Vorsorgevollmacht

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Re: Vorsorgevollmacht

Beitragvon Natty » So 3. Nov 2019, 11:29

Fortsetzung vorheriger Text .... :

Für die allermeisten Menschen ist es sehr schwierig sich in einen Dementen hineinzuversetzen und zu erkennen wie man in welcher Situation und mit welchem Thema mit dem Dementen umgehen muß. Ich kann das ganz gut, aber es kostet wahnsinnig viel Geduld, Zeit und Kraft. Das hat so gut wie kein Mensch. Ich habe leider auch die Zeit nicht ausreichend, da ich voll stressig berufstätig bin. So könnte ich auch die Betreuung nicht übernehmen. Das ist ein Fulltime-Job. Wenn man den Dementen nicht einfach in ein Pflegeheim oder Wohngruppe stopft, wo er evtl. teilweise mit Medikamenten stillgestellt wird. Ich habe schon etliche Pflegeheime gesehen und auch eine eigentlich vorbildliche Wohngruppe angeschaut. Für meinen Geschmack ist das alles das Grauen. Bis auf ein Heim. Da weigert sich aber der Betreuer, daß man das mal anschaut und überhaupt daß meine Freundin da reinkommt. Weil er wieder mal keinen blassen Schimmer hat, wie meine Freundin "tickt". Er weiß sehr oft (vermeintlich) viel besser wie sie, was sie möchte, was ihr gut tut und was ihr gefällt und wie sie sich wohl fühlt. Ich könnt explodieren. .... Aber das darf ich nicht. ... Weil: Der Betreuer kann allen Personen den Umgang mit der Dementen verbieten.

Ich habe auch von einer anderen Freundin gesagt bekommen, daß der Bevollmächtigte prozessieren würde, wenn die Vorsorgevollmacht geändert, angefochten oder aufgehoben werden würde.

Es hätte eine Chance gegeben, daß meine Freundin aus der Vorsorgevollmacht raus kommt: Einfach indem sie versucht die Vorsorgevollmacht aufheben zu lassen und selber eine Amtliche Betreuung beantragt. Sie hat das unbedingt gewollt. Sie schafft so etwas aber durch die Krankheit niemals mehr alleine. Ich hätte ihr geholfen, aber sie hat Angst. Angst vor ihrem Freund, wie er reagiert, wenn sie versucht die Vollmacht aufzuheben. Sie sagt er ist rachsüchtig. Sie hat Angst, daß er handgreiflich wird. Letzteres glaube ich absolut nicht. Aber ich kann gut verstehen, daß sie diese Ängste hat. In der Übergangszeit, bis ein Gericht entscheidet, ob die Vollmacht aufgehoben wird, wäre meine Freundin ziemlich in der Luft gehangen und ein Stück schutzlos und ohne Betreuung. Wie lange auch immer. Nachdem ich nun nicht mehr lange Urlaub habe, kann ich ihr da nun auch nicht mehr helfen.

Ich war bei der Polizei und habe mich erkundigt. Die Polizei macht nichts. Sie macht erst dann etwas, wenn etwas vorfällt. Also wenn er sie schlagen würde. Oder die Nachbarn die Polizei rufen, weil er lärmend vor der Tür steht. Oder wenn sie selber die Polizei ruft, dann kommen sie. Aber da ist die Gefahr, wenn sie öfter die Polizei ruft, dann wird sie womöglich in die Schublade "Demenz, die ruft eh immer wieder an und bildet sich was ein" gesteckt. Das ist ihr immer noch absolut bewußt. Sie ist weiterhin hochintelligent, obwohl sie über Strecken ganz krasse Gedächtnisaussetzer hat und laufend nach 10 Sekunden nicht mehr weiß was man mit ihr besprochen hat. Sie weiß z.B. dann für immer auch nicht mehr, daß man mit ihr ausführlich eine Wohngruppe besichtigt hat.
Der Polizist hat mir aber auch mit seiner eigenen Meinung gesagt, daß er bisher erlebt hat, daß ca. 98% der Leute welche ihren Betreuer nicht mehr weiter mögen vom Gericht einen anderen Betreuer zugesprochen bekommen. Und soweit ich diese Zusammenhänge alle aufgenommen habe, entscheidet der Richter für einen neuen Betreuer oft nicht primär weil der bisherige Betreuer etwas falsch macht, sondern weil das Verhältnis zwischen Betreutem und Betreuer zerrüttet ist und ein Weiterführen für den Betreuten nicht zumutbar ist. ... Blöd ist halt, daß meine Freundin so eine fürchterlich Angst vor seinen Reaktionen hat, wenn sie eine amtliche Betreuung beantragt und die Vorsorgevollmacht aufheben lassen möchte. Das ist nun der Teufelskreis dieser Demenz-Erkrankung.

Mit diesen Erfahrungen zögere ich, selbst eine Vorsorgevollmacht für mich auszuarbeiten. Da müßte ich mich sehr viel länger mit befassen als ich vorerst Zeit habe.

Liebe Grüße
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Re: Vorsorgevollmacht

Beitragvon Source » So 3. Nov 2019, 14:35

Hallo Natty,

nach dem, was du hier von der Situation deiner Freundin berichtet hast, finde ich es absolut nachvollziehbar, dass du die von mir vorgeschlagenen Schritte nicht gehst. Mein Absicht war, auf diese Optionen aufmerksam zu machen, nicht, dich in eine bestimmte Richtung zu drängen :-)

Ich habe auch schon mehrfach überlegt, wie ich mit der Thematik umgehen soll. Mein Vater hatte sich für eine Patientenverfügung entschieden. Damit hat er uns einige wichtige und schwerwiegende Entscheidungen abgenommen. Dafür, dass ich nicht entscheiden musste, ob die lebenserhaltenden Maßnahmen fortgeführt werden, bin ich ihm sehr dankbar. Außerdem hatte er einen gesetzlichen Betreuer, mit dem wir sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Mir ist bewusst, dass es schwarze Schafe unter den gesetzlichen Betreuern gibt. Ich bin aber prinzipiell davon überzeugt, dass die große Mehrzahl vertrauenswürdig ist und wäre bereit, meine Angelegenheiten einem Berufsbetreuer zu übertragen.

Liebe Grüße
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Re: Vorsorgevollmacht

Beitragvon Natty » So 3. Nov 2019, 17:23

Source hat geschrieben:Hallo Natty,
nach dem, was du hier von der Situation deiner Freundin berichtet hast, finde ich es absolut nachvollziehbar, dass du die von mir vorgeschlagenen Schritte nicht gehst. Mein Absicht war, auf diese Optionen aufmerksam zu machen, nicht, dich in eine bestimmte Richtung zu drängen :-)
...
Liebe Grüße
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Hallo Source,

keine Sorge, ich hatte mich nicht bedrängt gefühlt und habe verstanden, daß Du die Möglichkeiten aufzeigen wolltest!

Ich will hier auch nur darauf aufmerksam machen, daß man womöglich gar nicht erahnt, was so eine Vorsorgevollmacht für schwierige bis verzweifelte Situationen für den Erkrankten bringen könnte. "Könnte", natürlich. Das kann ja oft auch sehr gut laufen. Aber ich habe in meinem Leben gelernt, daß man niemals restlos in einem anderen Menschen "drinsteckt". Menschen können sich auf ein mal ganz ungeahnt in ihrem Verhalten ändern. Da steht man dann da und sagt, "DAS hätte ich NIEMALS von dem gedacht, daß er sich so verhalten könnte!". Ich glaube da kann man ein noch so guter Menschenkenner sein, trotzdem kann man sich mal in einem lange eng bekannten Menschen zum Schluß täuschen.

Der Freund von meiner Freundin meint es schon durchwegs gut. Nur mit einer womöglichen Hoffnung auf ein späteres Erbe bin ich mir da bisher nicht so sicher gewesen. Aber inzwischen denke ich, auch darauf hat er es nicht abgesehen. Er ist halt sehr sachorientiert und er kann das halt einfach nicht, sich in die Situation und das Gefühlsleben eines anderen Menschen hineinzuversetzen. Eines anderen Menschen der halt eben anders tickt als er selber. Hoch anzurechnen ist ihm, daß er sie nicht bald nach der Diagnose verlassen hat und weiter zu ihr steht. Da muß man auch erst mal unverheiratete Männer finden die langfristig zu ihrer dementen Partnerin stehen.

Liebe Grüße
Natty
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Re: Vorsorgevollmacht

Beitragvon Source » So 3. Nov 2019, 19:01

Natty hat geschrieben:Hallo Source,

keine Sorge, ich hatte mich nicht bedrängt gefühlt und habe verstanden, daß Du die Möglichkeiten aufzeigen wolltest!


Fein, das war meine Absicht :-)

Liebe Grüße, Source
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Re: Vorsorgevollmacht

Beitragvon Iwie » So 3. Nov 2019, 19:27

Meine Eltern haben Vollmachten geschrieben auf mich und meinen Bruder und unser Onkel auch (+ auf seine beste Freundin). Er hat keine eigenen Kinder und ist alleinstehend.
Ich fand das irgendwie krass, das zu bekommen - bei meinen Eltern war ich Anfang 20. Aber ich finde es einen guten und wichtigen Schritt. Sie haben auch alle ihre Unterlagen aufgelistet und in einem Ordner zusammengefasst. Bzw. sind Verweise drin, wo ich weiterführende Nachweise oder Unterlagen finden kann. Diesen Ordner werde ich blind im Dunklen finden - selbst, wenn ich mir das Zimmer jetzt vorstelle, weiß ich genau, was ich untendrunter am Tisch verschieben muss, um an das Regalbrett zu kommen _läch_
Neulich habe ich mit Bekannten darüber gesprochen. Sie hätten da so einen Horror vor, weil alles im Haus verteilt ist. Ich bin froh, dass meine Eltern in diesem Punkt so umsichtig sind. (Und bekomme selber ein schlechtes Gewissen, wenn ich an meine Unterlagen denke. )/898u )

Dass es mit diesen Vollmachten bzw. dann mit einer Patientenverfügung trotzdem nochmal zu Unwägbarkeiten kommen kann, habe ich bei Freunden bzw. bei meiner Oma gesehen. Bei meinen Freunden kam die Tochter trotz Vollmacht erst nach langem Hin und Her an ein bestimmtes Konto ran - ich weiß nicht mehr, was schief gelaufen war - aber irgendwas war wohl nicht ganz richtig. Bei meiner Oma gab es eine Patientenverfügung, in der es hieß, dass sie keine lebensverlängernden Maßnahmen haben wollte. Sie kam die letzten Tage in ein Hospiz und hatte auf Grund ihrer Erkrankung viel Wasser in den Beinen. Unter lebenseverlängernde Medikamente fielen auch die Entwässerungsmedikamente. Es hat viel gutes Zureden auf das Betreuungspersonal benötigt, damit das Medikament weiter verabreicht wurde - es bestand die Gefahr, dass die Beine aufplatzen. Palliativ haben sie sonst wirklich gut gearbeitet - aber diesen Punkt habe ich nicht verstanden.

Bei mir steht so eine Vollmacht auf der ToDo-Liste. Aber die wird immer so schön weiterverschoben. Einerseits möchte ich, dass alles geregelt ist - andererseits sperrt sich alles in mir, da dran zu gehen. Klar - eigene Endlichkeit und da ich bei der Geburt unseres Ersten fast schon nicht überlebt hätte, ist es ein richtig schwieriges Thema für mich, über die Versorgung der Kinder nachzudenken, wenn sie noch nicht selbständig leben könnten. Dazu kommt, dass es mir generell sehr schwer fällt, meine eigenen Dinge zu regeln. Also das was läuft, läuft. Aber so komplett für mich selber etwas zu erstellen - das gehe ich nicht gerne an. Es erscheint mir selber nicht wichtig. Anderen mit Unterlagen behilflich sein - ja. Aber bei mir selber _panik_
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Re: Vorsorgevollmacht

Beitragvon Natty » So 3. Nov 2019, 19:40

Iwie hat geschrieben: Bei meinen Freunden kam die Tochter trotz Vollmacht erst nach langem Hin und Her an ein bestimmtes Konto ran - ich weiß nicht mehr, was schief gelaufen war - aber irgendwas war wohl nicht ganz richtig.


Es gibt Banken, die erlauben einem Bevollmächtigten ohne weiteres die Einsicht und den Zugriff auf die Konten des Betreuten. Und es gibt andere Banken, die verweigern dem Bevollmächtigten beides. Sie verlangen eine persönlich vom Betreuten unterschriebene Kontovollmacht. Der Bevollmächtigte kommt aber trotzdem an die Konten der verweigernden Banken ran. Dazu muß er halt über Gericht gehen, da bekommt er den Zugriff normalerweise zugesprochen.

Liebe Grüße
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Re: Vorsorgevollmacht

Beitragvon Iwie » So 3. Nov 2019, 20:07

Natty hat geschrieben:
Iwie hat geschrieben: Bei meinen Freunden kam die Tochter trotz Vollmacht erst nach langem Hin und Her an ein bestimmtes Konto ran - ich weiß nicht mehr, was schief gelaufen war - aber irgendwas war wohl nicht ganz richtig.


Es gibt Banken, die erlauben einem Bevollmächtigten ohne weiteres die Einsicht und den Zugriff auf die Konten des Betreuten. Und es gibt andere Banken, die verweigern dem Bevollmächtigten beides. Sie verlangen eine persönlich vom Betreuten unterschriebene Kontovollmacht. Der Bevollmächtigte kommt aber trotzdem an die Konten der verweigernden Banken ran. Dazu muß er halt über Gericht gehen, da bekommt er den Zugriff normalerweise zugesprochen.

Liebe Grüße
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Das klingt so nach dem, wie das da war - das letzte, mit dem Gericht _yessa_
Danke für die Ausführung _rosegirl_
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