erwachsene Kinder - Eltern, Nähe oder Distanz?

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Re: erwachsene Kinder - Eltern, Nähe oder Distanz?

Beitragvon qqbi » Di 9. Apr 2019, 09:01

Velvet,
das hast Du wieder sehr schön gesagt. Auch ich kämpfe gerade etwas mit meiner Vergangenheit. Habe sehr viele schwarze Löcher. Entweder muss da so etwas schlimmes passiert sein, dass ich einige Jahre komplett verdrängt habe. Oder...? Keine Ahnung, was dies noch ausgelöst haben könnte. An andere kleine Momente kann ich mich trotzdem sehr sehr gut erinnern. Gute wie schlechte Momente.

Ich stehe auch vor der Entscheidung, ob ich meinen Mitmenschen von meiner Ahnung, was mit mir damals passiert ist, erzählen möchte oder nicht. Und ob ich damals anwesende Personen einfach fragen sollte, was war...
Deine Worte helfen mir etwas, weiter abzuwägen, was denn nun das Richtige für mich ist. Einfach ist das allerdings noch lange nicht.... :-|
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Re: erwachsene Kinder - Eltern, Nähe oder Distanz?

Beitragvon Baumi » Mi 10. Apr 2019, 00:33

Hallo ihr Lieben,
Habe den Thread mal grad überflogen.
Habe den Kontakt zu meinen Eltern auch auf ein Minimum runtergefahren, nachdem es davor mal wieder Annäherungen gab.
Darf ich mal die Frage in die Runde werfen: Ist es zu viel verlangt ein einfühlsameres Verhalten zu erwarten, wenn die Eltern um die vielen Lebenskrisen, Therapien, Zusammenbrüche usw wissen?
Ich denke mir, ich bin nich bereit mich immer wieder verletzen zu lassen und werde, was das angeht zusehends empfindlicher, mir fehlen einfach die positiven Erfahrungen und Erlebnisse.
Wie seht ihr das?
Liebe Grüße Baumi
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Re: erwachsene Kinder - Eltern, Nähe oder Distanz?

Beitragvon Velvet » Mi 10. Apr 2019, 09:22

@ qqbi

Ich find´s schön, dass mein Erleben auch anderen Menschen ein hilfreicher Gedanken- und Gefühlsanstoß sein kann. Man fühlt sich ja mit diesen Dingen so sehr allein und oftmals zutiefst verunsichert, was die eigenen Wahrnehmungen, ihren Stellenwert und den Wahrheitsgehalt betrifft. Jedenfalls habe ich das über viele, viele Jahre so erlebt. Das wichtigste für mich war, dass ich mir loyale und kompetente Menschen gesucht habe, die mir helfen konnten, mir selbst zu vertrauen, mich und mein Empfinden, meine Erinnerungen (vor allem die emotionalen) ernst zunehmen, mich durch nichts erschüttern zu lassen und uneingeschränkt zu mir selbst zu stehen. Ohne die dauerhaft zuverlässige Hilfe und Unterstützung von Fachleuten wäre mir all das nie möglich gewesen. Zu massiv waren die Prägungen und Glaubenssätze, die immer wieder verhindern wollten, der Wirklichkeit- und meiner tatsächlichen Rolle darin- wenigsten nahe zu kommen.

@Baumi

Zu deiner Frage kann ich kurz sagen, dass du natürlich alles erwarten kannst, was du willst. Nur solltest du dein Denken, Fühlen und Handeln nicht davon abhängig machen, ob deine Erwartungen erfüllt werden. Es ist mühsam, auf ein Entgegenkommen anderer zu hoffen und zu warten.
Mir ist es immer lieber, ich mache mich so unabhängig davon wie nur möglich und ziehe für mich situationsabhängig jeweils die Konsequenzen, die mir mein Leben leichter machen.
Was mir die Durchsetzung dabei einfacher macht ist ein gewachsenes Mitgefühl vor allem mir selbst gegenüber. Früher galt es immer nur den anderen, heute zwinge ich mich manchmal regelrecht dazu, eben soviel auch für mich zu entwickeln. Mit der Zeit klappt das immer besser. Ich verstehe mich in vielem, nehme mehr Rücksicht auf mich und gehe behutsamer mit mir um. Dadurch ergibt sich eigentlich „wie von selbst“, dass ich bezüglich meiner Umwelt und deren Umgang mit mir keine Erwartungshaltung mehr habe. Ich mach´ das jetzt einfach selbst ;)

Liebe Grüße
Velvet
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Re: erwachsene Kinder - Eltern, Nähe oder Distanz?

Beitragvon qqbi » Mi 10. Apr 2019, 12:47

@velvet:
meinst Du mit loyalen und kompetenten Menschen Therapeuten und Psychologen, die Dir den Weg zu Dir selbst gezeigt haben? Oder wo trifft man diese Menschen? Ich denke, ich könnte da auch so jemanden gebrauchen....
Wie hast Du ein Mitgefühl für Dich selbst entwickelt?
Wie hast Du gelernt, Dir selbst zu vertrauen?
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Re: erwachsene Kinder - Eltern, Nähe oder Distanz?

Beitragvon Velvet » Mi 10. Apr 2019, 14:26

Hallo qqbi,

ja, Therapeuten, Psychologen und auch Ärzte. Selbst meine Hausärztin hat mir sehr geholfen, weil sie meine Probleme ernst nahm, mir zugehört hat und einfach da war, als es mir schlecht ging und ich noch gar nicht wusste, was eigentlich mit mir los war. Ich habe mich immer gescheut und geschämt davor, Hilfe zu beanspruchen und dachte viel zu lange, dass ich das allein irgendwie hinbekomme. Das wäre aber nie erfolgreich gewesen, weil ich zu viele „blinde Flecken“ hatte, auf die einfach ein Mensch von Außen sehen musste, sie mir zeigen und erklären.
Letztlich zieht dieses sich selbst kennenlernen, nachvollziehen können, wissen, warum man ist wie man ist...viel Gutes nach sich.

U.a. auch eine Ahnung von Mitgefühl und Vertrauen für/in sich selbst. Es ist harte, intensive therapeutische Arbeit zum einen, und in mir der unbedingte Wille zu seelischer Genesung zum anderen gewesen, die mich auf diesen Weg gebracht haben. Und der ist wohl nie zu Ende. Das ist ein ewiges Lernen und ich selbst bin mittlerweile hauptsächlich meine Lehrerin (hauptsächlich nach Vorbild meiner Therapeuten und den gemeinsam erarbeiteten Lösungen). Aber keine sehr strenge, eher eine gütige, verständnisvolle und nachsichtige. Aber dennoch auch eine sehr ehrgeizige, aufmerksame und außerordentlich selbstkritische, die auf viele Details achtet.

Zu groß ist noch immer der Sog, den die alten (oftmals destruktiven) Muster ausüben. Man fällt oft zurück, kommt aber im Laufe des Übens und Lernens schneller wieder zu sich selbst. Ich hätte nicht geglaubt, was an Umstrukturierung alles noch möglich ist. Das ist toll zu erleben, auch, wenn es immer wieder sehr beschwerliche Wegstrecken gibt. Für die beanspruche ich dann aber, je nach dem, auch immer mal wieder therapeutische Orientierungshilfe, sollte ich sie brauchen.
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Re: erwachsene Kinder - Eltern, Nähe oder Distanz?

Beitragvon qqbi » Mi 10. Apr 2019, 16:25

Vielen Dank, Velvet für Deinen Beitrag.
Das hilft mir ein wenig mehr, wie Du für Dich einen Weg gefunden hast, Dich selbst zu finden und mit Dir selbst zufrieden zu sein.
Therapeutische Hilfe wäre hier für mich bestimmt auch gut, nur ist es hier in meinem Umfeld schwer, jemanden zu finden, der keinen vollen Terminkalender hat UND Kassenpatienten nimmt. Denn sonst könnte das sehr schnell ziemlich teuer werden...

Sorry für das offtopic gerade. @velvet, darf ich Dir per PN schreiben, wenn ich weitere Fragen haben sollte?
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Re: erwachsene Kinder - Eltern, Nähe oder Distanz?

Beitragvon cindy sun » Mi 10. Apr 2019, 16:49

Hallo Ihrs,

ich würde mich gerne beteiligen, aber das Thema geht mir zu nah.
Aber ich lese hier gerne und nehme viel für mich mit. Daher danke euch allen hier für eure Beiträge.

Insbesondere du, Velvet machst mir Hoffnung, dass ich diesen Weg schaffen kann.... Danke dafür.

cindy
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Re: erwachsene Kinder - Eltern, Nähe oder Distanz?

Beitragvon Annina » Mi 10. Apr 2019, 17:25

Hallo liebe alle und auch dir, Velvet lieben Dank für deine letzten Beiträge.
Ich hatte auch schon ein paar Stunden/Tage gegrübelt wie ich das, was ich erlebt habe, in Worte packen könnte und nun sah ich deine Zeilen. Meine hätten tatsächlich ein wenig ähnlich geklungen :-D
Ich habe auch lange Zeit überlegt, ob es meinem inneren Frieden besser bekäme, würde ich den Kontakt zu meinen Eltern- bzw. vordergründig zu meinem Vater- auf Eis legen. Obwohl längst erwachsen und selbst Mutter, gab es keinen einzigen Heimatbesuch, nach dem ich danach nicht völlig fertig und heulend wieder zurückgefahren wäre.... irgendwie war es immer so eine erneut zerstörte Hoffnung, scheinbar hatte ich doch immernoch die Hoffnung, dass bei diesem Besuch nun doch irgendetwas anders wäre... :-/ Pustekuchen...
Ich habe auch schon seit vielen Jahren verzweifelt Hilfe gesucht, alle möglichen Fachleute abgeklappert (ich hatte immer richtig schlimme Infekte nach "Stress", lag dauernd flach! von einem ins Nächste... war ja schlimm!) und endlich nach langer Suche zwei wunderbare Damen gefunden, die mich seit gut einem/ bald 2 Jahren kontinuierlich begleiten.
Velvet schrieb es ja auch schon: die einfache Tatsache, dass sie mich und meinen tief vergrabenen Kummer ernst nahmen, bzw diesen in mir überhaupt erst hervorlockten und ich ihn endlich auch wahr- und ernstnahm, hat mir sooo sehr geholfen. Es folgten viele sehr schmerzhafte Wochen, viele dunkle Stunden, Weinen noch und nöcher....Die beiden (eine davon auch Ärztin) machten mir aber beständig so viel Mut, dass das alles raus darf und sogar muss und sie ermöglichten mir so viel Vertrauen zu entwickeln, daran zu glauben, dass es wirklich so kommen würde...
Und vor 4 Monaten war ich nach der ganzen dunklen Zeit wieder bei meinen Eltern. Ich kann es schwer beschreiben, äußerlich hatte sich nichts verändert... alle waren so wie immer ;-) Aber es fühlte sich sooo sehr anders an. Ich war entspannt, gelassen. Die üblichen Tänze blieben aus. Mein Vater kam zum Abschied von sich aus auf mich zu und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Er rief mich ein paar Tage später an um mit mir einfach so zu quatschen... (??!) Ich war überwältigt.
Das Gefühl ist jetzt eher so: ich sehe ihn und auch meine Mutter jetzt so wie sie sind und waren, irgendwie neutraler. Mit ihren Stärken (! Die gabs nämlich auch :-) ) und auch Schwächen. Ich warte/hoffe nicht mehr darauf, dass sie mir Bedürfnisse erfüllen, die ich als Kind gehabt hatte. Oder dass sie einsehen, wie schlimm manches war, wie viel harten Kummer sie verursacht haben. Ja, das wäre nach wie vor schön, aber ich lauere nicht mehr darauf, Anzeichen davon zu erkennen. Ob sie es einsehen oder nicht, hat auf mich keinerlei Auswirkungen mehr. Ich fühle mich 70 Kilo leichter, der Rucksack auf meinem Rücken hat nur noch das Nötigste drin...
Besser kann ich es nicht beschreiben. Ich habe viele Jahre damit gehadert und dachte, ich muss mich nun mal damit abfinden, dass es so war, wie es war. Andere haben es viel schlimmer und ich soll mich mal nicht so anstellen. (Wessen Stimme das wohl war... ) Mir hat es wirklich sehr viel geholfen, meinen Kummer mir gegenüber zuzugeben, alles rauszulassen, zu betrauern, was betrauert werden soll, Abschied nehmen--- etc.
Ich glaube, es reicht erst mal...
Letztlich bin ich zur Zeit sehr froh, den Kontakt nur runtergeschraubt, aber nicht gänzlich eingestellt zu haben..
Ich wünsche allen hier von Herzen das Beste. Dass ihr auch einen Weg findet. Ich wollte mit meinem langen Text nur Mut machen, dass es bestimmt einen Weg gibt. Wie auch immer der aussehen mag. Einer der Schlüsselmomente bei mir war das "Zulassen".
Viele liebe Grüße
Annina
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Re: erwachsene Kinder - Eltern, Nähe oder Distanz?

Beitragvon Baumi » Do 11. Apr 2019, 00:28

Danke ihr lieben für eure zahlreichen Antworten und das ihr eure Erfahrungen teilt.
Welche Art von Therapie hat euch denn geholfen?
Oder evt sogar speziell auf Hsp zugeschnitten oder n hsp als Therapeut?
Hab schon etliches durch an Therapien und bin eher ernüchtert über den Umgang mit Hilfesuchenden Patienten in Notsituationen....
Schöne Grüße Baumi
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Re: erwachsene Kinder - Eltern, Nähe oder Distanz?

Beitragvon qqbi » Do 11. Apr 2019, 09:56

Vielen Dank liebe Annina für Deinen schönen Text. Der ist nicht zu lang. Der ist genau richtig und bewirkt wirklich das, was Du damit bezweckt hast: Mut machen!
Die Probleme, die Baumi beschreibt, habe ich allerdings auch schon erfahren und bin gerade eher ernüchtert, für mich die passende Hilfe finden zu können....
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