Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Velvet » Di 27. Mär 2018, 06:35

Hallo Träumerle und allen, die hier schreiben :),

ich kann deine-eure- hier geäußerten Sehnsüchte, Gedanken/Gefühle so gut verstehen. Ihr habt alle so viele wertvolle Erkenntnisse und Meinungen zusammengetragen, es macht mir Spaß mitzulesen :)

Beim Lesen deines letzten Beitrages gerade, Träumerle, kam mir der Gedanke, ob dieses "nicht greifbare" Gefühl, diese "gemütliche Atmosphäre", die du u.a. beschreibst und nach der du dich so sehr zurück sehnst, möglicherweise stark damit zu tun hat, dass du vom kindlichen Dasein nun ins erwachsene Dasein übergehst?

Als Kind trägt man, optimalerweise, keinerlei Verantwortung. Lebt im Hier und Jetzt, ohne Zukunftsängste und Sorgen, ohne sich über die Vorgänge außerhalb seines eher spielerisch wahrgenommenen Umfeldes Gedanken zu machen. Der Radius ist klein und überschaubar, der Tag wird geregelt von den Erwachsenen, die sich größtenteils um dein Wohl kümmern, dich beschützen und dir den Weg weisen.

Eine unbeschwerte Zeit.

Und je älter man wird, um so größer wird der Radius, um so weiter die Sicht, um so stärker das Bewusstein. Und mit all dem wächst die Verantwortlichkeit für sich selbst und ein ganzes goßes Leben, das nun vor einem liegt. Und von Außen die Erwartung, man möge Pläne haben, forsch voranschreiten, ehrgeizig auf Familie, Haus, Auto...;) hinarbeiten. Ein enormer Druck plötzlich und das in einem Lebensabschnitt, in dem man noch nicht wirklich weiß, was man selbst eigentlich will, wer man überhaupt ist, wie die Welt funktioniert und was man sich von ihr wünscht.

Du wirkst in deinem Schreiben sehr erwachsen und reif. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass in dir noch das Träumerle-Kind _fühlt_ -nicht denkt! Und das ist völlig normal. Du bist gerade 15 Jahre auf der Welt und ich denke, es wird noch seine Zeit brauchen, bis du die Orientierung auf ihr finden wirst die du brauchst, um einen Platz für dich zu suchen/finden, an dem du dich wohlfühlst. Und den gibt es, auch im Heute, da bin ich mir sicher.

Leider macht "die Gesellschaft" da einen enormen Druck und macht gerade jungen Menschen regelrechte Panik, dass, wenn sie jetzt noch keinen durchgestylten Plan bis ans Lebensende haben, das auch nichts mehr werden wird mit ihnen ;).
Das stimmt aber nicht! Dein Leben ist _dein_ Kapital, nicht ihres! Und ihr Plan muss nicht deiner sein.

Die zufriedensten Menschen die ich kenne sind die ohne Plan. Sind die, die sich Zeit lassen, Geduld und Verständnis mit sich selbst haben, Verschiedenes so lange ausprobieren, bis sie etwas Passendes für sich gefunden haben und: die sich nicht in ein genormtes Leben hineinquetschen lassen, in dem sie dann zwar unauffällig funktionieren, aber totunglücklich sind.

...und die Suche nach einem Platz, etwas Passendem kann Jahrzehnte dauern...na und? Auf so einem Weg findest du lebendiges Leben, wahrscheinlich am ehesten dein eigenes und ein erfüllenderes als mancher Plan je versprechen, geschweige denn einhalten kann.

Das Alter in dem du gerade bist, ist eines der ganz schwierigen Phasen im Leben. Von der kindlichen Geborgenheit und Sorglosigkeit so ziemlich von Jetzt auf Gleich sich in einer Welt zurechtfinden zu sollen, die einen heillos überfordert und für deren Bewältigung man noch gar nicht die passenden Werkzeuge, Methoden und Erfahrungen hat sammeln können. Und dann noch die Erwachsenen im Nacken...

Gib und lass dir Zeit für alles. Da drängt nichts. Guck´dir erstmal alles in Ruhe an und verschaff´dir einen Überblick. Ich bin mir sicher, dass es auch für dich einen geeigneten Ort geben wird. Vielleicht kannst du ihn jetzt durch den ganzen Tumult in dir und um dich herum noch nicht sehen. Und vermutlich liegt er vor und nicht hinter dir...


...das sind alles nur so Gedanken meinerseits. Die können auch völlig daneben sein...

Alles Liebe wünsche ich dir und euch! :-)
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Herbststurm » Di 27. Mär 2018, 14:52

Wunderschön geschrieben Source. Danke _klp_

Herzlich,
Herbststurm
Gerade heute....
....ärgere dich nicht.
....sorge dich nicht.
....sei mit Dankbarkeit erfüllt.
....arbeite ehrlich und hart (an dir selbst)
....sei dankbar für alles was lebt.
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Source » Di 27. Mär 2018, 15:33

Liebe Herbststurm,

ich glaube, du meinst Velvet :-)

Liebe Grüße
Source
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Herbststurm » Di 27. Mär 2018, 17:05

Liebe Source,
Danke... und tschuldige... du geisterst mir heute wegen dem Jung im Kopf rum...bin da wieder dran und hab an dich gedacht und dann das hier gelesen 647&/

Also nochmals:

Liebe Velvet,
Danke für dein wunderschönes posting.
_klp_

Herzlich,
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Gerade heute....
....ärgere dich nicht.
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Velvet » Mi 28. Mär 2018, 06:20

Vielen Dank, Herbststurm! _knüddel_
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Träumerle » Mi 28. Mär 2018, 14:50

Hallo Velvet,

Herbststurm hat absolut Recht: Ein schöner Text und ich danke dir dafür. :-)

Beim Lesen deines letzten Beitrages gerade, Träumerle, kam mir der Gedanke, ob dieses "nicht greifbare" Gefühl, diese "gemütliche Atmosphäre", die du u.a. beschreibst und nach der du dich so sehr zurück sehnst, möglicherweise stark damit zu tun hat, dass du vom kindlichen Dasein nun ins erwachsene Dasein übergehst?

Als Kind trägt man, optimalerweise, keinerlei Verantwortung. Lebt im Hier und Jetzt, ohne Zukunftsängste und Sorgen, ohne sich über die Vorgänge außerhalb seines eher spielerisch wahrgenommenen Umfeldes Gedanken zu machen. Der Radius ist klein und überschaubar, der Tag wird geregelt von den Erwachsenen, die sich größtenteils um dein Wohl kümmern, dich beschützen und dir den Weg weisen.

Eine unbeschwerte Zeit.

Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Aber ich war gerade mal neun und somit noch ein Kind, als dieses Gefühl verschwand. Wobei man noch erwähnen sollte, dass es nicht von heute auf morgen komplett weg war, sondern es schleichend immer schwächer wurde. Und es verfolgt mich eben immer und überall. Zum Beispiel fahre ich eine Straße, hier in meiner Stadt entlang, die ich von klein auf kenne. Früher hätte ich beim Befahren dieser Straße diese wunderschöne Atmosphäre gespürt. Fahre ich dieselbe Straße heute entlang und bin dabei entspannt, so schaffe ich es trotzdem nicht, auch nur für wenige Sekunden diese euphorische Stimmung von früher aufzunehmen. Was ich damit ausdrücken will: Selbst wenn ich gerade im Hier und Jetzt lebe, nicht an andere Dinge denke, so bin ich idealerweise "nur" entspannt. Jedoch bleibt die Atmosphäre auch dann fern. Ganz selten gelingt es mir, wenn ich mich richtig konzentriere, bei einer Erinnerung an die alte Zeit (Anhören eines Liedes, Anschauen alter Kindheitsbilder, etc.) ganz kurz diese Stimmung von früher nachzuempfinden. Es ist ein regelrechter Flow, der mich dann durchströmt.

Zwar kann ich Dinge heutzutage immer noch sehr genießen, aber eben nicht in diesem emotionalem Ausmaß, sondern ohne Flow.

Ich wäre gespannt, was passieren würde, wenn ich wieder in die Rolle des kleinen Kindes, heißt - keine Verantwortung, keine bösen Gedanken - schlüpfen könnte. Wie würde ich mich dann fühlen? Käme dann diese magische Aura wieder zurück. Ein fauler Mensch bin ich nicht, ganz im Gegenteil. Dennoch würde es mich mal interessieren.

Fortsetzung folgt.
Zuletzt geändert von Träumerle am Mi 28. Mär 2018, 14:54, insgesamt 4-mal geändert.
Ich weiß, ich bin ein HSP,
da ich die Welt ganz anders seh'.
Ich tue dies auf meine Weise,
nämlich ruhig und auch sehr leise.

Für mich ist's eine große Gabe,
wenn ich's auch nicht immer leicht habe.
Drum nehmt euch's nicht zu Herzen,
Ewig sind nicht mal die schlimmsten Schmerzen.

~Träumerle :-)
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Träumerle » Mi 28. Mär 2018, 14:50

Fortsetzung:

Die von dir erwähnten Zukunftsthemen versuche ich, möglichst zu vermeiden. Nicht daran denken, nicht darüber reden. Ich spüre einfach, es ist noch nicht so weit.

Du wirkst in deinem Schreiben sehr erwachsen und reif. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, dass in dir noch das Träumerle-Kind _fühlt_ -nicht denkt! Und das ist völlig normal. Du bist gerade 15 Jahre auf der Welt und ich denke, es wird noch seine Zeit brauchen, bis du die Orientierung auf ihr finden wirst die du brauchst, um einen Platz für dich zu suchen/finden, an dem du dich wohlfühlst. Und den gibt es, auch im Heute, da bin ich mir sicher.

Da hast du genau ins Schwarze getroffen. Ich bin auch in meinem Verhalten, dass ich all meinen Mitmenschen gegenüber zeige, für mein Alter wirklich sehr erwachsen, ernst und zugegeben auch manchmal ein bisschen spießig. Nach außen hin strahle ich eine gewisse Weisheit uns Seriösität aus, in einem Umfang, wie sie kein Altersgenosse über verfügt. Sogar die meisten Erwachsenen sind alberner als ich. Dafür reflektiere ich viel, denke viel nach und beginne allmählich auch schon damit, zu philosophieren. Doch auch mein inneres Kind lebt, es lebt und ich bin froh darüber. Das heißt nicht, dass ich mich manchmal noch kindlich verhalte, sondern hat viel mehr mit meiner Kindheit an sich zu tun. Da ich sehr oft an sie denke - mittlerweile eigentlich täglich - und auch liebend gerne alte Kinderfotos ansehe, ist mein inneres Kind nie verloren gegangen - und das soll auch so bleiben. Einige Gewohnheiten und Rituale aus meiner Kindheit führe ich sogar heute noch durch, um meine Kindheit "am Leben" zu erhalten. Ich bin mental betrachtet gleichzeitig 6 und 40 Jahre alt. Den Platz, an dem ich mich wohlfühle - es gibt sogar mehrere davon. :-)

Leider macht "die Gesellschaft" da einen enormen Druck und macht gerade jungen Menschen regelrechte Panik, dass, wenn sie jetzt noch keinen durchgestylten Plan bis ans Lebensende haben, das auch nichts mehr werden wird mit ihnen ;).
Das stimmt aber nicht! Dein Leben ist _dein_ Kapital, nicht ihres! Und ihr Plan muss nicht deiner sein.

So ist es... ich habe noch keinen Berufswunsch, keine Ahnung, ob und was ich studieren möchte. Bisher habe ich mich eher auf mein zukünftiges Privat- und Familienleben konzentriert. Ich mag Pläne, aber auch sie müssen zu einem günstigen Zeitpunkt entwickelt werden. Und ehrlich gesagt kann das noch warten, denn ich spüre einfach, dass die Zeit noch nicht reif ist und ich momentan noch mit einem Bein in meiner sorgenloser Kindheit stehe, gedanklich sozusagen, und mit dem anderen Bein in der manchmal kalten und harten Realität stehe. Vor allem im vergangenen Jahr tobte in mir der Kampf zwischen diesen beiden Welten. Und er ist noch nicht vorbei. Und solange dies der Fall ist, kann ich mich nicht auf die Zukunft einlassen. Es fällt mir ja manchmal schon schwer, die Gegenwart zu akzeptieren. Ich bin eben ein sehr idealistisch denkender Mensch. Wenn mir ein Problem in die Quere kommt, ist das erste, was ich tue, in meine Kindheitserinnerungen zu flüchten, um auf bessere Gedanken zu kommen. Erst dann bin ich bereit, mich dem Problem auch zu stellen.

Das Alter in dem du gerade bist, ist eines der ganz schwierigen Phasen im Leben. Von der kindlichen Geborgenheit und Sorglosigkeit so ziemlich von Jetzt auf Gleich sich in einer Welt zurechtfinden zu sollen, die einen heillos überfordert und für deren Bewältigung man noch gar nicht die passenden Werkzeuge, Methoden und Erfahrungen hat sammeln können. Und dann noch die Erwachsenen im Nacken...

Tja, du sprichst mir aus der Seele. Ich meine, ich bin gesund, auch psychisch geht es mir gerade doch ganz gut und gravierende Probleme gibt es aktuell nicht. Allerdings geht mir das Ganze zu schnell. Außenstehende würden mich nun als faul oder als "arbeitsunfähig" abstempeln. Was ich damit aber ausdrücken will, ist, dass diese Entwicklung lieber Schritt für Schritt von statten gehen sollte. Ansonsten sind Menschen wie ich überfordert. Nicht aus Faulheit, sondern das ist eher HS-bedingt. Eine kurze Zeit lang dachte ich sogar, die Art und Weise, wie ich die Welt früher wahrnahm, sei normal (und jeder andere Mensch nähme sie auch so wahr), wogegen die Art und Weise, wie ich die Welt heute wahrnehme, nicht normal sei und ich schon seit Jahren Depressionen hätte, was ich mittlerweile aber nicht mehr in Erwägung ziehe.

Gib und lass dir Zeit für alles. Da drängt nichts. Guck´dir erstmal alles in Ruhe an und verschaff´ dir einen Überblick. Ich bin mir sicher, dass es auch für dich einen geeigneten Ort geben wird. Vielleicht kannst du ihn jetzt durch den ganzen Tumult in dir und um dich herum noch nicht sehen. Und vermutlich liegt er vor und nicht hinter dir...

An diesen Rat werde ich mich halten :-) . Außerdem hat mich dein Beitrag dazu ermutigt, nun noch gezielter nach Situationen Ausschau zu halten, in denen ich - wenn auch nur kurz - dieses Glücksgefühl aus der Kindheit so gut wie möglich rekonstruieren kann. Dafür danke ich dir ganz herzlich. :-)

Liebe Grüße,
Träumerle
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Für mich ist's eine große Gabe,
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Velvet » Do 29. Mär 2018, 15:55

Hallo Träumerle,

danke für deine liebe Antwort! Ich freu´mich, wenn da was dabei war, was dich angesprochen hat :)


Zum Beispiel fahre ich eine Straße, hier in meiner Stadt entlang, die ich von klein auf kenne. Früher hätte ich beim Befahren dieser Straße diese wunderschöne Atmosphäre gespürt. Fahre ich dieselbe Straße heute entlang und bin dabei entspannt, so schaffe ich es trotzdem nicht, auch nur für wenige Sekunden diese euphorische Stimmung von früher aufzunehmen.


Ja, ich kenne auch, was du da beschreibst!

Mich erinnert das, was du als diese Atmosphäre und auch in anderen Beiträgen als z.B. Magie erklärst, sehr an ein Gefühl von mir, das ich immer "mein Weihnachtsgefühl" nenne.
Und auch, wenn ich mich keineswegs nach meiner Kindheit zurücksehne, kann ich mich an empfundene Stimmungen erinnern, die sich, wie du sie auch beschreibst, wie ein Zauber angefühlt haben. Was für eine verheißungsvolle Zeit war da z.B. die Weihnachtszeit für mich. Wochenlange Vorfreude samt innerer Glückseligkeit und dazu so ein überdeutliches Wahrnehmen jedes kleinen Glitzerstern´s, jedes Kerzenscheins, der sich in einer Weihnachtkugel spiegelte, Tannenduft, funkelnde Schneekristalle, Abendstimmung in schneegedämpfter Stille, meine Schlittenspuren im frisch gefallenen Weiß ...eine so geheimnisvolle Feier-und Festlichkeit, die mich von Kopf bis Fuß völlig einnahm.

Und mit Beginn der Pubertät, die Vorpubertät kann locker schon mit ca. 9/10 Jahren anfangen, verschwand diese emotionale Zauberwelt in mir zunehmend. Das Geheimnis war gelüftet. Ganz vieles glitt nach und nach in eine Art Belang- und Bedeutungslosigkeit ab.

Ich glaube, du bist mit deiner Sehnsucht nach diesem verlorenen Paradies nicht allein. Auch viele Lyriker und Schriftsteller verarbeiten diesen inneren Wandel in ihren Werken.

Und sicher gibt es einige Menschen, denen diese Veränderung nicht so deutlich bewusst wird, aber es gibt tatsächlich viele, die sich in ähnlicher Weise an diesen gewissen Kindheitszauber erinnern. Kannst du dich in deiner Familie mit jemandem darüber austauschen? Über seine Kindheitserinnerungen, Erlebnisse, Stimmungen, die man nur als Kind in diesen Dimensionen hat spüren können? Vielleicht könnte dir das ein wenig beim Einsortieren deiner Sehnsucht helfen?

Weißt du, du hast da einen ganz großen Schatz in dir! Einen sehr besonderen und kostbaren, der dich dein Leben lang begleiten wird. Und mir kommt gerade eine Idee: vielleicht kannst du dir eine wunderschön verzierte Truhe oder ähnliches vorstellen (oder dir tatsächlich aus Karton oder Holz basteln, kaufen geht natürlich auch) in die du all deine schönen Kindheitserinnerungen hineinsammelst?

Immer, wenn du wieder an etwas Zauberhaftes von früher denkst, malst oder schreibst du es auf (imaginär oder real) und legst es in diese Schatztruhe. Dort ist es gut verwahrt und du kannst jederzeit den Deckel öffnen und darin herumstöbern. Dann aber wieder zuklappen ;)!

Es wird dir von all dem nichts verloren gehen, aber wiederholen und zur Realität werden lassen wirst du es wohl leider nicht können. Aber du kannst es mit dir als große Kostbarkeit in dein neues Leben nehmen. Und vielleicht kannst du dir neben diese "Vergangen-Truhe" eine für´s Jetzt stellen. Eine "Heute-Truhe". In die du alle schönen Dinge/Erlebnisse/Gefühle hineinlegst, die dich erfreut und im Jetzt bereichert haben. Die du gern bewahren möchtest und die in dein jetziges Leben gehören. Die zwar anders in ihrer Intensität sind, als du sie aus Kindheitstagen kennst, die aber nun den berühren, der du jetzt bist.
...nur so eine Idee, wie gesagt :)

Von mir kann ich dir noch sagen, dass ich heute ähnlichen Zauber wiederfühlen kann. Ich habe das Gefühl, dass diese Art von früher erlebter Euphorie, wie du sie auch benennst, sich wandelt und andere Bereiche findet, in denen sie "ausbrechen" und sich ausleben kann. Das wächst alles mit dir mit, entwickelt sich und verändert sich. Das eine geht, das andere kommt.

..."Und jedem Abschied wohnt ein Zauber inne..." wie Hermann Hesse in seinem Gedicht "Stufen" schreibt: http://www.lyrikwelt.de/gedichte/hesseg1.htm

Und was andere von dir denken...lass sie denken, das werden sie immer und sehr ausgiebig tun und selten hängt es tatsächlich mit dir zusammen ;).
Wichtig ist, was _du_ von dir denkst und dass du dich nicht beirren lässt in dem, was du für dich an jedem neuen Tag als das Beste empfindest und entscheidest. Ich habe den Eindruck, dass du das schon gut hinbekommst!

Liebe Grüße :-)
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Träumerle » Do 29. Mär 2018, 19:26

Hallo Velvet :-)

Nett, dass du dir abermals die Zeit für meinen Thread genommen hast.

Mich erinnert das, was du als diese Atmosphäre und auch in anderen Beiträgen als z.B. Magie erklärst, sehr an ein Gefühl von mir, das ich immer "mein Weihnachtsgefühl" nenne.
Und auch, wenn ich mich keineswegs nach meiner Kindheit zurücksehne, kann ich mich an empfundene Stimmungen erinnern, die sich, wie du sie auch beschreibst, wie ein Zauber angefühlt haben. Was für eine verheißungsvolle Zeit war da z.B. die Weihnachtszeit für mich. Wochenlange Vorfreude samt innerer Glückseligkeit und dazu so ein überdeutliches Wahrnehmen jedes kleinen Glitzerstern´s, jedes Kerzenscheins, der sich in einer Weihnachtkugel spiegelte, Tannenduft, funkelnde Schneekristalle, Abendstimmung in schneegedämpfter Stille, meine Schlittenspuren im frisch gefallenen Weiß ...eine so geheimnisvolle Feier-und Festlichkeit, die mich von Kopf bis Fuß völlig einnahm.

Da könnte es durchaus Parallelen zu meinem Phänomen geben (ja, der Begriff passt gut). Nur eben mit dem Unterschied, dass sich dein Gefühl ausschließlich auf Weihnachten bezog, wogegen es bei mir jahreszeitenunabhängig war. Doch so wie du es beschreibst, klingt es von der Art der Wahrnehmung sehr ähnlich.

Und sicher gibt es einige Menschen, denen diese Veränderung nicht so deutlich bewusst wird, aber es gibt tatsächlich viele, die sich in ähnlicher Weise an diesen gewissen Kindheitszauber erinnern. Kannst du dich in deiner Familie mit jemandem darüber austauschen? Über seine Kindheitserinnerungen, Erlebnisse, Stimmungen, die man nur als Kind in diesen Dimensionen hat spüren können? Vielleicht könnte dir das ein wenig beim Einsortieren deiner Sehnsucht helfen?

Die meisten meiner Familienmitglieder sind darüber in Kenntnis, wie sehr ich der Vergangenheit nachtrauere. Da aber meine Familie - im Gegensatz zu mir - ziemlich realistisch orientiert ist (nach dem Motto: "Das ist Vergangenheit, das ist abgeschlossen, darüber muss und soll man gar nicht mehr nachdenken") und ich auch schon als "durchgeknallt" oder "krank" abgestempelt wurde, erwarte ich da nicht allzu viel. Normalerweise bin ich ein starker Familienmensch, in dem Thema jedoch driften unsere Meinungen weit auseinander. Einen solch tiefen Einblick wie ich ihn hier offen gelegt habe, habe ich allerdings sonst noch niemandem gewährt und habe auch nicht vor, das zu ändern. Von meiner Familie würden einige sagen, ich hätte eine Schraube locker, andere würden meinen, ich solle mich "an der heutigen, ach so tollen Zeit erfreuen" etc. Ich kenne zwar schon grob die Kindheit meiner Eltern und Großeltern. Allerdings ist aus dieser Gruppe niemand HSP oder so reflektiert und tiefsinnig wie ich.

Weißt du, du hast da einen ganz großen Schatz in dir! Einen sehr besonderen und kostbaren, der dich dein Leben lang begleiten wird. Und mir kommt gerade eine Idee: vielleicht kannst du dir eine wunderschön verzierte Truhe oder ähnliches vorstellen (oder dir tatsächlich aus Karton oder Holz basteln, kaufen geht natürlich auch) in die du all deine schönen Kindheitserinnerungen hineinsammelst?

Immer, wenn du wieder an etwas Zauberhaftes von früher denkst, malst oder schreibst du es auf (imaginär oder real) und legst es in diese Schatztruhe. Dort ist es gut verwahrt und du kannst jederzeit den Deckel öffnen und darin herumstöbern. Dann aber wieder zuklappen ;)!

Es wird dir von all dem nichts verloren gehen, aber wiederholen und zur Realität werden lassen wirst du es wohl leider nicht können. Aber du kannst es mit dir als große Kostbarkeit in dein neues Leben nehmen. Und vielleicht kannst du dir neben diese "Vergangen-Truhe" eine für´s Jetzt stellen. Eine "Heute-Truhe". In die du alle schönen Dinge/Erlebnisse/Gefühle hineinlegst, die dich erfreut und im Jetzt bereichert haben. Die du gern bewahren möchtest und die in dein jetziges Leben gehören. Die zwar anders in ihrer Intensität sind, als du sie aus Kindheitstagen kennst, die aber nun den berühren, der du jetzt bist.
...nur so eine Idee, wie gesagt :)

Das ist eine sehr gute Idee und am liebsten würde ich sofort damit anfangen :-) . Ich habe Werkunterricht in der Schule und kann die Kiste bei dieser Gelegenheit mal zusammenbasteln - vorausgesetzt ich schaffe das, denn meine handwerklichen Fähigkeiten lassen sehr zu Wünschen übrig... und wenn's nicht klappt, gibt es immer noch genug Läden, die solche Gefäße anbieten. Zwar gibt es unzählige Fotos und Videos, sogar ein Tagebuch aus meiner Kindheit, welche ich auch schon sehr schätze, aber die kleinen Erinnerungen in der Kiste wären noch mal nützlich, um gezielt meine eigene Perspektive darzustellen und mit eigenen Worten genau das zu beschreiben, was mir wirklich nahe geht. Du hast mein Motivationslevel, welches den ganzen Tag heute eher auf Sparflamme lief, zum Kochen gebracht. icon_winkle Danke für diese wundervolle Idee! :-)

..."Und jedem Abschied wohnt ein Zauber inne..." wie Hermann Hesse in seinem Gedicht "Stufen" schreibt: http://www.lyrikwelt.de/gedichte/hesseg1.htm

Das darf doch nicht wahr sein... dieses Gedicht ist eine verlorene Kindheitserinnerung von mir! Bei meiner Einschulung hat der Schulleiter genau dieses Gedicht vorgetragen! Nebenbei bemerkt, es gefällt mir sehr. :-)

Vielen Dank an dieser Stelle noch mal für die schönen lieben Worte, die Idee, das Gedicht und die Wünsche. :-)

Schönen Abend wünscht
Träumerle :-)
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Re: Fühle mich fremd in der heutigen Zeit

Beitragvon Velvet » Sa 31. Mär 2018, 05:35

Guten Morgen, Träumerle,

ich hab´mich über deine Antwort gefreut, danke :).

Nur eben mit dem Unterschied, dass sich dein Gefühl ausschließlich auf Weihnachten bezog, wogegen es bei mir jahreszeitenunabhängig war.


Mein "Weihnachtsgefühl" hängt nicht nur mit der Weihnachtszeit zusammen, das kam vielleicht etwas ausschließlich rüber. Ich nenne es nur so, weil es in der Zeit so deutlich wird. Mich überkommt das auch bei anderen Erinnerungen, Stimmungen, Geräuschen oder Gerüchen, die ich noch aus Kindheitstagen kenne. Aber sicher nicht in dem Maß und mit so vielen Sehnsuchtsgefühlen verbunden wie bei dir.


Die meisten meiner Familienmitglieder sind darüber in Kenntnis, wie sehr ich der Vergangenheit nachtrauere. Da aber meine Familie - im Gegensatz zu mir - ziemlich realistisch orientiert ist (nach dem Motto: "Das ist Vergangenheit, das ist abgeschlossen, darüber muss und soll man gar nicht mehr nachdenken") und ich auch schon als "durchgeknallt" oder "krank" abgestempelt wurde, erwarte ich da nicht allzu viel.


Ahh, verstehe. Das ist schade und es tut mir leid, dass du deshalb als "krank" von deiner Familie bezeichnet wirst. Das ist "keine schöne Art", um es mal gelinde auszudrücken...

Du hast mein Motivationslevel, welches den ganzen Tag heute eher auf Sparflamme lief, zum Kochen gebracht. icon_winkle Danke für diese wundervolle Idee!


Da freu´ich mich :). Und viel Spaß bei der Umsetzung!

Das darf doch nicht wahr sein... dieses Gedicht ist eine verlorene Kindheitserinnerung von mir!


Siehst du ;), es geht nichts verloren und kommt irgendwann, oft auch in veränderter Form, wieder zurück zu dir. Nur Geduld und guten Mut!


Schöne Ostertage und alles Gute dir weiterhin :-)
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