"Märchen von der traurigen Traurigkeit"

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"Märchen von der traurigen Traurigkeit"

Beitragvon Augenblick » Do 27. Feb 2014, 14:21

Märchen von der traurigen Traurigkeit

Es war einmal eine kleine Frau, die einen staubigen Feldweg entlanglief.
Sie war offenbar schon sehr alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.
Bei einer zusammengekauerten Gestalt, die am Wegesrand saß, blieb sie stehen und sah hinunter.

Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Decke mit menschlichen Konturen.
Die kleine Frau beugte sich zu der Gestalt hinunter und fragte: "Wer bist du?"

Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit", flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.

"Ach die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.

"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit misstrauisch.

"Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal, hast du mich ein Stück des Weges begleitet."

"Ja aber...", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du dann nicht vor mir?
Hast du denn keine Angst?"

"Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will:
Warum siehst du so mutlos aus?"

"Ich..., ich bin traurig", sagte die graue Gestalt.

Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig bist du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was dich so bedrückt."

Die Traurigkeit seufzte tief.

"Ach, weißt du", begann sie zögernd und auch verwundert darüber, dass ihr tatsächlich jemand zuhören wollte, "es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest."

Die Traurigkeit schluckte schwer.

"Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: 'Papperlapapp, das Leben ist heiter.' und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: 'Gelobt sei, was hart macht.' und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: 'Man muss sich nur zusammenreißen.' und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: 'Nur Schwächlinge weinen.' und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen."

"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir auch schon oft begegnet..."

Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen.

"Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf, wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu."

Die Traurigkeit schwieg.

Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt.

Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.

"Weine nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt."
Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin:

"Aber..., aber – wer bist du eigentlich?"

"Ich?" sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd. "Ich bin die Hoffnung."

Inge Wuthe
Das lineare Kausalitätsdenken liefert schon lange keine Erklärungen mehr:
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~Paul Watzlawick~

Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel
Gutes in den Menschen hineinhuschen kann.

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Re: "Märchen von der traurigen Traurigkeit"

Beitragvon Pierrot » Do 27. Feb 2014, 21:53

Wunderschön:-)
Erstaunlich, daß der Mensch nur hinter seiner Maske ganz er selbst ist.
Edgar Allan Poe 1809-1849
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Re: "Märchen von der traurigen Traurigkeit"

Beitragvon habibti » Do 27. Feb 2014, 22:04

Liebe Augenblick,

vielen Dank für dieses Märchen, es ist wunderschön. Wenn es nur so leicht wäre mit dem Weinen, dann hätte ich ein ganzes Meer voller Tränen. ... Ich habe mal ein Gedicht über die Traurigkeit geschrieben. Mal sehen, ob ich es finde.
Lieben Gruß, habibti
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Re: "Märchen von der traurigen Traurigkeit"

Beitragvon habibti » Do 27. Feb 2014, 22:18

Ist nicht das, was ich gesucht habe, aber es paßt trotzdem ...

Nachruf an meine nicht geweinten Tränen

Ungeweint,
ungezählt,

wartet Ihr
bis heute darauf,
geweint
zu werden.

Aufgeschoben,
vertröstet,
später einmal.

Daraus ist
nie etwas
geworden,
bis heute nicht.

Ihr fragt mich,
ob ich Euch
je weinen werde ?

Ich weiß es nicht.
ich kann es nicht.
Ich habe Angst davor.

Aber seid Euch gewiß,
ich habe Euch
nicht vergessen.

Jeden Tag,
wirklich jeden Tag,
habe ich an Euch
gedacht,
und gewünscht,
ich könnte Euch
endlich weinen.

Ihr seid ein
großer Teil
meines Lebens,
ich werde Euch
nicht vergessen.

Ihr seid in mir,
in meinem Herzen
verborgen,
und Ihr wartet.

Ich bitte Euch,
gebt mich nicht auf,
damit ich Euch
eines Tages
befreien kann.
Wir können das nur
zusammen tun.


by habibti
Lieben Gruß, habibti
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Re: "Märchen von der traurigen Traurigkeit"

Beitragvon hishra » Do 27. Feb 2014, 23:13

Wunderschöne Geschichte, gefällt mir unheimlich gut!
Trenne dich nie von deinen Illusionen und Träumen. Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren, aber aufgehört haben zu leben.
Mark Twain
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Re: "Märchen von der traurigen Traurigkeit"

Beitragvon Augenblick » Fr 28. Feb 2014, 11:00

Liebe habibti!

habibti hat geschrieben:Ist nicht das, was ich gesucht habe, aber es paßt trotzdem ...


Meines Erchtens passt es sogar ganz hervorragend. Wirklich berührende Zeilen, dankeschön!

Liebe Grüße
Augenblick _flöwer_
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Re: "Märchen von der traurigen Traurigkeit"

Beitragvon habibti » Fr 28. Feb 2014, 15:05

Gerne, liebe Augenblick.

_wol_
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Re: "Märchen von der traurigen Traurigkeit"

Beitragvon Kaveri42 » Fr 28. Feb 2014, 17:04

Wunderschön die Geschichte!!! Hatte glatt ein paar Tränen in den Augen!
Dein Gedicht ist auch sehr schön, Habiti. Spricht mir sehr aus der Seele.

Obwohl ich seit Jahren immer wieder weine und so viele verzweifelte Augenblicke hatte und habe, sind noch so viele Tränen in mir.
Ob die Flut jemals endet???
Kaveri42
 

Re: "Märchen von der traurigen Traurigkeit"

Beitragvon habibti » Fr 28. Feb 2014, 17:21

Liebe Kaveri,

dankeschön. _Mij_
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Re: "Märchen von der traurigen Traurigkeit"

Beitragvon Bin auf meinem Weg » Sa 10. Dez 2016, 16:39

Wunderschön!
Don´t Panic. Hauptsache du weißt immer wo dein Handtuch hängt. icon_winkle
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