Wie ist berufliche Moral finanzierbar ?

Hier möchten wir in Diskussionen und Erfahrungsberichten zusammenfassen, wie bereichernd oder erschwerend HS im Alltag von Schule, Studium und Beruf ist.

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Wie ist berufliche Moral finanzierbar ?

Beitragvon Stoffel » Di 26. Feb 2019, 17:33

Da es nix mit HS zu tun hat, schreibe ich es hier ins Offtopic.

Der Job den ich 25 Jahre gemacht habe, hat mich körperlich und nervlich kaputt gemacht. Inzwischen durfte ich auch feststellen, das ich es moralisch nicht mehr schaffe,
den Mist der Lebensmittelindustrie zu produzieren. Süßkram als gesund anzupreisen, von dem absolut nix gesund ist.

Da eine berufliche Neuorientierung ansteht, frage ich mich momentan, wieviel ich weniger verdienen kann. Mein alter Job, egal wie scheiße ich ihn heute finde, hat mir mein Leben finanziert, die Familie ernährt und alle Rechnungen bezahlt.

Ein Job der dein Leben finanziert, aber moralisch nicht vertretbar ist, wie geht man damit um ? Ich könnte niemals in einem Callcenter arbeiten, und anderen unnötige Versicherungen andrehen um davon zu leben.

Wie stark seid ihr moralisch davon abhängig, was ihr beruflich macht ?
Wissen macht krank, nix wissen auch, ist aber nicht so stressig
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Re: Wie ist berufliche Moral finanzierbar ?

Beitragvon Source » Di 26. Feb 2019, 19:21

Hallo Stoffel,

ich habe die Überschrift deines Strangs gelesen und frage mich, was du mit deiner Frage konkret meinst. Geht es dir darum zu erfahren, wie oder auf welchem Weg man es schafft, sich berufliche Moral leisten zu können? Oder wie man finanzielle Mittel anhäuft, um berufliche Moral zu finanzieren?

Deine eigentlichen Fragen scheinen zu sein:
Stoffel hat geschrieben:Ein Job der dein Leben finanziert, aber moralisch nicht vertretbar ist, wie geht man damit um ? Ich könnte niemals in einem Callcenter arbeiten, und anderen unnötige Versicherungen andrehen um davon zu leben.
Wie stark seid ihr moralisch davon abhängig, was ihr beruflich macht ?


Ich möchte verstehen, was du meinst. Die Frage in der Überschrift hat aus meiner Sicht wenig mit deinen anderen Fragen zu tun - mich irritieren diese unterschiedlichen Fragen :-)

Viele Grüße
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Re: Wie ist berufliche Moral finanzierbar ?

Beitragvon Eisvogel » Di 26. Feb 2019, 20:08

Source schreibt:
Deine eigentlichen Fragen scheinen zu sein:
Stoffel hat geschrieben:Ein Job der dein Leben finanziert, aber moralisch nicht vertretbar ist, wie geht man damit um ? Ich könnte niemals in einem Callcenter arbeiten, und anderen unnötige Versicherungen andrehen um davon zu leben.
Wie stark seid ihr moralisch davon abhängig, was ihr beruflich macht ?


Ich möchte verstehen, was du meinst. Die Frage in der Überschrift hat aus meiner Sicht wenig mit deinen anderen Fragen zu tun - mich irritieren diese unterschiedlichen Fragen :-)

Mich auch. Soll es spekulativ bleiben oder soll man über sein eigenes Leben schreiben? Jeder lebt und arbeitet anders - in verschiedenen Familiensitualtionen und Branchen, daher kann man nicht direkt so vergleichen, dass es einem Einzelnen wirklich weiter hilft, denke ich. Oder soll es eher auf systempolitische Themen hinauslaufen, eine Ebene höher als nur persönliche Erfahrungen preisgeben, oder beides?

Stoffel schreibt:
Der Job den ich 25 Jahre gemacht habe, hat mich körperlich und nervlich kaputt gemacht. Inzwischen durfte ich auch feststellen, das ich es moralisch nicht mehr schaffe,
den Mist der Lebensmittelindustrie zu produzieren. Süßkram als gesund anzupreisen, von dem absolut nix gesund ist.

Ich finde Süßigkeiten überhaupt nicht ungesund. Alles in Maßen ist doch völlig ok und Alternativen zu Zucker gibt es Unmengen. Stevia ist zB Süßkram und ok.
Wenn es nach Moral im Beruf geht, könnte zB niemand niemand mehr im (deutschen) Handwerk ohne Gewissensbisse überhaupt arbeiten, aber nicht nur im Handwerk. Daher also wieder die Fragen, s.o..
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Re: Wie ist berufliche Moral finanzierbar ?

Beitragvon visitor » Di 26. Feb 2019, 20:51

Wahrscheinlich hat Stoffel einfach die Nase voll, vom kapitalistischem Geheuchel.
Und ja, die Erkenntnis ist ein Prozess, vor dem so einige nach vielen Jahren im Job stehen dürften.
Letztlich verkauft man sein Leben und Werte in vielen Jobs, um es mal etwas überzogen zu formulieren.
Und das Thema ist m.E. zudem ein HS Topic und betrifft wohl fast alle Job-Sparten in der heutigen Zeit.

Ich kann Stoffel gut verstehen und suche auch noch einen Weg ...

P.S.: Vllt. kann ein Moderator diesen Beitrag in "Arbeit und Ausbildung" verschieben!? Wenn es Stoffel recht ist?
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Re: Wie ist berufliche Moral finanzierbar ?

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Di 26. Feb 2019, 21:13

Also, ich finde Stoffels Frage kein bisschen irritierend, sondern völlig nachvollziehbar:

Was soll man tun, wenn zwei persönlich wichtige Anliegen, die man an seine Lebensführung stellt, kollidieren?

Auf der einen Seite die Notwendigkeit, Geld für den Lebensunterhalt für Familie und sich selbst herbeizuschaffen – auf der anderen Seite das Bedürfnis, eine Tätigkeit auszuüben, in der man nach seinen Maßstäben einen Sinn, bzw. nicht auch noch sogar etwas Sinnloses/gar Unmoralisches sieht.

Ich kann da keine Antwort geben, aber ich kann das durchaus verstehen, dass das ganz schön vertrackt sein kann: Da kannste doch echt ins Grübeln kommen, und das womöglich jeden Tag.
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Re: Wie ist berufliche Moral finanzierbar ?

Beitragvon izmi » Di 26. Feb 2019, 22:56

Ja, eine schwieriger, mutidimensionaler Entscheidungsraum. Außer um Moral und Geld geht es ja auch noch um Spaß, Sinn, Freude und nicht zu vergessen die eigenen Fähigkeiten und Beschränkungen.

Ideal ist das nie. Ich verdiene seit drei Jahren deutlich mehr, dafür muss ich oft "ungemütliche" Arbeitsumgebungen ertragen. Im Moment scheint mir das machbar, vor 10 Jahren eher nicht. Und dauerhaft Geldsorgen zu haben ist halt auch eine Stressquelle.

Ich glaube, eine allgemeine Antwort auf die Frage gibt es nicht. Mensch muss halt seine eigene Antwort finden. Aber einen heftigen moralischen Konflikt könnte ich nicht auf Dauer ertragen.

Um in's spezielle zu gehen: bist Du Lebensmittlchemiker? Dann wird es vielleicht schwer, zu wechseln. Machst Du Einkauf und Vertrieb? Dann geht sicher auch noch was anderes. Ist halt wirklich eine sehr persönliche Einzelfallsache, denke ich.
_panik_
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Re: Wie ist berufliche Moral finanzierbar ?

Beitragvon Stoffel » Mi 27. Feb 2019, 00:24

Ja es sind viele Fragen, aber die habe ich momentan nunmal alle.

Der Thread kann gern in Arbeit und Beruf verschoben werden.

Um aufs Spezielle zu antworten - ich bin in der Produktion (gewesen) und weiß was wirklich in Getränken, Bonbons, Saft, Joghurtschlonz, etc. drin ist.
Ich habe Koch gelernt, dadurch weiß ich auch was der Metzger mit Wurst und Fleisch anstellen kann, und durch Bekannte Bäcker/Konditoren weiß ich was man da so mogeln kann. Was Foodwatch manchmal anprangert, ist in der Lebensmittelbranche nur die Spitze des Eisbergs.
Allergiebedingt mache ich inzwischen clean Eating - heißt ich koche alles was geht möglichst selber. Aus Zeitgründen funktioniert das zu ca. 90%. Weil ich nicht mehr einfach in den Laden gehen, etwas kaufen und es essen, bin ich deshalb teilweise richtig - ÄRGERLICH -

Wellnessgetränke sind nur Limo, die meißten Teegetränke auch, und aus frisch aufgebrühtem Tee kann trotzdem nur Zuckerplörre sein. In Wurst kommt statt Fett teilweise Milchpulver, weil es angeblich weniger Kalorien hat. Inzwischen wird Wurst in der Werbung zum Teil wieder als Laktosefrei angepriesen - echt lustig.

Überall wo es ums Geld geht, werden wir beschissen. Aber auf Nahrungsmittel können wir nicht so einfach verzichten, wie auf eine Versicherung gegen Würfelschmonz.

Da ich auf der Suche nach einer für mich komplett neuen Berufsumgebung bin, ist jetzt die Frage, wo wird ohne Beschiss gearbeitet ?
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Re: Wie ist berufliche Moral finanzierbar ?

Beitragvon Jamania » Mi 27. Feb 2019, 09:41

Ich finde dein Thema sogar sehr berechtigt!
Deine Infos sind für mich die Fakten, die ich als Verbraucher (und viele Verbraucher) eigentlich vage ahne.
Man traut sich nicht genauer hinzuschauen, weil die Konsequenzen dann eine radikale Änderung des Lebensstils zur Folge haben müssten, was nicht so einfach zu bewerkstelligen ist.

Vielleicht auch noch ein Punkt: man müsste sich fragen, als was man die Menschen ansieht, die einen mit dem Wissen das sie haben, belügen, betrügen, indirekt vielleicht sogar vergiften... (im Extremfall)?
Die nette Verkäuferin an der Wursttheke, der freundliche Kassierer, der Freund, der im Einkauf tätig ist....
Ganz schwierige Geschichte, wenn man da mal näher hinschaut, also tun wir es nicht so wirklich - oder nur an den Spitzen, die so schön depersonalisiert sind - die "großen Konzerne"

In einer Situation wie deiner würde ich mal auf die neue Gründerszene schauen, die genau das erkannt hat und versucht im ganz kleinen da gegen zu steuern.
Ist vielleicht die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, denn im Gegensatz zur Großindustrie sind dort eben noch nicht die Strukturen geschaffen und viele Jobs zu vergeben, aber es geht genau um dein Thema: Menschen, die mit der jetzigen Lage unzufrieden sind und aktiv gegensteuern wollen.
Hier sind ein paar Links:
https://gruene-startups.de/
https://www.lifeverde.de/gruene-unterne ... e-startups
https://start-green.net/
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Re: Wie ist berufliche Moral finanzierbar ?

Beitragvon Stoffel » Mi 27. Feb 2019, 10:44

Danke für die Links, aber um mich selbstständig zu machen fehlt mir die Kraft. Und wenn ich ehrlich bin, will ich nach 30 Jahren beruflich mit Essen nix mehr zu tun haben.
Die Rentenversicherung soll mich beraten was noch geht, und dann fange ich komplett neu an.

Edit

Kann einen das Amt eigentlich zu offensichtlich unmoralischer Arbeit zwingen ? Z.B. im Callcenter Leuten Versicherungen auf Provisionsbasis andrehen ?
Zuletzt geändert von Stoffel am Mi 27. Feb 2019, 11:09, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wie ist berufliche Moral finanzierbar ?

Beitragvon Jamania » Mi 27. Feb 2019, 11:08

ähm, ....

1. geht es nicht nur um Essen, sondern um alle möglichen Bereiche - von Energie bis Verpackung, von Reisen bis Gärtnern....

2. geht es nicht darum, sich selbstständig zu machen, sondern in den Bereichen nach Jobs zu suchen, in denen eben Moral finanziert wird

3. wenn du komplett "neu" anfangen willst, dachte ich dass du damit die Einstellung hinter dem Berufszweig mit einbeziehen wolltest und nicht einfach nur einen neuen Job bei anderen Playern als deinen suchst

Mein Fehler, sorry
Dann habe ich hier nichts mehr beizutragen
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