Doppelmoral?

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Doppelmoral?

Beitragvon Anima (Lufthauch) » So 22. Dez 2019, 10:34

Hallo in die Runde!

Moral ist, finde ich, ein „philosophisches“ Thema. - Und beschäftigt man sich mit Moral, scheint mir oft auch die Doppelmoral nicht sehr weit davon entfernt.

Ich versuche mal eine Definition von Doppelmoral:
wenn Verhalten nach zweierlei Maß gemessen wird und man moralische Werte/Prinzipien - für andere oder auch für sich selbst - aufstellt, die man im eigenen Verhalten dann nicht durchhält, bzw. nicht lebt.
Und das kann in allen Bereichen geschehen: Politik, Arbeit, Medizin, im zwischenmenschlichen Alltag …

Ich finde ja solche Doppel-Standards immer mal wieder schwierig, weil hier gefühlt so komische Widersprüche da sind, die aber manchmal zuerst nicht richtig aufzuschlüsseln oder unter einen Hut zu bringen sind. Irritierend: „der redet so, aber macht ganz anders“.

Hier ist Platz für solche Beispiele, die einen verwirren, weil sie doppelmoralisch sind. - Denn mir hilft es in solchen Situationen, diese widersprüchlichen Strukturen immerhin zu erkennen, um aus der Verwirrung wieder herauszukommen. (Und manchmal macht es sogar Spaß, diese zu erkennen. :-) )

Ich fange mal mit ein paar Beispielen an:

- Der Lungenfacharzt, der selbst raucht.
- Politiker, die sich darüber beschweren, dass sie angeblich ihre Meinung nicht frei äußern dürften, aber andere zack für deren Meinung verunglimpfen.
- Oder Sprüche wie: „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber…“ und dann folgt unmittelbar eine zweite „Moral“.
- Jemand behauptet, er sei hochempathisch, aber die Empathie hört dann doch schnell auf, wenn gegensätzliche Vorstellungen geäußert werden oder man zu einer anderen Gruppe gehört.
- Der Lehrer oder der Chef, der sagt, alle seine „Untergebenen“ seien für ihn gleich, aber dann sind im jeweiligen Umgang manche gleicher als gleich.
- Einerseits wird einem gesagt, dass jedem „sein Weg“ gelassen werden muss, andererseits wird dann aber ständig gepredigt, was der „richtige“ Weg sei (z. B. sei auch der einzig richtige Weg, dass jedem sein Weg gelassen werden muss – voll paradox, oder? :-) ).
- ......

Ich bin jedenfalls zu folgender These/Schlussfolgerung gelangt: Starre Prinzipientreue verführt gerne zu Doppelmoral.

Allerdings würde ich es auch doppelmoralisch finden, wenn man Doppelmoral nur bei anderen feststellt und nicht auch bei sich selbst.
Ich denke mir, um selbst wenigstens nicht allzu oft der Doppelmoral aufzusitzen, mag es sinnvoll sein, sich immer mal seiner inneren wie auch äußeren Widersprüche bewusst zu sein und sich ihnen zu stellen, auch wenn so ein Selbst-Zweifel sich nicht nur gut anfühlt und dem eigenen Selbstbild erst mal auch Probleme machen kann ...

Da Doppelmoral ein vielschichtiges Thema ist, will ich nicht vergessen zu erwähnen, dass der Vorwurf der „Doppelmoral“ im Diskurs auch immer wieder gerne als Totschlagargument genutzt wird.

Wie sind eure Erfahrungen/Beobachtungen mit Doppelmoral/zweierlei Maß/Doppel-Standards/Doppel-Botschaften?
Vielleicht hat jemand hier ja Lust und Interesse, Beispiele und Erlebnisse dazu mit einzubringen?

Liebe Grüße und schöne Feiertage! :-)
Anima
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Re: Doppelmoral?

Beitragvon Träumerle » So 22. Dez 2019, 14:09

Hallo Anima :-)

Doppelmoral - der kleine versteckte Ärger im Alltag... zumindest ich bemerke Fälle von Doppelmoral meist erst im Nachhinein. Aber auf jeden Fall kenne ich sie und bin natürlich kein Fan. Hier eine Auswahl aus meinen Erfahrungen:

- Meine Klasse, die sich über die Jugendsprache beschwert und diese selbst verwendet
- Meine Mutter, die sich über alles Mögliche an mir aufregt und diese Kritikpunkte zumeist selbst erfüllt
- Generell meine Familie: "Du kannst mit mir über alles reden, ich helfe dir" und wenn ich es mal wage, ernte ich nur Unverständnis
- "peinliche" Leidenschaften, z. B. das Dschungelcamp, über das jeder negativ redet, aber gefühlt jeder schaut's, Ähnliches in den 80ern mit Modern Talking
- Klassiker: Schulen, die sich angeblich gegen Mobbing engagieren, aber eigentlich immer wegschauen

Doppelmoral hat für mich etwas Oberflächliches - wer zu wenig reflektiert, verheddert sich öfter in Widersprüche und gerade die Beispiele, bei denen ich selbst der Leidtragende bin, sind auch verletzend. Da fühlt man sich wirklich hintergangen und im Stich gelassen. Andererseits würden diese von Doppelmoral Gebrauch machenden Menschen wohl über uns denken, wir würden jedes Wort auf die Goldwaage legen. Nun ja, das ist mir jedenfalls lieber als meinen eigenen Aussagen zu widersprechen. Oft (das ist mir an unseren Beispielen aufgefallen) scheint es irgendwie auch der Selbstdarstellung zu dienen. Man hält sich für vorbildlich, verspricht etwas Tolles, hält es dann aber nicht ein. Gibt es also einen Zusammenhang zwischen Doppelmoral und einem gesteigerten Ego?

Ich passe jedenfalls lieber auf, wenn ich mit solchen Aussagen daherkomme. Generell würde ich nie etwas kritisieren, das auch zu meinen Lastern gehört, mir erschließt sich der Sinn nicht. Unbewusst habe ich das bestimmt auch schon mal gemacht, da bin ich nicht frei von. :-) Aber eher im Stillen. Man sollte Doppelmoral also wenn überhaupt nur verwenden, wenn man wirklich bereit ist, auch selbst die angesprochene Schwäche an sich zu ändern. Alles andere erscheint mir problematisch und auch etwas unfair. Ganz schnell kann sowas auch in Lästereien auftreten, von denen ich eh immer die Finger lasse. Dann wird es nicht nur höchst subjektiv, sondern auch mitunter etwas bissig, ein leichtes Spiel für die Doppelmoral. Ich frage mich, ob die Doppelmoralisten, so nenne ich sie jetzt mal, wissen, was sie da sagen, und ob sie sich bewusst sind, dass sie gerade von Doppelmoral Gebrauch machen. Also: Unreflektiertes Versehen oder bewusste Absicht? Und welche der beiden wäre dann die schlimmere Variante?

Dann stellt sich mir auch die Frage: Kann Doppelmoral verjähren? Also eine solche Aussage tätigen, die früher mal auf einen zugetroffen hat, jetzt nicht mehr.

Jedenfalls versuche ich nun, verstärkt darauf zu achten, Doppelmoral sofort zu identifizieren und die Person vielleicht sogar darauf anzusprechen. Ich weiß nämlich gar nicht, wie man reagiert, wenn man "ertappt" wird. Aber schlussendlich ist das ja eher ein Zeichen von Charakterschwäche, wenn man lieber andere verbessern will, als sich selbst. Und selbst wenn es sich nicht um Doppelmoral handelt, sollte man immer aufpassen, was für Kritik man an wem ablässt. Auch ohne Doppelmoral können solche Angriffe ziemlich wehtun und dann macht es auch keinen Unterschied mehr, ob das nun Doppelmoral ist oder nicht.
Als jemand, der eh tendenziell weniger offen kritisiert, sondern sich das Meiste denkt, bin ich eh immer in "Alarmbereitschaft", denn meine Gedanken sind viel unberechenbarer als meine Worte. Und schließlich sind entsprechende Gedanken doch auch Doppelmoral, oder nicht?

In dem Sinne: Lass dich nicht von Doppelmoral verunsichern und hab schöne Weihnachten.

Liebe Grüße,
Träumerle (der in den nächsten Tagen vielleicht auch noch einen Thread in diesem Bereich eröffnet...)
Ich weiß, ich bin ein HSP,
da ich die Welt ganz anders seh'.
Ich tue dies auf meine Weise,
nämlich ruhig und auch sehr leise.

Für mich ist's eine große Gabe,
wenn ich's auch nicht immer leicht habe.
Drum nehmt euch's nicht zu Herzen,
Ewig sind nicht mal die schlimmsten Schmerzen.

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Re: Doppelmoral?

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Mo 23. Dez 2019, 12:05

Hi Träumerle, :-)

gute Beispiele, ich musste ein bisschen schmunzeln, weil mir so was schon auch teilweise bekannt vorkommt.

Träumerle hat geschrieben:Andererseits würden diese von Doppelmoral Gebrauch machenden Menschen wohl über uns denken, wir würden jedes Wort auf die Goldwaage legen.

Ja, da könnte echt was dran sein.
Aber wenn mir jemand mit irgendeiner Moral daherkommt, dann ist ja damit schon mal im übertragenen Sinne so was wie „Gold“ ins Spiel gebracht. Hm, und so nehme ich mir dann eben auch raus, das mal geschwind auf selbige Waage zu legen, und wenn es dann nicht entsprechend wiegt … – du weißt, was ich meine. :-)

Träumerle hat geschrieben:Oft (das ist mir an unseren Beispielen aufgefallen) scheint es irgendwie auch der Selbstdarstellung zu dienen. Man hält sich für vorbildlich, verspricht etwas Tolles, hält es dann aber nicht ein. Gibt es also einen Zusammenhang zwischen Doppelmoral und einem gesteigerten Ego?

Kluger Gedanke! – Wenn man sich durch seine Annahmen selbst moralisch aufwertet und das entsprechend verkündet, scheint das dem Ego wohl ein ziiiiiemlich gutes Gefühl zu verschaffen. Aber ob man dann auch in der Lage ist, seiner eigenen Moral gerecht zu werden, steht auf einem anderen Blatt. Und wenn nicht, mag sich das Ego zwar aufgebläht haben, aber puff, ist dann doch auch nicht viel dahinter.

Träumerle hat geschrieben:Ich frage mich, ob die Doppelmoralisten, so nenne ich sie jetzt mal, wissen, was sie da sagen, und ob sie sich bewusst sind, dass sie gerade von Doppelmoral Gebrauch machen. Also: Unreflektiertes Versehen oder bewusste Absicht? Und welche der beiden wäre dann die schlimmere Variante?

Also, ich tendiere dazu, Doppelmoral in unserer Alltagswelt meistens als unreflektiertes, unbewusstes Geschehen zu interpretieren. Sie erfüllt da ihre Funktion zur Selbstdarstellung, wie du geschrieben hast, - und zwar vor sich selbst und vor anderen. Dass die Ansprüche da an sich und andere oft völlig überzogen sind, fällt dann mglw. erst auf, wenn man das im Tun gar nicht durchhält. Aber ich schätze mal, auch das wird dann vor sich selbst irgendwie wieder glattgebügelt, damit es wieder ins ‚edle‘ Selbstbild passt. icon_winkle

Aber im Politik-Zirkus wird das vielleicht schon eher als eine bewusste Strategie eingesetzt, aber das ist jetzt mal nur meine Vermutung: Moralische Argumente werden da teilweise schon bewusst instrumentalisiert, um bestimmte Zielgruppen damit zu erreichen; und die Moral ist ja auch oftmals eher eine emotionale als eine rationale Fracht auf so einem Argument, wohl um es wirksamer zu machen? Aber auch da sollte man Moralaposteln gut auf die Finger schauen, ob nicht Doppelmoral am Werk ist.

Träumerle hat geschrieben:Dann stellt sich mir auch die Frage: Kann Doppelmoral verjähren? Also eine solche Aussage tätigen, die früher mal auf einen zugetroffen hat, jetzt nicht mehr.

Das finde ich auch wieder sehr gut überlegt, Träumerle.
Warum sollen sich moralische Ansprüche + ihre erst mal nicht-entsprechenden Handlungen nicht auch ändern können und sich vielleicht aneinander annähern?
Ich meine: vielleicht hat man einfach mal ne dusselige, absolute Moral in den Raum gestellt, weil man von ihr überzeugt war, aber dann hat sich halt rausgestellt, sie war viel zu undurchdacht und auch unmöglich durchzuhalten. Dann wäre sie überholt und „verjährt“. – Ich denke, so was kann bei rauskommen, wenn man sich nicht völlig in seiner Super-Moral eingräbt, sondern offen für neue Anstöße bleibt und auch über sich selbst immer mal den Kopf schütteln kann. – Finde ich immer sympathisch so was.

Träumerle hat geschrieben:Jedenfalls versuche ich nun, verstärkt darauf zu achten, Doppelmoral sofort zu identifizieren und die Person vielleicht sogar darauf anzusprechen. Ich weiß nämlich gar nicht, wie man reagiert, wenn man "ertappt" wird.

Dazu stelle ich mir folgendes vor:
Wenn mir jemand sagen würde, in meiner Herangehensweise sei Doppelmoral zu erkennen, würde ich heutzutage nicht lange selbst darüber nachgrübeln, ob das stimmt, sondern den anderen bitten, mir konkret aufzuzeigen,
a) was genau an „Moral“ ich denn vertreten hätte und
b) was genau in meinem Verhalten dann dem nicht entsprochen hätte.

„Butter-bei-die-Fische“ würde man dazu wohl sagen. _grin_

Sodann könnte ich unterscheiden, war’s nur ein Totschlagargument, um mich zu diskreditieren und mundtot zu machen – oder, was ich hilfreich finden würde, gab’s da tatsächlich einen Widerspruch und damit Doppelmoral? Bei letzterem wäre ein Gespräch darüber möglich, und es ließe sich ggf. was ändern, und ja, wieder was gelernt.

Träumerle hat geschrieben:Als jemand, der eh tendenziell weniger offen kritisiert, sondern sich das Meiste denkt, bin ich eh immer in "Alarmbereitschaft", denn meine Gedanken sind viel unberechenbarer als meine Worte. Und schließlich sind entsprechende Gedanken doch auch Doppelmoral, oder nicht?

Meinst du damit: „ich denke mir meinen Teil über einen anderen, aber spreche es nicht aus“?
Nach meinem Dafürhalten wäre so was nur dann doppelmoralisch, wenn du anderen oder auch dir selbst erst mal verkünden würdest, „ich bin selbstbewusst und sage anderen ehrlich meine Meinung“, aber das dann nicht tun würdest, wenn’s drauf ankommt. Das wäre eben widersprüchlich und würde nicht zusammenpassen.

Träumerle hat geschrieben:In dem Sinne: Lass dich nicht von Doppelmoral verunsichern und hab schöne Weihnachten.

Danke sehr – das wünsche ich dir auch!! :-)

Liebe Grüße
Anima
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Re: Doppelmoral?

Beitragvon Träumerle » Fr 27. Dez 2019, 23:34

Guten Abend, Anima :-)

Ich hoffe, du hattest schöne Feiertage.

Auch sehr interessante Gedanken von dir, denen nicht mehr viel hinzuzufügen ist, aber du hattest mir noch eine Frage gestellt, die ich so nicht im Raum stehen lassen wollte:

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Meinst du damit: „ich denke mir meinen Teil über einen anderen, aber spreche es nicht aus“?


Erstmal ja, aber was du dann über das Selbstbewusstsein schriebst, kann ich zumindest bei mir selbst nicht bestätigen - im Gegenteil. Ich behaupte weder, selbstbewusst zu sein (immerhin bin ich es für mein Empfinden auch nicht), noch sage ich anderen immer ehrlich meine Meinung, was ich genauso wenig behaupte. Besser finde ich es generell, seinen Mitmenschen nicht mehr zu versprechen, als in einem drinsteckt. Doch wieso den anderen erzählen, was man für ein Mensch ist? Das wird das Umfeld ja wohl selbst merken und sich ein Bild von jemandem machen. icon_winkle

Was mir jetzt noch eingefallen ist: Von Schizophrenie Betroffene werden vermutlich eher zu Doppelmoral tendieren, was in solchen Fällen vielleicht nicht so streng gewertet werden sollte. Das ist ein Sonderfall, in der die eigene Psyche den Verstand dominiert. Damit will ich aber weder sämtliche Schizophrene in eine Schublade stecken, noch eine Diskussion über das Thema entfachen. War nur so eine grobe Idee.

Beim Lesen deines Brainstormings war mir der Gedanke gekommen, ob Doppelmoral nicht tatsächlich bei der Selbstreflektion hilfreich und nicht, wie anfangs von mir angenommen, hinderlich sein kann? Durch das eigene Widersprechen den "Fehler in der Matrix" entdecken und daraufhin arbeiten, die Doppelmoral aufzulösen, indem man sich selbst anspornt, auf Gebiet X besser zu werden, wie auch immer man 'besser' definieren mag.

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Wenn mir jemand sagen würde, in meiner Herangehensweise sei Doppelmoral zu erkennen, würde ich heutzutage nicht lange selbst darüber nachgrübeln, ob das stimmt, sondern den anderen bitten, mir konkret aufzuzeigen,
a) was genau an „Moral“ ich denn vertreten hätte und
b) was genau in meinem Verhalten dann dem nicht entsprochen hätte.


Dito, das ist schließlich der effektivste Weg, die Doppelmoral seiner selbst aus dem Weg zu räumen. Volle Zustimmung. _yessa_

Dir liebe Grüße,
Träumerle :-)
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Re: Doppelmoral?

Beitragvon Anima (Lufthauch) » So 29. Dez 2019, 12:29

Grüß dich Träumerle, :-)

Träumerle hat geschrieben:... aber was du dann über das Selbstbewusstsein schriebst, kann ich zumindest bei mir selbst nicht bestätigen - im Gegenteil. Ich behaupte weder, selbstbewusst zu sein (immerhin bin ich es für mein Empfinden auch nicht), noch sage ich anderen immer ehrlich meine Meinung, was ich genauso wenig behaupte.

Was anderes habe ich von dir auch nicht angenommen. Entschuldige bitte. Was ich da geschrieben hatte, war ausschließlich theoretischer und allgemeiner Natur gewesen.
Deshalb hier bzgl. Selbstbewusstsein zur Erläuterung noch zwei Beispiele:
Ich bin schon Menschen begegnet, die sich in ihrem Selbstbild für sehr selbstsicher und weit entwickelt halten, aber dann - natürlich mit allen möglichen Ausreden vor sich selbst - keinesfalls aufrichtig und anständig ihre Meinung sagen, sondern ihre Meinung entweder hinterm Berg halten oder reichlich eklig werden.
Oder auch jemand, der sich für sehr selbstbewusst und unabhängig hält und vielleicht auch zu mir sagt, es solle mir doch piep-egal sein, was irgendjemand von mir denkt, aber dann selbst total nach Anerkennung und Bestätigung von anderen lechzt.
Dir/euch auch bekannt sowas in der Art?
Das sind dann mMn halt so doppelmoralische Widersprüche, die einen verwirren können. Solche Merkwürdigkeiten sind sicher nicht böse gemeint, aber dann manchmal leider allzu menschliche Realität.

Träumerle hat geschrieben:Besser finde ich es generell, seinen Mitmenschen nicht mehr zu versprechen, als in einem drinsteckt. Doch wieso den anderen erzählen, was man für ein Mensch ist? Das wird das Umfeld ja wohl selbst merken und sich ein Bild von jemandem machen. icon_winkle

Nun ja, wir haben ja alle ein Selbstbild von uns, da braucht man nicht mal anderen was versprechen, es reicht, wenn man seine tollen Versprechen, die man sich selbst macht, (nicht) einhalten kann, oder? icon_winkle

Aber super, das bringt mich auf folgende/n Frage/Gedanken:
Wie wäre das, wenn jemand von sich erklärt, er sei ein eher unsicherer Mensch, habe ein geringes Selbstbewusstsein und traue sich nicht, anderen seine Meinung zu sagen. – Ups, und dann merkt man aber, dass er in Situationen, die man mit ihm erlebt, das ganz prima macht, er sagt, was er meint, ohne andere anzugreifen oder niederzumachen, lässt sich auch selbst nicht runtermachen, sondern erklärt, was er denkt usw.
Hm, da wäre ja dann auch ein deutlicher Widerspruch in seinen eigenen Annahmen und evtl. auch Äußerungen über sich selbst auf der einen Seite - und in dem, wie er tatsächlich agiert auf der anderen Seite. Wäre das dann auch Doppelmoral??

Ich meinerseits würde sagen: nein, das wäre es nicht, denn hier hat niemand „Gold“ gepredigt und dann war’s nix; sondern hier hat jemand nix gepredigt und dann war’s „Gold“. – Finde ich sogar immer großartig, in diese Richtung überrascht zu werden. :-)

Träumerle hat geschrieben:Was mir jetzt noch eingefallen ist: Von Schizophrenie Betroffene werden vermutlich eher zu Doppelmoral tendieren, was in solchen Fällen vielleicht nicht so streng gewertet werden sollte. Das ist ein Sonderfall, in der die eigene Psyche den Verstand dominiert. Damit will ich aber weder sämtliche Schizophrene in eine Schublade stecken, noch eine Diskussion über das Thema entfachen. War nur so eine grobe Idee.

Ich verstehe, wie du darauf kommst: Man denkt sich bei der Doppelmoral, wenn man sie mitkriegt, „das ist doch schizophren – also so was von zweierlei Maß!“.

Das hat im medizinisch-psychiatrischen Sinne allerdings wenig mit Menschen zu tun, die an einer Form von Schizophrenie leiden.
Sogar umgekehrt wird ein Schuh draus: eine psychologische Theorie besagt, dass Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend sehr stark und beständig mit Doppelbotschaften, d. h. extrem widersprüchlichen Kommunikationsstrukturen, in ihrem Umfeld konfrontiert waren, im Laufe der Zeit verstärkt psychische Störungen entwickeln können. Bei Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis wurde das zwar wissenschaftlich dann doch nicht nachgewiesen.

Aber ich könnte mir grundsätzlich durchaus vorstellen, dass eine tiefgreifende permanente Verunsicherung z. B. über das, was da gesagt wird, und das, was man im Gegensatz dazu erlebt, einem völlig jeden Bezugsrahmen nimmt. – Muss das nicht ein höllisches Gefühl sein, wenn man nie wissen kann, was nun richtig und was falsch, was wahr und was unwahr gemeint ist? – Ich finde das dann nicht mehr nur verwirrend wie in unserem doppelmoralischen Alltagsleben, sondern nur noch total beängstigend! :-(

Träumerle hat geschrieben:Beim Lesen deines Brainstormings war mir der Gedanke gekommen, ob Doppelmoral nicht tatsächlich bei der Selbstreflektion hilfreich und nicht, wie anfangs von mir angenommen, hinderlich sein kann? Durch das eigene Widersprechen den "Fehler in der Matrix" entdecken und daraufhin arbeiten, die Doppelmoral aufzulösen, indem man sich selbst anspornt, auf Gebiet X besser zu werden, wie auch immer man 'besser' definieren mag.

Da hast du grundsätzlich recht. Allerdings vermute ich, dass das nicht so gern gemacht wird. Widersprüche – auch bei einem selbst – dürften unangenehme Gefühle auslösen, denn der „Fühlapparat“ strebt nach Konsistenz, das ist weniger spannungsgeladen. Deshalb kneift man dann lieber die Augen vor zu. Aber ja klar, warum nicht mal ein bisschen blinzeln, um den „Fehler in der Matrix“ (hübsch gesagt! :-) ) zu entdecken?

Träumerle, an dieser Stelle möchte ich dir ein dickes Kompliment machen: ich finde alle deine Gedanken, die du hier geäußert hast, wirklich sehr anregend, und sie führen in viele interessante Richtungen, und das bei einem nicht gerade leichtgängigen Thema …
Klasse! iwikx

Liebe Grüße - und dir und allen hier einen guten Rutsch! :-)
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Re: Doppelmoral?

Beitragvon Wyllt » So 29. Dez 2019, 21:50

Anima(Lufthauch) hat geschrieben:
Träumerle hat geschrieben:Was mir jetzt noch eingefallen ist: Von Schizophrenie Betroffene werden vermutlich eher zu Doppelmoral tendieren, was in solchen Fällen vielleicht nicht so streng gewertet werden sollte. Das ist ein Sonderfall, in der die eigene Psyche den Verstand dominiert. Damit will ich aber weder sämtliche Schizophrene in eine Schublade stecken, noch eine Diskussion über das Thema entfachen. War nur so eine grobe Idee.


Ich verstehe, wie du darauf kommst: Man denkt sich bei der Doppelmoral, wenn man sie mitkriegt, „das ist doch schizophren – also so was von zweierlei Maß!“.

Das hat im medizinisch-psychiatrischen Sinne allerdings wenig mit Menschen zu tun, die an einer Form von Schizophrenie leiden.
Sogar umgekehrt wird ein Schuh draus: eine psychologische Theorie besagt, dass Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend sehr stark und beständig mit Doppelbotschaften, d. h. extrem widersprüchlichen Kommunikationsstrukturen, in ihrem Umfeld konfrontiert waren, im Laufe der Zeit verstärkt psychische Störungen entwickeln können. Bei Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis wurde das zwar wissenschaftlich dann doch nicht nachgewiesen.

Aber ich könnte mir grundsätzlich durchaus vorstellen, dass eine tiefgreifende permanente Verunsicherung z. B. über das, was da gesagt wird, und das, was man im Gegensatz dazu erlebt, einem völlig jeden Bezugsrahmen nimmt. – Muss das nicht ein höllisches Gefühl sein, wenn man nie wissen kann, was nun richtig und was falsch, was wahr und was unwahr gemeint ist? – Ich finde das dann nicht mehr nur verwirrend wie in unserem doppelmoralischen Alltagsleben, sondern nur noch total beängstigend! :-(

Kinder, die emotionalem und/oder physischem Missbrauch ausgesetzt waren, entwickeln manchmal sogar Schizophrenie. Das verwundert auch nicht, denn Bezugspersonen wie Eltern, die widersprüchliche Botschaften ausstrahlen, können nicht nur verunsichern oder überempfindlich, sondern auch regelrecht krank machen.
Anima(Lufthauch) hat geschrieben:
Träumerle hat geschrieben:Beim Lesen deines Brainstormings war mir der Gedanke gekommen, ob Doppelmoral nicht tatsächlich bei der Selbstreflektion hilfreich und nicht, wie anfangs von mir angenommen, hinderlich sein kann? Durch das eigene Widersprechen den "Fehler in der Matrix" entdecken und daraufhin arbeiten, die Doppelmoral aufzulösen, indem man sich selbst anspornt, auf Gebiet X besser zu werden, wie auch immer man 'besser' definieren mag.


Da hast du grundsätzlich recht. Allerdings vermute ich, dass das nicht so gern gemacht wird. Widersprüche – auch bei einem selbst – dürften unangenehme Gefühle auslösen, denn der „Fühlapparat“ strebt nach Konsistenz, das ist weniger spannungsgeladen. Deshalb kneift man dann lieber die Augen vor zu. Aber ja klar, warum nicht mal ein bisschen blinzeln, um den „Fehler in der Matrix“ (hübsch gesagt!) zu entdecken?


Wo wir bei der Kategorie und beim Klassiker "Kognitive Dissonanzreduktion", oder auch, wie eingangs erwähnt, dem Lungenfacharzt wären, der selber viel zu viel big_smoke und sogar viel zu viel Fleisch isst, obwohl er *cat* _sprint_ _bee_ elefant2 _schf_ icon_porc so sehr liebt. icon_winkle

Irgendwie ist das alles aber auch wieder beruhigend, denn jeder trägt so seine Widersprüche in sich und ich finde, das ist einfach menschlich und auch völlig normal, sollte man gut untersuchten Verhaltensweisen einen Platz einräumen indem man einfach mal alle Fünfe gerade sein lässt. Nichts ist für mich schlimmer als ein angeblich hochsensibler Moral-Roboter, _eng_ der alles Menschliche abspricht, aber eigentlich eher gutmenschlich angehaucht ist, dafür aber kaum konfliktfähig. icon_winkle
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Re: Doppelmoral?

Beitragvon Anima (Lufthauch) » So 29. Dez 2019, 23:13

Wyllt hat geschrieben:Nichts ist für mich schlimmer als ein angeblich hochsensibler Moral-Roboter, _eng_ der alles Menschliche abspricht, aber eigentlich eher gutmenschlich angehaucht ist, dafür aber kaum konfliktfähig. icon_winkle

Oooch, Wyllt, was soll denn daran so schlimm sein? _grinsevil_

Und meinst du mich damit? – Wenn ja, finde ich sehr gut, dass du das schreibst. Tatsächlich muss man schon ernsthaft bedenken: aus dem Erkennen und Genervtsein von doppelmoralischem Zeugs (bei anderen und sich selbst) braucht sicher nicht eine neue Moral der "Verteufelung" icon_winkle von Doppelmoral gebastelt werden.

Allerdings zu meiner kleinen Ehrenrettung sei erwähnt: Menschliches wird von mir nicht abgesprochen, im Gegenteil! Ich finde es einfach spannend, das Allzu-Menschliche (im praktischen Leben) zu untersuchen, gibt wenig, was mich mehr interessiert:
Moral und Doppelmoral, Dissonanzen, Hochsensibilität, Gutmenschentum, soziale Kompetenz und Konfliktfähigkeit, usw. usw. ... toll!

Bis dann!
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Re: Doppelmoral?

Beitragvon Träumerle » Mo 30. Dez 2019, 21:35

Hallo Anima,

nun, mir sind jedenfalls Menschen bekannt, die auf andere ganz klar herabschauen, obwohl dies keinen Sinn macht, ergo, die sich für etwas Besseres halten. Leider geht dies ja mit der "Anwesenheit" der Meinungsäußerung einher; man äußert sich immer wieder, was man alles besser als Person X könne, was der für ein Problem hat, etc. Keine Doppelmoral in dem Sinne, aber auch so eine Einstellung macht mich innerlich richtig fahrig. s_032

Dein zweites Beispiel kenne ich in abgeschwächter Form - Doppelmoral, aber sowas von. Mich würden auch die Erfahrungen von anderen interessieren. Aber unterm Strich neigen selbstbewusste Menschen wohl eher zu Doppelmoral, als solche, die sich selbst eher kleinmachen.

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Nun ja, wir haben ja alle ein Selbstbild von uns, da braucht man nicht mal anderen was versprechen, es reicht, wenn man seine tollen Versprechen, die man sich selbst macht, (nicht) einhalten kann, oder?


Eben, genau das meinte ich ja. icon_winkle _yessa_

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Wie wäre das, wenn jemand von sich erklärt, er sei ein eher unsicherer Mensch, habe ein geringes Selbstbewusstsein und traue sich nicht, anderen seine Meinung zu sagen. – Ups, und dann merkt man aber, dass er in Situationen, die man mit ihm erlebt, das ganz prima macht, er sagt, was er meint, ohne andere anzugreifen oder niederzumachen, lässt sich auch selbst nicht runtermachen, sondern erklärt, was er denkt usw.
Hm, da wäre ja dann auch ein deutlicher Widerspruch in seinen eigenen Annahmen und evtl. auch Äußerungen über sich selbst auf der einen Seite - und in dem, wie er tatsächlich agiert auf der anderen Seite. Wäre das dann auch Doppelmoral??


Also nach dem Motto "Keine Erwartungen, keine Enttäuschungen". Das finde ich schwer zu beurteilen, denn dieser Jemand kann verschiedene Gründe für sein Handeln haben. Einerseits könnte er tatsächlich eine Art Manipulation vornehmen und dadurch, dass man nichts von ihm erwarten sollte (er aber genau weiß, was er alles kann) wirkt er plötzlich umso souveräner, hofft dadurch, mehr Anerkennung zu erhalten als jemand, der dieselben Leistungen zeigt. Das würde ja bedeuten, ich gebe mich als totalen Trottel aus, und wenn ich auch nur einen Finger rühre, sind alle zufrieden (etwas übertrieben, ich weiß icon_winkle ). Dann halte ich die Erwartungen meiner Mitmenschen absichtlich so niedrig, vielleicht aus Faulheit, und mache mir die Doppelmoral zum Vorteil.
Doch was ist mit Menschen, die tatsächlich davon überzeugt sind, dass sie zu nichts taugen würden, aufgrund eines schlechten Selbstbildes, und sich viel schlechter einschätzen, als sie wirklich sind? Manche Leute haben ein derart geringes Selbstbewusstsein (und da würde ich mich durchaus dazuzählen), dass sie blind gegenüber ihren Stärken sind. Hier kommen wir dann aber in einen Konfliktfall, denn die Frage, ob DAS auch Doppelmoral ist, lässt sich nicht mehr objektiv beantworten. Für den Betrachter von außen wäre es der Fall; die Aussagen, die er gehört bekommt, widersprechen dem Erscheinungsbild der Person. Für mich selbst als selbstkritisches Würstchen, das jedoch aus Sicht der anderen Einiges auf dem Kasten hat, wäre es keine, da ich mich vereinfacht gesagt als 'schlecht' sehe und wirklich gar nicht erkenne, wie falsch diese Einschätzung eigentlich ist.

Anima (Lufthauch) hat geschrieben:Sogar umgekehrt wird ein Schuh draus: eine psychologische Theorie besagt, dass Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend sehr stark und beständig mit Doppelbotschaften, d. h. extrem widersprüchlichen Kommunikationsstrukturen, in ihrem Umfeld konfrontiert waren, im Laufe der Zeit verstärkt psychische Störungen entwickeln können.


Und wieder was gelernt. icon_winkle
Also kann Doppelmoral die Psyche wirklich schädigen. Ich verstehe gut, wie das gehen könnte. Irgendwann weißt du nicht mehr, was du wem glauben kannst. Da fühle ich mich ein wenig angesprochen, denn auch in meiner Familie gab es diverse Intrigen. Und wenn ich schon dabei bin, kann ich ja gleich auch erwähnen, dass ich vor gar nicht allzu langer Zeit diverse Familienmitglieder komplett neu kennenlernen und einordnen musste und Menschen, die ich mein ganzes Leben lang kenne, standen dann in einem ganz neuen Licht. Die Frage, wer 'gut' und wer 'böse' ist, generelle Charaktereigenschaften usw. - all dies hat sich erst kürzlich in mir gewandelt. Mit meinen 17 oder damals vielleicht 12-13 Jahren dachte, ich, jeden perfekt einschätzen zu können. Aber Pustekuchen.

Noch geht es meiner Psyche jedenfalls den Umständen entsprechend - mal sehen, ob das langfristig so bleibt...

Für dein liebes Kompliment will ich mich aufrichtig bei dir bedanken. :-) Schön, wenn man ab und zu so ein kleines Feedback erhält und man in seinem Profil unter der Rubrik 'Interessen' nicht umsonst Philosophie angegeben hat...

Guten Rutsch ins neue Jahr,

Träumerle
Ich weiß, ich bin ein HSP,
da ich die Welt ganz anders seh'.
Ich tue dies auf meine Weise,
nämlich ruhig und auch sehr leise.

Für mich ist's eine große Gabe,
wenn ich's auch nicht immer leicht habe.
Drum nehmt euch's nicht zu Herzen,
Ewig sind nicht mal die schlimmsten Schmerzen.

~Träumerle :-)
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Re: Doppelmoral?

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Mi 1. Jan 2020, 13:50

Hallo Träumerle, :-)

Träumerle hat geschrieben:nun, mir sind jedenfalls Menschen bekannt, die auf andere ganz klar herabschauen, obwohl dies keinen Sinn macht, ergo, die sich für etwas Besseres halten. Leider geht dies ja mit der "Anwesenheit" der Meinungsäußerung einher; man äußert sich immer wieder, was man alles besser als Person X könne, ...

Nachdem wir nun ein paar Mal über den Begriff „Selbstbewusstsein“ gestolpert sind, ist es vielleicht gut, zu definieren, was wir jeweils darunter verstehen?

Vorab: In meiner Betrachtungsweise kann ich völlig daneben liegen, aber in meinem Leben nützt es mir, das folgendermaßen zu sehen:

Ich bin zunehmend davon abgekommen, mich als selbst-bewusst oder nicht-selbstbewusst festzulegen. Ich denke mir, in manchen Bereichen bin ich mit mir einig, in anderen halt nicht so, und in noch anderen bin ich auch sehr unzufrieden mit mir.
Warum soll ich mich also komplett für einen tollen Hecht oder auch für ein kleines Würstchen icon_winkle halten?
Ich glaube auch nicht, dass sich ein Selbstbewusstsein dadurch entwickelt, dass man sich vor allem selbst bespiegelt, sondern erkläre mir die Entwicklung von Selbstbewusstsein so: 1. ich mache mir "selbst bewusst" oder versuche, herauszufinden, was mir etwas bedeutet, mir wertvoll und wichtig ist. Und dann mache ich mir 2. "selbst bewusst", was ich tun kann, um mit meinen Mitteln, die mir innerlich und äußerlich zur Verfügung stehen, mich für diese Bereiche einzusetzen.

(Da finde ich übrigens ein Zitat ganz nett: "Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche mal zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist." :-) – Dalai Lama)

Nehmen wir also z. B. den Bereich "andere Menschen": Da würde ich davon ausgehen, wenn mir der Bereich was bedeutet (was vermutlich bei den meisten Menschen ebenso der Fall ist), dann würde sich ein “gesundes“ Selbstbewusstsein darin zeigen, dass ich z. B. in möglichst vielen zwischenmenschlichen Situationen mit anderen einen Umgang „auf Augenhöhe“ finden möchte. - So wie du es im Beispiel beschrieben hast, wäre da allerdings eher Besserwisserei und Überlegenheitsgebaren am Werk. In meiner Definition wäre so etwas wohl eher der Versuch, eigene Mängel "selbst-un-bewusst" zu überkompensieren als dass hier jemand wirklich selbst-bewusst ist, in dem Sinne, wie er denn seine sozialen Beziehungen gestalten will.

Träumerle hat geschrieben:Aber unterm Strich neigen selbstbewusste Menschen wohl eher zu Doppelmoral, als solche, die sich selbst eher kleinmachen.

Von dem her, was ich oben geschrieben habe, würde ich das genau andersrum sehen.
Zum Selbst-Bewusstsein würde nach meiner Meinung eben auch gehören, sich seine überaus menschlichen Widersprüchlichkeiten, die man in sich trägt, zumindest in Annäherung selbst bewusst zu machen. Dadurch entstehen zwangsläufig Selbstzweifel und vielleicht auch mal ein „sich klein machen“, weil man ja merkt, man ist jetzt nicht toll. - Das Risiko von Doppelmoral erhöht sich mMn demzufolge viel mehr durch einen Mangel an dieser speziellen Form von Sich-seiner-selbst-bewusst sein. – Ähm, verständlich, wie ich das meine?

Träumerle hat geschrieben:Das würde ja bedeuten, ich gebe mich als totalen Trottel aus, und wenn ich auch nur einen Finger rühre, sind alle zufrieden (etwas übertrieben, ich weiß icon_winkle ). Dann halte ich die Erwartungen meiner Mitmenschen absichtlich so niedrig, vielleicht aus Faulheit, und mache mir die Doppelmoral zum Vorteil.

Da hast du völlig recht, die Variante hatte ich nicht im Auge, aber das stimmt auf jeden Fall!

Hatte eher daran gedacht:

Träumerle hat geschrieben:Für den Betrachter von außen wäre es der Fall; die Aussagen, die er gehört bekommt, widersprechen dem Erscheinungsbild der Person. Für mich selbst als selbstkritisches Würstchen, das jedoch aus Sicht der anderen Einiges auf dem Kasten hat, wäre es keine, da ich mich vereinfacht gesagt als 'schlecht' sehe und wirklich gar nicht erkenne, wie falsch diese Einschätzung eigentlich ist.

Ja, ich glaube letztlich auch nicht, dass es in jedem Fall hilft, wenn man von außen gesagt bekommt (oder sich auch selbst einredet), dass man doch gar nicht schlecht ist. Wie ich oben versucht habe, zu erklären, lebt Selbstbewusstsein gerade nicht von Worten, sondern findet seine wiederkehrende Befriedigung und Erfahrung im Tun. Aber das ist meine bescheidene Überzeugung … :-)

Träumerle hat geschrieben:Also kann Doppelmoral die Psyche wirklich schädigen. Ich verstehe gut, wie das gehen könnte. Irgendwann weißt du nicht mehr, was du wem glauben kannst. Da fühle ich mich ein wenig angesprochen, denn auch in meiner Familie gab es diverse Intrigen
...
Mit meinen 17 oder damals vielleicht 12-13 Jahren dachte, ich, jeden perfekt einschätzen zu können. Aber Pustekuchen.

Aus Zeitmangel komme ich leider nur begrenzt dazu, die Threads im Forum zu lesen, daher habe ich nicht mitgekriegt, was da bei dir vorgefallen ist.
Aber ja, das kann ich aus meiner Erfahrung schon auch bestätigen, dass ich schon mal angenommen habe, „jemanden perfekt einschätzen zu können und dann Pustekuchen“. - Und stimmt, das verwirbelt einen dann tatsächlich schon ganz schön heftig! Ist wohl so, dass man da ein Bild von jemandem hatte – und vielleicht auch gedacht hat, da stimmt was überein – und dann war die „Moral“ leider doch sehr verschieden und man hat etwas Schön-Geglaubtes verloren.

In der Familie als junger Mensch ist das dann sicher noch mal belastender, das tut mir leid. Gleichzeitig hoffe ich sehr, dass irgendwas oder irgendwer dir da einen gewissen Ausgleich geben konnte ...

Hoffe, du bist gut in 2020 gelandet, und ich wünsche dir ein Jahr mit vielen glücklichen Momenten! :-)
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Re: Doppelmoral?

Beitragvon Anima (Lufthauch) » Mi 1. Jan 2020, 14:02

Noch kurz dazu: Was man nun lebens-„philosophisch“ gesehen aus dem Thema „Doppelmoral“ ableiten könnte?

Ich würde sagen, es ist überhaupt nicht sinnvoll, mit einem generellen Argwohn anderen gegenüber durch sein Leben zu spazieren, immer auf der Hut vor der fiesen Doppelmoral; bitte nicht!!

Vielmehr denke ich, dass ein potenzielles Problem in stark moralisch aufgeladenen Ansprüchen/Appellen/Botschaften liegen kann, wie z. B: selbstbewusst sein müssen (s. o.), aber auch bei so was wie Empathie, Gerechtigkeit, Sicherheit, Toleranz, Freiheit, Gleichheit, Eigenverantwortung, … usw. (Liste kann selbstverständlich jederzeit erweitert werden. :-) )
So was klingt erst mal schön, setzt Ausrufezeichen, ABER kann halt auch Doppelmoral im Gepäck haben.

Wenn mir so ein Hammer-Begriff um die Ecke kommt, schalte ich innerlich erst mal auf Skepsis, gucke mir das genauer an, was damit im jeweiligen Fall gemeint sein könnte und auch wo die Kehrseiten liegen. – Da wird das Ganze dann oft schon mal realistischer, nicht so nebelig und auch greifbarer.

Ich wünsche allen im Forum ein vergnügliches neues Jahr! _flöwer_
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