eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

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eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon habnochbisslhoffnung » Sa 24. Aug 2013, 09:53

„If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away.“
(Henry David Thoreau)


Der Wüstenwolf, der den Glauben entdeckte

Das Schicksal hatte mich in die Wüste verbannt. Und dort, in dieser Einöde, fand ich mich selbst. Nicht, dass, ich die Aufregung suchte, nur das nicht. Ich bin kein solch gearteter Mensch. Meine nervliche Konstitution prädestiniert mich eher weniger für ein solches Unterfangen, was ich allerdings zuerst am eigenen Leibe und Geiste erfahren musste. Ich betrachte mich als jemanden, der in sich viel Regungen findet, da er beinahe zu viel fühlt, sich selbst bereist und über viele Dinge kontempliert, der sich dieser Reizflut immer wieder mal verschliesst, weil sie ihn überwältigt und über die Beschaffenheit der Welt oft irritiert ist, zumal sie doch in starkem Kontrast steht zu seinem Innenleben. Ich bin doch eher ein am Rande der Herde stehender, fantasievoller, schöngeistiger und komischer Philosoph und Wüstenwolf, jawohl. Eigentlich wollte ich es mir ja gemütlich einrichten in meinem Leben, wissen sie, aber…, na ja, manchmal erfordern die Umstände Dinge von einem, die man sich nicht zutrauen würde. Sind das die verzweifelten Versuche des Ausgestossenen oder des am Rande Stehenden Anschluss an die bürgerliche Gesellschaft zu finden, seiner Bestimmung, oder bestehen diese Versuche doch eher darin, sich sowohl von der kleinbürgerlichen Welt als auch der Boheme abzugrenzen, folglich das Dasein eines Heimatlosen, eines Individualisten zu führen, der nach seiner eigenen Trommel marschiert?
Diese Versuche – ich bin gewillt, diese fortan zu umschreiben als „systematische, sinnstiftende Handlungen“ – sind meines Erachtens doch wesentlich für das Führen einer befriedigenden Existenz. Nun wird unsereiner aber – obwohl dies nur wenige Vertreter meiner Spielart innerhalb der menschlichen Spezies zugeben würden – Schwierigkeiten bekunden mit dieser Art und Weise der Lebensführung, die eine ganz und gar technische, berechnende und gleichwohl wirksame ist.
Diesen „systematischen, aktiven Gestaltungswillen“ zweifle ich beizeiten bei mir an. Es ist ja so, dass mich der Sturm des Lebens ein wenig durcheinander gewirbelt hat, um sich mal so auszudrücken. Fatalismus, denke ich, lenkbarer.
Sich seinen Idealen annähern. Wahrheit, Echtheit, Schönheit, Weisheit, Wissen, Seele, Potential, Romantik, die Ethik der goldenen Regel… modifiziert nach Gensler. Dann wieder die Stimme des eigenen Herzens, verzerrt durch die Stimme der entwickelten Vernunft, sich brechend an der Vox Dei.
Während andere Menschen sich ganz der Praxis des Lebens widmen, denke ich über jenes nach und verliere meine Zeit und Handlungen. Nichtsdestotrotz brachte diese geistige Beschäftigung mit sich selbst und der Welt einige nicht verachtenswerte Erkenntnisse mit sich. Meine idealistische Sichtweise auf das Dasein führte die beiden Extreme – das asketische, vergeistigte Leben eines Mönchs sowie das hemmungsloses Streben nach dem Erfüllen der menschlichen Sinnesfreuden eines Strolches – wieder zusammen. Das Ideal stellt also den Mittelweg zwischen den Extremen dar, was wir übrigens im buddhistischen Gedankengut wiederfinden.
Als ich zudem die Mechanismen der menschlichen Anziehung erkannte und mit dem Wissen über die Wesensarten der Menschen verknüpfte, lernte ich mich dem Bann der sog. schönen Hülle zu entziehen, allerdings nicht für die blosse Triebbefriedigung, was ja ein grosser Unterschied ist zur geistigen Liebe und in der romantischen Liebe ihre Synthese findet. Und schliesslich die Erkenntnis: Jemanden romantisch zu lieben ist das eine, das andere ist es, jemanden romantisch zu lieben, der einen selbst romantisch lieben kann.
So musste ich unglücklich lieben, um zu fühlen, wer mich nicht lieben konnte und um meinen Schatten zu erkennen, um latente, verborgene Anteile meines Wesens hinreichend zu entwickeln und zu akzeptieren. Und schliesslich zu erkennen, dass die eigenen Schattenanteile nie den Kern des eigenen Wesens ausmachen, weshalb man diesen Kern, dieses ureigene Selbst, in die Arme nehmen und mögen soll.
Des Weiteren musste ich die Lehren von gescheiten Menschen studieren, um eine Ahnung davon zu erhalten, wer mich – mein innerstes Wesen, mein Selbst, lieben konnte. Dies war und ist meine Leidenschaft – diese episch-einsame, hoffnungsvoll-schwärmerische und verzweifelte Suche im Kosmos. So sei es. Zwischenzeitlich gab ich diese Suche auf, weil es mir zu anstrengend war – ich war geradezu am Boden zerstört und schrie Gott um Hilfe. Er erhörte meinen Hilferuf und ich war für seine – zugegebenermassen – vage, nicht direkt erfahrbare Liebe empfänglich; eine Liebe, die der Kontemplation entspringt.
In stillen Stunden sprach ich in meinem Geiste Gebete für mich und meine Liebsten, den Blick demütig gegen die Deckenwand meines Zimmerchens gerichtet, die mich von Gott trennte, aber in meinem Geiste war ich bei ihm und er bei mir.

„It is not our purpose to become each other; it is to recognize the other, to learn to see the other and honor him for what he is“
(Hermann Hesse, Narziss und Goldmund).
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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon habnochbisslhoffnung » Di 10. Dez 2013, 22:57

Korrektur:
"Schönheit" durch "Hübschheit" ersetzen.
Hübscheit ist phonetisch (meines Erachtens) zwar weniger ästhetisch, dafür kommt dieser begriff dem näher, was ich aussagen möchte.
(Hübschheit existiert tatsächlich nach Konsultation des aktuellen Dudens; ein Dank an die dt. Sprache)
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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon ko(s)misch » Sa 5. Jul 2014, 12:22

habnochbisslhoffnung hat geschrieben:"Schönheit"

ursprünglich meinte ich mit "schönheit" "innere schönheit", aber dann hab ich mich irgendwie verirrt... (halt menschlich)
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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon ko(s)misch » Sa 26. Jul 2014, 09:58

ich weiss noch wie es war, als ich den "steppenwolf" auf empfehlung einer jungen frau mit borderline in seiner ganzen länge las. ich war damals depressiv/ psychisch angeschlagen und die lektüre zog mich nur noch mehr runter - gefährlich! (es ist kein seelisch erbauendes buch).
ich kann mich bis zu einem gewissen grad mit der einsamkeit und verzweiflung des protagonisten identifizieren, wie es wohl einige HSPs (NFs oder Idealisten, insb. die introvertierten unter ihnen) können, allerdings fehlt mir die Hoffnung und positivere Aspekte des "Steppenwolf-Daseins".
was mich zudem an harry haller stört, ist seine unterwürfigkeit und abhängigkeit gegenüber frauen (damals gab es natürlich noch keine pornografie oder nur unterentwickelt).
was ich nicht ganz verstehe, ist der abschnitt des magischen theaters (es steht ja schon als hinweis "nur für verrückte", ab Seite 179; Suhrkamp Edition) - meiner meinung nach in erster linie nonsens (obwohl literarisch durchaus anspruchsvoll, fantasievoll und für manche vielleicht belustigend). Bei der nochmaligen Lektüre dieser Passagen gewinne ich den Eindruck, dass Haller ein HSP ist, der immer noch den hoffnungslosen Versuch unternimmt, so zu werden wie die anderen (man kann es natürlich auch als Selbsterweiterung betrachten, als Vervollkommnung, dies ist aber nur beschränkt möglich!). Er will von dem Lebemenschen Pablo das Leben lernen. Warum kann er nicht zufrieden sein mit dem was er ist? Darin besteht vielleicht die Tragik des Harry Hallers (typisches Problem des Idealisten).Ich gebe zu, dass ich zuweilen auch Mühe damit habe, mich anzunehmen so wie ich bin, aber der persönliche Glaube hilft dabei definitv (auch meine Psychotherapie hat mir geholfen, desweiteren dass manche Umstände sich verbessert haben).
Vielleicht verstehe ich Hesse auch nicht gänzlich, weil er ein infP sein soll (im Vgl. zu mir infJ), was ich irgendwo mal gelesen habe.
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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon 1753 » Sa 26. Jul 2014, 10:48

Hi ko(s)misch,

danke für deine Interpretation - was ist der Unterschied zwischen infP und infJ?

Danke, 1753
Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann rufe nicht die Menschen zusammen, um Holz zu sammeln, Aufgaben zu verteilen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer. (Antoine de Saint-Exupéry)
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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon ko(s)misch » Mo 28. Jul 2014, 18:19

1753 hat geschrieben:Hi ko(s)misch,

danke für deine Interpretation - was ist der Unterschied zwischen infP und infJ?

Danke, 1753


na, der unterschied ist klein.
beides sind introvertierte NFs, also (introvertierte) Idealisten (nach Keirsey).
wenn ich diese temperamentstheorie mit den Erkenntnissen von Helen Fisher verknüpfe, dann ist die aussage zutreffend, dass beide Gehirne (infJ/ infP) primär geprägt wurden durch Östrogen, infP aber sekundär durch Dopamin (P) und INFJ sekundär durch Serotonin (J)
=> dies alles gestützt auf folgenden wikipedia-artikel:
http://en.wikipedia.org/wiki/Helen_Fisher_%28anthropologist%29
(runterscrollen bis "Four broad personality styles")


hier der Unterschied auf Englisch
zwischen Dopamin (bei Fisher "Explorer"/ "Builder" Typus)

Bild

Bild

und hier der vollständigkeit halber der NF Idealist (Keirsey) bei Fisher "Negotiater" Typus

Bild

(grafiken entnommen aus youtube-video > http://www.youtube.com/watch?v=FyJphSaeZmE)
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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon ko(s)misch » So 3. Aug 2014, 10:50

ko(s)misch hat geschrieben:Er will von dem Lebemenschen Pablo das Leben lernen.

Ergänzung: Hermine (nicht zu vergessen, da eine der Protagonisten) ist m.E. auch ein Lebemensch.

habe gestern nochmals "Steppenwolf" gelesen (die ersten ca. 100 Seiten wie am Schnürchen, den Rest sprunghaft: v.a. die interaktionen mit haller + hermine wirken auf mich deprimierend - die minderwertigkeitsgefühle hallers kommen meiner meinung nach stark zum ausdruck und wie gesagt: er ist ihr hörig, geradezu entwürdigend)

aber die ersten 100 Seiten sind echt der Hammer! Was für eine Wonne, was für eine tiefgründige, fantasievolle und liebenswürdige seelische Innenwelt, in die der Leser da entführt wird! Geradezu ko(s)misch (in der ganzen Ambivalenz des Wortes).
Es ist schon seltsam, dass ich bei der nochmaligen Lektüre (während es mir psychisch deutlich besser geht) eine emotionale distanz zum dem inhalt wahren kann. Es berührt mich zwar, aber nicht im negativen Sinn. Es ist, wie wenn ich den Blick frei hätte für das Positive im Leben von Harry Haller. Das Zitat, das ich im forum mal gelesen hab "wenn du negativ denkst, darfst du nichts positives erwarten" ist wirklich zutreffend.
Eine inhatlich ähnlicher Vers findet sich dazu im Matthäus-Evangelium (6,22):
"Das Auge gibt dem Körper Licht. Ist dein Auge gut, dann ist dein ganzer Körper im Licht. Ist dein Auge jedoch schlecht, dann ist dein ganzer Körper im Finstern. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, was für eine Finsternis wird das sein!"

übrigens gibt es eine ausnahme, wo mich hermine nicht nervt - an der stelle, wo sie mal was Gescheites sagt:
"Ich denke mir: wir Menschen alle, wir Anspruchsvolleren, wir mit der Sehnsucht, mit der Dimension zu viel, könnten gar nicht leben, wenn es nicht ausser der Luft dieser Welt auch noch eine andre Luft zu atmen gäbe, wenn nicht ausser der Zeit auch noch die Ewigkeit bestünde, und die ist das Reich des Echten. Dazu gehört die Musik von Mozart und die Gedichte deiner grossen Dichter, es gehören die Heiligen dazu, die Wunder getan, die den Märtyrertod erlitten und den Menschen ein grosses Beispiel abgegeben haben. Aber es gehört zur Ewigkeit ebenso das Bild jeder echten Tat, die Kraft jedes echten Gefühls, auch wenn niemand davon weiss und es sieht und aufschreibt und für die Nachwelt aufbewahrt. Es gibt in der Ewigkeit keine Nachwelt, nur Mitwelt. (...) Dorthin gehören wir, dort ist unsre Heimat, dorthin strebt unser Herz, Steppenwolf, und darum sehen wir uns nach dem Tod."

wie schon gesagt: Harry Haller könnte ein iNFp sein. Hermine und Pablo, die Lebemenschen, repräsentieren womöglich eSfPs - sie sind natürlich fiktionale Charaktere.
Dieselbe Problematik widerspiegelt sich in der historischen Blumenkinder-Bewegung: Der Wunsch des i/eNFps zu leben wie ein Lebemensch.
"Als bspw. der Haight-Ashbury-Bezirk von San Francisco an der Westküste der USA zum Mittelpunkt der Blumenkinder-Bewegung wurde, schlossen sich NFs der Bewegung an - besonders NFPs -, die Mehrzahl der Mitglieder bestand aber aus SPs. Die NFs beobachteten die SPs, die losgelöst von Vergangenheit und Zukunft intensiv das Gegenwärtige zu erleben schienen. An dieser Unmittelbarkeit wollten sie teilhaben. Aber in den NFs liegt das Bedürfnis nach tiefgehender Bedeutung verwurzelt, so dass sie, von der Bewegung desillusioniert diese nach kurzer Zeit verliessen. Sie taten dies ebenso schnell, wie sie sich ihr angeschlossen hatten, um anderswo nach Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung zu suchen und um Mittel und Wege zur Bestätigung der eigenen Persönlichkeit zu finden." (Versteh Mich Bitte, Keirsey)

ein wiederkehrendes thema (v.a. im letzten abschnitt des magischen theaters) ist der humor und bildet denn auch den schlusssatz:
"Einmal werde ich das Lachen lernen. Pablo wartete auf mich. Mozart wartete auf mich."
dieser Satz bewegte mich zu der Frage, ob "Humor", i.S. von einem Lachen über sich selbst, (was ich irgendwo mal aufgeschnappt habe, möglicherweise im Urantia Buch) tatsächlich eine Distanz zu sich selbst darstellt, eine Art transzendenter Erfahrung, in dem sich der Humorist aus Sicht eines vorausgenommenen Gottes objektiviert, eine Vorstufe des (religiösen) Glaubens also.

"Gottwerden bedeutet: Seine Seele so erweitert haben, dass sie das All wieder zu umfassen vermag." (Steppenwolf)
Zuletzt geändert von ko(s)misch am So 3. Aug 2014, 13:13, insgesamt 2-mal geändert.
"Jesus spricht (...): Ich bin der Weg (der Selbstverleugnung), […] ich bin die (absolute) Wahrheit, und ich bin das (ewige) Leben. Zum Vater (im Himmel) kommt man nur durch mich." (Joh 14,6)
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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon seelenwanderin » So 3. Aug 2014, 12:59

Ich habe den Steppenwolf im leben schon ein paarmal gelesen,und muss sagen,das er auf mich so wirkt,wie ich mich grad fühle und in welche Lebenssituation ich grad bin....und er gibt mir immer wieder neues...ich hab ihn das 1.mal mit 15 gelesen und bin jetzt 45...also ich seh im Steppenwolf vieles von mir selber und mir hilft die lektüre immer wieder beim übermich selber nachdenken
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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon ko(s)misch » So 10. Aug 2014, 11:33

reflexion über verbesserung der goldenen regel

Bild

Quelle:
https://www.youtube.com/watch?v=qSGd6Ojuw0Q
"Jesus spricht (...): Ich bin der Weg (der Selbstverleugnung), […] ich bin die (absolute) Wahrheit, und ich bin das (ewige) Leben. Zum Vater (im Himmel) kommt man nur durch mich." (Joh 14,6)
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Re: eine Hommage an Harry Haller und an alle Steppenwölfe

Beitragvon ko(s)misch » Mo 18. Aug 2014, 11:56

„Das apollinische Temperament der NF-Typen (INFJs, ENFJs, INFPs, ENFPs) mit Worten auszudrücken, fällt besonders schwer. Während die anderen Typen – die dionysischen, die epimetheischen und die prometheischen – gewöhnliche Ziele verfolgen, kann man die Ziele des apollonischen Typus nicht anders als aussergewöhnlich bezeichnen. Seine Ziele sind derart aussergewöhnlich, dass er selbst nicht einmal in der Lage ist, sie auf einfache und unkomplizierte Weise darzustellen. Sie widersetzen sich jeder Beschreibung. Car Rogers, sicherlich einer der fähigsten Repräsentanten der apollonischen Art, liefert ein ausgezeichnetes Beispiel für die scheinbar notwendige, spiralig gewundene Rhetorik:
„Eine Persönlichkeit zu werden, bedeutet, dass der Mensch sich wissentlich und bereitwillig dem Punkt nähert, an dem er das wird, was den inneren Vorgängen seines wahren Seins entspricht. Er nimmt davon Abstand, das sein zu wollen, was er nicht ist, sich hinter einer Fassade zu verbergen. Er will nicht mehr sein als er ist und die damit verbundenen Gefühle der Unsicherheit und der massiven Abwehrhaltung erfahren. Er will nicht weniger sein als er ist und die damit einhergehenden Schuldgefühle und Gefühle der Selbstherabwürdigung erfahren. Er hört in zunehmend grösserem Masse in die tiefsten Versenkungen seines psychologischen und emotionalen Seins hinein und findet sich selbst in zunehmendem Masse bereit, mit grösserer Genauigkeit und Tiefe der Mensch zu sein, der er wahrhaftig ist.
[Carl Rogers, On Becoming a Person]
Obwohl andere Typen diese Passage bestenfalls als rätselhaft und schlimmenstenfalls als reinen Unsinn ansehen, verehren NFs die gleiche Passage als die elegant zum Ausdruck gebrachte
Apollinistische Art – die Suche nach dem Selbst.
Die SPs, SJs und die NTs sind in der Lage, ihre gegenseitigen Ansichten oder Vorstellungen zu verstehen, wenngleich sie diese nicht unbedingt auch akzeptieren. (…) Keinem von ihnen gelingt es, die Absichten oder Ziele des NF zu erfassen und umgekehrt; dem NF scheinen die Ziele der anderen die falschen zu sein. Der NF verfolgt ein einsames Ziel, ein selbstreflektierendes, sich selbst im Wege stehendes Ziel: das Werden der Persönlichkeit.
Während die SPs, SJs und NTs ihre Ziele geradewegs und mit voller Kraft angehen können, verläuft die Suche des NF nach dem Selbst kreisförmig und ist daher immerwährend, denn wie kann man ein Ziel erreichen, wenn dieses Ziel darin besteht, ein Ziel zu haben? Das „wahre“ Selbst des NF ist das, welches auf der Suche nach sich selbst ist. In anderen Worten, sein Lebenszweck besteht darin, einen Lebenszweck zu haben. Da er selbst stets im Werden begriffen ist, kann der NF niemals ganz er selbst sein, weil das blosse Greifen nach dem Selbst dieses sofort unerreichbar macht. (…)
Zu handeln (etwas zu erreichen oder zu werden) heisst das Sein zu vernichten, während „Sein“ ohne Handlung Schein ist und somit Nichtsein. Man kann nur dann man selbst werden, solange man es nicht ist. Dieses Paradoxon stellt die lebenslange Bürde des NF dar, und, abgesehen von seinem Ziel, besteht seine Aufgabe darin, es zu lösen. Den meisten gelingt es, und sie sind diejenigen unter den NFs, die glückliche, produktive Menschen sind. Diejenigen, denen es nicht gelingt leiden darunter.“
„Wie kann ich der Mensch sein, der ich wirklich bin?“ fragt der NF. Er hat das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, wahrhaft selbst zu sein, das zu sein, wofür er bestimmt ist und eine Identität zu besitzen, die einzig und allein ihm gehört (…)
So unternimmt er Streifzüge, manchmal metaphysische, manchmal psychologische, manchmal physische, um seinen Drang nach Einheit (…) zu befriedigen, um sich in vollkommener Ganzheit und einmaliger Identität zu verwirklichen, wenn auch der Weg dorthin nie klar vorgezeichnet ist:
„Aber wo war dies Ich, dies Innerste, dies Letzte? Es war nicht Fleisch und Bein, es war nicht Denken noch Bewusstsein, so lehrten die Weisesten. Wo, wo also war es? Dorthin zu dringen, zum Ich, zu mir, zum Atman – gab es einen Weg, den zu suchen sich lohnte? Ach, und niemand zeigte diesen Weg, niemand wusste ihn, nicht der Vater, nicht die Lehrer und Weisen, nicht die heiligen Opfergesänge… unendlich vieles wussten sie – aber war es wertvoll, dies alles zu wissen, wenn man das Eine und Einzige nicht wusste, das Wichtigste, das allein Wichtige?“
(Hermann Hesse, Siddhartha)
„Selbstverwirklichung bedeutet für den NF, Integrität zu besitzen, d.h. Einklang. Er duldet keine Fassade oder Maske, keinen Vorwand, keine Heuchelei und kein Theaterspiel. Integrität zu besitzen bedeutet wahrheitsgetreu zu sein, sich anderen auf authentische Weise mitzuteilen, in Einklang mit der inneren Selbsterfahrung zu leben. Das Falsche, Heuchlerische und Unwahre bedeutet für ihn, sein wahres Ich aufzugeben und in böser Absicht zu handeln.“
(Versteh Mich Bitte, David Keirsey)
PS: „My work will be continued by those who suffer” (C.G.Jung)
"Jesus spricht (...): Ich bin der Weg (der Selbstverleugnung), […] ich bin die (absolute) Wahrheit, und ich bin das (ewige) Leben. Zum Vater (im Himmel) kommt man nur durch mich." (Joh 14,6)
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