Wie entkräftet man "Diagnosen"?

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Wie entkräftet man "Diagnosen"?

Beitragvon Mattania » Fr 9. Jan 2015, 22:45

Hallo ihr Lieben,

mich treibt gerade die Frage um, wie man "richtig" mit ungerechtfertigten Einschätzungen anderer umgeht.
Ich erwarte nicht, dass jemand von euch die Lösung des Problems kennt, ich würde nur gerne wissen, wie ihr darüber denkt.

Vor Jahren habe ich das mal bei einem Bekannten erlebt, dem von seiner Freundin vorgeworfen wurde, er wäre Alkoholiker. Er verneinte das, weil er nur am Wochenende und in Gesellschaft Bier trank. Sie sagte, diese Leugnung des Problems sei ein eindeutiges Symptom und ein Beweis dafür, dass sie recht hätte. Er änderte seine Haltung und sagte, okay, kann sein, ich überprüf das mal. Er lebte 6 Wochen lang völlig alkoholfrei und ohne Entzugssymptome und trank dann bei einem Treffen mit Freunden ein paar Biere. Sie fand ihre Meinung dadurch bestätigt und erklärte ihm, dass er Quartalssäufer sei, was nichts anderes sei als Alkoholiker. Er ließ sich dadurch "belehren" und sagte selbst, dass er wohl ein Alkoholproblem hätte, und ging zu AA-Treffs. Nach dem dritten AA-Treffen trennte sie sich endgültig von ihm, weil sie nicht mit einem Alkoholiker leben wollte. Das hat ihn so umgeworfen, dass er nach der Trennung fast 3 Monate lang so richtig wie ein Alkoholiker gelebt hat - um dann ganz plötzlich dem Bier komplett zu entsagen.
Als sie das erfuhr, erklärte sie jedem, dass ein Alkoholiker erst ganz abstürzen muss, bevor er trocken werden kann. Seine plötzliche und komplette Enthaltsamkeit sei der Beweis, dass sie von Anfang an recht hatte.

Wie schätzt ihr das ein? Was hätte er "besser" machen können?

Ich stecke in einer ziemlich ähnlichen Situation, das Thema ist ein anderes, aber auch ich habe das Gefühl, dass alles was ich tun könnte, den Ausgangsverdacht bestätigen würde.

Ich bin gespannt, ob ich Antworten bekomme... ;-)

Liebe Grüße,

Mattania
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Re: Wie entkräftet man "Diagnosen"?

Beitragvon Waldtänzerin » Fr 9. Jan 2015, 22:56

Ich würde sie gar nicht entkräften, sondern tendenziell eher dem Menschen, der mich in eine Schublade stecken will, aus dem Weg gehen. Gerade dann, wenn es so vehement an allen Ecken und Enden Thema ist. Das ist wohl dann eher ein Thema des anderen, wenn er mich irgendwo einordnen will. ... warum auch immer das dem anderen so wichtig scheint ... das hat ja so viel nicht mit mir selbst dann zu tun.
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Re: Wie entkräftet man "Diagnosen"?

Beitragvon burkhard » Fr 9. Jan 2015, 23:18

Ich denke, das war so eine Sache, wo man nur falsch reagieren kann, weil die Frau es einfach so sehen wollte.

Wie wichtig ist Dir die Person, die Dir diese unangenehme "Diagnose" "androht"?
Kannst Du sie einfach ignorieren?
Wie bedrohlich ist diese "Diagnose"?
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Re: Wie entkräftet man "Diagnosen"?

Beitragvon Meeresrauschen » Sa 10. Jan 2015, 06:01

@ Mattania

Wie schätzt ihr das ein? Was hätte er "besser" machen können?


Er hätte zwecks richtiger Diagnostik einen Psychotherapeuten kontaktieren können anstatt sich eine Diagnose von einem Freundin geben zu lassen.

Sie sagte, diese Leugnung des Problems sei ein eindeutiges Symptom und ein Beweis dafür, dass sie recht hätte.


Woher weiß die Freundin, dass sie Recht hat, und dass er leugnet? Vielleicht ist das Nein ja die Wahrheit und kein Leugnen?
Das klingt mir sehr nach einem Hobbypsychologen.

Wenn er sich unsicher ist, dann wäre es ratsam sich an jemanden zu wenden, der psychologisch ausgebildet wurde.

Viele Grüße
Meeresrauschen
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Re: Wie entkräftet man "Diagnosen"?

Beitragvon Golbin » Sa 10. Jan 2015, 13:30

Hallo,

mir erscheint es so, als hätte die Freundin Angst dafür, ihr Freund KÖNNTE alkoholabhängig sein. Die "Diagnose" ist ein der Dinge, die nicht entkräftet werden können, weil es nach meinem Verständnis eine feste Meinung in ihr ist. Das Verhalten ihres Freundes war sehr gutmütig, könnte die Meinung aber nicht ändern. Vermutlich war sie festgefahren. Wer weiß, welche Erfahrungen die Frau mit Alkohol und Alkohlikern gemacht hat.

Was er hätte besser machen können? Bei der ersten Äußerung hat er richtig reagiert und seinen Konsum überprüft. Das ist mehr als die meisten Menschen bereit sind. Ich weiß es von mir, da ich trockener Alkoholiker bin. Nachdem klar ist, dass er nicht übermäßig trinkt, ist es nicht mehr an ihm, etwas zu tun. Jetzt wäre das beste gewesen, die Freundin hätte dargelegt, warum sie weiterhin der Annahme ist, dass er zu viel trinkt. Hier können und dürfen die beiden ja durchaus unterschiedliche Ansichten haben. Wenn sie mit dem Alkoholkonsum des Freundes nicht einverstanden ist - und am Ende war es ja so - muss sie sich von ihm trennen. In diesem Sinn hätte er nach seiner Überprüfung offen zu seinem Konsum stehen sollen. Das hätte die ganze Sache beschleunigt, auf die es ohnehin hnausgelaufen ist.

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Re: Wie entkräftet man "Diagnosen"?

Beitragvon Equilibrium » Sa 10. Jan 2015, 14:24

Ich finde die Frage grade interessant für mich, weil mir ein Neurologe nach 10 min Gespräch diagnostiziert hat, ich sei mehrfach Suchtabhängig (von verschiedenen wechselnden Stoffen). Diese Diagnose hat er gestellt, bevor das Drogentestergebnis zurück kam und auch als diese sehr umfassende Untersuchung auf über 50 Suchtstoffe negativ war (bis auf das Medikament das mir verschrieben wird), hat er das nicht korrigiert. Also sogar nach dem Nachweiß das ich Drogenfrei bin, blieb er dabei. Ich finde das eine Frechheit und nicht sehr sorgsam, mir das einfach als Diagnose zu unterstellen, und das sogar, obwohl ich das Gegenteil nachweise... Die Frage ist ähnlich, aber mit ärztlichem Bezug und ich fragte mich ebenfalls, wie man sich gegen soetwas wehren kann.
Dem Drogentest habe ich zugestimmt, um eine Unsicherheit meiner Ärztin (Schmerztherapie) auszuräumen und nachzuweisen das ich keine Drogen nehme oder sonstwie Substanzmissbrauch betreibe.


Zum Eingangsbeitrag frage ich mich, wieso dieser Freund etwas Zugab was nicht stimmte und sich sogar hat soweit bequatschen zu lassen, zu den Anonymen-Alkoholikern zu gehen? Der Fehler ist aus meiner Sicht, das er nicht zu sich gestanden hat.
Abgesehen davon klingt das Problem seiner Freundin wie ein Stellvertreterkonflikt um einem tatsächlichen Problem aus dem Weg zu gehen. Es klingt allg. mehr danach, als hätte sie einen eigenen Konflikt auf ihn projiziert, womöglich ja, um vor sich zu rechtfertigen sich zu trennen?
Sie hatte eine Meinung und hat nun alles so interpretiert sie (sich) zu bestätigen, wenn jemand in seiner Ansicht so festgefahren ist, ist es fast egal was man tut. Ein klassische Beispiel ist große Eifersucht, bei dem alles was der Partner tut, als Hinweis für Untreue gedeutet wird oder eine nicht ergebnisoffene Forschung. Hinweise die der eigenen Erwartung und Meinung nicht entsprechen, werden, ignoriert, ausgefiltert oder soagr nicht mehr wahrgenommen, Hinweise die so interpretierbar sind, das die Erwartung zutrifft, werden dagegen wir unter einem Vergrößerungsglas gesehen.

Gruß
Equilibrium
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Safi Nidiaye


-->Ich bin hier nicht mehr aktiv. Du darfst mir jedoch gern eine Email schreiben. Ich bin offen für Austausch über das Nichtalltägliche.
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Re: Wie entkräftet man "Diagnosen"?

Beitragvon gyn » Sa 10. Jan 2015, 14:44

Ich war mal kurz mit einer Frau mehr oder weniger "zusammen", ich glaub so 3 oder 4 Wochen. In der Zeit hatte ich ein einziges Mal was getrunken, ich glaube 2 Flaschen Bier, als wir auf einem Konzert waren. Kurze Zeit später hat sie sich von mir getrennt mit der Begründung, daß ich ihr zuviel trinke. big_rofl1
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Re: Wie entkräftet man "Diagnosen"?

Beitragvon Mattania » Sa 10. Jan 2015, 23:29

Ich danke euch für eure Antworten, so viel Bestätigung meines eigenen Empfindens hatte ich schon seit Jahren nicht mehr.
Ich hab das Problem damals auch so gesehen: dass er hätte sagen können, dass man nicht vollkommen alkoholfrei leben muss, um nicht als Alkoholiker zu gelten.
Er hing aber so sehr an seiner Freundin, dass er sie lieber beruhigen und absichern wollte, statt ihr ein "Nein!" entgegenzusetzen, und das verstehe ich auch.
Ich hab mich seit dieser Geschichte, die ich ziemlich stark miterlebt habe (ich war mit beiden befreundet), immer wieder gefragt, ob das auch anders hätte laufen können.
Bin zu dem Schluss gekommen, dass es wohl genau so laufen musste.

Und jetzt befinde ich mich selbst in einer ähnlichen Lage.

Ich hab hier etwa 2 Jahre lang nicht geschrieben. Weil ich hier niemanden unzulässig mit meinen Problemen belasten wollte.
Der Grund dafür war die "Familienhelferin", die ich seit etwas über 2 Jahren habe. Sie hat mir anfangs von sich aus Hochsensibilität "attestiert", ist aber bald dazu übergegangen, mir "Borderline" zu unterstellen. Und sie gibt mir immer wieder zu verstehen, dass sie durchsetzen könnte, dass mein Sohn "in Obhut genommen" würde.
Leider hab ich von meiner Therapeutin, die die "Diagnose" der SPFH lächerlich fand und mir das Buch "Jenseits der Norm" schon bei der 3. probatorischen Sitzung lieh, nichts schriftliches bekommen. MEINE Aussage ändert nichts. Und die Meinung der SPFH gilt beim Jugendamt mehr als meine.

Ich verstehe total, wenn ihr euch jetzt aus dem Thema ausklinkt, das würde ich selbst auch, wenn ich das könnte.

Jedenfalls bestätige ich offensichtlich mit meiner Meinung nach völlig normalem Empfinden IMMER die "Diagnose".

Nach einer schlimmen Trennung lange allein zu bleiben, war für sie Symptom.
Mich in jemanden zu verlieben, den ich seit 4 Monaten durch Gespräche beim Gassigehen kannte und ihn dann toll zu finden, war für sie Symptom.
Enttäuscht und traurig darüber zu sein, als sich herausstellte, dass er mich in allem belogen hatte, war für sie Symptom.
Dass ich mich getrennt habe, nachdem er mir vorgeworfen hatte, ich wäre eigentlich lesbisch - obwohl ER körperliche Zuneigungsbekundungen verweigert hatte - hieß für die SPFH, dass ICH nicht bereit bin, Nähe zuzulassen.
Schildere ich belastende Erlebnisse ziemlich neutral, spalte ich meine Gefühle ab.
Erkläre ich, wie ich fühle, soll ich mich nicht wundern, wenn mich keiner ernst nimmt, so hysterisch wie ich rüberkomme.
Und überhaupt habe ich diesen Mann ja erst idealisiert und dann total entwertet. Meint sie. Obwohl sie weiß, dass ich mich trotz Trennung bei zufälligen Gassitreffen ganz normal mit ihm unterhalte, als wäre nie was vorgefallen. Oder vielleicht ist gerade das ein weiteres Symptom von Borderline.

Ich könnte da noch viel mehr erzählen, aber ich hab mir für 2015 vorgenommen, nur noch an den großen Baustellen zu arbeiten und dem Kleinkram zu erlauben, sich selbst aufzulösen :-)

Wer noch dabei ist, darf mir gerne auch ganz brutal die eigene Meinung dazu vorsetzen. Ich bin ja froh, wenn mal jemand unbeteiligt ehrlich ist.

Ganz liebe Grüße,

Mattania
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Re: Wie entkräftet man "Diagnosen"?

Beitragvon Julie » So 11. Jan 2015, 00:05

Hallo Mattania,

ich hab da jetzt erst mal ein kleines Verständnisproblem. Bis jetzt dachte ich, SPFH wären in einer Familie, um sich in erster Linie um die Kinder zu kümmern, also sollte sie sich mit Deinem Sohn beschäftigen.
Ist es Teil der Hilfe, dass Du ihr so viel Einblick gibst in Dein eigenes ganz intimes Leben? Also, ich meine, vielleicht kannst Du Dich ein bisschen von ihr distanzieren? Können denn Familienhelferinnen von ihrer Ausbildung her Borderline diagnostizieren? Und womit begründet sie, dass Dein Sohn in Obhut genommen werden sollte. Geht es nicht um Deine Beziehung, die Du zu Deinem Sohn hast, wie Du Dich um ihn kümmern kannst?
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Re: Wie entkräftet man "Diagnosen"?

Beitragvon jules1976 » So 11. Jan 2015, 00:30

Hallo Mattania!

Mir ist das jetzt nicht ganz klar- kannst Du nicht an andere Stelle( die wird doch sicherlich einen Vorgesetzten haben) kommunizieren, dass ihr beide einfach nicht miteinander könnt?
Was eigentlich auch schon ihre Aufgabe wäre, professionell zu sagen( ich meine zwei Jahre sind ja schon ne lange Zeit, da hätte sich ja was entwickeln müssen) ihr bekommt kein Vertrauensverhältnis hin?

Such Dir doch Sachargumente z.B. es gibt keine positive Entwicklung oder keine Entlastung und wende Dich selbst ans Jugendamt.
Vielleicht kann Dir Deine Therapeutin auch ne Art Therapiebericht schreiben und weiterleiten- als Argument, dass Du Dich an anderer Stelle stabilisierst ( oder wie man das auch nennen könnte)?

Oder sammel doch heimlich ihre verbalen Ergüsse mit Situationsbeschreibung- ich meine , die Kompetenz eine Borderline-Störung zu diagnostizieren zwischen Tür und Angel hat so ein Sozialpädagoge sicherlich nicht.

Ich wünsch Dir alles GUte- und sende Dir noch ein Kraftpaket!

Liebe Grüße Jules1976
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