Hoffnung, eine kleine Geschichte!

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Hoffnung, eine kleine Geschichte!

Beitragvon Zauberlehrling » Sa 2. Feb 2013, 07:12

Eine Geschichte
(unbekannter Autor)

Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens. Bei der zusammen gekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast Körperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.

Die kleine Frau bückte sich ein wenig und fragte "Wer bist Du? Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit", flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war. "Ach die Traurigkeit" rief die kleine Frau erfreut aus als würde sie eine alte Bekannte begrüßen. "Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit misstrauisch. "Natürlich kenne ich Dich! Immer wieder einmal hast Du mich ein Stück des Weges begleitet."

"Ja… aber", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest Du dann nicht von mir? Hast Du denn keine Angst?"

"Warum sollte ich vor Dir davonlaufen meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, dass Du jeden Flüchtigen einholst. Aber was ich Dich fragen will: Warum siehst Du so mutlos aus?"

"Ich…. Ich bin traurig," antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme. Die kleine, alte Frau setze sich zu ihr. "Traurig bist Du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was Dich so bedrückt."

Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte Ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht.
"Ach weißt Du," begann sie zögernd und äußerst verwundert "es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest."

Die Traurigkeit schluckte schwer. "Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen.
Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen.

Sie sagen: Man muss sich nur zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen."

"Oh ja," bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir schon oft begegnet.
Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen.
"Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen.
Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh. Aber nur wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu."

Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt.

Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.

"Weine nur Traurigkeit" flüsterte sie liebevoll, ruhe Dich aus, damit Du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde Dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt." Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin: "Aber.. aber – wer bist eigentlich Du?"

"Ich?" sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen.

"Ich bin die Hoffnung."
Leben heißt mutig vorwärts zu gehen.
Leben heißt Position beziehen.
Leben heißt Mitgefühl haben.
Leben heißt Liebe geben und Liebe geschenkt bekommen.
Leben heißt Toleranz und Weltoffenheit erhalten.

Nie aufgeben!

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Re: Hoffnung, eine kleine Geschichte!

Beitragvon Waldwiese » Sa 2. Feb 2013, 17:00

Danke, Zauberlehrling! Das war sehr wohltuend 1büssi
LG Waldwiese
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Re: Hoffnung, eine kleine Geschichte!

Beitragvon Maggie123 » Sa 2. Feb 2013, 17:29

Wundervoll, lieber Zauberer, _magic_ ,

diese Geschichte kann ich nicht oft genug lesen,
so sehr geht sie mir zu♥en!!!
Ich kannte sie noch nicht!
Danke für's Posten! iwikx

Alles Liebe von Maggie _moin_
Pax!
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Re: Hoffnung, eine kleine Geschichte!

Beitragvon Zauberlehrling » Sa 2. Feb 2013, 17:42

Hallo,

als ich die Geschichte zum ersten mal lass war ich sehr beeindruckt.
Es ist auch jetzt noch so, dass es mich tief berührt, wenn ich sie lese!
Deshalb dachte ich auch es ist für andere eine Bereicherung sie zu lesen.
Es freut mich, dass ihr auch so empfindet.

Liebe Grüße
Zauberlehrling
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Re: Hoffnung, eine kleine Geschichte!

Beitragvon schnuffel » Mi 17. Jul 2013, 11:36

Total süss die Geschichte :)
Eine Blume, die in der Dürre erblüht, ist die seltense und schönste von allen!
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