Im Labyrinth der Kindheit

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Im Labyrinth der Kindheit

Beitragvon SanniHSP » Mo 3. Sep 2012, 21:05

Im Labyrinth der Kindheit

Zielos. Hilflos. Orientierungslos läuft es daher.
Es klettert auf Bäume, fällt hinunter, steht auf, läuft weiter, stolpert über Steine. Immer und immer wieder.
Bis es in einer Pfütze ausrutscht und liegen bleibt.
Erschöpft.
Kraftlos.
Ich halte ihm meine Hand hin.
Es starrt sie an.
Sieht mich aus großen Kulleraugen an, in denen Tränen glitzern.
Ich greife nach der zierlichen Hand und ziehe das Kind aus der Pfütze.
Auf wackeligen Beinen steht es da und lässt meine Hand los.
Wirkt ungeheuer zerbrechlich, wie es dort steht und am ganzen Körper zittert.
Es geht mit langsamen Schritten weiter in Richtung Spielplatz, dreht sich jedoch immer wieder aufs Neue zu mir um.
Blickt mich fragend an.
Ich lasse dich nicht alleine, denke ich mit einem Lächeln im Gesicht und folge dem kleinen Wesen.
Zwar lasse ich es seine Schritte alleine gehen, doch ich bleibe stets in der Nähe.
Behüte meinen kleinen Schatz.
Schütze ihn vor Gefahren, vor Dieben und Betrügern.
Schütze ihn vor der Dunkelheit.
Schütze ihn und begleite ihn auf der Achterbahnfahrt der Erinnerungen.
Damals hoffnungslos ausgeliefert, kopfüber, haltlos, ohne jeglichen Bodenkontakt, heute in Begleitung eines reifen Erwachsenen, der dabei ist zu lernen einen Fuß vor den anderen zu setzen und sich von Umwegen nicht beeirren zu lassen.
Und wenn wir stolpern, stolpern wir wenigstens gemeinsam und können uns auch wieder gegenseitig aufhelfen.
Ich setze mich neben das kleine Wesen auf die andere Schaukel und bewege mich im Rythmus meiner Gedanken. Im Rythmus der Vergangenheit, im Rythmus der Gegenwart.
Ich lächle das Kind an.
Es lächelt zurück.
Ein Lächeln, das die Melodie des Augenblicks spiegelt.
Töne, beruhigend und voller Harmonie.
Ich schließe meine Augen und fühle dann, wie etwas Nasses meinen Wangen entlang läuft.
Verwirrt blinzle ich und schaue hinauf in den Himmel.
Regnet es etwa wieder?
Ich zucke zusammen, als etwas Warmes meine Wange berührt.
Da steht es vor mir, durchbohrt mich mit seinem Blick.
Ich schaue auf die kleine Hand und fühle immer noch die samtweiche Berührung auf meiner Haut.
"Hey...", flüstere ich und erhebe mich ebenfalls von der Schaukel. Bleibe unbeholfen vor dem zierlichen Kind stehen. "Danke."
Es sagt nichts, sieht mich durchgehend an.
Ich versuche mich dem Kind ein weiteres Stück anzunähern, doch ohne den Blick von mir loszureißen, weicht es erschrocken zurück. Rückwärts.
Dabei stolpert es und fällt hin.
Prompt fängt es an zu weinen.
Schluchzend vergräbt es sein Gesicht in seinen Händen.
Mein Herz rast.
Was soll ich tun?
Ratlos stehe ich da. Soll ich heim gehen?
Soll ich es... vielleicht trösten?
Ich kann nicht, fühle mich der Aufgabe nicht gewachsen.
Was soll schon groß geschehen, ich kann es nicht allein lassen, ich muss es wieder aufmuntern, doch ich kann nicht vom Fleck rühren. Ich stehe da, als sei ich hier festgewachsen.
"Alles ok?", krächze ich.
Das Schluchzen wird lauter und lauter.
Meine Kehle ist wie zugeschnürt.
Ich sehe die Bilder von früher.
Ein Kind, das auf dem Boden liegt. Sich die Kehle aus dem Leib schreit. Blaues Gesicht. Atemnot.
Am ganzen Körper zitternd.
Greift nach links, greift nach rechts.
Doch nichts als gähnende Leere.
Kein Rettungsboot, kein Krankenwagen weit und breit.
Nichts als Hoffnungslosigkeit.
Pure Verzweiflung.
Keine Hand, die hält.
Keine Augen, die sehen.
Keine Ohren, die hören.
Keine Stimmen, die trösten.
Keine Stimmen, die sprechen.
Keine Worte, die sagen: Ich bin hier. Du bist nicht allein.
Kein Herz, das schlägt und sagt: Komm her, ich liebe dich!
Keine Arme, die ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.
Niemand, der sagt: Das wird schon wieder.
Niemand.
Außer das Kind selbst.
Weil es nicht bekommt, gibt es.
Ohren, die hören und verstehen.
Augen, die sehen und erkennen.
Ein Herz, das fühlt und zwischen den Zeilen liest.
Eine Hand, die tröstet.
Es gibt und gibt und gibt, doch die Angst wird von Tag zu Tag größer.
Die Einsamkeit.
Die Sehnsucht.
Die Resignation.
Liebe, Trost und Geborgenheit stehen ihm nicht zu.
Er ist auf dieser Welt, um Gefühle dieser Art zu geben, gleichmäßig zu verteilen, doch nicht, um diese zu empfangen.
Er wurde geschaffen, um die Welt und die Mitmenschen vor ihrem Untergang zu bewahren, doch nicht um von der Welt aufgefangen zu werden. Nicht um gehalten zu werden.
Nicht um zu fliegen.
Denn wer fliegt, kann fallen.
Und wer fällt, muss wieder aufstehen können.
Die Bilder vor meinen Augen verschwimmen. Abwechselnd sehe ich ein Kind, das lacht, ein Kind, das weint. Ein Kind, das spielt, ein Kind, das still und in seinen eigenen Gedanken versunken dort sitzt. Ein Kind, noch so klein und doch schon so verantwortungsbewusst wie ein erwachsener Mensch. Ein Kind, noch so verspielt und doch schon so pflichtbewusst und vernünftig.
Ein Kind mit reichlich Klopapier in der Hand für all die vergossenen Tränen in seinem Umfeld.
Ein Räuspern führt mich zurück in die Realität.
"Nicht traurig sein!", sagt das kleine Kind, steht auf und versucht ein tapferes Lächeln. "Soll ich dir ein Taschentuch besorgen?"
Besorgnis und Anteilnahme in seiner Stimme.
Es schaut auf seine Kniee, die bluten und verzieht das Gesicht. Doch bevor ich nachfragen kann, ob es weh tut, kommt es mir zuvor: "Ach. Ist gar nicht so schlimm. Aber wieso bist du denn eigentlich so traurig?"
"Wir besorgen dir jetzt ein Pflaster und danach gehen wir gemeinsam ein Eis essen, ok?", schlage ich vor.
"Nein, wir gehen nach Hause. Du musst dich ausruhen. Du bist traurig.", widerspricht das Kind und versucht sein eigenes Bedürfnis hinten an zu stellen.
Ich schüttel mit dem Kopf und versuche ein Grinsen. "Keine Widerworte."
Schweigend und mit großem Abstand versehen, laufen wir nebeneinander her.
Ein großes Wesen und ein kleines Wesen.
Beide in ihrer eigenen kleinen Gedankenwelt versunken.
Beide in ihrem eigenen kleinen Gefühlschaos ertrunken.
Beide sind so vertieft in ihrer eigenen kleinen Welt, dass sie den Regenbogen über ihnen gar nicht wahrnehmen, bis die Stimme eines kleinen Jungen ihre Aufmerksamkeit weckt: "Ey Papi, guck mal, ein Regenbogen."
Gleichzeitig werfen sie einen Blick hinauf in den Himmel und sehen ihn.
Sehen die vielen bunten Farben und fühlen sich von diesen magisch angezogen.
"Bunt ist meine Lieblingsfarbe!", durchbricht das kleine Kind die Stille.
Seine Stimme überschlägt sich beinahe vor lauter Euphorie. "Deswegen gibt es auch nichts Schöneres auf der Welt als einen bunten Regenbogen."
Völlig fasziniert setzen wir uns auf den Bürgersteig, Schulter an Schulter und schauen hinauf.
"Der Regenbogen ist genauso bunt wie das Leben!", sage ich und nach einem kurzen Seitenblick auf das kleine Kind ergänze ich mit sanfter Stimme: "Und so bunt wie du."
Es dreht seinen Kopf zu mir. "Ich bin kein Regenbogen. Ich bin eine viel zu laute Gewitterwolke. Ich bin wie der Donner und der Blitz und..."
"wie die Sonne", füge ich hinzu."Wunderschön und strahlend warm."
Das Kind schaut wieder weg und schweigt.
"Ich bin wie viele kleine Regentropfen, die niemand haben will...", sagt es nach einer Weile und muss heftig schlucken.
"Niemand will Regen. Jeder will Sonne. Aber ich bin Regen. Ich bin nasser Regen und bin am liebsten in Regenpfützen. Da kann man wenigstens plantschen."
"Ich mag Regen!", entgegne ich.
Das Kind steht wie von der Tarantel gestochen auf, verschränkt die Arme vor der Brust und verkündet: "Niemand mag Regen. Niemand wird gerne nass. Wenn es regnet, brauchen alle Menschen ihren Regenschirm und wollen schnell wieder nach Hause. Weil man sich vor Regen schützen muss. Weil Regen bäh ist."
Ich muss mich kurz sammeln, bevor ich antworte: "Weißt du, die Erde braucht Regen, um nicht auszutrocknen. Die Pflanzen brauchen auch Wasser, damit sie trinken können. Und auch der Regenbogen könnte nicht entstehen, wenn es nicht regnen würde. Regen ist wichtig..."
Ich stocke. "Nicht Regen ist wichtig, du bist wichtig."
Das Kind beginnt erneut zu weinen."Der Regenbogen ist so schön!", schluchzt es und wiederholt diesen Satz immer wieder. "So Schön. So unglaublich schön. Ich möchte gelb sein und grün und blau. Und alles. Ich möchte alles sein. Wieso bin ich kein Regenbogen? Wieso kann ich mich nicht in einen Regenbogen verwandeln? Hallo Regenbogen, kannst du mich sehen? Kannst du mich hören? Darf ich dich mal besuchen? Wie hast du es geschafft, dass du so bunt bist?"
Völlig benommen, unterhält das kleine Kind sich mit dem Regenbogen.
Wirkt traurig und zugleich so voller Hoffnung.
Voller Träume und Fantasien.
Ich sehe zu und fühle Wärme in mir aufkommen.
Zuneigung.
Liebe.
Und plötzlich kommt es über mich und ich nehme das kleine Geschöpft in meine Arme.
All die Angst und Unsicherheit wie verfolgen, stattdessen Wärme und das Bedürfnis nach Nähe.
Das Bedürfnis nach Einheit.
Nach Zweisamkeit.
Nach miteinander statt gegeneinander.
Das Kind erst stocksteif, scheint den Atem anzuhalten, doch mit der Zeit lockerer und entspannter.
Ich streiche ihm über den Rücken, über die Haare, gebe ihm einen Kuss auf die Wange und als ich es weinen höre, fange auch ich an hemmungslos zu schluchzen.
Kind und Erwachsener weint,
hilflos, neu, endlich vereint.
Zwei Seelen in einem Körper verbunden,
pflicken und heilen die Wunden.
Mit Pinsel und Farbe in der Hand,
entsteht am Abend Leben an der Wand.
Zwar mit tiefen, noch nicht geflickte Narben,
doch mit heilenden Regenbogenfarben.
SanniHSP
 

Re: Im Labyrinth der Kindheit

Beitragvon Igel » Di 4. Sep 2012, 16:54

Sehr beeindrucken. Hast du das selbst verfasst?
Fragen bleiben jung. Antworten altern rasch. (Kurt Marti)
Igel
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Re: Im Labyrinth der Kindheit

Beitragvon streunerin » Di 4. Sep 2012, 17:36

Liebe SanniHsp,

ist das Dein Dialog mit Deinem inneren Kind?

Dein Text berührt mich sehr. _flov_

Liebe Grüße
Streunerin
Der geistigen Menschen höchste Leistung ist immer Freiheit, Freiheit von den Menschen, von den Meinungen, von den Dingen, Freiheit zu sich selbst.

(Stefan Zweig 1881 - 1942)
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Re: Im Labyrinth der Kindheit

Beitragvon SanniHSP » Sa 15. Sep 2012, 20:26

Ja, es ist der Dialog zwischen mir und meinem inneren Kind, den ich in derzeitigen Krise, in der ich mich befinde, immer wieder versuche aufzubauen und aufrecht zu erhalten. Wird zunehmend schwer, aber ich möchte nicht aufgeben.
Danke für die Rückmeldungen! =)
SanniHSP
 

Re: Im Labyrinth der Kindheit

Beitragvon catinca » Mo 17. Sep 2012, 11:53

Zuspruch: Bleib dran und sei mutig... Dein Kind braucht Dich und Du Dein Kind!
catinca
 

Re: Im Labyrinth der Kindheit

Beitragvon Cassy5 » Mo 17. Sep 2012, 18:15

big_cry2 das ist so wunderschön. Ich möchte mich tausendmal bei dir bedanken und wünsche dir gleichzeitig viel Kraft.

Lg Cassy
Am Ende wird alles gut und wenn es nicht gut ist ist es nicht das Ende - Oscar Wilde
Cassy5
u.n.e.n.t.b.e.h.r.l.i.c.h.
 
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Re: Im Labyrinth der Kindheit

Beitragvon herbst » Mo 17. Sep 2012, 22:24

Liebe Sanni
Ich möchte deinem Kind gerne ein wenig Geborgenheit mit auf den Weg geben. Ein Gedicht, ein Lied, einen Spaziergang über Wiesen und Felder...
Alles Liebe, Herbstfrau
herbst
 

Re: Im Labyrinth der Kindheit

Beitragvon Niniveh » Do 8. Nov 2012, 15:19

WOW

Danke Sanni, dass du uns das hier mitgeteilt hast,

bei mir sind einige Tränen geflossen.

Extrem berührend.
Niniveh
 



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