eine tolle Eigenschaft für Sozialpädagog*innen. Deine Klient*innen werden sie sicherlich zu schätzen wissen.
Du schreibst, du hattest in der Schule Schwierigkeiten mit der Unruhe in der Klasse und hast eine depressive Phase erlebt. Vor diesem Hintergrund würde ich dir nicht empfehlen, ein Praxissemester im Kinderheim zu machen. Abgesehen davon, dass dort auch oftmals Unruhe herrscht, wirst du dort Schichtdienste leisten müssen. Die können sehr belastend sein. Zudem hast du auch mit Kindern zu tun, die massive Gewalt im Elternhaus erfahren haben und die dir viel abfordern werden. In diesem Bereich würdest du sehr beansprucht. Vor allem im stationären Bereich ist es meiner Erfahrungen nach schwierig, sich zwischendurch abzugrenzen, wenn du ständig mit einer Gruppe von Klient*innen zu tun hast. Wenn du gern im Handlungsfeld Kinder – und Jugendhilfe arbeiten möchtest würde ich dir eher den ambulanten Bereich vorschlagen. Vor allem die Einzefallhilfe könnte eine Methode sein, die dir liegen könnte.
Außerdem würde ich dir raten, gar nicht so sehr auf die aktuellen Stellenangebote zu schauen. Wenn dir die Arbeit mit Menschen mit psychischen Erkrankungen liegt, warum nicht in diese Richtung gehen? Stellenangebote gibt es auch in diesem Bereich. Auch hier würde ich eher die ambulante Arbeit mit Einzelpersonen ins Auge fassen.

Hast du schon einmal überlegt, dich an deiner Hochschule hinsichtlich der Schwerpunktsetzung beraten zu lassen? Möglicherweise könnte dir auch die psychosoziale Beratungsstelle weiterhelfen.

Liebe Grüße
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Re: Probleme mit der Berufswahl - Sozialer Bereich

Beitragvon wassertropfen » Mo 21. Okt 2019, 21:42

Hallo,

vielleicht liegt dir die Einzelwertung mehr? Kann man sozialpädagogische auf dem Gebiet arbeiten?
Nachhilfe lag dir ja doch mehr - zB Nachhilfe für Kinder in sozialpädagogische Einrichtungen, aber im Einzelkontakt?
Oder in dem Bereich Berufsberatung?
Wie lange wäre das Praktikum? Ist ja nicht auf Dauer, oder?
Ich arbeite im Sozialbereich und habe auch Studienkollegen, die jetzt was anderes machen. Im weitesten Sinne hat es aber doch was mit dem Studium zu tun und eine abgeschlossene Ausbildung ist immer gut, egal ob man letztendlich in genau dem Bereich arbeitet oder nicht.
Wichtig ist, dass du einen Bereich findest, der für dich passt.
LG
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Re: Probleme mit der Berufswahl - Sozialer Bereich

Beitragvon Trude » Sa 16. Nov 2019, 20:41

Hallo Spotlessmind,
schön,dass Du so offen bist.
Was ich aus Deiner Beschreibung herauslesen kann, ist,
dass Du Dich so sehr ins Helfen vertiefst.
Schau doch mal nach Bereichen der sozialen Arbeit, in denen es mehr darum geht, Kindern eine schöne Zeit zu gestalten. Ich selbst bin Erzieherin in einer Kita und arbeite mit Kindern von 2-6 Jahren. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen.
Ich drücke Dir die Daumen, dass Du diesen Punkt, an welchem Du gerade stehst, schnell überwindet.
Alles Gute wünscht Dir Trude. _thum_
Trude
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Re: Probleme mit der Berufswahl - Sozialer Bereich

Beitragvon Freigeist » So 1. Dez 2019, 12:09

Hallo Spotlessmind :)

Ich kann deine Sorgen sehr gut verstehen. Mit den selben Gedanken schlage ich mich auch schon eine Weile herum.
Und ganz bestimmt viele andere HS auch icon_winkle
Mittlerweile sehe ich viele Dinge so: Alles, was wir bisher gemacht haben (Beruf, Studium, Praktikum etc.), ist unheimlich wertvoll.
Wir sollten nicht daran denken, dass es verschenkte Zeit war. Sondern lass es uns lieber so betrachten:

Ich habe vieles gelernt und habe mich auch in dieser Zeit weiterentwickelt. Für diese Erfahrungen bin ich sehr dankbar
und nehme diese mit auf meinen nächsten beruflichen Weg. Und da ist es erstmal ganz egal, wo dieser Weg hinführt.
Dieser Gedanke nimmt erstmal ein wenig Druck :-)

Ich stecke gerade an ähnlicher Stelle fest. In meinen bisherigen Job´s (Kauffrau im Einzelhandel und Bürokauffrau)
habe ich mich immer unwohler gefühlt. Nun versuche ich gerade erstmal zu schauen, was ich will, wer ich bin, was ich gut kann
(die üblichen Fragen, die man sich so stellt icon_winkle ). Das geht schon eine ganze Weile so und habe in dieser Zeit meine
HS entdeckt. Und bin zudem ein totaler Scanner.

So wie du überlege ich, ob der sozialer Bereich bzw. das Gesundheitswesen etwas für mich wäre.
Dein Vorteil: du hast dir bereits Wissen durch dein Studium angeeignet. :)
Ich stimme dir aber auch absolut zu, dass zu viele Menschen und zu viel Trubel sehr anstrengend
für uns werden können und das sorgt natürlich für eine gewisse Angst. Bin ich total bei dir. Ich interessiere mich auch für die tiergestützte Therapie,
da ich mich in der Nähe von Tieren sehr wohl fühle. Und gerade die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier und wie die Therapie auf die Menschen
wirkt, fasziniert mich. Da haben wir ein bisschen was gemeinsam :)

Wenn du einen Job hast, kommst du Stück für Stück deinem Ziel Näher und kannst herausfiltern, ob es das ist oder eher nicht. Wenn du dich nicht wohl fühlen solltest, bist du dennoch wieder einen Schritt weiter :) So, wie es z.B. bei deinem Master in Ethnologie war.

Ich mache ab Morgen ein freiwilliges Praktikum im Krankenhaus. Mal schauen, wo mich das hinführt :)
Wie wäre es, wenn du in einer beratenden Position arbeiten würdest. Könntest du dir das vorstellen? Etwa Eltern gezielt mit ihren Kinden beraten/begleiten und das aber in "Einzeltherapie". Das du dazu noch eine Weiterbildung machst wie Gesundheits- und Präventionsberater, Naturheilkunde für Kinder oder im psychologischen Bereich. Hier besteht evtl. die Möglichkeit auch von zu Hause aus zu arbeiten, wenn Schreibarbeit
ansteht. Genau über so etwas denke ich auch nach. Eine Selbstständigkeit wäre dann auch nicht ausgeschlossen (aber anderes Thema).

Für uns Hochsensible ist es sehr schwierig, weil wir bestimmte Arbeitsbedingungen brauchen. Soziale Berufe liegen uns. Gleichzeitig sind wir aber schneller überfordert als andere. Hilfreich an dieser Stelle ist es auch, an seiner Resillienz (psychische Widerstandsfähigkeit) zu arbeiten. Da lese ich mich auch gerade ein.

Ein beratender Beruf wäre evtl. gut, wo du gezielt auf einzelne Menschen eingehen kannst.
Ich bin nicht sicher, in wie weit es möglich ist. Wie wäre es, wenn du für dein Studium erstmal in die Kinder- und Jungendhilfe einsteigst und dort anbietest, dich speziell um einzelne Kinder in einem abgetrennten Raum kümmerst, z.B. wenn eines der Kinder unruhig in der Gruppe ist.
Dann wäre es für dich etwas angenehmer und du unterstützt deine Kollegen, indem du dich um das Kind kümmerst.
Nach deinem Studium gäbe es vielleicht Aussicht, dort eine Stelle zu bekommen, wo du aber nur 30 Stunden oder weniger arbeitest,
um für dich deinen Ausgleich zu bekommen und neue Kraft zu tanken. Wenn es für dich passt, kannst du sogar noch eine Weiterbildung nebenbei machen.

War jetzt etwas viel aber ich hoffe, dass es dir etwas weiter hilft. Melde dich gern wieder bei uns :)

LG Freigeist
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