eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon ko(s)misch » Mo 18. Aug 2014, 12:58

Der Schatten

in der warmen Abendsonne
möcht‘ ich gehen baren Fusses
über warmen sanften Sand
nur verfolgt von meinem Schatten
diesen Schatten, den ich liebe
der mein Wesen wieder
zu einem Ganzen macht
drum möcht‘ ich ihn erreichen
meinem Licht entweichen
Armer Tor die Leute schrei’n
kannst nicht du ein Schatten sein

„Allmächtiger!“, schrie der weise Greis und trat aus dem Schatten einer mächtigen, alten Eiche hervor.
Erschrocken sah der junge Mann vom Fusse der Anhöhe zu dem Greisen hinauf, der ihm langsam entgegenkam. „Du liebst deinen Schatten nicht“, sprach er. „Vergiss niemals mein Söhnchen deine wahre Natur. Du kennst deine Bestimmung so gut wie ich. Du willst aber niemals von deiner Erfahrung lehren, Herrgott. So erwache, junger Geist, ich will dich deines Weges führen. Siehst du denn nicht, dass deine Bestimmung nicht beim gemeinen Volke ist, sondern ihm abgewandt, einsam und bescheiden, das Leben des Eremiten lebend?“
Da endlich dämmerte es dem jungen Mann, aber die Erkenntnis war so schmerzlich, dass er augenblicklich sterben wollte und er kauerte am Boden, am Leibe zitternd und bittere Tränen weinend.
„Ach, gepeinigte Seele“, flüsterte der weise Greis und strich dem jungen Mann – der in seinem Herzen noch ein Knabe war – sanft über das Gesicht und das blonde Haar. „Möge deine Seele ihre Ruhe finden“. Dann half er ihm aufzustehen, drückte ihn an sich wie seinen eig’nen Sohn und für einen Augenblick wurde es ganz stille im Walde. Die Vöglein hatten mit ihrem Singsang aufgehört und wie die anderen wilden Tiere waren sie gebannt von dieser fremden Szene.
Das Leben und seine Erfahrungen hatten den weisen Greisen gelernt, nicht viel vom Leben zu erwarten, sondern alles hinzunehmen – mit einer Gleichmut, die von grosser innerer Kraft zeugte.
Es gefiel ihm, diesem jungen Manne beizustehen, denn war doch auch er ein Suchender gewesen –
oh, er war es immer noch und wie sehr hätte er sich damals selbst jemanden gewünscht, dem er sich hätte anvertrauen können, dessen Weisheit er hätte vernehmen können. Und doch will alle Weisheit selbst erlernt werden, dachte er sich – was er dann in leisem Ton dem Jüngling ins Ohr flüsterte. „Frage dich immer, was deine Erfahrung dich lehrt, mein Sohn“, fügte er flüsternd hinzu. Langsam löste sich der Jüngling aus der wohligen Umarmung und sah dem weisen Greisen liebevoll und mit klarem Blick in die Augen. Der Greise lächelte sanft, während sich auf dem knabenhaften Gesicht des Jünglings ein vages, demütiges Lächeln spiegelte. „Seien die Sterne mit dir, Suchender. Mögen sie dich leiten und manche wirst du gar erreichen“, sagte der weise Greis zum Abschied.
Es war bei den mächtigen, alten Eichen, die etwas versetzt am nahen Walde standen, wo sich ihre Wege trennten.
In der Brust des jungen Mannes hämmerte ein brennendes Herz. Seine Gedanken kreisten wild um die fliehende Begegnung und er wollte noch einen letzten Blick auf seinen in alle Welt dahineilenden Animorum werfen; hatte er ihn doch lieb gewonnen und ward ihm seine einsame Wanderung ein Graus; nur seine Vernunft hinderte ihn daran. So trat er seine Reise alleine an, zu Fuss über von Tannenzapfen gesäumten Waldesgrund; immer tiefer hinein, wo die Tannen so dichte standen, dass kein Durchkommen mehr war. Er war bald hier, bald dort; so irrte er blind umher. Die Dämmerung war indes hereingebrochen und die Schatten der Bäume wurden immer länger – ein letztes, schwaches Licht drang durch die Baumkronen hindurch und schliesslich war es so dunkel, dass er seinen Weg nicht mehr erkennen konnte. Da fürchtete er sich mit seiner Fantasie. Wilde Tiere waren nah und böse Geister – das bildete er sich gerne ein und drum schrie er wie ihresgleichen, womit er seine Stimme wieder gefunden hatte und den Mut, seinen Weg in der Dunkelheit fortzusetzen.

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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon ko(s)misch » Mo 18. Aug 2014, 18:54

ko(s)misch hat geschrieben:Siehst du denn nicht, dass deine Bestimmung nicht beim gemeinen Volke ist, sondern ihm abgewandt, einsam und bescheiden, das Leben des Eremiten lebend?“

diese aussage ist zu radikal/ zugespitzt/ undifferenziert von smop . sie entstand damals aus einer depressiven gemütslage heraus. ich kann diese also mittlerweile (da es mir psychisch deutlich besser geht, trotz fiktionaler erzählung und insb. weil ich inspirieren möchte) nicht vorbehaltlos so stehen lassen. natürlich sind wir HSP eher Aussenseiter, d.h. aber nicht automatisch, dass wir einsam sind und uns nie unter andere Leute mischen sollten... (und nicht Ausschau halten nach passenden Menschen und zugleich auf unser Rückzugsbedürfnis eingehen)
ich wünsche euch allen mind. einen besten freund/ beste freundin! (qualität vor quantität)
an dieser stelle möchte ich zum ausdruck bringen, dass ich (gott) dankbar bin für die langjährige freundschaft mit meinem besten freund.
(denn was wären wir nur ohne sie, unsere freunde? würmer, die im dreck herumkriechen vielleicht? 647&/(sinnbildlich gesprochen, versteht sich)
freunde, die uns so annehmen, wie wir sind und nicht versuchen, uns zu erziehen bzw. uns in eine kopie ihrer selbst umzugestalten (pygmalion-projekt lässt grüssen), sind ein wahrer segen in diesen seelenlosen zeiten...)

lg o.k.(s)misch

ps1: übrigens: projiziert hesse bzw. haller sein tiefgründiges wesen in hermine? Das Nebeneinander von "Lebemenschattributen"/ Künstlervirtuosität UND HSP-Tiefgründigkeit scheint mir zwar in der FIKTION möglich, jedoch in der (irdischen) REALITÄT unvereinbar (in EIN und DERSELBEN Person).
oder besteht diese Projektion doch eher darin, dass er seine eigene latenten hedonistischen Wesenszüge in Hermine wahrnimmt?
oder introjiziert (möglich durch Empathie; "das Wesen der Objektliebe"/ Selbst-Erweiterung) er gleichzeitig ihr "hedonistisches, unbeschwertes, fröhliches wesen"? => so verliebt man sich unter umständen in eine Person, die nicht zu einem passt! was ist dann der sinn dahinter? sich und andere verstehen, seinen (Jungschen Schatten) entwickeln (so weit das eben geht) und sich annehmen und lieben so wie man eben ist.
(das war eine... richtig - abschweifung gespickt mit fragen) U72(
ps2: wo bleibt die bewegung/ vervollkommnung hin zum göttlichen, zum tugendhaften, zum guten im jungschen konzept der individuation?, da fehlt mir definitiv das einstimmen auf den persönlichen, göttlichen gedankenjustierer (siehe urantia büchle)
ps3: ja, ich gebe freimütig zu, insb. ps2,4+7 hören sich ko(s)misch an
ps4:
"Wir können nicht erklären, worauf die Zuteilung der Justierer beruht, aber wir vermuten, dass die Verleihung dieser göttlichen Geschenke gemäß einer weisen und wirksamen Versicherung ewiger adaptiver Vereinbarkeit mit der bewohnten Persönlichkeit erfolgt. Wir beobachten, dass der erfahrenere Justierer oft einen höheren menschlichen Verstandestyp (=> ich denke mir z.B. intelligente, echte HSP) bewohnt; das menschliche Erbteil muss demnach eine beträchtliche, Auswahl und Zuteilung bestimmende Rolle spielen."(1185.3) 108:1.1 Urantia Buch
ps5:
"the ultimate purpose of introspection seems to be self transcendence, realizing that god-fragment in one's self." (engima)
ps6:
"Die Justierer sind der Wille Gottes" (1190.3) 108:4.2 (UB)
was ist der Wille Gottes?
- 10 Gebote
- "Du sollst deinen Gott lieben, deine Mitmenschen wie dich selbst (auch wenn wir vollkommenheit nicht erreichen, inkl. Platinum-Regel: "die anderen so behandeln, wie sie behandelt werden wollen (so gut es eben geht; in der regel ähnlich wie man selbst behandelt werden möchte => z.B. liebevoll)"
- Kardinaltugenden(klugheit, weisheit, gerechtigkeit, tapferkeit)
+theologische tugenden /glaube/liebe/hoffnung)
- +? (manche dinge sollte man offen lassen bzw. der eigenen erfahrung/ individuation überlassen; denn ganz genau können die sterblichen von raum und zeit den "willen gottes" gar nicht kennen)
mich dünkt, es habe damit zu tun:

(1435.2) 130:4.10 Das Wissen ist die Sphäre des materiellen, die Tatsachen erkennenden Verstandes. Die Wahrheit ist das Gebiet des geistbegabten Intellekts, der sich bewusst ist, Gott zu kennen. Wissen ist beweisbar; Wahrheit wird erfahren. Wissen ist ein Besitz des Verstandes, Wahrheit eine Erfahrung der Seele, des fortschreitenden Selbst. Wissen ist eine Funktion der nichtgeistigen Ebene, Wahrheit ist eine Phase der Verstandes-Geistesebene der Universen. Das Auge des materiellen Verstandes nimmt eine Welt des faktischen Wissens wahr; das Auge des vergeistigten Intellekts erkennt eine Welt wahrer Werte. Wenn diese beiden Betrachtungsweisen miteinander synchronisiert und harmonisiert sind, enthüllen sie die Welt der Realität, in der die Weisheit die Phänomene des Universums im Sinne der fortschreitenden persönlichen Erfahrung interpretiert.

(1457.6) 132:2.3 Das Gute ist wie die Wahrheit immer relativ und steht unfehlbar im Gegensatz zum Üblen.
Gerade das Erkennen der Eigenschaften des Guten und der Wahrheit ermöglicht es den sich höher entwickelnden Seelen der Menschen, beim Wählen jene persönlichen Entscheidungen zu treffen, die für das ewige Fortleben wesentlich sind.

(1459.5) 132:3.5 Aber ohne die Ausübung des Glaubens kann Wahrheit nie menschlicher Besitz werden. Das ist wahr, weil die Gedanken des Menschen, seine Weisheit, Ethik und Ideale nie höher reichen werden als sein Glaube, seine erhabenste Hoffnung. Und ein solcher wahrer Glaube fußt ganz und gar auf tiefem
Nachdenken, aufrichtiger Selbstkritik und kompromisslosem sittlichem Bewusstsein. Glaube ist die Inspiration der vergeistigten schöpferischen Vorstellungskraft.
(Urantia Buch)

7.postskriptum:
(1191.5) 108:5.4 "Euer Justierer ist das Potential eurer neuen, nächsten Existenzart, das Voraus-Geschenk eurer ewigen Gottessohnschaft. Durch euren Willen und dank eurem Einverständnis hat der Justierer die Macht, die dem Geschöpf eigenen Neigungen des materiellen Verstandes den verwandelnden Einflüssen von Motivationen und Zielen der erwachenden morontiellen Seele zu unterwerfen." (Urantia Buch)
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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon ko(s)misch » So 8. Nov 2015, 18:35

Harry Haller revisited

Neulich traf ich den bejahrten Harry Haller in unserem Städtchen beim Einkaufen. Ich hätte ihn niemals erkannt, wäre da nicht sein etwas schüchterner Blick und der nervöse Ausdruck in seinem Gesicht gewesen, der an ein gehetztes, scheues wildes Tier erinnerte und sein eigentümliches, zartes Wesen offenbarte. Ich tat eine tiefe Verbeugung samt würdevollem Gruss. Dann begann ich meine ehrfürchtige Rede, um meine Wenigkeit dem Genius vorzustellen, der mich zwar anfänglich mit seinem durchbohrenden Blick auf höchst kritische Weise geprüft hatte, sich dann aber entspannte und als Antwort freundliche, gar herzliche Worte fand. „Man höre und staune, ein Artgenosse!“, sprach er, „die Freude ist ganz meinerseits. Wer hätte gedacht, dass sich in diesem weltlichen Tempel, dem Herzstück der Konsumwelt zwei elende Steppenwölfe über den Weg laufen? Fast möcht‘ ich an Fügung glauben“, meinte er. „Oh, Harry!“, sagte ich ergriffen, „du verstehst mich. Man ist ja so alleine mit seiner Art.“ – „Jungchen, ich bitte dich!“, erboste sich mein Gegenüber plötzlich, „nenn‘ mich nie mehr Harry! Ich will von den Leuten Hairy genannt werden. Siehst du diese schwarzen, seidenweichen Härchen?“ Da kam er mit seinem faltigen Gesicht ganz nah an mich heran, einen Haarbüschel in der einen Hand und flüsterte mir ins Ohr: „Die sind gefärbt, toupiert und mit dem Glätteisen gestreckt. Ich weiss, was du jetzt denkst! Dieser Hairy ist doch bekloppt – ist im hohen Alter noch eitel geworden, steigt auf diese lächerlichen Trends der Jungen auf – er, der doch so stolz auf seine Unabhängigkeit war und sich sein ganzes Leben einen Dreck um solche Oberflächlichkeiten gekümmert hat; aber ich sag dir: grade im Alter wird das wieder wichtig, wenn man den bei den alten Jungfern noch landen möchte.

© ko(s)misch
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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon nebelkraehe » So 13. Dez 2015, 13:46

Hallo ko(s)misch,

(toller Name :D ). Ich liebe deinen Schreibstil, es ist eine Wohltat, deine Wort zu lesen.
nebelkraehe
 

Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon ko(s)misch » Mo 18. Dez 2017, 22:50

Die Steppenwölfische Aufhebung

Einmal würde ich zum Glauben finden. Einmal würde ich mich selbst und meine Mitmenschen lieben lernen. Jesus wartete auf mich. Gott wartete auf mich.
Ich nahm mir Zeit am Bahnhof, wo ich Halt machte, niederzuschreiben, was ich beim Spazieren Erhabenes gedacht hatte. Es ist schön im Regen zu gehen, waren meine Gedanken gewesen, mit barem Haupt. Eine göttliche Empfindung, so fühlte es sich an, schwer in Worte zu fassen: Eine Taufe mit reinem Regen, dem himmlisch-gesegneten Wasser. Wer sich sorglos gibt, der sei es. Frohlocken über das Gute von oben, über das kosende Nass. Es ist doch alles eine Frage der Frisur und damit letztlich der Haltung. Sehen Sie, werter Leser, darum will ich mein Lebtag Hairy Donoughwory heissen. Let’s call it a good hair day, then. Okay, ich gebe zu, die Männer haben diesbezüglich einen Vorteil – ist es für sie doch viel akzeptabler glatzköpfig und dergleichen umherzugehen.
Ich darf jetzt ein Automobil mein Eigen nennen. Dies Fortbewegungsmittel dient im Wesentlichen der Verkürzung des Arbeitswegs. Gefährlich ist’s bisweilen in so einer fahrenden Blechkiste, versteht sich; aber man soll die Wissenschaft und ihre Errungenschaften doch nicht per se ablehnen: schliesslich ermöglicht uns die Technik viele Annehmlichkeiten! Wir wollen doch nicht die barbarischen Zustände der Steinzeit romantisieren! Technische Erfindungen sind ein Garant des zivilisatorischen Fortschritts. – Wirklich? – Ich bin der Meinung, dass die heutigen Technologien wie die elektronischen Medien mehr Gelegenheiten zur Zerstreuung und zur Sünde bieten. Medienkompetenz ist gefragt und will gelernt sein. Apropos Kompetenz – eine bissige Bemerkung meines inneren Wolfes: Die Bedienung des Automobils erfordert Daueraufmerksamkeit sowie geteilte Aufmerksamkeit; da ist kein Raum für Tagträumereien und Introspektion! Hast du überlegter Mensch nicht einmal erwähnt, dass du zu solchen Geisteszuständen neigst? – Offen gesagt, das habe ich tatsächlich. – Oh, und so ein ehrenwerter Bürger verkehrt auf unseren Strassen! Ein Hochrisikofall bist du deshalb in meinen Augen – Führerscheinentzug auf der Stelle, wenn’s nach mir und den Behörden ginge. – Was fällt dir eigentlich ein, mir mein fahrerisches Können abzusprechen? Ich habe alle notwendigen, offiziellen Prüfverfahren durchlaufen und habe sogar das Recht, dich über den Haufen zu fahren, wenn du räudige Bestie über die Strasse läufst. – Ha, du dumme Menschenbrut!, brüllte der Wolf voller Genugtuung, jetzt herrsche ich über deine Seele! In seinem Triumphtaumel wollte er mich packen; doch es gelang mir, ihn vorübergehend zu zähmen, indem ich ihm ein fleischernes Stückchen meiner Seele hinwarf. Die Bestie hatte den Brocken im Nu gefressen, schleckte sich dann das Maul und glotzte mich lüstern an. Ich wollte doch nicht meine ganze Seele hergeben! Da fiel mir eine List ein: Ich tat so, als würde ich ihm weiteren Seelenschmaus darbieten wollen, doch dann griff ich plötzlich nach einem schweren Buch und schlug es dem Raubtier über den Schädel. Tödlich getroffen sackte die Bestie zusammen. Uff! Diese Sache war geschafft! Ich wusch mir den Sudel von den Händen, wobei eine Flut von Bildern mit rauschhaften Gefühlen über mich kam.
Ich war gefangen auf dem Grund eines Brunnes, dessen Wasser vertrocknet. Dieser Brunnen war so tief und dunkel, dass ich mich zu Tode fürchtete. An der klammen, steinernen Wand kletterte ich trotzig und verzweifelt in die Höhe und stürzte doch wieder und wieder in die Tiefe. Oh, mein Gebein war schon versehrt! Nicht mal meinen natürlichen Durst konnte ich stillen. Es war hoffnungslos, hoffnungslos! So kauerte ich wie ein Häuflein Elend auf dem Grund des Brunnes. Ich konnte den Punkt Helligkeit weit oben am Brunnenrand nicht mehr erkennen, so arg stand es um mich. Wer, ja wer bewahrt einen Menschen vor dem sicheren Tode?
Da hörte ich eine leise Stimme zu mir reden: Hör mal, du da unten: Ich habe meinen Sohn in die Welt gesandt, damit die Menschen gerettet werden, nicht damit sie verurteilt werden. Nimm meinen Sohn in dein Herz auf und glaube an ihn. Alleine kannst du nichts tun. Er kommt dir in seiner Gnade zu Hilfe. Er ist die Quelle lebendigen Wassers. Er ist das Licht in der Dunkelheit. Wenn du mit ihm verbunden bist, bist du eine neue Schöpfung – kein Steppenwolf mehr, sondern ein Kind Gottes.
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