Überfordert in der Ausbildung

Hier möchten wir in Diskussionen und Erfahrungsberichten zusammenfassen, wie bereichernd oder erschwerend HS im Alltag von Schule, Studium und Beruf ist.

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Überfordert in der Ausbildung

Beitragvon Pauli » Di 28. Mai 2019, 18:38

Hallöchen _Mij_

wie mein Betreff schon sagt, bin ich gerade ein wenig überfordert und verzweifelt.
Ich mache eine Ausbildung zur Medizinisch-technischen-Assistentin und bin gerade in meiner praktischen Phase. Das heißt ich arbeite gerade und muss im März 2020 wieder zurück in die Schule.
Als ich im März diesen Jahres zum Arbeiten gekommen bin, habe ich mich sehr gefreut. Meine Lehrer an der Schule waren der reinste Horror. Es ist ziemlich schwer die Situation zu beschreiben. Aber ich versuche es mal....

Also ich habe insgesamt nur 4 Lehrerinnen und 3 davon sind sehr verbündet und haben eine extrem komische Art. Alle 3 sind sie sarkastisch, so wie ich es bisher noch nie erlebt habe. Sie verarschen uns Schüler, wo sie nur können, stellen uns als dumm dar, aber machen immer einen Witz draus. Wenn man dann selber mal einen Witz macht, sind sie aber total wütend und man bekommt einen riesen Ärger.
Die Lehrerinnen sind immer unter sich und die Rektorin bekommt nicht sonderlich viel mit, weswegen sie machen können was sie wollen.
So oft bekommen wir zu hören, dass wir schlecht sind und nichts können. Selber sind sie aber nur zu 20% des praktischen Unterrichts anwesend. Sie drohen einem damit, dass man durch Prüfungen durchfällt und machen einem überhaupt keinen Mut. Selber lachen sie aber darüber und finden es witzig, uns so zu behandeln.
Außerdem müssen sie ständig ihre Macht demonstrieren. Andauernd entscheiden sie Sachen, die unmöglich sind und will man mal mit ihnen darüber reden, wird man angemotzt und die Tür wird einem vor der Nase zugeschmissen. Geht man dann zu der vierten, sehr netten Lehrerin, um mit ihr darüber zu reden, wird man als kleines, petzendes Kind bezeichnet.

Ein anderes Problem ist, dass viele meiner Mitschüler den Humor der Lehrerinnen nicht so schlimm finden. Die ganze Zeit hab ich mich gefragt, was mit mir nicht stimmt.. eigentlich bin ich überhaupt nicht humorlos und hab auch kein Problem mit Sarkasmus. Aber in der Schule habe ich mich ständig unwohl und angegriffen gefühlt. Ich dachte, ich bin eine Spaßbremse, weil ich mit dem Humor nicht klar kam. Es war mir einfach zu viel... mir ging es dort überhaupt nicht gut.

Dann kam ich zum Arbeiten und ich habe mich so sehr darauf gefreut. Endlich weg von dieser Schule!

Am Anfang hab ich mich auch noch echt wohl gefühlt. Man war sehr nett und hat viel erklärt. Doch nach ein paar Wochen, war die Anfangsphase vorbei und man wurde als Schüler die ganze Zeit mit Aufgaben zugeschüttet. Teilweise musste ich 4 Stunden nur springen ohne 5 Minuten einfach mal sitzen zu dürfen. Persönlich finde ich, dass meine geleistete Arbeit gut war und ich mir echt Mühe gegeben hab. Doch trotzdem hatte ich ständig das Gefühl, alle zu enttäuschen und nicht genug zu leisten.
Außerdem war es teilweise sehr voll und hektisch... ich habe mich extrem unwohl gefühlt und konnte unter dieser Bedingung nicht mehr so arbeiten, wie ich es eigentlich gekonnt hätte. Doch keiner hat das verstanden. Ich hatte Angst faul zu wirken und stand dadurch noch mehr unter Druck.
Ich sitze die letzten Tage einfach nur noch ab, aber könnte die ganze Zeit nur heulen und muss es mir andauernd verkneifen.

Ich wechsel bald meine Praktikumsstelle, in der ich dann etwas ganz anderes machen werde.. also eigentlich sollte es mir wieder besser gehen, weil ich bald von der jetzigen Stelle weg bin. Aber ich habe einfach nur Angst, dass ich nie etwas finden werde, was mir Spaß macht und wo ich mich wohl fühle. Ständig geht mir durch den Kopf, dass ich eh wieder überfordert sein werde.


Hat jemand vielleicht ein paar Tipps, liebe Worte oder selbst Erfahrungen, die er mit mir teilen kann? Mit welchen Gedanken sollte ich in die neue Praktikumsstelle reingehen? Ich bin so verunsichert deswegen...

Ich würde mich sehr über Antworten freuen :)


Liebe Grüße
Pauli
Pauli
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Re: Überfordert in der Ausbildung

Beitragvon DesdiNova87 » Di 28. Mai 2019, 20:40

Hi Pauli,

ich habe erst letztes Jahr auf dem zweiten Bildungsweg meine Ausbildung zum "Industriekaufmann International" erfolgreich abgeschlossen und kann mich gut in dem wiederfinden, was du so geschrieben hast.

Du fragst ob jemand einen Spruch für dich hat, mein Spruch würde am ehesten lauten: "Lehrjahre sind keine Herrenjahre"

Das habe ich mir jedenfalls in verschiedenen Phasen der Ausbildung immer mal wieder gesagt und es hat geholfen auch schlimme Phasen zu überstehen. Die Belastung während der Ausbildung war extrem für mich, ich bin in der Zeit von knapp zwei Jahren sechs mal umgezogen, um immer am richtigen Ort zu sein für Praxisphasen im Unternehmen oder für die Schulblöcke. Eine Zeit lang bin ich auch gependelt, aber das war noch schlimmer.

Wir hatten auch manche schwierigen Lehrpersonen, z.B. eine Dame die eigentlich Motivationstrainerin ist und ihren Job total lebt und super ernst nimmt. Bei ihr hatte man immer den Eindruck, das sie glaubt die nächste Führungselite vor sich zu haben und ein Programm für Top-Manager durchzuziehen. Bei mir ist das ziemlich auf Widerstand gestoßen, auch wenn die Dame an sich eigentlich sehr nett war. Ich mag es einfach nicht, wenn man die ganze Zeit gezwungen wird alles kompromisslos toll zu finden und für alles Begeisterung zeigen zu müssen. Auf ihrer Seite führte das zum Eindruck mich besonders aktivieren zu müssen. Bei ihr haben wir ständig Rollenspiele usw. gemacht, nichts was uns in der Prüfung später irgendwie geholfen hat. Ich will nicht sagen das ihre Seminare nicht auch was gebracht haben oder auch mal Spaß gemacht haben, aber ich hätte mir dafür eine freiwillige Teilnahme gewünscht, an manchen Tagen hatte man da einfach kein Bock drauf und es war sehr kräftezehrend, z.B. wenn man den folgenden Tag eine Buchhaltungsklausur geschrieben hat.

Dann waren auch nicht alle Kursteilnehmer auf einer Wellenlänge. Es gab allenthalben Reibereien und Konflikte. Das ging so weit, das andere Kursteilnehmer Fragen beantworteten, die eigentlich an die Lehrkraft gerichtet waren, bevor diese überhaupt reagieren konnte. Das hat zu einer Atmosphäre geführt, das man kaum noch Lust hatte Fragen zu stellen, sondern sich lieber alles selbst im Stillen erarbeitet hat. Während der Bearbeitung von Aufgaben war es durch Gespräche oft sehr laut im Seminarraum, einmal habe ich dann den Fehler gemacht und mir einen anderen Raum zum Arbeiten gesucht. Das haben mir einige aus der Gruppe ziemlich übel genommen, was für mich bis heute unverständlich ist.
Man war auch immer wieder gezwungen zusammen zu arbeiten in Gruppenarbeiten. Verschiedene Leute sind dann regelmäßig am Präsentationstag nicht gekommen, wie man das so kennt.

In den Praxisphasen im Unternehmen ging es auch nicht immer angenehm zu. Im Grunde haben die Unternehmen uns nur als billige Arbeitskräfte gesehen, mit der derzeitigen Gesetzgebung ist Praktikanten leider immer noch kein Mindestlohn zu zahlen, wenn das Praktikum Teil einer Ausbildung ist. Wobei wir ja eigentlich gar keine Praktikanten waren, sondern Azubis. Andererseits hätten die Unternehmen uns zum Großteil gar nicht erst einen Platz angeboten, wenn sie hätten zahlen müssen. Aus der Perspektive ist es durchaus ein Privileg, in einem Industriestaat eine Ausbildung finanziert zu bekommen, ich meine im internationalen Vergleich ist es Jammern auf hohem Niveau. In der Praxis hieß es letztlich ich musste genauso arbeiten wie die Vollangestellten im Unternehmen, wurde aber nicht dafür bezalht und durfte auch gerne Arbeiten übernehmen, die den anderen zu blöd waren.

An dieser Stelle hat sich meine Arbeitseinstellung als sehr positiv erwiesen, denn ich bin jemand der nicht aufsteckt und auch in scheinbar stupiden Aufgaben wie z.B. Dokumentenablage eine Herausforderung sieht. Meine Philosophie ist es, das es eine jede Tätigkeit zu meistern gilt und die optimale Bearbeitung ermittelt werden kann. So machen auch ungeliebte Aufgaben irgendwann Spaß, wenn man sie perfekt beherrscht und dann auch schneller erledigen kann. Das bekommt das Umfeld natürlich auch mit und es dauert nicht lange und man bekommt immer bessere Aufgaben. So hatte ich mich in zwei Abteilungen mit der Zeit in eine gute Position gebracht, denn wer was leistet wurde auch respektiert, und bei manchen konnte man auch beobachten, das sie sich Sorgen machten, überflügelt zu werden vom Praktikanten. Mobbing gab es leider auch im Unternehmen, und es ist immer besser nicht ganz am Ende der "Nahrungskette" zu stehen.

Also ich glaube da kann man schon den Tipp draus ableiten, sich fachlich reinzuknien und gut im Job zu sein, das erleichert einem in vielerlei Hinsicht das Leben.

Dann würde ich versuchen immer das Ziel im Auge zu behalten. Die Ausbildung geht schneller um als man denkt. Danach kommen einem diese ganzen Grabenkämpfe total unnötig vor. Also versuch keine Energie in negative Gedanken zu stecken, Mitschüler und Lehrer betreffend. Nach der Prüfung wirst du nur noch die wiedersehen, die dir am Herzen liegen.

Ich weiß jetzt nicht inwieweit dir das weiterhilft, was ich geschrieben habe. Es ist eine Kurzfassung meiner Erfahrungen in der Ausbildung, mit dem Schwerpunkt auf den negativen Erfahrungen (gab auch viele positive), und den Schlüssen die ich daraus gezogen habe.

LG DesdiNova87
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